Seelenruhe: Pratyahara – der Rückzug der Sinne

Überreizt, gestresst, unkonzentriert – so fühlt man sich im Alltag viel zu häufig. Seltsam eigentlich, dass wir Yogi*nis uns nicht viel bewusster einer alten Praxis zuwenden, die genau darauf eine Antwort kennt: Pratyahara, der Rückzug der Sinne.

Text: Jennifer Rodrigue / Fotos: RF._.studio _ via Pexels

Vor einiger Zeit rollte ein Mann im Yogastudio seine Matte neben mir aus, dem ich hier noch nie begegnet war. Wir übten Ashtanga im Mysore-Stil, das heißt, jeder arbeitet für sich alleine und auf seinem eigenen Niveau. Ich sah schnell, dass die Praxis meines Nachbarn sehr verschieden war von unserer. Die Haltungen, die er übte, waren fortgeschrittener, aber da war noch etwas anderes: eine Verbindung von Kraft, Gleichgewicht und Anmut, wie ich sie noch nie gesehen hatte.

Ich beobachtete, wie der Mann sich in einer komplizierten Asana bewegte, einer Rückbeuge aus dem Kopfstand, bei der sich der Körper mehrfach in beiden Richtungen um den Kopf dreht. Er schien vollkommen unbeeindruckt von der technischen Schwierigkeit der Übung. Nicht einen Moment lang waren in seinem Gesicht Anzeichen von Anstrengung oder Frust, Freude oder Befriedigung zu lesen. Er atmete tief und gleichmäßig, sein Blick war ruhig, seine Bewegungen schienen flüssig, leicht und lautlos. Er ging voll und ganz in seiner Praxis auf. Oder vielleicht sollte man eher sagen: Er ging in sich selbst auf.

Wenn sich die Sinne nach innen zurückziehen

Damals wusste ich es noch nicht, aber dieser Mann zeigte mir den Weg zu Pratyahara. In der Yogaphilosophie bezeichnet dieser Sanskrit-Begriff einen Zustand, in dem sich die Sinne nach innen zurückziehen und dort gehalten werden. Pratyahara ist das fünfte Glied im achtgliedrigen Pfad, den Patanjali in seinem Yoga Sutra beschreibt.

Das erste und zweite Glied, Yama (Beherrschung) und Niyama (Befolgung) beschreiben die ethischen Grundlagen der Praxis. Sie lehren Gewaltlosigkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Reinheit und anderes mehr. Das dritte Glied, Asana, ist die körperliche Praxis. Das vierte, Pranayama, sind die verschiedenen Atemtechniken, die auf natürliche Weise die Vorläufer des fünften, nämlich Pratyahara sind. Die nächsten beiden Glieder lehren uns Konzentration (Dharana) und Meditation (Dhyana) mit dem Ziel, sich schließlich einem Zustand des Eins-Seins oder der Verschmelzung (Samadhi) zu nähern.

Pratyahara bildet also eine Brücke zwischen den eher äußerlichen Aktivitäten der ersten vier Glieder und der vollkommen innerlichen Qualität der letzten drei. Trotzdem scheint es mir im modernen Yoga häufig so zu sein, dass Pratyahara übergangen wird.

Der Atem als Schlüssel

Das ist verwunderlich, denn Pratyahara kann eine entscheidende Rolle in der Entwicklung nicht nur der Yogapraxis sondern auch der des Bewusstseins spielen – und liefert dabei womöglich Antworten auf eine für viele Menschen drängende Frage: Wie finde ich inmitten von Hektik, Stress und Reizüberflutung zu mehr Ruhe, Gelassenheit und innerem Frieden? Die Bestandteile des achtgliedrigen Yogapfads sind nicht willkürlich aufgezählt, sondern sehr sinnvoll aufeinander aufgebaut: Um sich zum Beispiel wirklich konzentrieren zu können und einen Zustand meditativer Versenkung zu erreichen, muss man zunächst die Fähigkeit verbessern, seine Sinne in Schach zu halten – egal was um einen herum gerade geschieht.

Aber wie geht das? „Wenn ich meinem Geist befehle, sich nach innen zu richten, dann wird er wahrscheinlich genau das Gegenteil tun“, erklärt der renommierte amerikanische Yogalehrer Rod Stryker. „Pratyahara ist also keine bewusste Entscheidung. Wenn ich dagegen methodisch mit dem Atem arbeite, geschieht dieser Rückzug häufig ganz spontan.“ Mit anderen Worten: Um die Voraussetzungen für Pratyahara zu schaffen, übt man klassischerweise Pranayama.

Ein weiterer Weg, diesen Rückzug der Sinne herbeizuführen, besteht darin, die Sinnesorgane so tief zu entspannen, dass sie nicht mehr so stark auf äußere Reize reagieren. Die fünf Sinne sind unsere Antennen zur äußeren Welt, der substanziellen Welt“, erläutert Stryker. „Pratyahara will dagegen die inneren Sinne erwecken.“ Es geht also weniger darum, die äußere Welt von sich zu weisen, als darum, eine innere Welt zu entdecken.

Den Körper einbeziehen

Auch Asanas eröffnen dir einen weiteren einfachen und dabei sehr konkreten Zugang zur Praxis von Pratyahara, bei der der Körper bewusst einbezogen wird. Wichtig sind dabei der Fokus und vor allem der Atem: Verlängere und verlangsame die Atmung sanft und bewusst in jeder Haltung. Gib dir genügend Raum, um voll und lang zu sein, indem du Kiefer, Kehle und Brust löst. Ein guter Anfang sind 7 bis 10 Atemzüge in den einzelnen Haltungen. Mit der Zeit steigere dich in Richtung 15 bis 25 Atemzüge. Nach jeder Haltung pausierst du in Balasana (Stellung des Kindes) und ziehst dich ganz bewusst in deine Innenwelt zurück.

Beobachte genau, wie du dich beim Einnehmen und Auflösen der einzelnen Haltungen fühlst. Versuche, dem Drang zu widerstehen, dich in der Haltung zu korrigieren und herumzuzappeln. Statt dessen wandere mit deiner Aufmerksamkeit durch den gesamten Körper, ohne dich allzu lange an einer bestimmten Stelle oder bei einer besonderen Empfindung aufzuhalten. Und immer wieder kehrst du zum Atem zurück.

