Ego-Trip oder Hingabe?

Im Streit um die größere Weisheit flammt zwischen Brahma und Vishnu eine Feuersäule auf. Auch wir modernen Yogis befinden uns manchmal in Konkurrenz mit anderen – und uns selbst. Kann Yoga also gesundheitsschädlich sein? Oder verliert man seinen Freundeskreis, wenn man zu oft auf dem Meditationskissen sitzt?

Nicht, dass ich alles gut finde, was die Inder machen. Aber manchmal können wir durchaus etwas von ihrem Umgang mit den Göttern lernen. Dann jedenfalls, wenn unser Leistungsdenken uns mal wieder Schwierigkeiten bereitet. Yoga soll uns helfen, uns gut zu fühlen. Aber wir können es auch benutzen, um uns unglücklicher zu machen. Dann benutzen wir Yoga zur Fortführung unserer Neurosen mit anderen Mitteln.

Brahma und Vishnu, so sagt man, stritten einmal darüber, wer von den beiden das höchste Wesen sei. Und wie das so ist, wenn Götter streiten, entstand dabei eine riesige Feuersäule. Wer als erster das Ende dieser Säule finden würde, sagte Brahma, der sei der Größte von beiden. Also machten sie sich in unterschiedliche Richtungen auf die Suche: Vishnu nach unten, Brahma nach oben. Irgendwann merkten beide, dass es kein Ende der Suche gab. Vishnu akzeptierte das. Aber Brahma wollte sich damit nicht zu Frieden geben und erfand eine Geschichte, wonach er das höchste Ziel erreicht hätte.

Zu lange im Lotus gesessen – Knie kaputt!

Wie mir scheint, geht es uns beim Yoga manchmal genauso. Mein Freund Thomas praktiziert seit knapp 15 Jahren Yoga. Früher übte er stundenlang Asanas und meditierte im Lotussitz. Das hat natürlich viele Menschen um ihn herum beeindruckt. Heute muss er sich allerdings schon im Schneidersitz zwei Kissen unter die Knie legen. Zu lange im Lotus gesessen, Knie kaputt. Ich sehe das oft in Kursen und Ausbildungen: Gerade Männer versuchen manchmal ganz gerne, das mit dem Lotussitz irgendwie hinzukriegen. Dabei haben wir anatomisch ungünstigste Voraussetzungen! Daher die Frage: Für wen machen wir eigentlich Yoga?

Manchmal versuchen wir mit Meditation und Mantren unser Ego loszuwerden – und errichten stattdessen Schutzmauern darum herum. Mit vielen Sanskrit-Ausdrücken fachsimpeln Yogis über den schnellsten Weg zur Erleuchtung. Auf diese Weise bauen sie sich eine neue Identität auf. Dann sind alte Freunde auf einmal Menschen mit negativen Schwingungen, von denen man sich besser fernhält, weil die „noch nicht so weit“ sind. Ich kenne das von mir selbst auch – als Teenager, wenn es um Musik ging. Echter ehrlicher Rock’n’Roll musste es sein. Nur Gitarren, keine Synthesizer. Mittlerweile werden mir alte Schulfreunde manchmal wieder sympathischer als Menschen, die ständig in „Reinigungsprozessen“ sind.

Dämonen loslassen

Dabei sollte Hatha-Yoga unseren Körper doch stark machen und gut auf die Meditation vorbereiten. Das kann es auch. Aber nur wenn wir unsere eigenen Dämonen – unsere eigenen inneren Antreiber – loslassen. Wenn unser Ego beim Üben mitspielt, erreichen wir zwar irgendwann in der sitzenden Vorwärtsbeuge die Knie mit dem Kopf. Aber wir erreichen auch Bandscheibenschäden. Wenn wir verzweifelt versuchen, die Wellen in unserem Geist zu beruhigen … wie sollen diese zum Stillstand kommen, wenn wir selber es nicht tun?

Bei den Göttern in Indien flog Brahmas Aufschneiderei schnell auf. Im heutigen Indien wird der Gott mit dem großen Ego kaum verehrt. Nur einen einzigen Tempel haben sie ihm gebaut, im ganzen Land. Vishnu hingegen hatte akzeptiert, was war. Dafür mögen ihn die Leute. Man muss nicht immer in allem das Höchste erreichen. Ich wünsche mir mittlerweile erstmal nur noch eins: Mich selbst so anzunehmen, wie ich bin. Ohne noch flexibler werden zu müssen oder neue Meditationserfahrungen machen zu wollen. Und interessanterweise hilft mir Yoga dabei. Wenn ich mich einfach entspanne, dann finde ich mich selbst auch ganz in Ordnung. Dann kann ich mich einfach in die Vorwärtsbeuge hinein sinken lassen. Und mir geht’s gut – da wo ich bin.

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