Moment mal, halten Sie bitte für einen Augenblick inne in Ihrem geschäftigen Treiben oder Ihrem Alltagstrott. Welche Bedeutung hat der Zustand „Begeisterung“ für Sie? Wovon sind Sie begeistert und wodurch lassen Sie sich begeistern?
„Glaube mir, dass eine Stunde der Begeisterung mehr gibt als ein Jahr gleichmäßig und eINFÖRMIG Dahinziehenden Lebens.“
– Christian Morgenstern
Christian Morgenstern hat leicht reden, aber was steckt eigentlich genau hinter diesem Lebenselixier „Begeisterung“? Meist ist es ja so, dass wir uns von äußeren Einflüssen begeistern lassen. Zum Beispiel durch interessante Menschen, durch beeindruckende Naturphänomene, ein tolles Konzert oder den Sieg des Lieblingsvereins in letzter Minute. Was wir dann empfinden, ist mehr als nur Freude: Es ist ein emotionaler Zustand von Erregung, Verzückung, Euphorie. Ein Hochgefühl, das von Elan, Leidenschaft, Lust und Hingabe getragen ist. Ganz ähnlich können wir uns auch begeistern durch Wünsche, die wir uns erfüllen, und Dinge, die wir uns leisten. Das kann das schicke neue Outfit sein, eine erlebnisreiche Reise zu fremden Kulturen, ein schönes Schmuckstück, die lang ersehnte Wohnung oder die Teilnahme am Workshop eines prominenten Yogalehrers.
Wir lassen uns gern begeistern, aber eine Begeisterung für – ich nenne sie mal Lustobjekte – ist oft kurzlebig und vergänglich. Selbst schöne Erlebnisse und Begegnungen verblassen und vergehen. Echte, tragende und erfüllende Begeisterung ist etwas anderes. Es ist ein Enthusiasmus, der nicht von außen kommt, sondern aus dem eigenen Selbst. Es ist die Freude am eigenen Wesen mit all seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen, eine Einstellung zum Leben, eine Art, wie man die Herausforderungen, die das Leben stellt, meistert. In der Hatha Yoga Pradipika, einer der wichtigsten Schriften im Yoga, gibt es dazu wertvolle Hinweise. Sie wurde im 14. Jahrhundert von Swatmarama aufgeschrieben. Über ihn ist nicht viel bekannt, aber sein Name sagt schon sehr viel: „Derjenige, der Freude aus dem eigenen Selbst erfährt.“ Und darum geht es! Dort hinzukommen, das in meinem Inneren zu entdecken: Freude und Begeisterung in mir, an mir, mit mir und für das Leben zu empfinden. Wenn das gelingt, wenn ich diese Selbstbejahung und vorbehaltlose Annahme verspüre, dann bin ich weitgehend frei und unabhängig von externen Stimulanzien und kann mich aus der Quelle meiner Lebensenergie immer wieder selbst erneuern und inspirieren. Vor allem ist es mir möglich, diese Energie und Begeisterung auch zu teilen und an andere Menschen weiterzugeben.
Ein vielversprechender Weg, um zu dieser inneren Begeisterung zu finden, ist die Meditation. Wir identifizieren uns zu schnell mit unseren Gedanken und Gefühlen und lassen uns durch sie beherrschen. Meist sind das Dinge, die aus der Vergangenheit kommen oder sich mit der Zukunft beschäftigen. Auch deshalb ist der Gefühlsraum für Begeisterung eingeschränkt, denn wahre Begeisterung kann nur in der Gegenwart gelebt werden. Durch Meditation lenken wir die Konzentration auf das Jetzt und unser wahres Wesen. Wir beschenken und wertschätzen uns bereits, indem wir uns Zeit dafür nehmen. Mithilfe der Meditation können wir uns aus dem festen Griff der Sinne und des rastlosen Geistes befreien. Bei ausreichender Übung und Hingabe werden wir erkennen, welches Potenzial in uns schlummert und darauf wartet, entdeckt zu werden. Durch regelmäßige Praxis wird der Geist allmählich klarer und ruhiger. Wenn wir bereit sind, etwas zu verändern, um ein Leben in Frieden und innerer Begeisterung zu führen, wird kein Weg an der Meditation vorbeiführen.
Sie ist klug, kreativ und schön. Was ihre Fans weltweit aber vielleicht am meisten an Elena Brower schätzen, ist ihre Direktheit und Offenheit. Anlässlich eines Workshops im Züricher Studio AirYoga sprachen wir mit ihr über Drogen, Rollenbilder und die Kunst, Vergangenheit und Zukunft in die Balance zu bringen.
Elena Brower, du hast in letzter Zeit einiges durchgemacht. Du hast deinen suchthaften Marihuana-Konsum überwunden, kürzlich starb deine Mutter. Und über all das sprichst du ganz offen in deinen Stunden und Vorträgen. Warum trägst du dein Privates in die Öffentlichkeit?
Elena Brower: Ich könnte gar nicht anders. Indem ich mich für diesen Beruf entschieden habe, unterscheide ich nicht mehr zwischen öffentlich und privat.
Hat das etwas mit der Authentizität als Yogalehrerin zu tun?
Nein, ich teile einfach mit, was in meinem Leben passiert.
Wie reagieren die Menschen auf diese Offenheit?
Ich habe den Eindruck, dass sie sehr dankbar dafür sind und dass es ihnen hilft, weil sie sehen: Ich bin nicht allein.
