Der Einfluss des Mondes

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Im Einfluss des Mondes _ Foto Neven Krcmek

In lauen, langen Sommernächten kann man sich dem Bann des Mondes kaum entziehen. Und das nicht nur als Romantiker: Auch für intensive Träume, Geburten oder Hundebisse soll die schöne Silberkugel verantwortlich sein. Aber was ist dran an den Mythen?

„Manchmal wird der Mann im Mond für seinen treuen Dienst belohnt“, sangen Anfang der 1990er-Jahre „Die Prinzen“ – und wenn man all den Gedichten, Mythen und Legenden rund um die mystisch glänzende Kugel Glauben schenken darf, dann hat das emsige Männlein tatsächlich ganz schön viel zu tun auf der Erde. Es beeinflusst angeblich den weiblichen Zyklus, das Wachstum von Haaren und Pflanzen, die Intensität der Libido, die Stabilität von Bauholz, Geburtenrate, Wundheilung, Aggressivität und außerdem – der Klassiker – unseren Schlaf. Jeder wird den ein oder anderen kennen, der schwört, der Vollmond störe regelmäßig seine Nachtruhe, und nein, das läge nicht an dessen Helligkeit, die Rollläden seien stets fest geschlossen. Laut Umfragen sind rund 40 Prozent aller Deutschen von Vollmond-Schlafstörungen betroffen. Grundsätzlich an die Kraft des Mondes glauben sogar 92 Prozent. Dann muss doch etwas dran sein. Oder?

Tatsächlich klingt das Ganze zunächst einmal schlüssig: Wenn der Erdtrabant ganze Meere bewegen kann (siehe Ebbe und Flut), warum dann nicht auch den Menschen, der bekanntlich zu 50 bis 80 Prozent aus Wasser besteht? Die Antwort ist so ernüchternd wie einleuchtend: Zwar hat der Mond wirklich besagten Einfluss, doch seine Gravitationskraft ist geradezu winzig. Es braucht schon gewaltige Wassermassen, damit sie erkennbar wird. Schon im Mittelmeer oder an der Ostsee lassen sich keine sichtbaren Gezeiten beobachten, geschweige denn an den meisten Seen der Welt. Auch beim Blick in die heimische Badewanne dürfte man kaum Auffälligkeiten entdecken. Die paar Liter, die wir in unseren Körpern herumschleppen, sind viel zu wenig, um einen nachweisbaren Effekt auszulösen.

Wie man es auch dreht und wendet: Es fehlen die objektiven Beweise für die magische Kraft des Mondes. Jeder Forschungsarbeit, die etwas Gegenteiliges herausgefunden haben will, konnte man im Nachhinein deutliche Schwächen nachweisen – etwa aufgrund des gewählten (zu kurzen) Zeitraums, der (zu kleinen) Anzahl der Teilnehmer oder der (zu ungenauen oder verfälschenden) Umstände. Die wohl umfangreichste Meta-Studie zum Thema hat 1996 das Forscher-Trio Ivan Kelly, James Rotton und Roger Culver verfasst. Ihr Fazit: „The moon was full – and nothing happened“, zu Deutsch: „Es war Vollmond und nichts ist passiert“.

Die Kraft des Mondes in der Wissenschaft

Natürlich hat man seither weiterhin nach Beweisen für die Kraft des Mondes gesucht: Was Millionen Menschen bewegt, muss doch einfach stimmen. 2013 schließlich ging wieder einmal ein Raunen durch die Medienlandschaft: Es stimme eben doch! Der Mond sei schuld! Die Schlafstudie, die für so viel Aufsehen sorgte, war die des Baseler Chronobiologen Christian Cajochen. Eigentlich sollte es darin gar nicht um den Mond gehen, umso überraschter war der Versuchsleiter – und umso glaubwürdiger wirkten seine Ergebnisse: Die 33 Probanden hatten während der Vollmondphasen tatsächlich im Schnitt 20 Minuten kürzer geschlafen, 5 Minuten länger zum Einschlafen gebraucht, die Tiefschlafphasen waren reduziert und der Melatoninspiegel vermindert. Dieses Hormon ist verantwortlich für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Alles klar? Nicht ganz – ein Jahr später ging die Diskussion in die nächste Runde, eine Studie des Max-Planck-Instituts widerlegte Cajochens Beobachtungen, andere Untersuchungen bestätigten sie.

Ob man jemals einen endgültigen Beweis für oder gegen die Mondkraft-Theorien finden wird? Eher unwahrscheinlich. Was bleibt, sind die vielen Millionen Menschen, die an besagte Kräfte glauben: Hebammen, die von einer höheren Geburtenrate bei Vollmond überzeugt sind, obwohl keine Statistik das belegt. Langmähnige, die schwören, ihr Haar sei erst so kräftig gewachsen, seit sie ihre Friseurtermine nach dem Mondkalender richten, obwohl der Zusammenhang zwischen toten Hornfäden und dem Universum sich nicht logisch erschließen lässt. Es gibt Menschen, die ihren Diätplan oder wichtige Investitionen am Erdtrabanten orientieren. Und natürlich all diejenigen, die Mondwasser, Mondbrot, Mondseife, Mondratgeber oder andere Produkte kaufen, die zu bestimmten Mondphasen verarbeitet wurden und dadurch besondere Kräfte innehaben sollen. Kann so eine große Menge an Menschen wirklich irren? Man muss kein Atheist, Wissenschaftsfanatiker oder Kulturpessimist sein, um diese Frage zu bejahen. Ein Blick in die Geschichtsbücher reicht aus, um zu erkennen: Masse allein ist kein Beleg für Wahrheit, Weisheit oder Moral.

