Warum Asanas im Yoga nicht alles sind

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Asanas (die körperlichen Übungen im Yoga) sind nicht das Ziel von Yoga, sie sind lediglich ein Werkzeug, um dieses zu erreichen. Allerdings gibt es heutzutage viele Yoga-Lehrer, die sich nur auf Asanas und den Körper konzentrieren. Unsere Gastautorin Maya Devi Georg, selbst Yoga-Lehrerin, möchte Ihnen heute erklären, warum Asanas im Yoga nicht alles sind.

Als Yoga-Lehrer ist es sehr wichtig, sich in Anatomie und Physiologie weiterzubilden. Den menschlichen Körper zu verstehen, also über seine Fähigkeiten und Grenzen Bescheid zu wissen, kann dem Lehrern helfen, seine Schüler sicher zu begleiten. Wenn bei der Praxis der Fokus auf den Körper gelegt wird, ignorieren wir oft das Positive des Yoga für Geist und Seele. Wenn Asanas korrekt durchgeführt werden, vereint sich der Atem mit der Bewegung und die Aufmerksamkeit ist auf den drshti (Punkt der Aufmerksamkeit) gerichtet. Asanas können eine Art der Meditation sein.

Warum ist es falsch, den Schwerpunkt der Ausrichtung über andere Prinzipien des Yoga zu stellen? Auf wessen Anatomie basieren die Prinzipien? Jeder Mensch hat eine einzigartige Anatomie. Zwei Körper sind niemals identisch, wir haben alle verschiedene Stärken und Schwächen und unsere Gelenke können große Unterschiede aufweisen. Warum haben wir verschiedene Yogastile, die einen Einheitsgrößen-Zugang zur Ausrichtung besitzen? Schränkt das nicht die meisten Schüler ein und sorgt für ein Gefühl der Erniedrigung? Wenn die körperlichen Unterschiede in Bezug auf das Skelett und Muskeln ignoriert werden, kann es zu ernsthaftenVerletzungen kommen. Fast alle Asanas können so angepasst werden, dass sie von jedem Körper, trotz eventuellen körperlichen Einschränkung, ausgeführt werden. Sich als Lehrer nur an einer Ausführung festzuhalten, schließt alle aus, die nicht oder noch nicht beweglich oder kräftig genug sind.

Ich habe bei verschiedenen Yogastilen gesehen, dass eine Pose entweder perfekt ausgeführt werden muss – oder gar nicht. Vielleicht macht das Sinn, wenn man sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Allerdings würde man das dann rhythmische Sportgymnastik nennen, und nicht Yoga. Yoga ist keine Aufführung, es sollte nicht benotet oder beurteilt werden.

  1. Asanas betonen Perfektion
    Eine Pose perfekt zu machen, sollte nicht damit verwechselt werden, sie perfekt auszuführen. Eine Asana kann dann perfekt ausgeführt werden, wenn der Durchführende die Übung seinen Fähigkeiten entsprechend durchführt, regelmäßig übt und bei der Praxis auf die nötige Entspannung achtet.
  2. Es schafft Abhängigkeit zum Lehrer
    Vor Kurzem habe ich eine Yoga-Stunde besucht, in der der Lehrer mich bei jeder Asana kritisierte. Er konnte mir jedoch nie erklären, was ich genau falsch machte, geschweige denn mir Tipps geben, wie ich die Übung  richtig ausführen könnte. Wenn ich den Lehrer um Anweisungen bat, ignorierte er mich. Sie können sich wohl denken, dass ich nicht mehr in seiner Stunde auftauchen werde. Dennoch ist mir aufgefallen, dass einige Schüler zu diesem Lehrer zurückgingen, sich also in eine gewissen Abhängigkeit begaben. Wenn Ihnen Ihr Yoga-Lehrer sagt, dass Sie jede Pose falsch durchführen, aber Ihnen nicht erklärt, wie die Asana richtig geht oder Sie korrigiert, suchen Sie sich einen neuen Lehrer. Ein guter Lehrer will, dass seine Schüler ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und nicht in der Abhängigkeit gefangen bleiben. Konzentrieren Sie sich nicht zu stark auf Ihren Lehrer, denn Sie sollen im Mittelpunkt Ihrer Praxis sein – und nicht Ihr Lehrer.
  3. Das Körpergefühl sollte im Mittelpunkt stehen – nicht der Kopf
    Der kraftvolle Teil von Asanas liegt nicht in der äußeren Erscheinung einer Pose, sondern in dem Fließen der Energien durch den Körper. Wenn ein Lehrer sehr viel über die korrekte Ausführung einer Pose redet, und dadurch zu viel Details über die Asana preisgibt, kommen die Schüler aus ihrem Körper heraus und gelangen in den Kopf. Anstatt zu fühlen, denken sie jetzt – und normalerweise denken sie: „Mach ich das richtig?“ Anstatt in sich hinein zu gehen, schauen sich die Schüler im Spiegel an oder, im Extremfall, sie vergleichen sich mit den anderen. Wenn der Lehrer den Geist der Schüler mit Anweisungen füllt und dies dazu führt, dass seine Gedanken außer Kontrolle geraten, hat er in seinem Yogaunterricht versagt.
  4. Da war doch etwas: Pranayama & Meditation
    In Hatha-Yoga lernen wir den Körper und Atem zu kontrollieren, um so den Geist zu beherrschen. Die Stile, die sich besonders auf die körperliche Praxis konzentrieren, legen wenig oder gar keinen Wert auf Pranayama sowie Meditation im Unterricht (Das soll keine Kritik sein, sondern ist lediglich eine persönliche Beobachtung der Autorin). Pranayma und Meditation können im Gegensatz zu den Asanas nur annäherungsweise durch anatomische und physiologische Grundlagen erklärt werden. Natürlich gibt es physiologische Auswirkungen einer Meditation auf den menschlichen Körper, aber die Kraft, die in Pranayama und Meditation liegt, ist oftmals nicht messbar und sichtbar in der großen physikalischen Welt.

Yoga ist mehr als reine Asana-Praxis, es hat mehr zum Ziel als fit zu sein und gut auszusehen. Es ist eine spirituelle Praxis. Wenn wir uns nur auf unseren Körper fokussieren, verlieren wir den Wert von Yoga als Ganzes. Anstatt unseren Körper und unsere Knochen anzupassen und uns über unsere Fähigkeiten hinaus zu verbiegen, sollten wir unseren Geist und unsere Seele, unsere Werte und Moral anpassen. Lassen Sie uns mehr Yoga praktizieren, und nicht nur Asanas. Behalten Sie bei Ihrer Praxis diese schöne Zitat im Kopf: “Yoga ist wie ein Edelstein, es hat viele Facetten.”


Autorin: Maya Devi Georg ist Yoga-Lehrerin und Autorin für Yoganonymous sowie bei Brahmaloka Or Bust. Zusammen mit ihrem Ehepartner Chris Kourtinatos leitet sie die MahaLakshmi YogaSchule. Zu ihren Yoga-Lehrern und Gurus zählen Swami Bua, Swami Jnanand, Yogi Gupta, und Swami Chetanananda. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann Chris und ihrem Hund Spitha Canis in Stuttgart.

Übersetzung: Silvio Fritsche

Fotoquelle: Stefanie Kissner