Es gibt ja die verbreitete Annahme, dass ein spiritueller Lehrer seine Glaubwürdigkeit verliert, wenn er zugibt, dass er ernsthafte Probleme hat. Muss eine Yogalehrerin tatsächlich so etwas wie ein Vorbild für gelungene Lebensführung sein?
Ich war das nie. Nicht einen Moment lang.
Aber erwarten nicht viele Yogaschüler*innen, dass ihr/e Lehrer*in das Tuch bei den vier Zipfeln hat. Schließlich soll Yoga doch glücklich machen?
Ich bin in der glücklichen Lage, dass von mir nie jemand so etwas erwartet hat. Meine Schüler*innen wussten immer, dass ich echt bin und nicht ein bestimmtes Image nach außen trage.
Trotzdem hast du erst über deine Sucht gesprochen, als du schon darüber hinweg warst.
Nein, ich hab die ganze Zeit davon gesprochen. Ich hab nie irgendwas versteckt. Auch nie behauptet, ich hätte die Antwort auf die Probleme meiner Schüler*innen. Ich spreche immer nur über meine eigenen Erfahrungen. Als eine Schülerin, die gemeinsam mit euch allen lernt. Ich bin eine ewige Schülerin und das ist, warum dieser Beruf für mich überhaupt funktioniert.
Du definierst die Rolle eines Lehrers also …
… als die eines Schülers, genau. Auch meine Lieblingslehrer*innen sind alle Schüler*innen, die ihre Erfahrungen teilen. Der Segen liegt darin, dass das, was mir hilft, auch anderen Menschen zu helfen scheint. Das empfinde ich wirklich als Segen.
Das heißt, dein Unterricht entwickelt sich entlang deines eigenen Lernens?
Klar. Ich lese eine Menge und erzähle davon, ich lerne von meinen eigenen Lehrern und von dem, was sie jeweils anzubieten haben und was ich mir dabei herauspicke. All das fließt in meinen Unterricht ein. Es verändert sich.
Du hast zunächst bei Cyndi Lee gelernt, dann Iyengar Yoga bei Nikki Costello und lange warst du vor allem als Anusara-Lehrerin bekannt. Seit einiger Zeit spielt Kundalini Yoga eine größere Rolle in deinem Unterricht …
Ja, schon seit fünf oder sechs Jahren. Ich habe auch eine Kundalini-Ausbildung angefangen, dann aber festgestellt, dass ich nicht weitermachen sollte, solange ich nicht clean war.
Kundalini Yoga als Weg aus dem Drogenkonsum?
Das hatte nicht unbedingt etwas mit Kundalini zu tun. Ich hab einfach gemerkt, dass ich mit dem Thema durch war. Beim Yoga geht es ja im Grunde um die Klarheit des Geistes. Deshalb hat es auch irgendwann nicht mehr zusammen funktioniert. Zumindest für mich. Es war, als hätte ich zwei Leben.
Wie hast du es geschafft, clean zu werden?
Dabei hat mir am meisten die Wechselatmung geholfen. Und Kunst. Ich hab eine Menge gemalt, quasi vierzig Tage am Stück. Das alles liegt jetzt schon bald zwei Jahre zurück. Heute fühle ich mich viel besser. Es ist so viel einfacher.
Was genau ist einfacher? Im Gegensatz zu anderen Menschen musstest du ja nie eine Fassade aufrecht erhalten, denn du bist, wie du sagst, immer offen mit deiner Sucht umgegangen …
Es ist das Leben, das einfacher ist. Da war immer so ein Schleier drüber. Ich habe mich einer Menge Dinge gegenüber taub gemacht. Ohne Marihuana bin ich besser: produktiver, liebevoller, zugewandter, eine bessere Mutter – einfach alles.
Was hat dich dann überhaupt an Marihuana gereizt? Ging es um Entspannung?
Nein, für mich ging es nie um Entspannung, sondern eher um Konzentration. Wenn ich geraucht hatte, konnte ich gut arbeiten, mich für Dinge begeistern, aber kaum mal still sitzen. Es hat mir Auftrieb gegeben, aber eigentlich habe ich das gar nicht gebraucht. Jetzt arbeite ich und begeistere mich für Dinge, ohne zu rauchen.
Stichwort „liebevoller, zugewandter“, also Hinwendung. Warum ist das für viele Menschen heute so schwierig? Worauf käme es deiner Meinung nach an?
Ich denke, wir sind technologisch so sehr vernetzt und miteinander in Verbindung, dass es ein tieferes Bedürfnis nach Selbstwahrnehmung und nach kleinen, intimen Gruppen von engen Freunden gibt. Wir sind ja sehr gut darin, ständig mit der ganzen Welt verbunden zu sein. Aber das wird auch leicht zu viel. Für mich heißt die Lösung: Die Gruppen wieder klein zu machen und auch sehr viel Zeit alleine zu verbringen.
Welche Rolle kann Yoga für mehr Hinwendung spielen?
Der ganze Zweck der Praxis – egal ob Asana oder Meditation – besteht ja darin, sich mit seinem eigenen Wissen zu verbinden. Ich praktiziere vedische Meditation, und das Wort Veda bedeutet Wissen. Es geht einzig darum, sich selbst zu erkennen.
Und aus dieser tieferen Verbindung zu sich selbst folgt eine bessere Verbindung zu anderen Menschen, zur Welt?