Aktive vs. passive Haltungen

Ein weiteres Forschungsfeld ist die unterschiedliche Reaktion auf eher aktive und eher passive Haltungen. Wenn du zum Beispiel in Adho Mukha Shvanasana (herabschauender Hund) oder Ardha Chandrasana (Halbmond) gegen die Schwerkraft arbeiten musst, wirst du vielleicht so etwas wie ein Verhärten und Zupacken deiner Sinne wahrnehmen. Achte besonders auf Spannungen in Zunge und Kiefer, entlang der Kehle, in den Augen und rings um sie herum, in den Ohren, entlang der Nase und in den äußeren und inneren Schichten der Haut. Vergleiche diese Empfindungen dann mit dem Weichwerden und Loslassen in der Stellung des Kindes.

Versuche, auch in aktiven Haltungen die Sinnesorgane zu entspannen, indem du dir vorstellst, du könntest die Spannung von außen nach innen hin schmelzen lassen. Lenke deine Aufmerksamkeit während der gesamten Praxis immer wieder auf diese Regionen und erinnere dich daran, sie weich werden zu lassen. Mit etwas Übung wird es dann schon genügen, die Aufmerksamkeit zu Augen, Ohren, Nase, Haut und Zunge zu lenken, um eine unwillkürliche Bewegung nach innen und ein Gefühl des Lösens und Weichwerdens hervorzurufen – und das nicht nur auf der Yogamatte, sondern auch im Alltag.

Mit dieser einfachen Übungssequenz kannst du Pratyahara üben und dabei den Körper bewusst einbeziehen:


Autorin Jennifer Rodrigue ist Yogalehrerin in San Francisco und war bis 2023 Redaktionsleiterin bei der amerikanischen Ausgabe des Yoga Journals.


Mit dem Thema Beruhigung der Sinne hat sich auch Rina Deshpande beschäftigt. Lies hier, wie du dadurch der Reizüberflutung im Alltag entgegenwirken kannst:

Svenja Bade – Yoga Vidya

Eine echte Yoga-Institution: Yoga Vidya ist nicht nur ein Yoga-Seminarhaus, sondern internationaler Treffpunkt für Yogabegeisterte weltweit. Kurse mit namhaften Forscher*innen und erfahrenen Praktizierenden geben tiefe Einblicke in Vedanta und andere yogische Schriften auf akademischem Niveau und für alle zugänglich. Wir freuen uns, dass Yoga Vidya auf der YogaWorld in Stuttgart wieder mit zwei Workshops dabei ist.

Über Svenja Bade

Seit über vier Jahren ist Svenja Teil der Yoga Vidya Gemeinschaft – ein Ort des Lernens, Wachsens und ErINNERns. Mit Musik und Intuition begleitet sie ihre Teilnehmenden in (yogatherapeutischen) Yogastunden oder Workshops auf der Reise zu sich. Ihr Herzensanliegen ist es, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem du dich frei fühlst und deine Masken fallen lassen und ganz du selbst sein kannst, dich erkunden kannst mit allem, was zu dir gehört.

Falls du mehr über Yoga Vidya und die Tradition von Swami Sivananda erfahren möchtest, besuche www.yoga-vidya.de oder @yogavidya_de

Mehr zu Svenja auf Insta @justaplantbasedgirl

Workshop: „Yogaflow ins Selbstvertrauen / in die Selbstliebe“

Ich lade dich ein, gemeinsam auf eine Reise zu gehen – eine Reise in dein Inneres. Zu deinem vollen Potenzial. Und damit meine ich nicht, die Version, die immer 100% gibt, sondern die Version, die voll und ganz an dich glaubt! Fließe in der Stunde durch deine Stärken und vielleicht begegnest du auch der ein oder anderen schweren Emotion. Alles darf sein!


Svenja Bade von Yoga Vidya auf der YogaWorld 2025 in Stuttgart:

Freitag, 25. April // 16:15 – 17:00 Uhr // Yogaflow ins Selbstvertrauen / in die Selbstliebe // Ganesha Yogaspace

Blindfold-Yoga: vertrauen, spüren, konzentrieren

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Beim Üben die Augen schließen, nach innen lauschen und dabei immer mehr in die Tiefe gehen – das kennst (und genießt) du sicher auch manchmal. Aber wie wäre es, mal eine ganze Sequenz zu üben, ohne dabei etwas zu sehen? Der Yogalehrer Marcel Clementi ist begeistert von Blindfold-Yoga. Hier zeigt er dir, wie das geht.

Text und Sequenz: Marcel Clementi, Fotos: Olivia Henningson

Diese einfache Sequenz für zuhause ist eine super Möglichkeit, sich mit Blindfold-Yoga vertraut zu machen, deine Sinne zu schärfen und nach innen zu lauschen.

Augen zu und los? Das solltest du vor der Blindfold-Yogapraxis beachten

  • Achte auf genügend Platz! Schiebe vorab alle Möbel zur Seite und checke, ob du Arme und Beine in alle Richtungen komplett ausstrecken kannst. So verhinderst du, dass du dich beim Üben stößt.
  • Wenn du gerne mit Musik übst, dann wähle für deine ersten Versuche lieber eine leisere, entspannte Musik, um dich nicht selbst in Unruhe zu bringen.
  • Sobald dir schwindelig wird oder du dich in irgendeiner Weise unwohl fühlst, nimm die Augenbinde ab und setze dich kurz auf. Du entscheidest selbst, wie lange deine Praxis dauert, setze dich also bitte nicht
    unter Druck.
  • Wenn sie sich ganz auf ihre eigenen Sinne verlassen, führen die meisten Yogis in meinen Blindfold-Stunden die Übungen sehr sicher und anatomisch richtig aus. Yoga-Neulingen, die die Übungen noch kaum kennen, würde ich aber eher empfehlen, die Augenbinde wegzulassen und in einzelnen Asanas die Augen zu schließen. Das ist auch eine gute Alternative, wenn du dich mit verbundenen Augen unwohl fühlst.
  • Und zuletzt: Mein Hund Akouna legt sich beim Üben immer gern auf meine Matte. Wenn ihr nicht beide einen Riesenschreck riskieren möchtet, dann mache die Türe lieber zu, damit sich dein Haustier nicht während der Praxis zu dir gesellt.

