Yoga als Unterstützung bei Skoliose

Verkrümmt, verschoben, verdreht – bei einer Skoliose weicht die Wirbelsäule mehr oder minder stark von ihrer physiologischen Längsachse ab. Aber egal wie ausgeprägt diese Abweichung ist: Mit Yoga kann man viele der Beschwerden gut in den Griff bekommen. Die Yoga- und Physiotherapeutin Gül Ruijter erklärt, worauf es dabei ankommt.

Text: Gül Ruijter / Titelbild: unomat von Getty Images via Canva

Die meisten Körper in Anatomiebüchern zeigen eine perfekte Symmetrie: Füße und Beine haben die gleiche Länge, das Becken ist neutral ausgerichtet, die Wirbelsäule weist ihre doppelte S-Kurve auf und die Schultern stehen exakt auf selber Höhe. Und dann kommt die Realität: Nicht ein einziger lebendiger Körper ist vollkommen symmetrisch. Der eine ist mehr und der andere weniger asymmetrisch. Eine der häufigsten und bekanntesten Asymmetrien ist die Skoliose. In Deutschland sind fast 1 Millionen Menschen davon betroffen, Mädchen sieben Mal häufiger als Jungen. Ob und wie sehr Betroffene darunter leiden, hängt nicht nur vom Grad der Deformation ab, auch eine Reihe anderer Faktoren spielen eine wichtige Rolle, ganz besonders Muskulatur und Beweglichkeit. Deswegen kann Yoga eine lebenslange unterstützende Praxis darstellen – und das auf mehreren Ebenen.

Was ist Skoliose?

Unter einer Skoliose versteht man eine dreidimensionale Deformation der Wirbelsäule, die zu Asymmetrien im Rumpf führt. Das Krankheitsbild wird in zwei Untergruppen unterteilt, die idiopathische und die sekundäre Skoliose. Nur 10 Prozent der Skoliosen sind sekundärer Natur, was bedeutet, dass sie sich auf andere Erkrankungen zurückführen lassen, etwa Lähmungen nach einem Unfall oder Hirnschäden. Die übrigen 90 Prozent sind idiopathisch, das heißt, man kann keine genaue Ursache festmachen. Am häufigsten wird die Skoliose kurz vor oder während der Pubertät sichtbar, daher vermutet man, dass sie mit ungleichmäßigem Wachstum der Rückenmuskulatur und Wirbelkörper zusammenhängt.

Wie bei den meisten Krankheiten, gibt es auch bei Skoliosen unterschiedliche Ausprägungen und Schweregrade. Entsprechend verschieden können die Symptome sein. Häufig geht die Skoliose mit einem Schulter- oder Beckenschiefstand, nicht selten auch mit einem einseitigen Buckel im Brustkorb einher. Die Folge sind Rückenschmerzen, Verspannungen, Unbeweglichkeit und eine gestörte Wahrnehmung im Rumpf. In manchen Fällen ist der Oberkörper so deformiert, dass auch Organe wie Lungen, Herz oder die unteren Bauchorgane betroffen sind, was dann beispielsweise Kurzatmigkeit verursacht.

Ganz unabhängig vom Schweregrad gilt: Skoliose ist nicht heilbar. Es gibt aber eine Vielzahl an Möglichkeiten, um den Zustand zu verbessern oder immerhin zu erhalten, sodass die Symptome unter Kontrolle gehalten werden können. Eine operative Versteifung der Wirbelsäule oder das Tragen eines speziell angefertigten Korsetts sind nur in sehr schweren Fällen gute Optionen. Auch in diesen Fällen gilt aber, was auch auf alle weniger schwer Betroffenen zutrifft: Der Körper braucht ein lebenslanges Training für Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer, um möglichst beschwerdefrei zu leben und den Fortschritt der Verkrümmung aufzuhalten.

Wie kann Yoga bei Skoliose helfen?

Kraft, Beweglichkeit, Achtsamkeit, ein verfeinertes Körpergefühl und die Anleitung zu einer lebenslangen eigenen Praxis – alles, was Yoga ausmacht, ist demnach auch bei Skoliosen wichtig. Es liegt also auf der Hand, dass Yoga hier sehr gut und auf vielen Ebenen unterstützen kann. Dass dem auch so ist, hat eine neuere Meta-Analyse (Yoghuan Chen et al. 2023) eindrucksvoll belegt. Sie zeigte, dass Yoga bei idiopathischen Skoliosen im Vergleich zu klassischem Rumpftraining, spezieller Physiotherapie und der Schroth-Therapie die besten Ergebnisse aufweist. Das liegt vor allem an der Ganzheitlichkeit von Yoga: Dass eine gut angepasste Asana-Praxis den Bewegungsapparat günstig beeinflusst, die dreidimensionale Verkrümmung der Wirbelsäule verringern und aufhalten kann und damit auch Schmerzen verringert, ist die eine Ebene. Dazu später mehr.

