Ein freier Handstand, der dir sogar Zeit lässt, deine Beine anzuwinkeln – von so viel Körperbeherrschung träumen die meisten von uns. Unsere Kolumnistin hält dagegen: „Probieren hilft!“ Eine stützende Wand und konsequenter Kraftaufbau auch. Und nicht zu vergessen: viel spielerische Neugier.
Text: Jelena Lieberberg / Foto: Theresa Bartmann
Auf den Händen zu stehen wirkt immer so, als würde man der Schwerkraft einen Streich spielen.Schließlich tragen uns sonst, Tag ein, Tag aus, unsere Füße. Schon seit unserem ersten Lebensjahr, als wir Laufen gelernt haben, denken wir nicht mehr groß darüber nach und sehen das Stehen und Gehen als selbstverständlich an. Erst als ich mir letztes Jahr den Fuß brach und sechs Wochen lang nicht auftreten durfte, wurde mir klar, wie dankbar ich doch für jeden Schritt bin, den ich gehen darf. Ich war fast ein bisschen neidisch auf alle, die einfach so auf beiden Füßen gehen konnten.
Immerhin konnte ich auch während dieser Zeit manchmal auf meinen Händen stehen – und ich muss sagen: Dieses Üben hat mir sehr viel Lebensfreude geschenkt. Und auch Hoffnung. Denn für mich ist Adho Mukha Vrikshasana, der „herabschauende Baum“, wie der Handstand im Yoga heißt, viel mehr als einfach nur irgendeine fordernde Asana. Handstand-Üben heißt für mich: geballte Konzentration, ein Ausdruck von Liebe zum Detail und die Bereitschaft dazu, die Welt ab und zu auf den Kopf zu stellen – ein heilsamer Perspektivenwechsel, der uns aus dem Alltags-Tunnelblick herausholt und uns wieder eine frische, liebevolle, neugierige Sichtweise auf uns und die Welt schenken kann.
Macht das Spaß?
Auf jeden Fall! Du musst ja nicht im Freien zwischen Orangen und Zitronen (wie auf dem Foto) balancieren, sondern kannst daheim an einer Wand üben. Aber Achtung: Handstand üben kann süchtig machen, Endorphine frei setzen und das Gemüt erheitern.
Muss ich das können?
Nein. Aber wie immer gilt: Probieren hilft. Wer nicht überzeugt ist, darf staunen und träumen.
Was muss ich dafür tun?
Vor der Handstandpraxis sollten wir in jedem Fall unsere Gelenke aufwärmen, vor allem Handgelenke und Schultern. So bereiten wir sie auf die ungewöhnliche Belastung durch das eigene Körpergewicht vor. Sonnengrüße helfen, den Kreislauf in Schwung zu bringen, zusätzlich ist es eine gute Idee, die Beinrückseiten aufzuwärmen, da diese bei den Kick-ups in den Handstand in Anspruch genommen werden. Für alle Handstand-Neulinge ist erst mal der Kraftaufbau zentral: Der herabschauende Hund zum Beispiel kann uns lehren, den Schultergürtel zu stabilisieren und uns aus den Schultern nach hinten zu schieben. Core-Übungen helfen dabei, im Zentrum stabil zu bleiben.
Wusstest du, dass der Handstand in der übersetzten Sanskrit-Bezeichnung „Herabschauender Baum“ und auf Französisch „Poirier“ (Birnbaum) heißt? Diese mallorquinischen Zitronen- und Orangenbäume wachsen jedenfalls nach oben …
Step by Step
1. Übe diesen Handstand zu Beginn mit dem Rücken zu einer Wand. Dazu setzt du deine Hände im Vierfüßlerstand etwa eine Handbreit vor der Wand mit schulterbreitem Abstand auf. Spreize die Finger und richte deinen Blick zwischen die Hände.
2. Aktiviere bewusst deine Arme und Schultern und schiebe dich kraftvoll nach oben, wenn du nun die Knie hebst, dich auf die Zehenspitzen stellst und deinen Schwerpunkt auf Hände und Schultern verlagerst.
3. Stoße dich mit einem Fuß ab und schwinge beide Beine nach oben in den Handstand mit dem Rücken zur Wand.
4. Wenn du die Füße an der Wand anlehnst, passiert es leicht, dass die Wand dich in ein Hohlkreuz zieht, was Alignment und Balance deutlich erschwert. Um beides zu erleichtern, beugst du beide Knie und gleitest mit den Zehen an der Wand entlang nach unten.
5. Lass dabei Knie und Füße zusammen, schiebe dich aus den Schultern heraus nach oben und strecke deine Hüften so weit, wie es mit den gebeugten Knien möglich ist. Bleibe eine Weile in dieser Position und atme – ein wichtiges Detail, denn Luft anzuhalten ist kontraproduktiv.
Variante für Handstand-Cracks: Kicke freistehend in den Handstand und ziehe auch hier die Knie zu einem Päckchen an.
JELENA LIEBERBERG ist Osteopathin und Yogacoach in Berlin. Ihre eBooks, Retreats und Workshops findest du unter kickassyoga.com oder besuche Jelena auf Insta @kickassyoga.
Erlebe die transformative Wirkung von Kapalabhati, Wechselatmung und Bhastrika in einer intensiven Pranayama-Praxis
Entdecke die Kraft der fortgeschrittenen Pranayama-Praxis mit unserer Gastgeberin Susanne Mors im YogaWorld Podcast und lass dich auf eine energetische Reise zu mehr Klarheit und Harmonie ein. Diese Praxis, inspiriert von der Sivananda-Tradition und perfekt für erfahrene Yogi*nis, verbindet Atemtechniken und energetische Übungen, die tief in Körper und Geist wirken. Susanne führt dich Schritt für Schritt durch ihre Lieblings-Pranayama-Sequenz im Yoga Vidya-Stil, begleitet von kraftvollen Bija-Mantras, Affirmationen, Yantras, Mudras und Bandhas, die deinen Energiefluss anregen, lenken und Blockaden lösen.