Das Erste und Wichtigste bist du selbst. Ich muss nicht an die Welt denken, sondern an mich selbst. Der Rest kommt ganz von alleine, wenn ich in meinem eigenen Herzen sein kann.
Wie vermittelt man dieses Wissen im Yogaunterricht? Sind Worte da oft nicht eher störend? Wenn mein Gehirn damit beschäftigt ist, Informationen zu verarbeiten, finde ich es schwierig, mich überhaupt zu spüren.
So geht es mir auch. Im Vergleich zu den meisten meiner Kollegen spreche ich deshalb nur wenig im Unterricht. Ich möchte in meinen Klassen viel Raum für Stille lassen. Nur so hörst du die Musik, nur so spürst du dich selbst in deinem Körper und kommst zur Erfahrung deines eigenen Herzens.
Dein Buch und viele deiner Workshops heißen „The Art of Attention“, die Kunst der Aufmerksamkeit. Der Begriff Aufmerksamkeit scheint für deine Arbeit zentral zu sein. Wie würdest du ihn definieren?
Es ist genau dasselbe wie bei der Selbsterkenntnis. Du passt auf, was passiert, das heißt, du gehst immer von der Kraft deiner Beobachtung aus. Ich spreche jetzt nicht mehr so viel über Aufmerksamkeit, weil sie viel mehr in mir ist. In dem Moment, in dem ich aufgehört habe, Marihuana zu rauchen, brauchte ich das Wort eigentlich nicht mehr, ich hatte es!
Und wie unterscheidet sich Aufmerksamkeit von dem derzeit sehr präsenten, wenn nicht sogar überstrapazierten Begriff der Achtsamkeit?
Vielleicht gibt es gar keinen Unterschied. Oder wenn, dann so: Wenn ich ganz konzentriert in einer Yogahaltung bin und zugleich alles im Raum um mich herum klar wahrnehmen kann, dann ist das für mich Achtsamkeit. Aufmerksamkeit hingegen ist da, wohin ich meinen Fokus in diesem Moment richten möchte.
Im Workshop hast du die Teilnehmer mehrmals aufgefordert, den Blick in einer Asana bewusst nach vorne zu richten, und dazu gesagt: „Habt keine Angst, mal ein bisschen nach vorn in eure Zukunft zu schauen!„
Ich glaube, die meisten Menschen tendieren dazu, viel zu sehr in ihrer Vergangenheit zu sein. Stattdessen könnten sie sich auch das Ende dieses Jahres vorstellen und sich sagen: Hey, du hast es toll gemacht, du hast so viel gelernt, du bist sicher hier angekommen und jetzt kannst du dich selbst in den Arm nehmen und stolz auf dich sein.
Aber sorgen wir uns nicht sowieso schon viel zu sehr um die Zukunft, viel mehr als um die Vergangenheit?
Nein, ich glaube wirklich, für die meisten ist die Vergangenheit viel dominanter. Aber egal: Wenn du ein Zukunftstyp bist, könntest du damit anfangen, den bestmöglichen Ausgang zu sehen anstatt den schlechtesten. Genauso sage ich denen, die mehr in der Vergangenheit sind: Würdige deine Vergangenheit und wisse, dass sie dich auf eine wirklich gute Weise hierher geleitet hat. Nimm dir Zeit für Dankbarkeit. Wir müssen beides in die Balance bringen.
Wie integrierst du diesen Gedanken in den Yogaunterricht?
Die ganzen Sequenzen der letzten eineinhalb Tage dieses Workshops und der Fokus auf die Beine und die Füße sollten euch das Gefühl vermitteln, dass ihr von einem starken Fundament herkommt, für das ihr dankbar sein könnt. Dieses Fundament hat euch hierher gebracht. Und von da aus könnt ihr auch voller Vertrauen in die Zukunft schauen.
Du möchtest mit Elena Brower die Magie der Meditation kennen lernen? Sie stellt dir dafür exklusiv auf YogaWorld ein 5-Tage-Programm zusammen:
Sind Mädchen und Frauen, die Yoga üben, emanzipiert und mutig genug, um sich gegen die offen frauenfeindlichen Aktionen und Äußerungen von ultrakonservativen Politpredigern und Populisten zu wehren? Hoffentlich, denn eine starke gesellschaftliche Stellung von Frauen und die bisher erreichte Gleichberechtigung müssen aktiv verteidigt werden.
Der überwiegende Teil der heute aktiven Yogis sind Frauen und Mädchen. Es wäre interessant zu erfahren, ob Frauen durch ihre Yogapraxis auch freier, selbstbestimmter und stärker werden. Führt Yoga gar zu echter Gleichberechtigung? Mancher Yogaeffekt ist nicht so einfach zu messen – man stellt vielleicht erst nach Jahren fest, dass sich die Einstellung zu bestimmten Dingen grundlegend gewandelt oder dass sich die eigene Art zu leben verändert hat.
Beim Thema Gleichstellung von Mann und Frau hat man den Eindruck, dass es in der Yogawelt in die richtige Richtung geht: Steinzeitforderungen nach Vollzeit-Müttern und Heimchen am Herd haben bei uns keinen Platz. Die Verklemmtheit, Biederkeit und Bigotterie, die sich in so manchen politischen und religiösen Forderungen zeigt, kommt im Yoga nicht (mehr) vor. Selbst das esoterische Weiblichkeits-Mütterlichkeits-Fruchtbarkeitsgerede ist auf dem Rückzug. Weibliche Unterwürfigkeit und/oder Unterordnung sind im modernen westlichen Yoga nicht vorgesehen – was nicht ausschließt, dass im persönlichen Umgang oder im Lehrer-Schüler-Verhältnis einiges schiefgehen kann. Und tatsächlich haben es die Frauen in den Ursprungsländern des Yoga wie Indien oder Nepal bis heute nicht leicht, und auch der Yogaweg selbst musste nach Jahrhunderten (wenn nicht Jahrtausenden) Männerdominanz erst mühsam und gegen viele Widerstände für Frauen und von Frauen geöffnet werden.