1. Meditation Pranayama

Yogalehrer Marcel Clementi teilt mit dir seine Blindfold-Yogapraxis
Yogalehrer Marcel Clementi teilt mit dir seine Blindfold-Yogapraxis

Wie in jeder Praxis ist es auch beim Blindfold-Yoga wichtig, sich etwas Zeit zu nehmen, um auf der Matte und im Üben anzukommen. Finde eine bequeme Sitzhaltung, lege die Augenbinde an und gewöhnen dich erst einmal an das Gefühl der Dunkelheit. Beobachte, welche Emotionen und Gedanken auftreten. Vielleicht spürst du Nervosität, Angst oder Orientierungslosigkeit. All das ist völlig normal. Richte deine Achtsamkeit auf deinen Atem. Atme gleichmäßig und tief und entspanne mit jeder Ausatmung deinen Körper. Spüre ausatmend den Boden unter dir. Nimm wahr, wie er dir Halt gibt. Einatmend spüre zu dem Raum hin, der dich umgibt und nimm wahr, wie du dich zu allen Seiten in ihn hinein ausdehnst. Bleibe bei dieser Atemmeditation – und allen weiteren Übungen – so lange du magst.

2. Katze-Kuh

Marcel Clementi Blindfold Yoga
Marcel Clementi Blindfold Yoga

Finde aus dem Sitzen langsam in den Vierfüßlerstand. Deine Finger sind gespreizt, deine Handgelenke, Ellenbogen und Schultern bilden eine senkrechte Linie. Das siehst du natürlich nicht, aber du kannst es spüren, wenn das Gewicht mittig auf die Handgelenke kommt. Beginne nun langsam im Rhythmus deines Atems die Wirbelsäule zu bewegen. Mit jeder Einatmung kippst du dein Becken in ein Hohlkreuz, hebst die Brust und den Kopf, mit jeder Ausatmung rundest die Wirbelsäule in einen Katzenbuckel und ziehst das Kinn zur Brust. Führe diese Bewegungen langsam und kontrolliert aus. Wenn du magst, füge nach einer Weile weitere Bewegungen hinzu: Mobilisiere zum Beispiel deine Handgelenke, lasse die Hüften kreisen oder drehe den Kopf. Erlaube dir zu tun, was auch immer sich gut anfühlt. Es ist egal, wie es aussieht. Es ist deine Praxis.

3. Balance im Vierfüßler

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Um ein erstes Gefühl für die Balance mit verschlossenen Augen zu bekommen, hebe im Vierfüßler einfach mal ein Bein. Versuche zu spüren, wie hoch du es bringen musst, damit das Bein genau hüfthoch, also in Verlängerung des Rückens ausgestreckt ist. Dann schiebe die Ferse fest nach hinten und aktiviere bewusst den Po. Als nächstes hebe den gegengesetzten Arm und strecke ihn auf Schulterhöhe nach vorne. Stelle dir vor, du würdest nach vorne und hinten in die Länge wachsen. Dabei halte die Beckenknochen auf gleicher Höhe, also parallel zur Matte. Spüre auch hier deinen Atem. Wenn es genug ist, senke Arm und Bein und spüre ein paar Atemzüge lang deine Mittelachse, bevor du die zweite Seite übst.

4. Kobra und heraufschauender Hund

Vom Vierfüßler aus finde langsam die Bauchlage. Wenn du magst, flechte dabei ein Chaturanga ein. Setze die Hände seitlich in Höhe der Brust auf und schiebe die Fußoberseiten fest in die Matte. Dabei aktiviere die Oberschenkelrückseiten und halte den unteren Rücken in einer neutralen Position. (Versuche, den Po möglichst locker zu lassen, dabei kommt oft ungute Spannung in den unteren Rücken.)

Mit der nächsten Einatmung hebe Kopf und Brust, ohne sich dabei mit den Armen zu stützen. Spüre, wie die ganze Kraft aus dem unteren Rücken kommt.

Wenn du dich bereit fühlst und deine Rückenmuskulatur aufgewärmt ist, kannst du von dieser der sanften Kobra-Variante in einen heraufschauenden Hund wechseln. Dazu drücke dich kraftvoll mit den Armen ab, löse die Knie vom Boden und hebe das Herz.

5. Herabschauender Hund

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Entweder, du entspannst kurz in der Stellung des Kindes, oder du schiebst dich direkt aus der Kobra beziehungsweise dem heraufschauenden Hund in den herabschauenden Hund. Dazu schiebe die gespreizten Hände fest gegen die Matte, hebe die Schultern und ziehe die Wirbelsäule lang. Die Knie dürfen gebeugt bleiben, nur wenn die Fersen mühelos den Boden berühren, strecke die Beine. Diese Haltung dient in deiner Praxis mit Augenbinde als sicherer Hafen. Hierher kannst du zurückkehren, wenn du dich verloren fühlst. Taste einfach mit Händen und Füßen nach dem Mattenrand und finde so zurück in die Mitte – nicht nur auf der Matte.

6. Ausfallschritt

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Mit der nächsten Einatmung hebe aus dem Hund ein Bein, mit der Ausatmung ziehe es nach vorn und platziere den Fuß so langsam und kontrolliert wie möglich zwischen deinen Händen. Lege das hintere Knie und den Fußrücken am Boden ab. Versuche in
diesem tiefen Ausfallschritt, den Oberschenkelknochen des vorderen Beins gerade nach vorne und das Knie senkrecht über dem Fußgelenk auszurichten. Keine Angst – mit etwas Achtsamkeit und Übung kannst du gut spüren, ob alles stimmt. Aus dieser Ausgangsposition kannst du nun die verschiedenen Variationen ausprobieren: Lasse das Becken sinken, um die Leisten zu dehnen. Dann schiebe den vorderen Fuß und das hintere Schienbein fest gegen die Matte und strecke Oberkörper und Arme lang nach oben. Du wirst merken: Durch die verbundenen Augen wird das zur Balance-Übung. Wenn du magst und dich sicher fühlst, stellst du irgendwann die Zehen des hinteren Fußes auf und versuchst dich am hohen Ausfallschritt.