Die Session startet mit einem Schutz-Mantra und dreimaligem „Om“ – ein sanfter Übergang in den meditativen Zustand, der dich optimal auf die Praxis vorbereitet. In den ersten Übungen vertiefst du dich in Kapalabhati, die reinigende „Schädelglanz-Atemtechnik“, die deinen Körper mit frischer Energie auflädt. Anschließend führt dich Susanne durch die Wechselatmung (Nadi Shodhana), die du in insgesamt 20 Runden übst. Die Praxis beginnt im Rhythmus 4:16:8 und wird später auf 5:20:10 erweitert – ein herausforderndes, aber äußerst harmonisierendes Tempo, das dir hilft, den Energiefluss der linken und rechten Körperseite auszugleichen.
Den Höhepunkt der Praxis bildet eine der acht Mahakumbhakas, die Bhastrika-Atmung („Blasebalg-Atmung“). Sie wirkt sehr stark energetisierend und kann die Kundalini-Energie erwecken sowie die Granthis (Energieblockaden) durchstoßen.
Zum Ausklang lädt Susanne dich ein, Viparita Karani (eine umgekehrte Haltung) einzunehmen, um den Energiefluss im Körper auszugleichen und sanft abzurunden. Diese fortgeschrittene Pranayama-Praxis ist eine Gelegenheit, tief in dein Inneres einzutauchen und dich mit der Kraft deines Atems zu verbinden. Lass dich von Susannes klarer Anleitung führen und entdecke eine neue Dimension deiner Yogapraxis. Setze dich bequem hin, schließe die Augen und begib dich auf eine transformative Reise – Namaste!
Fragen, Anregungen, Kritik oder einfach Kontaktaufnahme? Schreib gerne eine Email an Susanne: susanne@mors.de und/oder folge ihr auf Instagram: @yogasahne
Hier geht’s zur dreiteiligen Praxisreihe Pranayama für Anfänger*innen zum Vorüben:
Aus dem Yoga wissen wir: Asanas, bei denen es um Beweglichkeit geht, fallen Männern meist schwerer als Frauen, während es bei Armkraft erfordernden Übungen umgekehrt ist. Unsere Körper sind eben verschieden. Ein Fakt, der in der schulmedizinischen Forschung erstaunlich lange vernachlässigt wurde …
Text: Carmen Schnitzer / Titelbild: pixelshot via Canva
Eine Frau, die einen Hosenanzug trägt, ist eine Frau, die einen Hosenanzug trägt. Ein Mann im Blümchenkleid dagegen trägt Frauenkleidung. Der Süßwarenhersteller Ferrero fühlte sich 2012 bemüßigt, Überraschungseier „nur für Mädchen“ einzuführen. (Die „Nur für Jungs“-Versionen blieben Testläufe.) Und in Talkrunden oder Castingshow-Jurys sitzen meist drei Männer und eine Frau, seltener ist das Verhältnis 50:50, so gut wie nie dagegen 25:75.
Drei Beispiele, die auf die starke unterbewusste Verankerung in unserem Denken hinweisen, derzufolge es sich beim Mann um den „Norm-Menschen“ handelt, bei der Frau dagegen um die Abweichung dieser Norm – auch über 70 Jahre nach Erscheinen von Simone de Beauvoirs philosophischem Klassiker „Das andere Geschlecht“.
Anhand der genannten Beispiele lassen sich nun feministische Diskussionen entfachen, im Verlauf derer man mir sicher gewisse Überempfindlichkeiten unterstellen könnte. In manchen Bereichen aber gibt es im Grunde keine Diskussion: Dann nämlich wenn der Androzentrismus, also das Kreisen um den Mann als Maßstab aller Dinge, buchstäblich Leben kostet – etwa in der Medizin.
Ein weiteres Beispiel wäre die Automobilindustrie, in der Crashtests bis vor Kurzem ausschließlich mit Dummys von durchschnittlich männlicher Statur durchgeführt werden, wodurch in der Folge Unfälle für Frauen häufiger tödlich enden als für Männer. Erst seit diesem Jahrzehnt kommen vereinzelt auch weiblich und kindlich gebaute Dummys zum Einsatz.
Lückenhafte Datenlage
Foto: pixashot via Canva
Doch zurück zur Medizin: Jahrhundertelang wurde hier der Männerkörper als Standard betrachtet, geforscht wurde beinahe ausschließlich an ihm. Abgesehen von den Geschlechtsorganen wurden Frauen diesbezüglich lediglich als eine Art „kleinere Männer“ betrachtet und entsprechend (falsch) behandelt. Die Gender-Data-Gap, das Fehlen geschlechtsspezifischer Daten für weibliche Personen, ist immer noch groß. Im Grunde erstaunlich, dass eine Gesellschaft, die in Sachen Einparken, Datingverhalten, Kommunikation usw. so vehement auf einer „Mars-Venus“-Einteilung der Geschlechter beharrt hat (und es häufig immer noch tut), ausgerechnet dort so lange Gleichmacherei betrieb, wo die Verschiedenheit eigentlich offensichtlich sein sollte: Biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich nämlich bis in die Zellebene hinein!
„Der Chromosomensatz aller Körperzellen unterscheidet sich bei den Geschlechtern und bestimmt, welche Sexualhormone produziert werden“, erklärte in der Apotheken-Umschau zum Beispiel Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien. (Zum Begriff Gendermedizin weiter unten mehr.) „Das wiederum beeinflusst das gesamte Organsystem, den Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System sowie das Immunsystem grundlegend.“
„Das Männliche ist der Ausgangspunkt“
Erst im Zuge der Frauenrechtsbewegung in den 1960er-Jahren fand langsam ein Umdenken statt, doch noch bis in die 1980er-Jahre galt der männliche Körper als das „normale“ menschliche Modell, auch Medikamente wurden fast ausschließlich an Männern getestet. Das begann übrigens schon vorab bei den Tierversuchen, etwa mit Mäusen: Da man davon ausging, dass der Hormonzyklus weiblicher Mäuse Testergebnisse beeinflussen könne, wurden überwiegend männliche Mäuse ausgewählt. Die Annahme von einer höheren Daten-Streubreite sei allerdings mittlerweile widerlegt, erklärt die auf Gendermedizin spezialisierte Kardiologin Prod. Dr. med. Cathérine Gebhard vom Inselspital Bern im Interview mit dem Nachrichtenportal Watson. Außerdem sei das ohnehin „kein Grund, weibliche Zellen und Tiere aus der Grundlagenforschung auszuschließen.“
Verbindlich auch an Probandinnen getestet werden, müssen Medikamente in klinischen Studien erst seit den 1990ern, wobei das prozentuale Verhältnis und die gewissenhafte Auswertung hier oft immer noch nicht zufriedenstellend ist. Ersteres liegt übrigens nicht allein am Unwillen oder Desinteresse der Forscher*innen: Frauen zeigen grundsätzlich auch eine geringere Bereitschaft, an klinischen Studien teilzunehmen, sei es aus einer größeren Sorge heraus (etwa neben sich selbst auch eventuelle spätere Kinder zu gefährden) oder, weil sich die Teilnahme schwer mit der ohnehin schon großen Doppelbelastung von Beruf und Familie vereinbaren lässt.
