Wer bin ich? Die fünf Hüllen (Koshas) – von Sally Kempton

Manomaya-Kosha (Mentale Hülle)

In der Manomaya-Kosha denken wir, wir phantasieren und träumen, wir rezitieren Mantras oder arbeiten mit Affirmationen. Die mentale Hülle ist der Teil von dir, der die Welt, in der du lebst, mit Bedeutung füllt. Und genau wie der physische Körper mehrere Schichten von Haut, Fett, Blut und Knochen hat, so besteht auch der mentale Körper aus verschiedenen Ebenen. In der oberflächlichsten sind flüchtige Gedanken, Bilder und Wahrnehmungen angesiedelt. Hier blubbern vorübergehende Gefühle aus deiner inneren Welt empor. 

Diese flüchtigen Gedanken und Gefühle sind wie Luftblasen im Ozean der mentalen Hülle, es gibt aber auch Wellen und Gezeiten in ihr, die stärker und nachhaltiger wirken. In der tiefsten Schicht der Manomaya-Kosha liegen die machtvollen mentalen Strukturen – geformt durch die Meinungen, Überzeugungen und Vermutungen, die man von der eigenen Familie und Kultur übernommen hat, aber auch durch Muster, die man selbst ansammelt. In Sanskrit heißen diese tiefen Furchen im mentalen Körper Samskara. Sie bedingen deine Wahrnehmung von dir selbst und führen dazu, dass dein Leben nach bestimmten, festgelegten Mustern verläuft. Wenn du die Inhalte der Manomaya-Kosha genauer untersuchst, dann begegnen dir diese tiefen Furchen und Muster in Form von immer wiederkehrenden Gedanken, zum Beispiel “So sollte es nicht sein” oder “Ich bin nicht gut genug”. Samskara färbt das Erleben aber nicht nur in einer bestimmten Weise ein, es formt es sogar mit. Deshalb besteht eine der wirksamsten Übungen darin, diese Programme, die ohne bewussten Auslöser immer wieder durch den Geist laufen, wahrzunehmen und zu hinterfragen.

Übung für Manomaya-Kosha

Die folgende einfache Übung zur Selbsterforschung habe ich von der spirituellen Lehrerin Byron Katie übernommen und abgewandelt. Wähle eine Situation oder ein Thema aus deinem Leben aus, das in irgendeiner Weise belastet ist. Schreibe alle Gedanken dazu auf. Dann nimm dir einen Gedanken nach dem anderen vor und stelle dir die Frage: “Was wäre ich ohne diesen Gedanken?” Beobachte, wie sich dabei dein Atem, deine Energie und dein mentales Erleben verändern.

Vijnanamaya Kosha (Hülle der Weisheit oder der Erkenntnis)

Wenn du Zugang zu deiner Weisheitshülle gefunden hast, findest du auch zu mehr Klarheit und Intuition und bleibst besser in der Spur deines Lebens.

Bei der Erforschung deines Inneren fällt dir vielleicht irgendwann auf, dass es neben Gedanken und Gefühlen auch noch Dinge gibt, die aus einer tieferen und feineren Schicht deines Seins zu stammen scheinen: ein Gefühl innerer Gewissheit etwa, tiefere Einsichten und Erkenntnisse. Sie steigen auf aus der Hülle der Weisheit. Auch wenn du ganz in eine Tätigkeit vertieft bist – zum Beispiel Schreiben, Malen, Mathematik oder sogar die Lösung eines schwierigen Problems – bewegst du dich auf dieser Schicht. Ein befreundeter Komponist hat mir erzählt, er spiele so lange zufällige Melodien, bis sein denkender Geist (die Manomaya-Kosha) zurücktritt und Platz macht für den Weisheitskörper. Dann kann er wirklich kreative, neue Musik schreiben, er “downloaded” sie sozusagen aus der Vijnanamaya Kosha. Ein anderer Freund löst hartnäckige, lähmende persönliche oder berufliche Probleme, indem er eine Frage dazu formuliert und dann meditiert. Sobald sich sein denkender Geist beruhigt hat, steigt Weisheit in ihm auf.

Auf ihrer subtilsten Ebene ist die Weisheitshülle nichts anderes als reines Gewahrsein – der objektive, beobachtende Teil des Selbst. Auf dieser Ebene kann man damit aufhören, sich mit machtvollen Gedanken und Selbstbeschreibungen zu identifizieren und nur noch Zeuge sein für das, was sich im eigenen Geist und Leben abspielt.