7. Krieger III

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Stelle im tiefen Ausfallschritt die Zehen des hinteren Fußes auf und wandere mit den Händen nach vorn. Dann versuche, das hintere Bein von der Matte zu lösen und etwas anzuheben. Aus 5 Zentimeter wird irgendwann ein halber Meter, vielleicht bringst du das Bein bis auf Hüfthöhe (es darf auch gerne ein stehender Spagat sein). Verwurzele das vordere Bein gut am Boden und verbinde dich kraftvoll mit deiner Körpermitte, wenn du nun vorsichtig versuchst, deine Hände von der Matte zu lösen. Komme dazu zuerst auf die Fingerspitzen oder stütze dich auf zwei Blocks. Wackeln ist völlig okay! Schärfe deine Konzentration und dein Feingefühl immer weiter. Irgendwann wirst du auch mit verbundenen Augen die Balance im Krieger 3 halten können. Anschließend kehre in Zeitlupe zurück in den tiefen Ausfallschritt und von dort in den Hund, um schließlich das andere Bein nach vorne zu ziehen und die Abfolge Ausfallschritt-Krieger noch einmal seitenverkehrt zu üben.

Wenn du magst, schalte statt dessen ein ganzes Vinyasa mit Brett und Chaturanga dazwischen. Wenn du eine Pause brauchst, nimm kurz die Augenbinde ab, trinke vielleicht einen Schluck Wasser – und weiter geht’s!

8. Zwei extra Übungen für die Balance

Hast du Spaß an den „blinden“ Gleichgewichtsübungen bekommen? Dann kannst du die Sequenz an dieser Stelle noch durch eine oder zwei Herausforderungen ergänzen:

Baum

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Vielleicht hast du schon einmal versucht, im Baum die Augen zu schließen und weißt, wie schwierig das ohne Drishti (Blick) sein kann. Wenn du mit der Augenbinde übst, beginne damit, erst mal nur einen Fuß anzustellen. Erst wenn du dich hier sicher fühlst, versuche, den Fuß nach und nach höher ans Standbein zu legen. Mein Tipp: Lenke die Konzentration auf deine Standfläche: die Fußsohle. Wenn du merkst, du kippst nach vorne, drücke die Zehen fester gegen die Matte. Wenn du das Gefühl bekommst, nach hinten zu kippen, verstärke den Druck auf die Fersen. So kannst du dich gut ausbalancieren.

Krähe

Marcel Clementi Blindfold Yoga

So richtig kniffelig wird die Balance in den armgestützten Gleichgewichtshaltungen. Denke bitte nicht jetzt schon: „Das kann ich nicht!“ Viel zu oft höre ich diesen Satz in meinen Workshops. Du kannst viel mehr, als du glaubst! Schließlich erinnert sich dein Körper an Haltungen, die er schon viele Male ausgeführt hat. Vertraue ihm. Statik und Mechanik sind kein bisschen anders, nur weil die Augen zu sind! Mein Tipp: Taste dich langsam an die Krähe heran. Spüre den Halt von Händen, Armen und Rumpf, wenn du allmählich dein Gewicht weiter nach vorn verlagerst. Dann hebe zuerst einen Fuß ein paar Zentimeter von der Matte und dann den anderen. Du wirst sehen: Mit jeder Wiederholung klappt es besser!

Asana-Tipp: Die verspielte Variation der Krähe

9. Abschluss

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Beende deine Praxis in einer entspannten Sitzposition deiner Wahl. Nimm dir noch etwas Zeit, um die neuen Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten. Beobachte, was sich in deinem Körper, deiner Atmung und deinem Geist verändert hat. Spüre, welche Auswirkungen die Augenbinde auf deine Praxis hatte, auf deine Balance und auf deine Sinne. Anschließend nimm die Augenbinde langsam ab und gewöhne deine Augen behutsam wieder an das Licht. Vergiss nicht, dankbar zu sein – dankbar nicht nur für diese Praxis, mit der du dich selbst beschenkt hast, sondern auch dafür, dass du dich so einfach entscheiden kannst, die Welt nun wieder mit eigenen Augen zu sehen. Nicht alle Menschen können das.


Marcel Clementi Blindfold Yoga

Marcel Clementi lebt und unterrichtet in Innsbruck, ist aber auch auf Festivals und Workshops in vielen anderen Städten zu Gast. Vielleicht ist er auch einmal in deiner Nähe – oder du triffst ihn zu einem Online-Seminar. Termine und Infos findest du auf marcelclementiyoga.com, auf Instagram und Youtube.

#94 Die Macht der Intuition: Vertraue deiner inneren Stimme – mit Tobias Frank

Wie du durch intuitive Entscheidungskraft zu einem erfüllten Leben findest

In der Welt der Persönlichkeitsentwicklung und spirituellen Entwicklung ist der Satz „Vertraue auf deine Intuition“ allgegenwärtig. Doch was bedeutet Intuition genau und wie kann man lernen, ihr zu vertrauen? In dieser Folge des „YogaWorld Podcasts“ erforscht Gastgeberin Susanne Mors gemeinsam mit Seminarleiter und Buchautor Tobias Frank diese Fragen.

Tobias teilt seine Definition von Intuition, erklärt, wie und wo im Körper man sie spüren kann, und beschreibt, wie sie ihn durch seinen Alltag begleitet. Er betont die Bedeutung des Vertrauens in die Intuition, besonders in geschützten Räumen wie dem Yogaraum, und erörtert, warum so viele Menschen dazu neigen, ihrer inneren Stimme zu misstrauen.

Das Gespräch enthüllt faszinierende Zusammenhänge zwischen Mut und Intuition sowie Berührung und Intuition. Tobias bietet wertvolle Informationen und Tipps, um die Beziehung zur inneren Stimme zu stärken und erklärt, welche Rolle Yoga dabei spielt. Dabei spricht er auch ehrlich über Lücken in vielen Yogalehrer-Ausbildungen aus seiner Sicht.

Was ist Aerial Yoga?

Aerial Yoga

Yoga im Tuch erobert die Yogiherzen: Doch was ist Aerial Yoga eigentlich? Dabei handelt es sich um eine Asana-Praxis, die dich buchstäblich abheben lässt. Mit, am und im Yogatuch eröffnen sich neue Wege für das eigene Üben. Körper und Geist werden durch das Gefühl der Schwerelosigkeit immer wieder anders erlebt…

Text: Peter Schlösser, Titelbild: Vuk Saric via Canva

Tipp: Aerial Yoga auf der YogaWorld in Stuttgart erleben

Vom 5. bis 7. April 2024 kommen wir mit unserer 2-in-1-Messe YogaWorld und VeganWorld wieder nach Stuttgart. Und auch in diesem Jahr wird es wieder einen Aerial-Yoga-Bereich geben. Das Team vom Aerial Loft in Ludwigsburg bietet dort mehrmals täglich fünf unterschiedliche Workshop-Arten an:

  • Aerial Yoga (high flying)
  • Aerial Yoga (low flying)
  • Aerial Yoga & Akrobatik für Kids (Alter 6-13)
  • Aerial Sling
  • Aerial Yin Yoga

Egal, ob du noch nie Aerial Yoga ausprobiert hast oder ob du schon fortgeschritten bist, hier ist sicherlich auch für dich ein passender Workshop dabei. Auch Kinder von 6-13 Jahren dürfen hier in die Welt des Aerial Yoga eintauchen und zum Flug abheben.