Gül Ruijter, Wirbelsäule aushängen mit Gurt
Foto: Viola Halfar

Zusätzlich können gezielte Atemübungen eine Mobilisation von innen heraus darstellen. Der dabei erzeugte Raum im Brustkorb kommt vor allem Lungen und Herz zugute, was wiederum die Vitalität des gesamten Körpers positiv beeinflusst. Außerdem verbessert sich bei regelmäßiger Yogapraxis die Atem- und Körperwahrnehmung – und das ist die wichtigste Voraussetzung dafür, den Rumpf auch im Alltag so gut wie möglich auf- und auszurichten. Auch wenn wir uns das energetische System des Körpers anschauen, wird klar: Die wesentlichen Dinge spielen sich entlang der Wirbelsäule ab, hier liegen nach yogischer Vorstellung die wichtigsten Chakras (Knotenpunkte) und Nadis (Energiebahnen). Eine bessere Ausrichtung der gekrümmten Wirbelsäule kann also den Energiefluss optimieren. Und es gibt noch eine weitere Ebene: mentale Stärke, Resilienz und die Verbindung mit dem eigenen Körper erzeugen einen inneren Halt, der für den lebenslangen Umgang mit dieser chronischen Erkrankung entscheidend ist – und auch hier weist eine regelmäßige Yogapraxis den Weg.

Yoga bei Skoliose – was muss man beachten?

Wenn die Wirbelsäule durch die Skoliose gewissermaßen „vorgeformt“ ist und neben ihrem natürlichen doppelten S-Schwung entlang der Mittelachse auch seitliche Ausbuchtungen oder Drehungen aufweist, kann sich die Yogapraxis in bestimmten Asanas sehr unterschiedlich anfühlen. Das gilt ganz besonders für asymmetrische Haltungen wie das Dreieck, die sitzende Drehung oder den Baum. Wenn du also spürst, dass die Skoliose die Asana auf der einen Seite einfacher macht, dann solltest du versuchen, achtsam einen Weg zu finden, der beide Seiten aneinander angleicht. Veränderungen der Haltung werden nämlich nicht nur im Bewegungsapparat geübt. Auch das Nervensystem kann dank seiner Neuroplastizität lernen, den Körper neu auszurichten. Das kann zum Beispiel im Drehsitz bedeuten, dass man auf der Seite, die leichter zugänglich ist, die Drehung bei etwa 80 Prozent der möglichen Intensität anhält. Dagegen wird die schwerer zugängliche Seite bewusst mit Fokus auf Länge und begleitende Atmung praktiziert.

Wie fast überall in der Yogapraxis lohnt es sich also auch bei der Skoliose, genau da hinzugehen, wo es unbequem oder weniger leicht ist, und sich diesem Raum sanft zu nähern. Die folgenden sechs Prinzipien zeigen dir, worauf du dabei grundsätzlich achten solltest. Vergiss bei all dem aber eines nicht: Es geht nicht darum, perfekte Symmetrie anzustreben. Jeder Körper ist mehr oder minder asymmetrisch, und nichts, was lebendig ist, ist jemals unveränderlich „perfekt“. Das eigentliche Ziel besteht darin, auch in der Asymmetrie, in diesem Körper, wie er ist, die innere Mitte, Bewusstsein und eine gute Ausrichtung zu finden.

6 Grundprinzipien
für die Yogapraxis bei Skoliose

1. Länge in der Wirbelsäule:
Aktives oder passives Längen der Wirbelsäule hilft, die Asymmetrie zu verringern und Beschwerden zu lindern.

2. Muskuläre Stabilisierung:
Um diese Länge auch in den Alltag mitnehmen zu können, braucht die Wirbelsäule Stabilität – und das geht nicht ohne eine kraftvolle Muskulatur.

3. Integration und Zentrierung:
Beckenboden, Zwerchfell und tiefe Rumpfmuskeln sind das innere Gerüst des Rumpfes. Um dich von innen heraus zu zentrieren, solltest du sie gezielt kräftigen und integrieren.

4. Atmung nutzen:
Der Atem schenkt dir nicht nur lebenswichtige Energie, er bewirkt auch mit jedem Atemzug eine Mobilisation des Rumpfes. Nutze sie, um mehr Freiheit im Brustkorb zu finden.

5. Vorsicht bei tiefen Rückbeugen und Drehungen:
Gehe generell nur über eine lange Wirbelsäule in diese Bewegungen. Übe dabei nie bis in die maximale Beweglichkeit, sondern nur so weit, wie du die Haltung aktiv kontrollieren kannst.

6. Asymmetrische Asanas angleichen:
Wenn sich eine Haltung wegen der Skoliose auf einer Seite „einfacher“ anfühlt, dann gehe auf dieser Seite nicht bis ans Limit, sondern übe beide Seiten möglichst ausgeglichen.

Hier geht’s direkt zu Teil 2 dieses Artikels – 9 sinnvolle Yoga-Übungen bei Skoliose:


Gül Ruijter ist Physiotherapeutin, Yogalehrerin und Ausbilderin. Ihre Mission ist ein gesundheitsorientiertes Yoga für alle – angepasst, alltagsnah und funktionell. Erfahre mehr über Gül und ihre Arbeit unter vondermatteinsleben.de, auf Insta @vondermatteinsleben oder in ihrem Podcast „Von der Matte ins Leben“.

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