Wer bin ich? – Die fünf Hüllen (Koshas)

Erkundet man die verschiedenen Schichten von Körper und Seele, die in der Yoga-Philosophie als fünf Hüllen (Koshas) beschrieben werden, so stößt man vor zum Kern seiner selbst.

Ich war 21, als ich mir zum ersten Mal die Frage stellte: “Wer bin ich?” Gerade hatte ich das College abgeschlossen und durch pures Glück einen Job in der Redaktion einer alternativen Zeitung ergattert. Es war beängstigend: Ich musste alles einsetzen, was ich drauf hatte, und war zugleich völlig eingeschüchtert von den Menschen, mit denen ich in dieser Erwachsenenwelt zu tun hatte. Lauter vollständig geformte Persönlichkeiten, die scheinbar genau wussten, wer sie waren und was sie wollten, während ich keine Ahnung hatte. Zumindest kam es mir so vor.

“Wer bin ich in Wirklichkeit?”, schrieb ich während dieser jugendlichen Identitätskrise in mein Tagebuch. “Welche Aussagen über mich sind wahr? Was macht mich aus? Bin ich mein Körper (gutes Haar, schöne Haut, krumme Zähne, zu kurze Beine)? Bin ich das, wofür mich andere Menschen halten, meine Beliebtheit, mein Ruf? Bin ich meine wild umher wirbelnden Gefühle? Bin ich mein Musikgeschmack, mein Stil, meine politischen Überzeugungen? Wer oder was ist mein wahres Ich?”

Mein “wahres Ich”

Ich hatte keine Ahnung, dass ich damit eine der großen Fragen der Menschheit gestellt hatte. Was mich aber überraschte, war die Tatsache, dass keine meiner Antworten wirklich endgültig zu sein schien. Ich konnte nicht bloß antworten: “Ich bin eine intelligente, attraktive junge Frau.” Oder: “Ich bin jemand, der nach einem Durchbruch auf der Bewusstseinsebene sucht.” Ich fühlte mich entweder völlig leer oder aufgesplittert in zahllose Schichten, zwischen denen ich hin und her zu driften schien. Es gab ein Ich, das sich jung und lebhaft fühlte, kraftvoll und leistungsfähig. Aber auch ein anderes, das sich in Gedanken und Fragen verlor, die ohne Unterlass durch den Geist strömten. Dennoch spürte ich manchmal, dass es auch einen Teil in mir gab, der überhaupt keine Meinung hatte, eine Art inneren Beobachter, der die Wendungen meines Lebens nur betrachtete wie einen Film. Und an ganz guten Tagen bemerkte ich eine Schicht tief in meinem Inneren, die einfach nur grundlos glücklich war. Aber welcher von diesen vielen Schichten war nun mein “wahres” Ich? Ich hatte keine Ahnung.

Jahre später, als ich begann, mich mit den philosophischen Texten des Yoga zu beschäftigen, stellte ich fest, dass die Verwirrung über die vielen Schichten meines Selbst gar nichts Besonderes war. Schon in der Taittiriya-Upanischad (etwa 500 v. Chr. entstanden) werden fünf Schichten oder Verhüllungen beschrieben. Dieses Konzept fand Eingang in die Lehren des Vedanta, Yoga und Tantra. Hier nannte man die fünf Schichten Koshas, das ist das Sanskrit-Wort für Hülle oder Gefäß. Die Koshas durchdringen sich gegenseitig und umschließen die Seele wie die Häute einer Zwiebel. Die äußerste Hülle ist der physische Körper. Die Weisen nannten ihn Nahrungshülle, nicht nur weil er aus der Nahrung gebildet wird, die wir zu uns nehmen, sondern auch weil unser Körper irgendwann wieder zerfällt und zu Nahrung wird für andere Lebewesen. Diese physische Hülle umschließt drei feinstoffliche Hüllen, die ihn durchdringen und über ihn hinausgehen: Pranamaya-Kosha, die Hülle der Lebensenergie, Manomaya-Kosha, die mentale Hülle und Vijnanamaya-Kosha, die Weisheitshülle. Unter diesen vier Hüllen ist eine fünfte verborgen, Anandamaya-Kosha, die Hülle der Glückseligkeit.

Folgt man den Weisen des Yoga, so führen Fragen wie “Wer bin ich?” oder “Was ist der Sinn meines Lebens?” unweigerlich zur Betrachtung dieser Hüllen. Manchmal werden sie auch als “Körper” oder “Ebenen des Selbst” bezeichnet. Um sich seiner selbst vollständig bewusst zu sein, muss man alle Hüllen, so wie sie gerade sind, gleichzeitig präsent haben. Das braucht viel Übung. Obwohl alle fünf Schichten ständig “feuern”, haben die meisten Menschen bewussten, mühelosen Zugang immer nur zu einer oder zwei Hüllen. Ein Beispiel: Obwohl du dich selbst vielleicht hauptsächlich anhand der Merkmale deiner körperlichen Hülle beschreibst, bist du unter Umständen viel präsenter in der mentalen Hülle; vielleicht bist du sogar so sehr mit deinen Gedanken beschäftigt, dass du den Körper kaum oder gar nicht wahrnimmst. Aber schon wenn du das erkennst und weißt, wie es sich anfühlt eher diese als jene Schicht präsent zu haben, ist viel erreicht: Deine Selbstwahrnehmung hat sich erweitert und du hast mehr Einfluss auf deine Reaktionen und Wahlmöglichkeiten…

Mehr davon liest du in unserer Ausgabe Januar/ Februar 2012.

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