WICHTIG: Für die Aerial Yoga Workshops benötigst du ein extra Ticket zusätzlich zu deinem Messe-Ticket!

Die Aerial Yoga Story

Aerial Yoga wurde von Christopher Harrison, einem amerikanischen Tänzer, Akrobaten und Yogi, begründet. Zunächst war sein Übungsprogramm nur für Athlet*innen gedacht. Nach und nach entwickelte Harrison mit seinem Aerial-Yogatuch dann einen neuen, massentauglichen Yogastil, bei dem sowohl herkömmliche als auch neue Haltungen am und im Tuch ausgeführt werden. Harrison ließ sich diese neue Yogaform 2007 als Antigravity® Aerial Yoga patentieren und begann, das „schwerelose“ Yoga an Yogastudios weltweit zu vermarkten. Das Konzept überzeugte und avancierte zu mehr als nur einem schnelllebigen amerikanischen Trend. Daher war es lediglich eine Frage der Zeit, bis diese neue Yogaform von Yogi*nis mit Pioniergeist in Europa entdeckt und adaptiert wurde. Die Offenheit für neue Übungswege, die Bereitschaft, bekannte Yogapfade zu verlassen und die natürliche Neugier der Yogis ermöglichten auch hierzulande das Entstehen einer Aerial Yoga Community.

Aerial Yoga
Foto: Vuk Saric via Canva

Schwerelosigkeit erfahren

Der menschliche Traum von Fliegen – ist es das, was Yogi*nis an Aerial Yoga reizt? Den festen Boden verlassen, neue Wege gehen, aufsteigen, abheben, Grenzen ausloten … Bestimmt! Gleichzeitig sind Yogi*nis immer auf der Suche nach etwas, das erdet, schützt und trägt, das ein Gefühl von Stabilität, Sicherheit und Vertrauen vermittelt – ganz egal ob im Alltag oder auf der Matte. Vielleicht ist es genau diese Balance zwischen Loslassen und Getragen-Werden, zwischen aufsteigender Leichtigkeit und stabilem Halt, die wir anstreben und in unser Innerstes übernehmen möchten. Und vielleicht ist es diese Balance, die auf magische Weise wie von selbst beim Aerial Yoga entstehen kann.

Aerial Yoga: Grenzen überschreiten

Man könnte wohl sagen, dass es beim Aerial Yoga unter anderem darum geht, Grenzen zu überschreiten, sich „zu trauen“ – um zu vertrauen. Hält mich das Tuch wirklich? Kann ich mein Gewicht einfach so an diesen (noch) fremden Helfer abgeben? Traue ich mir das zu? Vertraue ich meinem Lehrer oder meiner Lehrerin? Es sind die vielen kleinen, aber ganz neuen und ungewohnten Schritte, die man für sich selbst während einer Stunde Aerial-Yoga geht. Dem einen reicht es vielleicht schon, sich dem sanften Schaukeln des Tuches hinzugeben, wenn man wie in einen Kokon eingebettet im Schneidersitz im Tuch ankommt. Für eine andere ist es das atemberaubende Gefühl, kopfüber zu hängen – die Beine fest vom Tuch umschlungen – und alles einmal loslassen zu können.

Ein Yogastil – verschiedene Namen

Was in diesem Artikel zusammenfassend als Aerial Yoga bezeichnet wird, hat derzeit tatsächlich unterschiedliche Namen, etwa Anti-Gravity Yoga, Free Floating Yoga, Flying Yoga oder Gravity Yoga. Geübt wird dabei in Hammocks, Swings, Slings oder schlicht Tüchern. Obwohl es verwirrend viele Namen, unterschiedliches Equipment und verschiedene Vorgehensweisen gibt, ist die Basis bei allen Formen des Schwebenden, vom Tuch getragenen Yoga, gleich: Immer wird der Mattenboden verlassen und der Körper – im günstigsten Fall auch der Geist – gibt sich der Schwerelosigkeit eines Tuches hin. Aerial Yoga ist eine innovative Körperarbeit, bei der das Tuch als geniales Werkzeug eingesetzt wird, um sich getragen zu fühlen und dabei kreativ zu werden.

Aerial Yoga kann jede*r lernen

Eine genaue Abgrenzung zwischen den einzelnen Varianten des Stils gibt es nicht. Selbst eine grobe Klassifizierung ist so gut wie unmöglich, da Yoga im Tuch eine dynamisch-variable Yogapraxis ist, die sich auch von Lehrer*in zu Lehrer*in unterscheidet. Zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt ist es wohl wenig sinnvoll, diesen Stil in eine bestimmte Schublade zu stecken. Wer zum ersten Mal mit Aerial Yoga konfrontiert wird, fragt sich vielleicht: Kann ich das? Bin ich gelenkig genug? Habe ich die nötige Kraft? Ähnlich wie bei anderen Yogastilen sind solche Zweifel unbegründet. Beinahe jede*r, vorausgesetzt, er oder sie ist körperlich gesund, kann in die Aerial-Praxis einsteigen. Allerdings sollten Anfänger*innen darauf achten, die Grundtechniken bei einem*einer erfahrenen und gut ausgebildeten Aerial-Yogalehrer*in zu erlernen. Wer noch nie in einer Aerial-Stunde war, sollte zunächst einen speziellen Einsteiger-Workshop besuchen.

Aerial Yoga
Foto: Vuk Saric via Canva

Stufen der Praxis

Gerade beim Aerial Yoga gilt: Die Praxis richtet sich danach, wo der oder die Einzelne steht. Aerial Yoga kann und soll an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden. Während man bei anderen Stilen zwar die jeweiligen Asanas auf der Matte variieren kann, ermöglicht das Tuch Entfaltungsmöglichkeiten auf mehreren Ebenen. So kann man beispielsweise ruhig, sanft und achtsam in Bodennähe, mit dem Tuch in kniehoher Einstellung, üben. Dabei geht es einzig darum, das Gewicht abzugeben, das Tuch als Helfer für sanfte Dehnungen und loslassen einzusetzen, um bei sich selbst anzukommen.