Geschlechtsspezifische Leiden
Foto: vladimirsukhachev via Canva
Dass eine sinnvolle Geschlechterverteilung nicht zwingend 50:50 heißen muss, darauf weist unter anderem das WDR-Wissenschaftsmagazin „Quarks“ hin: „Das Verhältnis sollte sich vielmehr an der tatsächlichen Geschlechterverteilung der Krankheiten orientieren.“ Frauen leiden zum Beispiel überproportional häufig an Kniegelenksarthrose, an Autoimmunerkrankungen oder Schilddrüsenproblemen; Männer dagegen sind unter anderem anfälliger für Erbkrankheiten, die über das X-Chromosom vererbt werden (etwa der Bluterkrankheit), weil Frauen einen entsprechenden Gendefekt durch ihr zweites X-Chromosom ausgleichen können.
Nun ist es aber nicht damit getan, neben den Probanden auch Probandinnen zu untersuchen – die entsprechend unterschiedlichen Ergebnisse müssten natürlich auch in den Forschungsergebnissen erwähnt und diskutiert werden. Leider haperte es auch hier noch allzu oft, wie Gendermediziner*innen bemängeln. Diese bemühen sich seit nunmehr rund drei Jahrzehnten, die vorhandenen Wissenslücken zu schließen und Bevölkerung und vor allem Ärzteschaft für die biologisch bedingten Unterschiede zu sensibilisieren.
Im Deutschen spricht man daher mitunter auch von geschlechtersensibler oder geschlechtsspezifischer Medizin. Die Unterschiede gilt es von der Diagnose bis hin zur Medikation in allen Bereichen zu berücksichtigen. Es ist sicher kein Zufall, dass Frauen Studien zufolge doppelt so häufig wie Männer unter Nebenwirkungen ihrer Tabletten, Tropfen & Co. leiden, sondern vielmehr eine Folge falscher Dosierung. Dass die für weibliche Personen anders (in den meisten Fällen deutlich niedriger) ausfallen sollte, liegt nicht allein am meist niedrigeren Gewicht, sondern auch an der Verteilung von Muskelmasse, Blutvolumen, Fett- und Wasserhaushalt, die bei Frauen anders aussieht als bei Männern, was zu Unterschieden in der Verteilung und beim Abbau der Wirkstoffe führt.
Zwar schreibt das deutsche Arzneimittelgesetz seit 2004 vor, dass die Geschlechter in großen Studien getrennt untersucht werden, doch da die meisten handelsüblichen Medikamente schon vor dieser Zeit zugelassen worden sind, wird es noch dauern, bis sich wirklich etwas ändert.
Herz an Herz – die Unterschiede
Foto: portishead1 / Getty Images Signature via Canva
Besonderes Augenmerk legt die Gendermedizin auf den Bereich Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zwar betreffen diese Frauen seltener als Männer, aufgrund falscher oder zu später Diagnostik enden sie bei ihnen aber häufiger tödlich. Das Frauenherz lässt sich nämlich nicht einfach als etwas kleineres Männerherz betrachten, wie die Leipziger Herzchirurgin Prof. Dr. Sandra Eifert in einem Interview mit dem SZ Magazin ausführt. Die testosteronbedingt höhere Muskelmasse des männlichen Körpers betreffe auch das Herz, erklärt sie – es sei kräftiger als das weibliche und könne dementsprechend mit jedem Schlag mehr Blut durch den Organismus pumpen. Zum Ausgleich pumpe das Frauenherz etwa zehn Schläge pro Minute schneller als das eines Mannes.
Dazu komme, dass das Frauenherz von Natur aus empfindsamer auf Stress reagiere, andererseits aber zumindest vor der Menopause „durch einen bestimmten Hormonstatus sehr gut geschützt vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ sei. Auch altern Frauen- und Männerherzen anders, berichtete ihre Kollegin Cathérine Gebhard in einem „SWR 1 Leute“-Interview: „Das weibliche Herz wird mit dem Alter noch kleiner, schrumpft und wird sogar etwas steifer. Das männliche Herz wird eher größer und schlägt behäbiger.“ Dass der Herzinfarkt einer Frau überproportional oft tödlich endet, liegt daran, dass die Symptome meist andere sind und er dementsprechend später oder im schlimmsten Fall gar nicht als solcher erkannt wird.
Fragt man im Bekanntenkreis herum, was typische Anzeichen für einen Herzinfarkt sind, dann fallen den meisten die bis in den linken Arm ausstrahlenden Brustkorbschmerzen und starkes Angstempfinden ein. Beides korrekt – bei Männern. Bei Frauen können sie zwar ebenfalls auftreten, oft äußert sich ein Infarkt aber deutlich unspezifischer, etwa durch Oberbauchschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Schweißausbrüche oder Kurzatmigkeit. Andere Herzerkrankungen treten sogar überwiegend bei Patientinnen auf: So handelt es sich besispielsweise bei 90 Prozent aller vom Broken-Heart-Syndrom Betroffenen um Frauen nach den Wechseljahren. Dieses „Gebrochene Herz“-Syndrom ist eine akut auftretende, schwerwiegende Funktionsstörung des Herzmuskels nach einer großen emotionalen Belastung. Wir erinnern uns: Das weibliche Herz ist stressempfindlicher als das männliche!
Vorteile für alle
Auch wenn es in diesem Artikel hauptsächlich um die Vernachlässigung der Frauengesundheit ging: Es bleibt wichtig zu betonen, dass von Gendermedizin nicht nur der weibliche Teil der Bevölkerung profitiert. Denn natürlich gibt es neben den offensichtlich gynäkologischen auch weitere Leiden, die als typische „Frauenkrankheiten“ gelten und in denen der Blick auf die Männer bislang zu kurz kam. Dazu zählen zum Beispiel psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen oder solche der Knochen, etwa Osteoporose. Und während der Covid-19-Pandemie konnte man feststellen, dass sich unter den Todesopfern mehr Männer befanden, wohingegen Frauen häufiger an Post beziehungsweise Long Covid leiden – und es teilweise bis heute tun.