Wer jetzt nicht gleich umgekehrt dem Amazonen-Quatsch einiger weniger amerikanischer Yogalehrerinnen folgt, müsste eigentlich zu einem ganz brauchbaren Frauenbild oder Selbstverständnis finden. Die großen weiblichen Leitfiguren im Yoga bestechen jedenfalls durch Stärke, Integrität und eine ebenso starke wie unabhängige Stellung in der Gesellschaft: Elisabeth Haich, Silvia Hellman, Indra Devi, Angela Farmer, Vanda Scaravelli, Anna Trökes, Ursula Lyon, Sharon Gannon …
Yoga hat emanzipatorisches Potenzial
Yoga hat das emanzipatorische Potenzial und die aufklärerische Kraft, Frauen und Männer von tradierten Geschlechterrollen, Diskriminierung und natürlich von Gewalt gegen Frauen, Chauvinismus und Sexismus zu befreien. Deutlich wird dieses Programm schon in den Yamas und Niyamas des Yogasutra: Diese Grundethik verwirft jegliche Art von Gewalt und will den Ausgleich von Interessen unter allen Menschen (und anderen Lebewesen). Trotz der hartnäckigen Ignoranz diverser Männercliquen (Brahmanen, Sadhus, Priester) ist es logisch, dieses ethische Programm auch auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und auf die gesellschaftlichen Rechte von Mann und Frau anzuwenden. Historisch gesehen hat hier sicher auch der Westen den Osten inspiriert und nicht nur umgekehrt. Allgemeiner gesagt sind Pluralismus und Vielstimmigkeit ein gutes Heilmittel für alle möglichen Kopfkrankheiten, auch für ideologische Sackgassen im Yoga. Aber letztendlich müssen wir (Männer und Frauen) uns in vielen Bereichen gegen eine Struktur wehren, in der wichtige Entscheidungen und Machtbefugnisse bei der immer gleichen Gruppe liegen – nämlich bei der kleinen Gruppe alter, weißer Männer. „Alt, weiß, männlich“ ist fast schon gleichzusetzen mit Desastern aller Art, mit Kriegen, Krisen, Stillstand oder Rückschritt – Reformen, Revolutionen, neue Ideen und Denkrichtungen müssen vor allem gegen diese Art von Establishment durchgesetzt werden.
In diesem Zusammenhang ist die Lektüre der englischen Essayistin Laurie Penny ein wohltuender Schock. Ihr Angriff auf die Männerkulturen und die Konfrontation mit unserer offenbar unendlichen Geduld, Feigheit, Bequemlichkeit, was tradierte Verhaltensmuster und die Diskriminierung von Frauen betrifft, ist sehr heilsam. Ihr schon fast yogisches Credo lautet: „Die wichtigsten politischen Schlachten der Menschheitsgeschichte wurden auf dem Gebiet der Phantasie geschlagen.“ Da können wir Yogis mitmachen. Und dazu hat auch ein Mann etwas Positives beigetragen. Der Historiker Peter Steinbach formuliert die Grundlagen eines zukünftigen Zusammenlebens in Kurzform: „Tolerant, unaufgeregt, freiheitlich, pluralistisch und auch friedlich sollte es zugehen.“
Für Clemens ist Yoga viel mehr eine mentale Praxis als eine physische. In seinem Unterricht bringt er mentale Klarheit mit somatischer Wahrnehmung zusammen und schafft so neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Er ist bei der Yoga Alliance registrierter Yoga Lehrer (E-RYT200 & RYT500) und hat Performance Psychologie (MA) in den USA studiert. Neben regulären Klassen in Hamburg unterrichtet er international Workshops, Retreats und Trainings. In seinen Yoga-Stunden stehen sowohl der Schüler und die Erfahrung, aber auch Yoga als greifbare Philosophie im Mittelpunkt – Yoga mit Relevanz für den modernen Alltag.
Clemens unterrichtet sowohl von Embodiment inspirierte als auch technische Klassen, aufbauend auf der Methodik des Anusara Yoga. Darüber hinaus bindet er seine Kenntnisse der Performance Psychologie in seine Yoga Klassen ein.
Clemens hat seine Yoga-Ausbildungen bei Airyoga in München (RYT200), Cityyoga in Berlin (RYT200/Anusara-Inspired™) und der Embodied Flow™ School of Yoga (RYT300) absolviert.
Performance Psychologie beschäftigt sich – ähnlich wie Yoga – mit Körper und Geist rund um das Thema Performance. Die Überschneidungen beider Disziplinen sind faszinierend. Denn letztendlich ist unser ganzes Leben genau das: Performance. Wie schaffe ich es, ein erfülltes Leben zu leben, aus der eigenen Mitte heraus, ohne mich zu überfordern? In diesem Vortrag führt Clemens Frede durch unterschiedliche Aspekte der Performance Psychologie und zeigt auf, warum die Yoga Praxis so gut geeignet ist, die eigene Mitte zu finden.