Auf der anderen Seite bietet das Yogatuch, hüfthoch eingestellt, die Möglichkeit, akrobatischere Haltungen auszuprobieren und in die Welt von Flips und Co. einzutauchen, fast um sich ein wenig wie ein Artist des Cirque du Soleil zu fühlen. Doch selbst als reines Yogahilfsmittel zur Unterstützung bei der gewohnten Praxis entpuppt sich das Tuch als wahrer Allrounder: egal, ob bei intensiven Dehnungen oder kraftvollen Haltungen, ob bei Baddha Konasana oder den Varianten von Virabhadrasana – das geschickt positionierte Tuch unterstützt genau dort, wo wir mehr Halt brauchen.

Schwereloser Körper – leichter Geist

Je nach Schwerpunkt einer Aerial-Klasse kann die Praxis völlig unterschiedliche Wirkungen auf Körper und Geist haben. Je nachdem, wie man das Tuch einsetzt, kann man die Haltungen in neuen Variationen üben. Es kann beispielsweise als Support für ein tieferes Eintauchen in eine Dehnung dienen. Es kann ähnlich einer festen Stange eingesetzt werden, um gezielt verschiedene Muskelgruppen zu kräftigen. Sogar ein effektives Bizepstraining, das bei der Asanapraxis auf der Matte kaum zum yogischen Repertoire gehört, ist beim Aerial Yoga möglich.

Umkehrhaltungen im Tuch kinderleicht

Eine effektive Wirkung entsteht beim Aerial Yoga auch durch das beinahe kinderleichte Einnehmen verschiedener Umkehrhaltungen wie Kopf-, Hand- und Schulterstand. Das freie Kopfüberhängen fasziniert besonders Einsteiger*innen. Während wir als Yogi*nis auf der Matte oft Monate oder Jahre darauf hinarbeiten, Körper und Geist so vorzubereiten, dass wir frei und selbstständig in diese Inversions kommen können, bietet das Tuch hier interessante Unterstützung – sowohl für die Muskulatur als auch für „den Kopf“. Das erleichtert es, sich Schritt für Schritt spielerisch an die Umkehrhaltungen zu gewöhnen. Genialer Bonus: Der Kopf hängt frei nach unten, das heißt, es entstehen keine Kompressionen auf die Wirbelsäule, keine Fehlbelastungen für Nacken, Kopf und Schultern.

Aerial Yoga kopfüber
Foto: Vuk Saric via Canva

Neben der Kräftigung und Dehnung des gesamten Körpers bietet Aerial Yoga einen weiteren Vorteil: Es kann wie ein intensives Faszien-Training wirken. Im Aerial-Yogaunterricht kann das Tuch bewusst so eingesetzt werden, dass ganze Muskelketten in eine dynamische Dehnung miteinbezogen werden.

Aerial Yoga Tipps für Einsteiger*innen

Gerade als Einsteiger*in ist es wichtig, die Grundtechniken von einem*einer professionellen Aerial-Yogalehrer*in zu lernen, um Schritt für Schritt in die Grundbegriffe und Haltungen eingeführt zu werden.

Das brauchst du für Aerial Yoga

Das Aerial-Yogatuch besteht aus einem speziellen Nylonfasergemisch, das nur in eine Richtung dehnbar ist. Das Tuch kann mittels verschiedener Aufhängetechniken direkt an der Decke installiert werden, so dass das fließende Material frei in den Raum hinabfällt. Das Aerial-Yogatuch-Set besteht aus mehreren Teilen, die in ihrem Zusammenspiel schwereloses Üben möglich machen. Auf dem Markt haben sich verschiedene Installationssysteme bzw. -techniken etabliert, sodass die Aufhängung von Übungsraum zu Übungsraum variieren kann. An erster Stelle sollte dabei immer die Sicherheit stehen, das heißt, das System sollte optimal an die individuellen Raum- und Übungsmodalitäten angepasst sein.

Gerade Deckenhöhe und -beschaffenheit sind Kriterien, an denen sich die Wahl der Aufhängung orientieren muss. In der Regel besteht ein Aerial-Set aus einem Aerial-Yogatuch (auch bekannt als Hammock oder Sling), zwei O-Slings, zwei Karabinerhaken, zwei Daisy-Chains und zwei Deckenbefestigungen. Erst durch die Daisy-Chains werden verschiedene Einstellhöhen möglich. Die Preise für Aerial-Tücher und Komplett-Sets variieren je nach Anbieter und Technik der Aufhängung.


Der Autor Peter Schlösser ist Gesundheitsmanager, Diplomingenieur, Yoga-, Aerial Yoga- und Pilateslehrer. Zusammen mit Wolfgang Mießner verfasste er das Buch „Aerial Yoga. Schwerelos glücklich. Grundlagen und Übungen für Einsteiger“ (aktualisierte Neuauflage 2024, Scorpio Verlag). Co-Autorin Judith Schöffel ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin, Yogalehrerin und Aerial-Yogalehrerin. 

Yoga für ein heilendes Herz

Kissen Vorbeuge Yinyoga Kissen Yogaworld

Yoga kann das Herz weit machen und den Geist ruhig. Gerade in Zeiten von Verlust und echtem Herzensleid hilft uns die Praxis, emotional zu heilen. Sie schenkt uns inmitten von Trauer die nötige Kraft für den Alltag und öffnet uns für Vertrauen und Liebe.

Text: Shannon Sexton, Titelbild: Joe Hancock

Kennst du das Gefühl, in eine emotionale Achterbahn zu geraten? Einen Moment lachen wir noch mit unseren Lieben und im nächsten brechen wir in Tränen aus, weil wir uns an eine verstorbene Schwester erinnern oder an das schmerzliche Ende einer Beziehung. Ganz egal, ob du erst kürzlich einen einschneidenden Verlust erlitten haben oder ob ein alter, ungelöster Schmerz sich wieder meldet. Eine nährende, das Herz öffnende Yogapraxis kann helfen, die dunkelste Zeit des Jahres mit mehr Licht und Leichtigkeit zu meistern. Dieser Meinung ist auch Seane Corn, eine bekannte amerikanische Yogalehrerin, die seit vielen Jahren Workshops unter dem Titel „Yoga for Broken Hearts“ leitet. Mache hier ihre Mini-Practice für ein heilendes Herz. Sie sieht Yoga vor allem als eine wunderbare Form des „Für-sich-selbst-Sorgens“ – und die kann nach ihrer Überzeugung wirksam Trauer verarbeiten helfen und die emotionalen Batterien aufladen.