Würde man besser verstehen, woher all diese Unterschiede rühren, hätte das Vorteile für alle Menschen, nicht nur für Frauen. Es bleibt also zu hoffen, dass die gendermedizinische Forschung voranschreitet und die bestmögliche Aufmerksamkeit und Unterstützung erfährt – auch von denen, die in Gendersternchen ein lästiges Übel sehen und sich an den Anblick von Männern in Blümchenkleidern auf keinen Fall gewöhnen wollen.
Carmen Schnitzer arbeitet als Journalistin und schreibt seit Jahren für das YOGAWORLD JOURNAL. Erfahre mehr über die Autorin und besuche ihre Facebook-Seite.
Hier kannst du etwas über Frauengesundheit aus ayurvedischer Sicht lesen:
Das Atmabodha von Shankara gehört sicher nicht zu den Top Five auf der Bücherliste des Yoga. Dabei widmet es sich in großer Tiefe der wahrscheinlich wichtigsten Frage der Yogaphilosophie: Wer bin ich – wirklich?
Text: Sybille Schlegel / Titelbild: Monkey von Business Images via Canva
Die Älteren unter euch kennen sie vielleicht noch: die legendäre und für heutige Verhältnisse unfassbar langsam gedrehte ARD-Quizsendung „Was bin ich?“ Bei diesem „heiteren Beruferaten“ musste ein Rateteam aus Prominenten die Berufe der Kandidat*innen herausfinden. Die kamen herein und kreuzten auf einer Tafel an, ob sie selbstständig oder angestellt sind. Dann stellte Showmaster Robert Lemke die berühmte Frage, auf die ich als Kind immer hingefiebert habe: „Welches Schweinderl hätten’S denn gern?“
Man wählte ein Sparschwein aus, machte eine für den Beruf typische Handbewegung und einer aus dem Rateteam begann mit dem Interview. Für jede Antwort „Nein“ kam ein Fünf-Mark-Stück ins Sparschwein und der nächste Rater beziehungsweise die nächste Raterin an die Reihe. So ging es weiter, bis entweder der Beruf erraten war, zehn Fragen mit Nein beantwortet worden waren oder ich ins Bett geschickt wurde.
Wer bin ich – für Anfänger…
Foto: iEri Stock von Getty Images via Canva
Im Yoga ist die grundlegende Frage nicht „Was bin ich?“, sondern „Wer bin ich?“. Eine Frage, die ich zunächst als völlig überflüssig angesehen habe. Schließlich weiß ich doch ganz genau, wer ich bin – und sollte ich es mal vergessen, genügt ein kurzer Blick in meinen Personalausweis: Ich bin eine Person mit Namen, Geschlecht, Geburtsdatum, Geburtsort und Adresse. Die Kurzversion meiner Biographie auf einer Plastikkarte im Format DIN A7.
Aber bin ich nicht viel mehr als das? Ich betrete also die Bühne einer 80er-Jahre-Show namens „Wer bin ich?“ (die sagenhafte 34 Jahre lang lief, von 1955 bis 1989). Das Publikum klatscht wohlerzogen. Auf einer Tafel kreuze ich „weiblich“ an und mache eine für mich typische Handbewegung: Ich lege Daumen und Zeigefinger zusammen und spreize die anderen drei Finger ab. Dann setze ich mich, wähle das rosa Schweinderl und überhöre die erste Frage des Rateteams, weil ich noch darüber nachdenke, ob diese Handbewegung eigentlich noch typisch für mich ist oder nicht? Schließlich unterrichte ich kein Yoga mehr, sondern arbeite in einem Büro.
Ich muss an ein Gespräch mit einer Schülerin denken, die mich nach einer meiner letzten Stunden gefragt hatte: „Wer bist du denn, wenn du nicht mehr unterrichtest?“. Die Fragerin aus der Raterunde wiederholt leicht pikiert: „Haben Sie Kinder?“ „Ja, eins.“ „Dann sind Sie Mutter?“ „Äh, ja.“ Bingo: Ich habe mit Ja geantwortet. Das Rateteam hat gewonnen. „Aber doch nicht nur!“, protestiere ich. Lemke gratuliert der ehemals bekannten Schauspielerin aus seinem Team zur schnellen Auflösung und verabschiedet mich. Ein kurzer Spaß. Ich sitze backstage und bin verwirrt: Ich bin das, was ich beruflich tue.
Ich bin Mutter, aber auch Tochter, Schwester, Gattin, Freundin, Nachbarin, Unbekannte. Je nachdem, neben wem ich stehe, bin ich groß oder klein, dick oder dünn. Ich bin meine Vorlieben, Abneigungen und Ängste. Ich bin die, die ich mit drei Jahren war und die heute mit 48. Ich bin lieb, nett, wild, laut und leise. Ich bin alle Adjektive, die ich nach den Satzanfang „Ich bin“ setzen würde. Aber bin das wirklich ich? Ich seufze leicht, denn ich bin offensichtlich so viel – nur eines nicht: beständig eins.
… und für Fortgeschrittene
Foto: ttatty von Getty Images via Canva
Nach mir tritt ein weiterer Kandidat ins Scheinwerferlicht. Sein Name ist Shankara und er sieht ziemlich alt aus. Er schaut milde lächelnd auf die Tafel, ohne etwas anzukreuzen, steht gelassen vor dem jetzt verhaltener klatschenden Publikum, dann setzt er sich. Lemke versucht die Situation mit seinem flotten Spruch zum Schweinderl zu retten. Shankara bittet den Quizmaster, selbst ein Schwein auszusuchen – ihm sei es gleich, welche Farbe oder ob er überhaupt eins bekommt. Das Publikum wird unruhig, denn jeder hat doch ein Schwein zu wollen!