Workshop: Die Psychologie der Yoga Praxis
Lerne, Deine Yoga Praxis optimal für Dich zu nutzen. In diesem Kurz-Workshop betrachten wir die Yoga Praxis als mentales Übungsspielfeld und nutzen Modelle der Performance Psychologie. Welche Rolle spielen Aufmerksamkeit, Ziele und Konzentration? Wir üben einfache Positionen mit Fokus und Hingabe und lernen dabei den mentalen Einfluss der Yoga-Praxis besser kennen.
Sonntag, 15. Oktober // 11:30-12:15 Uhr //Die Psychologie der Yoga Praxis// Yamuna Vortragsraum
Sonntag, 15. Oktober // 12:15-13:30 Uhr // Die Psychologie der Yoga Praxis// Ganesha Yogaspace
Als ich den Flughafen in Agadir verlasse, verlasse ich auch meinen Alltag. Stress, Sorgen und Grübeleien bleiben wie verlorenes Gepäck einfach liegen. Ich öffne meine Sinne, um Land und Leute sowie das Lebensgefühl vor Ort aufzunehmen. Und ich laufe vom ersten Moment an in offene Arme…
Farbenspiel
Nach einer kurzen Autofahrt werden meine Mitreisenden und ich in Taroudant von unserer Reiseleiterin und Yogalehrerin Marion in Empfang genommen. Sie ist eine Lebefrau durch und durch und für alles gerüstet. Wir nehmen uns Zeit, gehen in aller Ruhe durch das Programm der Woche und Marion beantwortet jede noch so kleine Frage. Wir richten uns im wunderschönen Königspalast ein, in dem wir heute nächtigen werden und stürzen uns anschließend ins Getümmel der Stadt.
Wir tauchen in die Umgebung ein,verführt durch den örtlichen Suq, ein überdachtes Bazaren- Viertel im Zentrum von Taroudant. Dieses Konstrukt aus engen Gassen zwischen offenen Verkaufsnischen bietet alles, was das Herz begehrt. Mit Ruhe und der Selbstverständlichkeit, die nur eine Einheimische aufbieten kann, werden wir von Stand zu Stand geleitet. Trotz Gewusel und vieler Leute hält Marion unsere kleine Gruppe zusammen.
Zum Abendessen im Hotel ist die Gruppe dann endlich vollzählig. Wir speisen an einer langen Tafel, die von weichen Polstern umsäumt ist. Augenblicklich bekommt man ein Gefühl für die marokkanische Lebensart: Schwelgen, genießen und sich dann in aller Seelenruhe zurücklehnen. Es ist auch die erste Gelegenheit, uns gegenseitig zu beschnuppern. Wir sind eine lustige Mischung aus acht völlig unterschiedlichen Charakteren. Inklusive Führer, Fahrer und Hund sind wir zu zwölft unterwegs und finden mitsamt unserem Gepäck, Mitbringseln und Hundegatter gemütlich in zwei Offroad-Geländewagen Platz. Allesamt sind wir sehr neugierig auf das, was uns in den nächsten Tagen erwarten wird.
„Der erste Tag ist eng gesteckt. Wir haben eine lange Strecke zu bewältigen,“kündigt uns Marion an. „Aber keine Angst“ beruhigt sie. Es sei die strengste Etappe der Rundreise. „Danach nehmen wir es gemütlich.“ Kurz nach 7 Uhr am nächsten Morgen ist Abfahrt. Wir besuchen das kleine Städtchen Taliouine, bekannt durch seine Safran-Produktion und genießen eine köstliche Tasse Safrantee sowie den malerischen Ausblick auf die Berghänge des Atlas‘. Der frische Wind umspielt uns und in uns keimt die Ahnung auf, wie vielfältig Natur und Kultur in diesem Land sind, das von Wüste, Tradition und Handel geprägt ist.
Den nächsten kurzen Zwischenstopp legen wir in Tazenakht ein, bevor es weiter nach Agdz geht, wo wir unser Mittagessen im schattigen Innenhof eines Riads – einem traditionell marokkanischen Haus mit Innenhof – einnehmen. „Hinter jeder Mauer verbirgt sich ein Garten, fernab von Lärm und Trubel“ erklärt uns Hannes (Marions Lebenspartner und Big Boss des Touren-Unternehmens TIGERTRIP). Und zum ersten Mal beneiden und bewundern wir die Lebensweise, die in Marokko so selbstverständlich zu sein scheint: Egal, wie laut und hektisch die Welt im Außen gestaltet, im Inneren findet sich meist eine stille Oase. Übernachten werden wir in einer Palmeraie (Oase), wo ein jeder von uns sein eigenes kleines Rundhäuschen hat – mit eigener Dachterrasse, versteht sich.
Unsere Nachtquartiere während der ganzen Reise sind ausnahmslos angenehm; manchmal zwar sehr reduziert ausgestattet, ein anderes Mal dafür wieder großzügig und ausladend. Auf jeden Fall sind sie stets mit allem ausgerüstet, was wir Westler meinen zu brauchen. Uns hat es an nichts gefehlt (und WiFi zählt da nicht!).