Verlust verarbeiten, am Schmerz wachsen

Dazu gehört es allerdings auch, ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum Verlust überhaupt so schmerzhaft ist. Auf einer rein physiologischen Ebene kann man ihn als eine Stressreaktion lesen: Dabei werden bestimmte Stoffe im Gehirn freigesetzt, die Ängste und Traurigkeit auslösen und zugleich für einen erhöhten Muskeltonus sorgen. Was dann häufig zu Verspannungen und einem Gefühl der Enge in der Brust führt. Aber natürlich gibt es noch eine Menge anderer Ebenen von Herzschmerz. Auf der psychologischen wirkt ein Verlust oft als große Verunsicherung, denn er stellt die eigene Identität und das Selbstwertgefühl in Frage. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr diesen Job ausübe? Wer kann mich lieben, wenn mein Lieblingsmensch mich nicht mehr liebt?

Illustration: Galyna P. via Shutterstock

Die gute Nachricht ist allerdings: Genau wie körperlicher Schmerz lässt auch seelischer mit der Zeit fast immer nach. Und bei dieser Heilung kann Yoga eine große Hilfe sein. Schon eine kurze, aber regelmäßige Asana- und Pranayama-Praxis wirkt stimmungsaufhellend und stabilisierend. Dass sie sogar Depressionen und Angstzustände lindern kann, gilt dank zahlreicher Untersuchungen mittlerweile auch wissenschaftlich als erwiesen.

Damit stärkt Yoga die natürliche Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, die dich in die Lage versetzt, deine Ressourcen gut zu nutzen, Krisen zu bewältigen und bestenfalls sogar durch sie zu wachsen. Meditation und die Beschäftigung mit den philosophischen Lehren des Yoga führen vielleicht sogar noch einen Schritt weiter als Asana und Pranayama allein. Beides hat das Potenzial, die Macht festgefahrener Denkmuster und Identifikationen aufzubrechen und Verbindung in einem viel weiteren Sinn zu schaffen, als zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Rollen das tun.

Heilendes Herz Meditation als Trauerpraxis

Aber selbst wenn es im Herzschmerz kaum denkbar ist, auf dem Meditationskissen oder der Yogamatte zu sitzen. Eine tägliche 15-minütige Auszeit ist fast immer möglich. Und das kann einen großen Unterschied machen. Aufgestaute körperliche und emotionale Energien werden freigesetzt und der Blick wird wieder freier für die positiven Aspekte deines Lebens. Seane Corn kann diese heilende Wirkung auch aus eigener Erfahrung bestätigen. Ihr Vater, den sie bis dahin als wichtigsten Freund und Mentor erlebt hatte, starb langsam an Nierenkrebs.

„Ich weiß nicht, wie oft ich an seinem Krankenhausbett stand und irgendwann merkte, dass ich unwillkürlich den Atem anhielt“, erinnert sich Corn. „Ich musste dann bewusst innehalten, tief durchatmen und mich meinen Gefühle stellen. Als er schließlich starb, war die Trauer so überwältigend, dass ich entweder hyperaktiv war oder völlig apathisch. Mir wurde klar, dass ich diesen Schmerz nicht rein auf der geistigen Ebene bewältigen konnte. Ich musste ihn auch körperlich verarbeiten.“ So entwickelte sie eine gezielte Trauerpraxis, die ihr half, den Körper zu erden. Dadurch löste sei versteckte Muskelspannungen und körperlichen und atmete emotionalen Schmerz im wahrsten Sinn des Wortes aus. Ihr Ziel war es, „die Energie im Fluss zu halten“. Deshalb hatten Depressionen keine Chance. Ihr Credo:

„Wenn wir dem Trauerprozess vertrauen und ihm Zeit geben, dann weitet sich die Trauer irgendwann zu einer Liebe, wie wir sie bisher vermutlich noch nicht gekannt haben.“

Nach innen gehen

Um Trauer zu bewältigen, braucht man innere Kraft und Vertrauen. Diese Übungssequenz von Seane Corn zielt darauf ab, die Herzgegend mit aktiven Rückbeugen und Drehhaltungen zu weiten und sie dabei mit Energie zu versorgen.


SHANNON SEXTON arbeitet als freiberufliche Autorin. Yoga, Gesundheit und spirituelles Leben sind ihre Schwerpunkte.

Gönn dir eine ganz besondere Auszeit im PFALZBLICK WALD SPA RESORT

Unser Job hat wirklich viele tolle Aspekte. Einer der besten ist, dass wir wunderbare Erholungsoasen kennenlernen dürfen, wie das PFALZBLICK WALD SPA RESORT im Herz des Dahner Felsenlandes. Warum wir dir diesen Ort ans Herz legen wollen? Weil dort nicht nur Aerial Yoga, Faszientraining und Vinyasa Flows für alle Level angeboten werden, sondern rund ums Jahr auch wirklich tolle Retreats stattfinden. //anzeige

Das exklusive 4*-Superior-Hotel PFALZBLICK WALD SPA RESORT gibt es zwar bereits seit über 30 Jahren, doch das Haus wurde nach dem Motto „Erholung ist, die Pause zelebrieren“ von 2018-2023 umfassend renoviert. Umgeben von dichten Wäldern und satten Wiesen liegt das Hotel mitten in einem 55.000 Quadratmeter großen Gartenareal. Und auch wenn Zimmer und Spa keine Wünsche offen lassen, muss ich zugeben, dass hier mein Lieblingsort ist: Der wunderschöne Naturbadeteich, umrandet von Holzterrassen, der Outdoor-Saunainsel und dem Panoramahaus mit ganzjährig beheiztem Infinity-Pool und Entspannungszonen – hier will ich bleiben.

Am schönsten präsentiert sich diese Ruhe-Oase frühmorgens, wenn die Sonne aufgeht, zarte Nebelschwaden über dem See aufsteigen, die Vögel sich begrüßen und die Luft nach frischem Wald riecht. Und in der Dämmerung … wenn die Lichter plötzlich angehen und das Außengelände zu leuchten beginnt.