Der Oberstaatsanwalt in der Raterunde beginnt mit dem Fragen, was allerdings angesichts der aktuellen Stimmung im beschaulichen ARD-Studio eher wie ein Verhör wirkt: „Da Sie uns das Kreuz verweigert haben, sind Sie männlich?“ Shankara schüttelt den Kopf. Fünf Mark klirren ins Sparschwein. Die Schauspielerin ist dran: „Dann sind Sie weiblich?“ Negativ. „Sind Sie divers?“ „Nein,“ sagt Shankara lächelnd. Lemke rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Die nächste Frage: „Ihr Name wirkt indisch, sind Sie Inder?“ „Nein, ich habe keine Staatsangehörigkeit.“ Fünf Mark ins Schwein. „Sind Sie ein Philosoph?“ „Nein.“ Klirr. „Ein Anarchist?“ „Nein.“ Klirr. „Haben Sie im Mai Geburtstag?“ „Ich wurde nicht geboren.“
Es gibt Tumult im Publikum und fünf Mark ins Schweinderl. „Aber Sie sitzen doch hier vor uns. Ich kann Ihren Körper genau sehen.“ „Ich bin nicht mein Körper.“ „Sie denken wohl, Sie können uns veräppeln“, knurrt der Oberstaatsanwalt. „Nein,“ lächelt Shankara. „Ich bin nicht meine Gedanken.“ Es klirrt lauter als zuvor: Lemke hat wild gestikulierend das Sparschwein vom Tisch geschmissen. Er ringt um Fassung: „Aber wer sind Sie denn?“ „Ich bin das,“ erklärt Shankara lächelnd. Die ARD bricht die Übertragung ab…
Die Antwort auf die logische Frage
Zu Hause angekommen, greife ich ins Bücherregal. Mit ist eingefallen, dass ich vor Jahren mal ein Buch dieses mysteriösen Spielshow-Kandidaten Shankara gekauft habe: „Atmabodha. Das Erkennen von Atman.“ Ich habe die Übersetzung von einem gewissen Raphael, aber die Fassung enthält zum Glück auch die Sanskrit-Verse, wenngleich ohne Devanagari-Schrift. Beim großen Onlinehändler gibt es noch drei weitere Übersetzungen, eine davon ein gratis Kindle.
Dennoch: das Atmabodha gehört bisher ganz sicher nicht unter die Top-Five-Must-Reads der Yogaszene. Ich hatte meine Fassung vor ein paar Jahren erstanden, weil es Workshopthema meiner Lehrerin auf einem Jivamukti-Retreat nahe des Chiemsees sein sollte. Am Ende haben wir doch ein anderes Thema behandelt und das schöne grüne Buch wanderte ins Regal.
Aber wie es so schön heißt: Die Dinge kommen zu einem, wenn man bereit ist. Und die Frage „Wer bin ich?“ wurde für mich in den letzten Jahren und Monaten immer wichtiger. Ich wusste natürlich, dass dieses „Wer bin ich?“ die Frage im Yoga ist, in meinem Lieblingsbuch „I am that“ von Sri Nisargadatta Maharaj geht es Seite für Seite darum. Doch erst jetzt fühlt sich die Frage authentisch an: Sie kommt ehrlich aus mir selbst heraus.
Also powerlese ich das Atmabodha an einem Samstagnachmittag, so wie ich es gelernt habe: Vers für Vers auf Sanskrit chanten, kontemplieren, die Übersetzung lesen, selbst übersetzen, kontemplieren, notieren. Es sind 68 Verse. Schlicht, in einfacher Sprache formuliert. Keine blumige Poesie. Aber, oh Mann, was für eine Klarheit darin liegt! Was für eine Liebe. Shankara hat es echt drauf, denke ich. Er weiß, wovon er schreibt, weil er es ist. Anders ist diese Klarheit nicht möglich.
Die Essenz des Seins
Atmabodha auf einen Blick
Verfasser: Shankara (788-820 n. Chr.) Umfang: 68 Verse Philosophierichtung: Advaita Vedanta Atman: das wahre Selbst, identisch mit Brahman Jiva: das persönliche Selbst Ziel: Befreiung durch Erkenntnis des Atman Mittel: Meditation, Hingabe, Neti Neti
Verwendete Version: Raphael, Shankara: Atmabodha.Die Erkenntnis des Atman, Rom, 1991.
Wie der Titel schon sagt, geht es um Atman. Davon hat man sicher in der Yogawelt, im Teacher Training oder sonstwo schon mal gehört: Atman ist die individuelle Seele, Atman, das bist du. Aber wer ist das eigentlich? Schon oft habe ich in meinen Artikeln die Chandogya Upanishad zitiert, in der es ebenfalls um diese Frage geht und die Antwort der Weisen lautet dort: „Das Reale ist Brahman. Und Brahman ist Atman. Und das bist du: Tat twam asi.“ Atman ist also das, was ich wirklich bin, das was identisch ist mit Brahman. Nur das ist für die philosophische Richtung Advaita Vedanta real oder wirklich, denn es ist beständig und ewig, unwandelbar und einzigartig. (Schau dich mal um, was in deiner Umgebung so darunter fällt. Genau: nichts.)
Brahman ist der Urgrund, die Ursache und die Essenz des Seins. Diese Wirklichkeit jenseits von Zeit und Raum, jenseits von Sinneseindrücken und Kenntnis durch den Geist, kann durch uns Menschen erkannt werden. Da sie gekennzeichnet ist von Glückseligkeit und tiefem Frieden, können wir uns mit ihr sogar mehr identifizieren als mit unseren persönlichen Merkmalen, unserem vergänglichen Körper, dem flüchtigen und unsteten Geist. Das behauptet jedenfalls Shankara im Atmabodha.
Wege der Erkenntnis
Foto: Gorchittza2012 von Getty Images via Canva
Zum Glück erwähnt er gleich eingangs die Zielgruppe für diesen Lehrtext:“ „Alle, die nach Befreiung streben, von Irrtum (Avidya) gereinigt, in Frieden und frei von Begehren sind“ (AB 1). Da gehöre ich noch nicht so ganz dazu. Aber immerhin mit dem Streben kann ich mich anfreunden und da ich gerne frühzeitig über meine Destinationen informiere, lese ich weiter und lerne: Atman kann ausschließlich durch Erkenntnis erfahren werden. Das Atmabodha auswendig lernen reicht also nicht. Die Erkenntnis – und damit das automatische Verschwinden von Avidya(Irrtum) – wird von Shankara in mehreren Bildern beschrieben: Wie die Sonne, die Dunkelheit vertreibt, wie Feuer, das seinen Brennstoff auffrisst. Atman ist überall und, da identisch mit Brahman, Urgrund, Ursache und Essenz von allem, das existiert.
