Vayu, Lebensenergie-Wind: Apana, Samana, Prana, Udyana, Vyana

In alten Hatha-Yogatexten findet sich die Spur einer beinahe vergessenen Yogapraxis. Die Vayus, fünf “Winde” von Lebensenergie, verbinden den physischen Körper mit dem energetischen. Sie zu kennen und bewusst zu erleben, kann die Yogapraxis vertiefen und uns zu mehr Klarheit und Authentizität verhelfen. 

Ich erinnere mich noch eine folgende Situation: Mein Vater lag im Sterben, ich unterrichtete fast rund um die Uhr Yoga und wollte ihn dennoch so oft wie möglich im Krankenhaus besuchen. Eines Nachmittags hetzte ich nach Hause, um mich schnell umzuziehen. Doch ich fand keinen Parkplatz. Also stellte ich das Auto vor meiner Wohnung mit laufender Warnblinkanlage in die zweite Reihe und hastete hinein. Zwei Minuten später Dauerhupen. Ich schoss nach unten und stieß auf eine ältere und sehr verärgerte Frau. Sie streckte ihren Kopf aus dem Auto und bombardierte mich mit Kraftausdrücken. Ich atmete tief durch, sah ihr in die Augen und entschuldigte mich aufrichtig. Das Letzte, was ich hörte, waren die Worte: “Ich muss zum Arzt und jetzt komme ich zu spät!” Als ich ihr nachsah, wie sie so ganz alleine davonraste, fiel mir ein, was ich mir häufig sage, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle. “Sei milde, jeder Mensch führt einen Kampf, von dem du nichts weißt.” In diesem Moment überwältigte mich Mitgefühl. Ein Arztbesuch kann schwierig sein. Umso mehr, wenn man alleine hingehen muss.

Dankbar für meine Yogapraxis

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Wenn ich heute auf diese Situation zurückblicke, bin ich sehr dankbar für meine Yogapraxis. Und ganz besonders für die Entdeckung der (Prana-)Vayus. Prana bedeutet Lebenskraft oder vitale Energie. Vayu heißt übersetzt Wind, Luft oder Raum, es ist auch der Name des hinduistischen Windgottes. Die Vayus sind Energieräume oder -ströme an verschiedenen Stellen des Körpers. Sie bewegen sich in unterschiedliche Richtungen und haben verschiedene Funktionen. In diesem Artikel beschränke ich mich auf die fünf Haupt-Vayus.

Viel verraten uns die Quellentexte leider nicht über diese subtilen Energien. Hier ist eigene Forschungsarbeit nötig. Doch nach meiner Erfahrung kann dieses aufmerksame Erkunden der Vayus nicht nur helfen, den physischen Körper und seine Systeme auf feinstofflicher Ebene zu regulieren. Es lässt mich, in schwierigen Situatio­nen mit Standfestigkeit, Gleichmut und Mitgefühl reagieren. Mit der Autofahrerin gelang es mir, mich über meine Füße nach unten zu verwurzeln (Apana Vayu). Ich konnte tief durchatmen und nach innen zu meiner Mitte spüren (Samana Vayu). Ich blieb klar in meinen Worten (Udana Vayu) und konnte mich dennoch meinem Gegenüber zuwenden (Vyana Vayu). Und mich von Herzen entschuldigen für die Umstände, die uns umgeben (Prana Vayu). Die Erfahrung der Vayus in der Yogapraxis verbindet mich zugleich mit dem inneren Energiefluss und der äußeren Welt. Deshalb spiegelt sich mein Inneres im Außen wider.

Von: Lauren Eckstrom   Fotos: Mitch & Brittany Rouse

Apana Vayu

  • Bewegungsrichtung: Absteigend.
  • Sitz: Im unteren Bauch, in der Beckenhöhle, am Anus. Es steuert zudem Ausscheidung, Fortpflanzung und Kreativität.
  • Ausdruck: In Form von Stabilität. Durch Apana Vayu erlebst du, wenn deine Energie geerdet ist. So wie die Wurzeln eines Baumes. Dieses Vayu steuert die Ausscheidung auf vielfältige Weise: Wir spüren es, wenn wir loslassen, was uns nicht länger dient (Abfälle aus unserem Körper, alte Gewohnheiten oder ungesunde Beziehungen). Aber auch beim Gebären und im Zusammenhang mit allen großen und kleinen schöpferischen Prozessen.