Abschalten in der Mental-Wellnessoase

Lieblingsort Nummer Zwei ist die großzügige Spa- und Vitalwelt mit Indoor-Pool, Blütendampfbad, Dampfgrotte und einer Finnischen Panoramasauna mit tollem Blick auf den See und dem würzigen Duft von Heilkräutern. Besonders gern bin ich im Sanarium mit Vogelgezwitscher, Blätter- und Wasserrauschen und der etwas kühleren (60°) Waldsauna, wo auf einem Flatscreen Naturszenen gezeigt werden. Mag ich sehr …

Yoga im PFALZBLICK WALD SPA RESORT

Natürlich haben wir uns auch das Yogaprogramm ganz genau angesehen und waren überrascht, wie vielfältig das Angebot hier ist: Im dem großen neuen Yogaspace werden täglich Vinyasa Flows, Hatha Yoga, Aerial Yoga, Aerial Yin Deep, Yoga Flow on Beats, Yoga Nidra und Yin Yoga für alle Levels unterrichtet.

Bei schönem Wetter wird die Matte draußen am Wasser ausgerollt. Qi Gong, Klangschalen, Faszientraining und Fantasie-Zauberreisen sind das Tüpfelchen auf dem i. Wer intensiver einsteigen will, kann das bei den „Soul-Flow-Yogawochen“ und vielen Retreats mit externen Yogalehrenden tun:

  • Yoga Frühlings-Retreat „call it magic“, mit Fokus auf dem 5. Chakra, dem Kehlchakra
    11. bis 14. April 2024
  • Fly and Flow: Aerial & Vinyasa Yoga Retreat
    19. bis 21. April 2024
  • Anusara Yoga Retreat: Rücken-Yoga, bewusste Atmung und Wohlbefinden
    26. bis 28. April 2024
  • Inner Reset: Slow Yoga, Soundhealing und Wellness Retreat
    3. bis 5. Mai 2024
  • Yoga, Wellness und Wein Retreat 
    27. bis 29. September 2024
  • und noch viele mehr ….

Regionale Küche und elsässische Delikatessen

Für mich persönlich ist das kulinarische Angebot absolut entscheidend dafür, ob ich mich in meinem Urlaub rundum wohlfühle. Ich will mit gutem Gewissen genießen und Neues entdecken. In sechs verschiedenen Restaurant-Räumen komme ich da voll auf meine Kosten und kann mich von der gehobenen und zugleich bodenständigen regionalen Küche täglich überraschen lassen. Ein absolutes MUSS auf meinem Teller: die sensationell leckere Käseauswahl des elsässischen Maîtres Bernard Antony, der zu den führenden Käsespezialist*innen Frankreichs gehört. Für einen Käse-Liebhaber wie mich der Himmel auf Erden! Noch ein Tipp für alle Yogi*nis, die wie ich gerne guten Wein genießen: Bei der Weinverkostung mit dem hauseigenen Sommelier probieren wir uns durch wirklich edle Tropfen – die Vinothek hat 170 Spitzenweine zur Auswahl.

Wohnen mit Freiraum und Blick ins Grüne

Das PFALZBLICK WALD SPA RESORT bietet seinen Gästen auch in den neu gestalteten Zimmern großzügigen Freiraum und viel Licht. Die zwei Penthouse-Suiten „Traubennestl“ , die fünf neuen Spa-Suiten „Römerfels“ und die Family-Spa-Suite „Römerfels“ verfügen über einen eigenen Whirlpool auf dem Balkon oder der Terrasse sowie eine finnische Sauna, die auch als Infrarot-Kabine genutzt werden kann. Im eigenen Whirlpool auf dem Balkon zu sitzen und dabei den Blick über die grünen Waldwipfel schweifen lassen – das hat schon was … vor allem, nach einer langen Wanderung.

Und von denen gibt es hier wirklich einige. Das Resort ist der ideale Ausgangspunkt für Wander- und Radtouren durch den Pfälzerwald und die Nordvogesen, durch beeindruckende Buntsandstein-Formationen, historische Burgruinen (mein Favorit ist die beeindruckende Burgruine der Burg Drachenfels) und durch das Naturpark- und Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen. Oder du wanderst mit deiner Familie auf den Spuren vom Schlossgeist und den alten Sagen, die sich um die bizarren Felsformationen und um die zahlreichen Burgen des Naturparks Pfälzerwald ranken. Was mir als Mama von zwei Jungs übrigens besonders gut gefällt: Familien sind hier ausdrücklich willkommen.


Mehr Info: pfalzblick.de

#93 Der keltische Jahreskreis: Leben im Rhythmus der Natur – mit Beate Tschirch

So nutzt du das alte Wissen unserer Ahnen für dein persönliches Wachstum

Der keltische Jahreskreis mit seinen Festen ist mit der Christianisierung und dem Fortschritt der modernen Welt immer mehr in Vergessenheit geraten. In der modernen Spiritualität formiert sich jedoch ein Trend: Die Menschen möchten sich auf alte Bräuche zurückbesinnen und wünschen sich ein Leben im Einklang mit dem Rhythmus der Natur. Dass ein naturnahes Leben mehr und mehr verloren ging, ist verschiedenen Faktoren geschuldet. So sind wir zum Beispiel durch elektrisches Licht und Heizung und die Massenproduktion von Lebensmitteln immer unabhängiger von den Tages- und auch den Jahreszeiten geworden. Wieso es sich aber trotzdem lohnt, den Kontakt mit Mutter Erde und ihrem Rhythmus wieder zu suchen, erklärt Yogalehrerin und Cosmic Schamanin Beate Tschirch in dieser Folge YogaWorld Podcast.

Im Gespräch mit Gastgeberin Susanne Mors führt Beate durch den Jahreskreis mit seinen alten Festen und beschreibt die verschiedenen Energiequalitäten im Jahreslauf. Dabei lässt sie ihr fundiertes historisches und esoterisches Wissen einfließen. Beate erklärt, wie du mit kleinen Stellschrauben dein Leben mehr nach den natürlichen Rhythmen ausrichten kannst und gibt wertvolle Tipps, wie du das Wissen um den Jahreskreis gezielt für deine persönliche Entwicklung einsetzen kannst. Dabei können Rituale zu idealen Wegbegleitern werden – vorausgesetzt du beachtest einen wichtigen Punkt.

Für das aktuelle YogaWorld Journal hat Beate einen spannenden Begleitartikel zu den Jahreskreisfesten verfasst. Hier kannst du das Heft bestellen.