Das Problem: Atman kann nicht über die Sinne und den Geist – das Dreamteam für die Wahrnehmung der Außenwelt – erkannt werden, da er „wie ein Kristall die Farbe seiner Umgebung annimmt“ (AB 15). Oder „wie der Mond sich scheinbar bewegt, wenn er sich in den Wellen von Wasser spiegelt“ (AB 22). Atman in der Außenwelt zu finden, ist daher unmöglich, sagt Shankara, denn unser Geist fällt immer wieder auf die stärkeren, verdeckenden Sinnesreize rein. Abgesehen davon, ist es Atman, der sowohl die Sinne als auch den Geist mit Bewusstsein erleuchtet (AB 28), denn seine Natur ist die Erkenntnis, dadurch braucht er nur sich selbst zu dieser und nichts sonst. So wie eine Lampe keine andere Lampe braucht, um zu leuchten (AB 29).
„Atman ist wie die Sonne des Herzens, die die Dunkelheit zerstreut, strahlend auf ewige Weise, alles erleuchten lassend.“ (AB 67)
Im Intellekt, den wir als Mahat oder Buddhi kennen, kann sich das Erkennen widerspiegeln (AB 17) – wir merken es also. Das ist der Moment, sagt Shankara, in dem sich die verdunkelnden Wolken von der Sonne wegziehen und sie frei geben (AB 43). Wie bei den Simpsons im Vorspann. „Atman ist wie die Sonne des Herzens, die die Dunkelheit zerstreut, strahlend auf ewige Weise, alles erleuchten lassend.“ (AB 67) Das Problem ist, dass wir meistens den Geist oder das Ego für Atman halten (AB 27).
Alles ist eins
Foto: fcscafeine von Getty Images via Canva
Shankara nennt es Jiva: Unser Verständnis für uns selbst als Person, basierend auf der Identifikation mit Körper, Geist und Geschichte. Das, was „ich“ und „mein“ sagt. Diese Identifikation nennt er Unwissenheit (Avidya), welche durch die Erkenntnis des Atman zerstört wird. Klingt rabiat. „Ersetzt“ oder „ausgetauscht“ wäre ebenso richtig. Wichtig ist nur zu verstehen, dass es ein entweder oder ist. Man kann sich nicht gleichzeitig für Sybille Schlegel, 48, etc. pp und Atman halten.
„Shankara vergleicht die Aufgabe der Ego-Person mit einer Larve in einem beengten Kokon, die zum frei flatternden Schmetterling wird.“
Ach so, denke ich. Deshalb waren die Antworten von Shankara in der Quizsendung so komisch: Jede einzelne war eine Jiva-Frage. Die er – ganz im Atman aufgegangen – natürlich nicht beantworten konnte. Shankara sagt, dass mit dem Atman-Erkennen alles eins wird: das Universum in sich und alles in Atman sehend. (An dieser Stelle ist es Zeit für einen kleinen Ego-Test: Ja. Meins ist aktiv: Hoho, das Universum bin ich. Alles meins, meins, meins…).
Wie andere Yogatexte erklärt auch Shankara, dass zur Erkenntnis die Bereitschaft zur aktiven Aufgabe der Ego-Person gehört. Es ist aber eine Befreiung des Jiva, eine Befreiung von Leid basierend auf Körper und Geist (AB 32-34). Er vergleicht es mit einer Larve in einem beengten Kokon, die zum frei flatternden Schmetterling wird. Zur Befreiung gehört also das Ablegen der Fesseln, die wir aus Gewohnheit und Unkenntnis gar nicht bemerken.
Übung zum besser verstehen
1) „Meditiere auf Atman“,rät Shankara. Stetig und hingebungsvoll. Ein bisschen komplex, wenn man auf ein Objekt meditiert, das eigentlich keines ist. Beginne daher mit einer Kontemplation auf die Frage: Wer bin ich?
2) Neti Neti, die Praxis des Verneinens (Sanskrit: na iti, nicht jenes). Da Atman ungeboren und unvergänglich ist, ungebunden von Zeit und Raum, schaue dich um und frage dich: Ist das Atman? Neti Neti …
Unsere Philosophie-Expertin Sybille Schlegel stieß vor Jahren auf diesen Text, hat ihn aber erst kürzlich gelesen. „Zum Glück“, sagt sie, „denn damals hätte ich nicht ein Wort verstanden.“ Heute spürt sie großen Respekt vor einem Yogameister, der in einfachen Worten das Unbeschreibliche nahezu begreifbar macht. Mehr über Sybille erfährst du auf ihrem Instagram Account.
Lese noch mehr von Sybille Schlegel und lerne von der Yogaphilosophie:
Wie Zyklusbewusstsein das Leben verändern kann: Praktische Tipps für mehr Energie und Balance in jeder Zyklusphase
In dieser Folge „YogaWorld Podcast“ widmet sich Gastgeberin Susanne Mors einem Thema, das oft unter den Teppich gekehrt wird, aber jeden Monat Millionen Menschen betrifft: dem Menstruationszyklus und der Kraft des Zyklusbewusstseins. Zusammen mit ihrer heutigen Gästin, der Zyklus-Coachin und Yogalehrerin Barbara Dopfer, taucht Susanne tief in die verschiedenen Phasen des Zyklus ein und zeigt auf, wie ein bewusster Umgang mit diesen Phasen den Alltag und das eigene Wohlbefinden revolutionieren kann.
Barbara erklärt, wie jede Phase des Zyklus – von der Menstruation bis zum Eisprung – nicht nur körperliche Veränderungen, sondern auch unterschiedliche Energielevels und emotionale Schwingungen mit sich bringt. Sie zeigt, wie Yoga, Achtsamkeit und Selbstfürsorge helfen können, diese Schwankungen als Stärke zu nutzen.
Dann sprechen die beiden Frauen darüber, warum das Menstruationszyklus-Bewusstsein auch im Yoga wichtig ist und wie Frauen ihre Praxis gezielt an die Bedürfnisse ihres Körpers anpassen können, um mehr Balance und Selbstbewusstsein zu finden. Eine inspirierende Folge für alle, die neugierig auf das Potenzial des Zyklusbewusstseins sind und die Kraft der Menstruation für sich entdecken möchten.