Königtaube Asana Taube VayuAsana: Eka Pada Rajakapotasana (einbeinige Königstaube)

Ziehe aus Adho Mukha Shvanasana (herabschauender Hund) dein rechtes Knie zum rechten Handgelenk. Lass dein Becken schwer werden und das linke Bein nach hinten gleiten. Verwende, wenn nötig, Bolster oder Decke als Unterstützung für den rechten Oberschenkel. Spüre die erdende Qualität deiner Beine. Währenddessen sinkt das Becken immer schwerer nach unten. Was fühlst du noch? Stabilität und Bodenständigkeit in Körper und Geist? Beine und Becken sinken, Brust und Wirbelsäule steigen auf. Ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Erdung und Wachstum. Nach 8 bis 10 Atemzügen wechselst du zur anderen Seite.

Über die Matte hinaus: Wenn du das Gefühl hast, von deiner Umgebung oder deinem Leben abgeschnitten zu sein, dann schenke deinen Füßen besondere Aufmerksamkeit. Oder immer gerade dem Körperteil, das sich in Kontakt zur Erde befindet. Stehe mit nackten Füßen auf der Erde oder lege dich flach auf den Boden. Jede bewusste Verbindung mit etwas Festem und Beständigem aktiviert Apana Vayu, was dir dabei hilft, das Glück der Erdung und Vertrauen zu finden.

Samana Vayu

  • Bewegungsrichtung: Nach innen.
  • Sitz: In der Körpermitte, der Nabelgegend und im Verdauungssystem. Es steht im Zusammenhang mit der Verdauung, der Aufnahme von Lebensenergie in Form von Nahrung, Flüssigkeit und Luft.
  • Ausdruck: Innerlich – in einer permanent nach außen gerichteten Gesellschaft erinnert uns Samana Vayu daran, dass nur der zeitweilige Rückzug nach innen die Harmonie in Leben und Körper aufrechterhält. Samana Vayu ist also als Gegenbewegung zu einem aktiven Alltag zu verstehen. Innenschau ist wertvolle Antwort auf die Herausforderungen des Lebens. Aber auch als Notwendigkeit für Vitalität und Gesundheit.

Asana: Marichyasana I (Haltung des Weisen Marichi I)gebundene sitzende Vorbeuge vayu

Stell in Dandasana den rechten Fuß möglichst dicht vor dem Sitzknochen auf und schiebe den linken Oberschenkelknochen fest Richtung Boden. (Wenn nötig, lege eine gefaltete Decke unter den linken Sitzknochen.) Strecke den rechten Arm nach vorne, drehe den Daumen nach unten und schlinge mit einer Ausatmung den Unterarm um das aufgestellte Bein. Der linke Arm legt sich an die Körperrückseite. Außerdem verbindest du die Hände, falls nötig mithilfe eines Gurtes. Ziehe den Nabel zur Wirbelsäule hin, spüre Samana Vayu und bewege dich zu deiner Mitte hin. Nach 10 bis 15 Atemzügen wechselst du zur anderen Seite. Beobachte während des Übens, wie es sich anfühlt, in deine Mitte einzutauchen. Innerlich gefestigt statt von außen beeinflusst. Nimm wahr, dass viele Energieströme gleichzeitig aktiv sind. Der nach außen gerichtete Energiefluss (Vyana Vayu) öffnet dadurch dein Herz sanft nach vorn. Auch die vordere Ferse strebt vorwärts. Der nach unten gerichtete Energie­fluss (Apana Vayu) erdet die Sohle des aufgestellten Fußes. Jede Einatmung (Prana Vayu) hilft dir, präsent zu sein.

Dein Bewusstsein für die Vayus zeigt, dass Innenschau nicht abtauchen ist. Stattdessen bewegt Samana Vayu dich absichtsvoll und ganzheitlich zu deiner Mitte hin. Dadurch agierst du aus diesem Kern deines Seins nach außen.