Wandelbare Wahrnehmung

Es gibt nachvollziehbare Erklärungen für das Phänomen der Mondgläubigkeit. Psychologen machen dafür im Wesentlichen drei Aspekte verantwortlich. Da wäre zum einen das Phänomen der sogenannten Sinnsucht. Menschen sehnen sich nach ordnenden Zusammenhängen, die ihnen das Chaos der Welt begreifbar machen. Etwas Außergewöhnliches ist geschehen? Kein Wunder, es war schließlich Vollmond! Solche Erklärungen beruhigen uns. Und verfestigen sich durch ständige Wiederholung und Überlieferung zu vermeintlich sicherem Wissen.

Ähnlich verhält es sich mit der selektiven Wahrnehmung, die neben anderen Faktoren unsere Erinnerung formt. Die verhält sich nämlich, auch wenn wir das gerne glauben möchten, nicht wie ein Computer, auf dem eine einmal abgespeicherte Datei auch beim Öffnen nach Jahren noch denselben Inhalt hat. Im Gegenteil, sie formt und ändert sich stetig – mitunter so extrem, dass sie nichts mehr mit dem eigentlich Erlebten zu tun hat. Wir sortieren und formen uns die Welt, bis wir uns in ihr zurechtfinden. Die Male, in denen wir einen Zusammenhang zwischen den Mondphasen und unserem Leben erkannt haben wollen, merken wir uns besonders, gleichzeitig blenden wir die Momente aus, in denen wir keine Besonderheiten wahrnehmen konnten.

Der dritte Aspekt ist eine Folge der vorherigen beiden: Weil wir durch permanente Überlieferung und wegen der auf bestimmte Weise interpretierten Erlebnisse unseren Glauben verfestigen, kommt es zur berühmten selbsterfüllenden Prophezeiung: Wir fürchten beispielsweise, bei Vollmond schlechter zu schlafen und wälzen uns aus dieser Angst heraus dann tatsächlich im Bett.

So weit, so ernüchternd. Aber wäre es nicht doch irgendwie schön, wenn in unserer so durchanalysierten Welt noch ein wenig Magie übrig bliebe? Wenn der Mond – der in den meisten anderen Kulturen und Sprachen übrigens als weiblich gilt – tatsächlich Kräfte hätte, die über das logisch Fassbare hinausgehen? Womöglich stimmt eine philosophische Herangehensweise versöhnlich: Was ist schon die Wahrheit? Gibt es nicht vielmehr unzählige Wirklichkeitsebenen? Sind Vernunft, Objektivität und Statistiken immer und überall das Maß aller Dinge? Können Gefühle „falsch“ sein? Und wer bestimmt, was in diesem Zusammenhang falsch bedeutet? Ist es überhaupt grundsätzlich und immer wichtig, alle Phänomene mit überprüfbaren, allgemeingültigen Fakten zu belegen?

Ein Hoch auf die Unvernunft

Womöglich kommen diejenigen am weitesten, die sich weder komplett vom Verstand noch ausschließlich vom Gefühl leiten lassen. Die objektive Fakten wahrnehmen und anerkennen, ohne sich dem Unerklärbaren, „Unvernünftigen“ gänzlich zu verschließen. Ganz wie ein Schulmediziner, der sich im Bereich alternativer Heilmethoden weiterbildet und nach Abwägen aller Fürs und Widers mal zum einen, mal zum anderen Mittel greift. Vertrauen Sie Ihren Emotionen ebenso wie Ihrem Verstand und sorgen Sie dafür, dass beides in Balance bleibt. Bei akuten gesundheitlichen Beschwerden die passende Mondphase für die Operation abzuwarten, kann verdammt gefährlich sein. Der Erwerb von Produkten, der Sie finanziell ruiniert, ebenso. Doch wenn Ihnen das Wasser aus der Karaffe, die Sie nachts ins Mondlicht gestellt haben, guttut, gibt es keinen Grund, es nicht mehr zu trinken. Oder nehmen Sie den sogenannten Wunschmond, jene Nächte, in denen der Vollmond im Sternzeichen Stier, Löwe, Skorpion oder Wassermann steht und in denen die Erfüllung eines Wunsches als besonders wahrscheinlich gilt. Warum nicht mal versuchen, in diesen Nächten eine Bestellung ans Universum zu schicken? Möglich, dass wirklich „Zauberei“ im Spiel ist (zumal, wenn der Wunsch im Mondschein in ein fließendes Gewässer gespuckt wird). Vielleicht ist es auch „nur“ ein psychologischer Trick und Sie bringen durch die Konzentration auf Ihr Inneres die Erfüllung des Wunsches selbst auf den Weg – Hauptsache, Sie tanken Kraft aus diesem Ritual.

Festzuhalten bleibt: Das Leben besteht nicht nur aus Logik. Was uns Halt gibt und guttut, bedarf nicht zwangsläufig einer vernünftigen Erklärung. Und so darf man das subjektive Empfinden durchaus über die Wissenschaft stellen, solange man sich nicht verrückt und abhängig macht. Denn ob es Ihr Glaube ist, der Berge versetzt, oder ob die silberne Himmelsgöttin beziehungsweise der Mann im Mond die Fäden zieht – was ändert das letztlich? Nichts. In Abwandlung des berühmten Erich-Fried-Zitats über die Liebe: Es ist, was es ist, sagt der Mond. Schlafen Sie gut heute Nacht – oder bleiben Sie noch ein bisschen länger wach, schauen Sie in den sommerlichen Nachthimmel und machen Sie sich Ihren eigenen Reim auf diesen großen Zauber.

Einfluss des Mondes Auch wenn sie sich den nüchternen wissenschaftlichen Fakten beugt: Carmen Schnitzer gehört selbst zur Fraktion der gefühlt mondgesteuert Schlaflosen. 

 


Foto: Neven Krcmek/ www.unsplash.com

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