Geboren 1973 im Hinterland von Split und aufgewachsen in Hessen, lebt die Schriftstellerin Marica Bodrožić inzwischen in Berlin. Wir sprachen mit ihr über Yoga, Heimat und ihren kürzlich erschienenen Roman „Das Herzflorett“.
„Heimat“ ist auch das Titelthema unseres neuen YOGAWORLD JOURNALS 06/2024. (Jetzt hier und am Kiosk erhältlich!)
Text: Andrea Goffart / Titelbild: Silke Mondovits
Liebe Marica, als wir dieses Gespräch vereinbart haben, schriebst du mir, dass Yoga dich durch die herausforderndsten Zeiten getragen hat.
Ja, ich sehe Yoga als Möglichkeit, immer wieder zu mir zurückzukehren, still zu sein. Als ich meine Tochter zur Welt brachte, dachte ich, ich müsse wie bisher meine Übungen machen. Irgendwann habe ich verstanden, dass mein Leben mein Yoga ist. Ja, natürlich, die Asanas sind wichtig und erfüllen mich mit tiefer Ruhe und Freude. Und über das Yoga-Üben lerne ich immer wieder ins Üben allgemein zu kommen: Wenn ich im Alltag einer Grenze begegne, dann kann sie zu meiner Übung werden, zu meinem Yoga.
Eine Haltung, die wir im Yoga annehmen und die auf unser Leben strahlt?
Foto: Lolostock via Cnava
Ja, eine Haltung, ohne die mein Leben undenkbar wäre, gerade in wackeligen Zeiten. Wenn ich den Baum übe, sehe ich, wie es mir wirklich geht, weil der Körper es zum Ausdruck bringt. Und dadurch lerne ich, auch im Alltag milde mit mir umzugehen. Ich zittere – na und? Auch eine Zitterpappel zittert. Trotzdem bin ich ein Baum, ein Baum, der in seinem Leben steht.
Diese Baumerfahrung findet sich auch in „Herzflorett“ …
Während ihre Mutter ihr immer wieder zusetzt, verbindet sich meine Romanfigur, Pepsi, mit einem Baum in ihrer Straße. Wenn sie ihn lange genug anschaut, wird er zu einer Art zweitem Rücken. So nehme ich die Dinge wahr und so schreibe ich auch darüber, es ist ein großes Lebensgespräch. Meine Yoga-Praxis ist eine tiefe Kraftquelle.
„Das Herzflorett“
Maricas autofiktionaler Roman „Das Herzflorett“ ist bei Luchterhand erschienen. Er erzählt von einem Dorf im Taunus. Einer Familie aus Dalmatien. Einer zerrissenen Kindheit und rebellischen Jugend: Von einer jungen Frau und ihrem Weg in die Freiheit.
Tipp: Marica Bodrožić ist mit ihrem Roman auf Lesereise, unter anderem in Berlin, Dornach, Chemnitz, Wien und Oldenburg.
Weil sie dich berührbar macht?
Jeder Mensch, der seine Seele lebt, wird auf eine ganz natürliche Weise berührbar. Wer als Mensch echt ist, geht einen herausfordernden Weg. Es ist sehr fordernd, in einer Welt der Äußerlichkeiten und des Wettbewerbs in die Zärtlichkeit mit sich selbst zu gehen. Das Leben hat mir immer wieder Situationen geschenkt, die schwer zu meistern waren. Dann war es unumgänglich, mich etwas zu trauen, Vertrauen zu üben und diese Situationen zu überwinden. Nicht im Sinne einer Gegnerschaft, eines Kampfes, sondern im Sinne eines Weges.
Das will ich in meinen Büchern zeigen: Es ist wichtig, den Weg zu gehen und nicht den Weg zu bekämpfen. Das ist im Leben so, im Yoga, im Schreiben. Es geht um einen Frieden, der die Stürme des Lebens aufnimmt. Sie sind im Körper empfunden und integriert.
Beheimatet?
Ja, im Körper beheimatet. Innen. Heimat ist nicht im Außen, dort habe ich sie nie gesucht. Sie ist innerlich und Yoga verbindet uns. Für mich ist Heimat nur zu finden, wenn ich das aufgebe, was mir als Heimat aufgezwungen wurde. Die neue Heimat zu suchen, ist immer mit dem eigenen Menschsein verbunden. Und das ist nur in der Verbindung mit anderen Menschen zu spüren.
Vielleicht ist auch deine Erfahrung, zwischen zwei Orten zu stehen, zwischen Dalmatien und Hessen, eine Einladung für diese Art von neuen Verbindungen?
Ich denke, gerade das Dazwischen schenkt einen Blick auf die verbindenden Momente. Im Roman erlebt Pepsi, wie der Süden und der Norden in ihr in Einklang kommen.
So wie deine Protagonistin hast auch du eine Heimat in der Sprache gefunden.
Ja, in meiner Arbeit bin ich zuhause, ich gehe nirgendwohin arbeiten, immer nur zu mir. Die Sprache ist für mich eine Art Erde.
Und auf dieser Erde gibt es auch Stürme, die wir nicht beiseite schieben dürfen …
Genau, deswegen heißt mein Buch „Das Herzflorett„: Es geht um geistiges Fechten, als innere Kunst, sodass man sich selbst nicht zerstört. Und auch anderen nicht wehtut. Pepsi spricht im Roman davon, dass einen niemand so berühren kann wie ein Mensch. Niemand kann einen so verändern, niemand kann einen so herausfordern. Und das ist das Schöne an der menschlichen Existenz, nicht wahr? Es fällt dann auch jedes Muß weg. Und das Leben wird zum kostbaren Geschenk.
Andrea Goffart ist Biografin, Ghostwriterin und Schreibcoach. Mehr über die Autorin findest du auf ihrer Website.
Hier kannst du noch mehr von Andrea Goffart lesen:
Kann man im Yoga zu mehr Selbstbewusstsein finden? Lena Jungmann meint: auf jeden Fall! Sie vergleicht diesen Weg mit dem Aufblühen einer Blume, denn auch wir Menschen streben nach Licht und nach Entfaltung und können dank Praxis und Geduld zu starken Individuen heranwachsen.
Fotos: Mustafa Ali Abdullah
Im YOGAWORLD JOURNAL 06/24 haben wir ein Interview mit der Berliner Yogalehrerin geführt. Darin erzählt sie unter anderem, wie Yoga ihr eigenes Selbstbewusstsein beeinflusst hat und zeigt ihre liebsten Yogahaltungen, die dich dabei unterstützen, fest und selbstbewusst im Leben zu stehen.Hole dir hier das Heft im Online-Shop!