Über die Matte hinaus: Wenn du dich energetisch ausgelaugt fühlst, ist es Zeit, nach innen zu tauchen. Vertraue, werde still und lausche auf das, was dein Körper dir sagen will. Vermeide eine Zeit lang äußere Ablenkungen, schalte vor allem Handy und Computer ab. Alles, was Geräusche von sich gibt. In dieser Stille hast du Zeit, einfach zu sein.

Vyana VayuBogen auf Unterarmen Asana Yoga Vayu

  • Bewegungsrichtung: Nach außen.
  • Sitz: In der Körpermitte. Von dort dehnt es sich im gesamten Körper aus, bewegt sich über Blut- und Lymphe in die Extremitäten hinein und wieder heraus.
  • Ausdruck: Ausdehnung und Ausrichtung. Vyana Vayu verteilt die Energie so im Körper, dass der äußere Ausdruck das innere Bewusstsein reflektiert.

Asana: Dwi Pada Viparita Dandasana (beidbeinige umgekehrte Stabhaltung)

Stelle in Rückenlage die Füße etwa hüftbreit an und lege die Handflächen neben den Ohren auf die Matte. Dann drückst du dich mit Fußsohlen und Handflächen ab und hebst das Becken und die Sitzknochen Richtung Kniekehlen. Lege zuerst die Schädeldecke und anschließend einen Unterarm nach dem anderen auf der Matte ab. Verschränke die Finger hinter dem Kopf wie für Salamba Shirshasana (gestützter Kopfstand) und hebe den Kopf von der Matte weg. Indem du dich mit den Armen hochdrückst.

Achtung: Diese Haltung ist sehr fordernd und nichts für jeden Übenden und alle Tage! Gute Alternativen sind Setu Bandhasana (Schulterbrücke) oder Urdhva Dhanurasana (umgekehrter Bogen).

Beobachte in einer dieser Haltungen, wie die Energie vom Bauch nach unten zu den Fußsohlen ausstrahlt. Und zugleich nach oben über die Ellenbogen, Arm­außenkanten und Handgelenke. Löse die Haltung nach 8 bis 10 Atemzügen auf und ziehe in Rückenlage die Knie zur Brust.

Über die Matte hinaus: Wenn du in deinem Alltag feststellst, dass du nicht präsent oder im Einklang mit deinem Höheren Selbst bist, unterbreche, was du gerade tust. Atme tief durch und beobachte wertfrei, was du gerade fühlst. Fahre dann mit mehr Verbundenheit und Achtsamkeit in deinem Tun fort. In dem Augenblick, in dem du deinen inneren Zustand kennen, kannst du dich körperlich und verbal besser – präsenter und entschlossener – ausdrücken. Der innere und äußere Zustand passen zusammen.

Prana Vayu

  • Bewegungsrichtung: Zirkulierend.
  • Sitz: In der Herzgegend und den Lungen. Es steuert die Einatmung.
  • Ausdruck: Prana Vayu zeigt sich in der Fähigkeit, trotz ständiger Veränderungen in deiner Mitte zu bleiben und vom Herzen her zu agieren. Prana Vayu im Ungleichgewicht wirkt sich auf das Nervensystem aus und manifestiert sich als Angst und Sorge. Es ruft Symptome wie Kurzatmigkeit oder Herzklopfen hervor. Yoga bringt uns bei, kontinuierlich auf unseren Atemrhythmus zu achten. Das fällt in herausfordernden Yogahaltungen oft nicht leicht. Hält man den Atem an, bricht der Energiefluss ab und das führt zu noch mehr Anspannung und Widerstand. Mit der Zeit lernen wir, uns unserem Atemrhythmus immer mehr anzuvertrauen und dadurch die Energie harmonisch fließen zu lassen.