Das Tor zur Wüstebildet für uns die Oasenstadt Mhamid, an der Grenze zu Algerien. Wir treffen auf Hashmi, unseren Wüstenfuchs, der uns gewandt durch die kargen Ebenen am Rande der Sahara führt. Er ist Berber und kennt die Wüste wie seinen Turban. „Wenn du dich in die Wüste begibst, brauchst du einen Begleiter wie Hashmi, damit du auch sicher wieder raus findest“ insistiert Marion ehrfürchtig. Wir alle wissen um die Gefahren, die in dieser Umgebung lauern. Wie kleine Kinder lassen wir uns an die Hand nehmen und vertrauen auf die unerschöpfliche Erfahrung dieses großen, dünnen Mannes.
Die Nacht verbringen wir im Zeltlager am Fuße des Dünen-Meers, weit weg von allem und ganz nah bei uns. Die Stille hier draußen ist ohrenbetäubend. Das Einzige, was ich in dieser Nacht physisch wahrnehme, ist das pure Leben: eine vibrierende Energie unter Tonnen von Sand. Von da an ist die Sahara für mich kein Ort mehr von Angst, Einöde und Tod, sondern lichte Geburtsstätte universeller Schöpfung.
Abschied von Erg Chegaga (Name der dortigen Sanddünen) nehmen wir am nächsten Morgen über eine Teiletappe der weltberühmten Dakar-Ralley, Kamelritt und Quad-Abenteuer inklusive.
Das ist ja alles Pappe
Als wir tags darauf die Atlas Filmstudios besuchen staunen wir nicht schlecht über den unglaublichen Aufwand, der für die hier gedrehten Filme betrieben wird. „Die Kulissen werden jeweils komplett geändert. Nicht mal die Bäume sind echt“ erklärt uns der Führer der Studios. Warum es so viele Produzenten nach Ouarzazate zieht? „Es ist das Licht“ erzählt er. Wir sehen den Beweis auf unseren selbst gemachten Bildern: Das Licht setzt die Umgebung perfekt in Szene. Interessanterweise wirkt auf den Fotos genau das unecht, was real ist: das Strahlen des Himmels, das alles in sich einschließt.
An Tag 6 verlassen wir die Bergwelt und kehren zurück in die „Zivilisation“. Auf dem Weg nach Marrakesch hören meine Mitreisenden und ich den Song The Circle Of Life aus dem Musical The Lion King und wir vergießen unwillkürlich alle ein paar Tränchen, weil diese Reise so überwältigend ist.
Sehen und Verstehen
Unsere tägliche Yogapraxis findet jeweils zum Sonnenauf- und -untergang statt. Als pathologische Nachteule war ich erst schockiert über die frühen Morgenstunden. Doch schon am ersten Tag erfahre ich die tiefgreifende Öffnung meiner Sinneskanäle, die mit dem morgendlichen Gezwitscher der Vogelwelt einhergeht. Es fühlt sich so gut an. Gut fühlt sich auch der Unterricht bei Marion an. Die uns zur Verfügung stehenden Räume und Orte (meinst Sanddünen oder Gärten) vertiefen den Fokus auf das Hier und Jetzt. Sie verbinden uns mit der direkten Umgebung und uns selbst. Zu meinen persönlichen Favoriten zählt wohl die kleine, aber feine Bibliothek im Palmenhain. Zwischen arabischer Philosophie und deutscher Literaturgeschichte schält sich mein Geist aus meinem schwitzenden Körper und fliegt mit den Vögeln in den Himmel hinein. In unserer Gruppe finden sich Teilnehmer unterschiedlichster Yoga-Erfahrung und Stilrichtungen. Marion versteht es, die gegebene Vielfalt als Vorteil zu nutzen. Sie verfügt über ein breites Spektrum und weiß dieses auch gezielt einzusetzen. Hat jemand ein Wehwehchen, so wird darauf Rücksicht genommen. „Schaut nicht links und rechts, was die andern machen. Yoga ist für euch, darum bleibt auch ganz bei euch,“ betont Marion immer wieder. So nimmt ein jeder für sich eine ganz persönliche Erfahrung aus den Stunden mit. Für mich ist es die tiefgreifende Wahrnehmung meines Selbst. Ich staune, wozu mein Körper fähig ist und ich übe mich liebevoll in Geduld, wenn bestimmte Haltungen noch nicht so gut gelingen wollen. Ich lerne mein innerstes Potential zu schätzen und mich zu lieben, genau so wie ich gerade bin. Für diese Erkenntnis werde ich Marion mein Leben lang dankbar sein.
Eine Reise ins Innerste
Was wir von dieser gemeinsam verbrachten Woche mitnehmen, ist vielschichtig: Mutter Natur ist farbenfroh und formverrückt – warum sollten wir diese Gaben künstlich einschränken!? Wir durften die Großzügigkeit der einheimischen Bevölkerung erleben, lernten zu akzeptieren, dass die Zeit nicht überall gleich gehandhabt wird („Wir Europäer haben die Uhr, die Marokkaner die Zeit“ sagt Marion) und wir hatten die Freiheit, genau so zu sein, wie wir eben sind – lebenslustig, neugierig und manchmal auch ein bisschen Banane.
Die Welt ist etwas näher zusammen gerückt und wir sind uns alle einig: Wir haben Marokko nicht zum letzten Mal besucht. Dieses wunderschöne Land, wo Ziegen in den Argan-Bäumen weiden und Menschen bisweilen von der Muse geküsst werden.