Übung für Vijnanamaya Kosha

Nimm wahr, dass genau in diesem Augenblick etwas in deinem Inneren beobachtet, wie du diesen Artikel list. Das selbe beobachtende “Ich” ist sich auch im Klaren über deine Gedanken, deine Stimmung, die körperlichen Befindlichkeiten, das Energieniveau. Es weiß all dies, ohne daran beteiligt zu sein. Verbinden dich mit diesem Gewahrsein und beobachte, ob du seine verschiedenen Ebenen präsent halten kannst, ohne dich an ihre Bedeutung oder ihre Auswirkungen anzuhaften.

Anandamaya-Kosha (Hülle der Glückseligkeit oder Wonnehülle)

Die Wonnehülle ist der versteckteste Teil in uns, dennoch kann man ihre Präsenz immer spüren: In dem Gefühl, dass es sich lohnt am Leben zu sein

Diese Hülle ist der versteckteste Teil in uns, dennoch kann man ihre subtile Präsenz immer spüren: Sie steht hinter dem instinktiven Gefühl, dass es sich lohnt am Leben zu sein, dass es gut ist, zu leben. Wir alle sind geboren um glücklich zu sein. Die Wonnehülle ist die tiefste Schicht unseres persönlichen Selbst, nur ein dünner Faden trennt sie vom universellen Selbst, sie ist erfüllt von natürlicher Ekstase, dynamischer Kraft und Güte. Der Kontakt zur Hülle der Glückseligkeit entwickelt sich durch Übung. Vor allem Mantras, Meditation und Gebet lehren den Geist alle Gedanken loszulassen, die die Wonnehülle verbergen. Um vollständig in sie einzutauchen, muss man für gewöhnlich in einem Zustand tiefer Meditation sein. Doch schon der einfache Kontakt mit ihr genügt, um sich selbst als freudvoll, frei und fähig zu jeder Art von Glück zu erleben – von taumelnder Ekstase bis zu stiller Zufriedenheit. Du erkennst dann – eher im Bauch als im Kopf – dass jenseits aller mentalen Konstrukte und Ideen, Liebe die tiefste Wahrheit ist. Eines der größten Geschenke des Yoga ist es daher, den Zugang zu unserer Wonnehülle zu öffnen.

Übung für Anandamaya-Kosha

Frage dich: “Worin liegt Glückseligkeit?” Stelle diese Frage ganz offen und stimme dich auf die feinen Gefühle von Zärtlichkeit, Freude und Zufriedenheit ein, die oft im unerwartetsten Moment aufsteigen können. Öffne dich für die Idee, dass Glückseligkeit möglicherweise deine wahre Natur ist. Keine Sorge, wenn du darauf keine unmittelbare Antwort oder Reaktion spürst, die Wonnehülle braucht Zeit, um sich zu zeigen. Bei vielen Menschen kommt sie erst nach jahrelangem hingebungsvollen Üben zum Vorschein. Manchmal erlebt man sie aber auch ganz spontan für einen Moment, zum Beispiel während eines Kirtan-Abends, bei einer Herzmeditation oder in der tiefen Entspannung in Shavasana. Dann erscheint es wie ein Wunder, ein Geschenk und zugleich doch vollkommen natürlich, weil jeder Mensch in seiner Essenz glückselig ist. Man muss nur lernen sich tief genug nach innen zu wenden, um das zu erkennen.

Es mag schwer vorstellbar sein, aber es ist möglich, sich seiner selbst in all diesen Hüllen und Schichten bewusst zu sein. Sich der Koshas gewahr zu werden und sie präsent zu halten bedeutet, zum eigenen Leben zu erwachen und alle Teile seines Selbst zu integrieren. Dann erscheint es ganz natürlich, im vielschichtigen persönlichen, Selbst einen Ausdruck des universellen Selbst zu sehen. So wie die großen Weisen des Yoga, die in all ihren Schichten und Hüllen erwacht sind und dadurch auch erwacht sind für das, was jenseits davon liegt.


Sally Kempton Yogajournal

Sally Kempton war eine international anerkannte Lehrerin für Meditation und Yoga-Philosophie und Autorin verschiedener Meditations-Bücher und -CDs.

Mehr Infos zu Sally unter www.sallykempton.com

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