Supta Bhadda Konasana VayuAsana: Salamba Supta Baddha Konasana (unterstützte, gebundene Winkelhaltung in Rückenlage)

Lege in der Rückenlage deine Fußsohlen aneinander. Dafür erleichtern Blöcke oder gefaltete Decken unter den Knien oder Oberschenkel, ein Gurt um Beine und Becken und ein Bolster unter dem Rücken dir das Loslassen. Stütze den Kopf so ab, dass deine Stirn gleich oder höher liegt als das Kinn. Die Form deiner Beine und die Verbindung zwischen den Fußsohlen symbolisieren die zyklische Natur von Prana Vayu. In dieser unterstützten Haltung kannst du deinen Körper entspannen. Dadurch öffnen Herz und Lungen sich weiter. Außerdem ist dein Fokus auf deinen Einatem­zügen. Indem du dich in die Ruhe begibst, erfährst du, dass alle Dinge ständig im Wandel sind. Unser Atem, unsere Gefühle und sogar unsere Yogahaltungen. Nach 5 bis 8 Minuten löst du diese unterstützte Stellung wieder auf.

Über die Matte hinaus: Nimm dir jeden Morgen ein paar Minuten Zeit für Samavritti. Ein Pranayama, das die  gleichmäßige Atmung fördert, indem du die vier Phasen der Atmung beobachtest. Die Einatmung (Puraka), die Pause dazwischen (Antara Kumbhaka), die Ausatmung (Rechaka) und die Pause am Ende der Ausatmung (Bahya Kumbhaka). Dazu sitzt oder liegst du bequem und entspannst. Atme ein und zähle dabei bis 4. Halte den Atem an und entspanne währenddessen deinen Körper weiter. Atme dann bis 4 aus, halte den Atem wieder kurz an und entspanne bewusst. Ziel dieser Übung ist es, Atemzüge zu erzeugen, die einander in Qualität und Länge ähnlich sind. Ein Segen, wann immer du Angst, Nervosität oder Kurzatmigkeit empfindest.

Udana Vayu

Bewegungsrichtung: Aufsteigend.

Sitz: Ursprung in der Brust, Zentrum in der Kehle. Es fließt durch Lungen, Bronchien, Luftröhre und steuert die Ausatmung und die Sprache.

Ausdruck: Verbal. Wenn sich Udana Vayu im Gleichgewicht befindet, sprechen wir aus unserem Herzen. Und dadurch weniger so, wie wir denken, dass es von uns erwartet wird. Solche Emotionen beseitigt Udana Vayu nach oben und außen.

Asana: Dandasana (Stabhaltung)Stabhaltung sitzend Vayu 

Strecke zuerst im aufrechten Sitz die Beine nach vorne aus. Dann verwurzelst du die Sitzknochen am Boden. Indem du die Handflächen gegen die Erde drückst, verlängerst du die Wirbelsäule. Nimm dabei wahr, wie die Energie vom Kreuzbein zur Schädeldecke hinaufsteigt. Udana Vayu fördert in Dandasana Wachstum, die eigene Wahrheit zu leben und sich selbst klar zum Ausdruck zu bringen. Verweile 15 bis 20 Atemzüge in dieser Haltung.

Über die Matte hinaus: Stell dir ein Gespräch mit einem geliebten Menschen oder Kollegen vor, das dich verunsichert. Dabei weißt du nicht, was du sagen sollst oder wie das Gesagte beim anderen ankommt. Während du dich vorbereitest, lass die Worte aus deiner Mitte aufsteigen. Nimm deine Bereitschaft wahr, ehrlich und kraftvoll zu sprechen, ohne zurückzuweichen. Udana Vayu ermutigt allerdings zur Ausdehnung. Sogar in Momenten, in denen wir uns zusammenziehen möchten. Wann immer du dich also unsicher fühlst, nimm dir die Stärke, das Durchsetzungsvermögen und die Sicherheit von Udana Vayu zu Hilfe.

1 KOMMENTAR

  1. Guten Abend!

    Das klingt alles sehr kompliziert und ist für Menschen mit eingeschränkter Gelenkigkeit unmöglich in die Tat umzusetzen. Laienhaft verstanden ergeben sich durch so unterschiedliche Positionierungen sehr spezielle Durchblutungsverhältnisse in den Organen, was mit Sicherheit absolut gesundheitsfördernd ist.

    Mit Gruß
    C.R.

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