Yogitrip bietet ganzjährig Yogareisen in Marokko an:Rundreisen, Wüstenreisen, Trekkingtouren und Citytrips nach Marrakesch und Essaouira. Der Veranstalter betreibt ebenfalls ein kleines Hotel an der Südküste Marokkos in einem romantischen Fischerdorf. Dort werden regelmäßig Yogaretreats veranstaltet. Infos und Buchungen unterwww.yogitrip.co
Unsere Asana-Kolumnistin Jelena Lieberberg spürt immer wieder neue ungewöhnliche Übungen auf. Die meisten haben noch nicht mal einen Namen. Ahnen Sie, warum Jelena diesen Twist „demütig“ nennt?
„Let‘s Twist again“ ist nicht nur eine wohlmeinende Aufforderung zu einem beschwingten Tänzchen, sondern auch die yogische Einladung, jeden Tag aufs Neue wieder Detox für die Wirbelsäule zu betreiben: Twists, also Drehhaltungen, sind einfach ein Muss in der Praxis! Das Schöne bei dieser Drehung ist, dass sie nicht nur die Wirbelsäule vitalisiert und die inneren Organe massiert, sondern auch die Hüften und Füße mobilisiert, das Gleichgewicht schult und das Gefühl für den Wurzelverschluss Mula Bandha anregt. Dabei ist die gehockte Drehung nicht besonders schwierig oder spektakulär – keine Angeber-Asana, mit der Sie sich als Yoga-Superhero profilieren können – sondern eher eine still-bescheidene kleine Übung, die Sie schnell sehr liebgewinnen werden.
MACHT DAS SPASS?
Ja! Das Balancieren kann je nach Tagesform lustig, spannend oder einfach nur anstrengend sein. Dabei sind die positiven Wirkungen ziemlich vielschichtig: Der Twist dehnt die Außenseiten der Hüften und die Rückenmuskulatur, er nährt und richtet die Wirbelsäule neu aus und massiert sanft den Damm (Perineum).
MUSS ICH DAS KÖNNEN?
Nein. Für manche Schüler ist diese Haltung aus anatomischen Gründen nicht möglich. Auch Kontraindikationen wie frische oder chronische Verletzungen von Hüften, Knien, Füßen oder Rücken schränken den Zugang ein.
WAS MUSS ICH DAFÜR TUN?
Es lohnt sich, in der Vorbereitung ein gutes Gespür für die Knie zu erarbeiten: Wie fühlen sie sich zur Zeit an, was brauchen sie, was tut nicht so gut? Zum Aufwärmen empfiehlt sich wie immer der Sonnengruß und zusätzlich Parivritta Parshvakonasana (gedrehte seitliche Winkelhaltung). Zuerst mit abgelegtem hinterem Bein (halbe Variante) und dann vollständig.
1 Aus dem herabschauenden Hund setzen Sie den rechten Fuß nach vorne, in den Ausfallschritt. Dabei lassen Sie beide Hände am Boden.
2 Ziehen Sie das linke Knie von hinten an die Außenseite der rechten Wade, so dass sich die Beine kreuzen, der rechte Fuß stehen bleibt und Sie den linken Fußballen unter sich aufsetzen können. Setzen Sie sich achtsam auf die linke Ferse, wenn möglich genau zwischen beide Gesäßhälften (der Druck dient dabei als Erinnerung an Mula Bandha, den Wurzelverschluss).
3 Lösen Sie langsam eine Hand nach der anderen vom Boden und richten Sie die Wirbelsäule auf. Legen Sie die Handflächen vor der Brust im Anjali Mudra aneinander und beginnen Sie, die Balance zu spüren. Ein Drishti (fester Blickpunkt) auf Augenhöhe kann dabei hilfreich sein.
4 Verknoten Sie ihre Beine so fest ineinander wie die Wurzeln einer Pflanze, um mehr Zugang zu Mula Bandha zu erhalten und mehr Halt in der Balance zu spüren.
5 Für die einfachere Variante halten Sie die Hände vor der Brust in Anjali Mudra, wenn Sie sich leicht nach rechts drehen. Für die intensivere Variante schieben Sie den linken Ellenbogen an die Außenseite des rechten Knies und schrauben sich behutsam tiefer in die Drehung. Achten Sie darauf, den Nacken weich und die Wirbelsäule lang zu halten.
6 Bleiben Sie etwa fünf Atemzüge lang in der Haltung. Dann kehren Sie über den Ausfallschritt in den herabschauenden Hund zurück. Von dort aus wiederholen Sie das Ganze auf der anderen Seite.
Münchner Yogis ist Nadine Weerts bereits durch ihre einfühlsamen Stunden in den Jivamukti-Centern und ihre besonderen Playlists bekannt. In Silvio Fritzsches „Yogabasics“-Reihe unterrichtet sie zwar ohne Musik, dafür aber mit größter Genauigkeit sechs einstündige Einheiten, in denen sie sich jeweils einem Chakra mit voller Achtsamkeit widmet.
Ob aufeinander aufbauend oder einzeln praktiziert: Die Sequenzen harmonisieren diese wichtigen Energiezentren und fördern dadurch einen gesunden Körper – auch in emotionaler Hinsicht. Die Übungsfolgen sind bewusst einfach gehalten und eignen sich laut Weerts für „alle, die schon einmal einen Hund geübt haben“.
Je nach Stimmung und Tageszeit einsetzbar, erzielen sie individuelle Wirkungen und dienen als Reiseführer durch das eigene Selbst und die Situation, in der man sich gerade befindet. Was bedeuten die einzelnen Chakren für mich in meinem Leben? Was sind die besonderen Energien? Und gibt es Chakren, denen ich während meiner Yogapraxis mehr Aufmerksamkeit schenken könnte? Fragen, denen man auf dieser DVD wunderbar nachspüren kann. Praktisches Extra: Im enthaltenen E-Book können wir noch genauer über das Thema nachforschen und tiefer in die Bedeutung der Energiezentren eintauchen.