Passend zum Thema hat Lena diese wundervolle Yoga-Playlist erstellt:
Yoga-Playlist „Blooming into yourself“
Über Lena Jungmann
@happylenayoga heißt Lena Jungmanns Instagram-Account – und mit dieser fröhlichen Energie unterrichtet die aus Österreich stammende Wahl-Berlinerin auch ihre Hatha-, Vinyasa- und Yin-Yoga-Klassen und -Retreats. Lenas Mission: Yoga für alle!
„Meine ganze Kindheit habe ich getanzt. Als ich fürs Studium dann umgezogen bin, habe ich Yoga kennen und lieben gelernt.“ Mit 21 Jahren hat sie ihre Yogalehrerinnen-Ausbildung gemacht. Ihre Stunden erinnern an die Kraft, Wärme und Herzlichkeit, die in jedem/jeder von uns stecken. On top gibt es eine Extraportion Achtsamkeit, ein bisschen Humor und aufregende Übergänge.
Mehr über Lena erfährst du auch auf ihrer Webseite Happy Lena Yoga.
Höre gerne auch diese schöne Playlist, die Lena vor einiger Zeit für uns erstellt hat:
Der Vorabend von Allerheiligen ist Halloween – oder für uns kulturell etwas näher – das keltische „Samhain“, das Fest des Sommerendes. Wir erklären euch, wie das Fest in die Yoga-Tradition passt und geben Tipps für Affirmationen und eine stille Praxis.
Die Bedeutung von Samhain
Samhain ist das Fest vom 31. Oktober auf den 1. November. Das Wort „Samhain“ bedeutet Vereinigung und symbolisiert den Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Früher war es das Fest des Jahresendes und des Neuanfangs. Auch die alten Kelten glaubten, dass die Grenze zwischen den Welten geöffnet ist und die Seelen der Toten heimkehren, um ihre Familien wiederzusehen.
„Die Herausforderung der Jahreszeit, die durch diese Nacht eingeleitet wird, besteht darin, sich einfach an einen Ort der Stille zu begeben und einfach da zu sein, wo man ist: sich nicht vorwärts oder rückwärts zu bewegen, sondern einfach ganz und gar präsent zu sein, im Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft.“ (Aus „Frauenrituale, Frauenmysterien“ von Ruth Barrett.)
Unsere Herausforderung in der Herbst-Winter-Periode besteht darin, einerseits die Dunkelheit anzunehmen und andererseits Licht in die Dunkelheit zu bringen. Wir erkennen, wie die Dunkelheit uns in den Herbst- und Wintermonaten Ruhe, Regeneration und Erneuerung bietet. Gleichzeitig ist es wichtig, die dunklen Tage zu erhellen, indem wir heilsame Bilder des Lichts visualisieren.
Yoga-Tradition und Samhain-Rituale
Im klassischen Yoga wird der göttliche Funke im Inneren als Atman bezeichnet, der wie eine Flamme oder eine ständig brennende Kerze ist, die im Herzraum entzündet wurde. Wenn die Natur (Prakriti) in die Phase des Verfalls und Rückzugs eintritt, können wir die dunkle, schwere (Tamas) Qualität der Jahreszeit ausgleichen, indem wir sattvische Bilder von Licht und Leuchtkraft visualisieren. Wir zünden eine Kerze in der Dunkelheit an und lenken unser Bewusstsein nach innen, um das zu betrachten, was ewig und unveränderlich ist.
Wir können uns auch von Diwali, dem hinduistischen Lichterfest, inspirieren lassen, das dieses Jahr am 20. Oktober gefeiert wird. Diwali bedeutet „eine Reihe von Lichtern“ und steht für den Neubeginn. Die hinduistische Göttin Lakshmi besucht nur Häuser, die sauber und gut beleuchtet sind. Deshalb werden zu Diwali die Häuser der Hindus mit Dutzenden von flackernden, handbemalten Terrakotta-Lampen beleuchtet.
Wenn der Herbst in den Winter übergeht, treten wir in die dunkelste Phase des Jahres ein, bis die Sonne zur Wintersonnenwende im Dezember wiedergeboren wird. Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Samhain oder Halloween ist die perfekte Zeit, um zu planen und neue Ideen ins Leben zu bringen. Denn so wie eine Blumenzwiebel über den Winter in der Erde ruht, ist sie im nächsten Frühjahr bereit, neue grüne Triebe sprießen zu lassen.
Verbringe jetzt einige Zeit damit, dir vorzustellen, was du in der nächsten Wachstumsperiode in die Welt bringen willst und was du gerne wachsen sehen willst, wenn der Frühling wiederkommt.
Bild: Elina Fairytale via Pexels
Affirmationen für Samhain
„Tiefer Frieden“
„Liebe und Licht“
„Liebe vertreibt Furcht“
„Innehalten, Beruhigen, Ruhen, Heilen“
„Nur dieser Moment“
„Jedes Einatmen, ein neuer Anfang“
„Jedes Ausatmen, ein vollständiges Loslassen“
„Ich weiß, dass ich alles erreiche“
„Ich habe alle Zeit der Welt“
Candlelight Yoga und Intention
Ob du dich für einen dynamischen Flow entscheidest oder eine entspannte Yin Yogastunde – zu Samhain kannst du abends bei Kerzenschein üben. Die veränderte Lichtqualität, die mit Kerzenlicht einhergeht, gibt deinem Nervensystem sanfte Impulse, die dein Unterbewusstsein ansprechen.
In deiner Praxis können diese vier Aspekte von Samhain im Fokus sein:
Heilung: Vergangene Traumata und Verletzungen loslassen, um im Hier und Jetzt unser volles Potenzial zu leben.
Annehmen: Wenn wir das annehmen können was ist, kann Veränderung geschehen.
Vergeben: Eine der schwierigsten Aufgaben ist das Loslassen von Menschen, Taten und Erfahrungen, die uns verletzt haben.
Verbindung: Erinnere dich an deine Vorfahren und Lehrer in Liebe und Licht. Lass dich von ihrer Kraft erfüllen und erkenne die Veränderungen, die dir schon vorangegangen sind. Verbinde dich mit der Energie der Transformation.