Yogapionierin: Anneliese Harf

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Anneliese Harfst_Yogapionierin

Von 1974 bis 1984 war sie im deutschen Radio die Stimme des Yoga. Auch über ihre aparte Stimme hinaus hat die Yoga-Pionierin Anneliese Harf entscheidend dazu beige­tragen, die Praxis hierzulande salonfähig zu machen.

Eine andächtige Runde hat sich in den Räumen des Münchner Yogazentrums eingefunden. Die jüngste Teilnehmerin des Interviews ist 69, die älteste 85 Jahre alt. Gemeinsam sind sie Yogis der ersten Stunde, haben in den 1960er- und 70er-Jahren mit der Praxis begonnen, als diese von der Allgemeinheit bestenfalls als „exotisch“ empfunden wurde. Geradezu ehrfurchtsvoll erinnern sie sich für YOGA JOURNAL an ihre Lehrerin Anneliese Harf, die 1990 verstorbene Gründerin des Zentrums und Wegbereiterin des Yoga in Deutschland. Die Art des Yoga, die sie vermittelte, ist so traditionell, konzentriert und ruhig, dass sie sich bis heute erhalten hat: Kein „Fitness-Stress“, wie eine Teilnehmerin der Runde das moderne Yoga charakterisiert, sondern Rückverbindung mit dem Selbst und ihre Verwirklichung im Alltag.

„Sie war kein Yogi in Sack und Asche, sondern hatte einen inspirierenden Stil“, erinnert sich die Yogalehrerin und Heilpraktikerin Gabriele Reischl, die Harf jahrelang auf ihrem Weg begleitete. Mit unfehlbarer Intuition habe sie das Potenzial und die Berufung ihrer Schüler erkannt. Yogalehrer konnten bei ihr nur diejenigen werden, die über Jahre jede Stufe ihres Unterrichts durchlaufen hatten: Atmungs- und Entspannungslehre, Konzentration, Hatha Yoga, Hara-Übungen, Meditation, Feinstoff- und Chakralehre, Raja Yoga und Vedanta.

„Schnell ging bei Anneliese gar nichts“, so Reischl. Wer sich jedoch bewährte, hatte quasi keine Chance: „Sie sagte mir: Du wirst Yoga unterrichten. Ich hatte drei kleine Kinder, einen skeptischen Mann – aber zur ersten Ausbildungsstunde war ich da.“ Für Margareta Blätte, 77, war die Stimme der Grund, Harf zur Lehrerin und Lebensbegleiterin zu wählen: „Sie strahlte Klarheit und Stärke aus, die mir neuen Selbstwert vermittelten.“

Anneliese Harf kannte aber auch ihre Grenzen, wie Heinrich Textor, 66, erzählt, noch heute Meditationslehrer am Münchner Yoga­zentrum. „Sie wusste genau, wann sie nicht weiterhelfen konnte und verwies die Schüler dann an andere Meister.“ Als sie aufgrund einer körperlichen Nervenkrankheit die ihr so wichtige Sprache verlor, nahm sie den Verlust als weitere Fokussierung und schrieb ihren Schülern eine stenografierte Notiz: „Ohne dieses Leiden hätte ich weniger Tiefe erfahren.“ Ihre Schülerin Tilde Gruber-Melchers, heute 85, erinnert sich: „Sie strahlte auch ohne Worte. Sie war eine Sonne. Eine strenge Sonne.“

1930 in München geboren, war ihre Jugend von der Liebe zur Musik geprägt. Bereits als 15-Jährige erteilte ihr das Händel-Konservatorium die Erlaubnis, Klavier zu unterrichten. Aus einer christlichen Familie stammend, brachte ihr ihre Musiklehrerin Maria Heyden die Lehren von Romain Rolland und die Spiritualität von Tagore näher. Immer schon ein kränkliches Kind, begann sie 1956 mit der Asana-Praxis. Bereits 1959 war sie Mitarbeiterin der Deutschen Yoga-
Gemeinschaft, die von ihrem Lehrer Karl Lorenz Mesch geleitet wurde. 1962 übergab er ihr seine Raja Yoga-Gruppe – zu ihrer Überraschung: „Eigentlich wollte ich ihm nur bei den Vorbereitungen helfen, den Kursraum putzen und mit Blumen schmücken“, erinnert sie sich im Buch „Himmel und Erde verbinden“. Von wegen: Mit dem Ziel, Yoga für westliche Menschen zugänglich zu machen, gründete sie noch im gleichen Jahr das Münchner Yogazentrum (MYZ), eine der ältesten Yoga­schulen Deutschlands. Ab 1965 brachte sie die Praxis an die Volkshochschule, wirkte an der Gründung des BDY mit, unterrichtete Yoga im Radio­programm des Südwestfunks und richtete das MYZ in den 1980er-Jahren als spirituelles Zentrum der Friedensbewegung aus. Intuitiv schien der regelmäßigen Betenden die Einheit zwischen Yoga und Christentum klar zu sein. Revolutionär war zu dieser Zeit, diese Verbindung zu betonen. Unter anderem bei ihren Seminaren zum Thema „Tod“ arbeitete Harf sogar mit dem Klerus zusammen, obwohl die Kirche nicht selten starke Vorbehalte gegen Yoga äußerte. „Anneliese zog viele Gläubige an, die ihren Weg praktischer und vor allem erfahrbarer gestalten wollten“, so Heinrich Textor. Mit ihrem Hang zu Perfektionismus und Disziplin habe sie Yoga eher als Mittel gesehen, starke Emotionen zu kontrollieren als mit ihnen zu arbeiten – der große Unterschied zur Osho-Meditation, dem anderen spirituellen Zeitgeist der Epoche. Und vor allem als Weg zu Gesundheit: Da sie bereits als Dreijährige regelmäßig Klavier übte und ihre Eltern aus Angst vor Fingerbrüchen keinen Sport erlaubten, war sie nie gelenkig. Doch mit Yoga konnte sie unter anderem eine schwere Gelbsucht kurieren.

Impulsen gab sie selten nach, nur hin und wieder lockerte sie beispielsweise ihre vegetarische Ernährung. „Zu sich selbst war sie sehr streng, aber uns sagte sie diesbezüglich: ‚Ständig von Würstchen zu träumen, ist schwerwiegender als einmal eins zu essen.‘ Bei aller Strenge ging es ihr hauptsächlich ums Loslassen“, so Gabriele Reischl. Die Heilpraktikerin erlebte oft Harfs augenzwinkernde Natur: Nach einem intensiven Kundalini-Erlebnis durch Pranayama hatte Reischl Schlafstörungen. Um die starke Helligkeit zu dämpfen, legte sie nachts ein Tuch über die Augen. Harfs Kommentar: „Sieh an, da möchte jemand das Licht der Seele mit einem Handtuch abdecken.“

Hat sie ein speziell weibliches Yoga geprägt? Laut Auskunft der Weggefährten eher eine pragmatische, methodisch unterfütterte Verbindung mit dem Geist. Dennoch oder deshalb – dies ist sicher individuell unterschiedlich – hat sie beigetragen, dass Yoga populär wurde. 1967 zeigte sich die Süddeutsche Zeitung nach einem Besuch im MYZ geradezu visionär: „Yoga­übungen kann man eigentlich überall treiben, in der Straßenbahn, auch am Steuer. Richtig angewendet kann es zum großen Helfer in der hastigen Umwelt werden.“


Foto: Privat

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