Fazit // Schlicht und ergreifend ein schönes Yoga-Komplettprogramm für Zuhause und überall sonst. Einfach Matte ausrollen und dem Körper etwas Gutes tun!
YOGABASICS: Reise durch die Chakren
„Yogabasics: Reise durch die Chakren“ mit Nadine Weerts (Yogabasics) kostet 19,95 €.
VERLOSUNG
Sechs komplette Yogastunden auf einer DVD: YOGA JOURNAL verlost 3x eine „Reise durch die Chakren“ DVD. Schicken Sie uns bis zum 9. Juli 2017 eine E-Mail mit dem Betreff „Yogabasics“ an verlosung@yogajournal.de. Viel Glück!
Viele Menschen kommen zum Yoga, um mit Schwierigkeiten gelassener umgehen zu lernen. Doch wenn man sich stets in Gleichmut übt – verabschiedet man sich dann nicht auch von ausgelassener Freude?
Meine Tochter hat ein kleines Wollschaf, an dem sie sehr hängt. Es hat wundervoll große Kulleraugen und sie kann besser einschlafen, wenn sie es eng an sich knuddelt. Leider ist auch das Geschrei groß, wenn es auf dem Spielplatz liegen geblieben ist. „So ist das eben“, denkt man sich als Erwachsener. Wo Freude ist, da ist auch Leid. Natürlich versucht man, sein Kind zu trösten. Doch sich selbst sagt man, dass man manches eben „ertragen“ muss. Und je mehr wir im Laufe des Lebens aushalten, desto mehr wächst unsere Unzufriedenheit mit der Welt. Für manche ist das der Punkt, an dem sie beginnen, sich mit der hinter dem Yoga liegenden Philosophie zu beschäftigen. Plötzlich scheint Shiva sehr verlockend zu sein: Das reine Bewusstsein, ungetrübt von Freud oder Leid. In einer Welt jenseits von Begehren und Angst versucht man nun, allem mit Gleichmut zu begegnen. Dann sind Verluste nicht mehr so schlimm. Aber wo bleibt die Freude?
In Indien erzählt man sich Geschichten von Göttern und Menschen, die schon seit Tausenden von Jahren das Gleiche erleben wie wir. Sukadev, der Sohn des Weisen Vyasa, hatte seinen Vater schon im Mutterleib täglich die Hymnen der Veden rezitieren hören. Dabei lernte er den Unterschied zwischen dem göttlichen Bewusstsein und dem trugvollen Spiel des Lebens. So wollte er lieber gar nicht erst geboren werden – er blieb auch nach 10 Monaten im Mutterleib. Der Vater bettelte und bettelte, aber Sukadev wollte das irdische Dasein nicht mitmachen. Erst nach 12 Jahren gab er nach. Nicht weil er auf einmal doch Lust auf die Welt bekommen hätte, sondern lediglich, um seiner Mutter keine Schmerzen mehr zu bereiten.
Manchem von uns mag es schon einmal genauso gegangen sein. Wir möchten am liebsten gar nicht da sein. So auch Sukadev. Statt sein Leben auf Erden zu leben, reckte er sich direkt gen Himmel und begann fortzuschweben. „Komm zurück, komm zurück!“, rief sein Vater. Aber Sukadev weigerte sich. Da begann Vyasa für ihn die Schönheit Krishnas zu beschreiben. Anders als Shiva, der sich im Götterhimmel auf sein Meditationskissen zurückgezogen hat, tanzt Krishna mit den Menschen auf der Erde und genießt das Leben in Fülle. Vyasa beschrieb das Lächeln des freudvollen Gottes, seinen Schmuck aus Pfauenfedern, Sandelholz und Blüten, sowie die feine gelbe Seide, die ihn umhüllt. Die Beschreibung gefiel Sukadev so gut, dass in ihm der Wunsch wuchs, Krishna zu erleben und er erkannte, dass er – um Krishna kennenzulernen – bleiben musste.
Wir können Schönheit nur empfinden, wenn sie begrenzt ist, wenn es ein Gegenteil gibt. Das heißt nicht, dass wir uns von allem abwenden müssen, um zufrieden zu bleiben. Eine der meistgestellten Fragen in Seminaren lautet: „Warum sind wir hier?“. Vielleicht ist es ist eine schöne Vorstellung, dass wir Glück und Schmerz in ganz greifbarer Form empfinden dürfen. In beidem sind wir lebendig. Und indem wir unser Lebendig-Sein genießen, zeigen wir uns. Wir können uns natürlich entscheiden, gar nichts mehr zu wollen und uns in stille Einkehr zurückziehen. Stille ist etwas Wertvolles. Wenn wir uns aber dafür entscheiden, im Spiel zu bleiben, wird es nicht immer still sein. Doch wir lernen, in Frieden zu sein. Wenn meine Tochter laut um ihr Schaf weint, versuche ich, ohne Murren zurück zum Spielplatz zu gehen um es wieder zu holen. Und während ich mich freue, dass sie da ist, ist etwas in mir auch ganz still. Und gleichzeitig sehr, sehr bewegt. Feiern Sie also, so laut Sie möchten. Auch das gehört dazu.