Gut gedehnt – PNF-Stretching mit Jelena Lieberberg

Jelena Lieberberg Pirformis-Stretch

Beweglichkeit und Stabilität – dass diese beiden zusammengehören und in einem gesunden Verhältnis stehen müssen, kann man nicht oft genug betonen. PNF-Stretching ist eine Methode aus der Sportmedizin, die auch Yogis und Yoginis einen neuen Blick auf das Thema Dehnung eröffnen kann. Jelena Lieberberg erklärt dir hier, worum es sich dabei genau handelt und zeigt dir einige Übungen.

Text: Jelena Lieberberg / Foto: Gordon Schirmer

Sicher kennst du dieses herrliche Gefühl von innerer Weite und Geschmeidigkeit nach der Yogapraxis. In meiner eigenen, fast 20-jährigen Praxis bin ich durch verschiedene Phasen und durch etliche Ups and Downs gegangen, die mich zu der Schülerin und Lehrerin geformt haben, die ich heute bin. Eine dieser Phasen, die sich nach den ersten paar Jahren Vinyasa-Praxis eingestellt hat, war das Gefühl des „Überdehnt-Seins“: Mein Körper fühlte sich instabil und wie ausgeleiert an.

In dieser Zeit habe ich Kraftsport und Kampfsport für mich entdeckt. Das hat mich gelehrt, dass es in Ordnung ist, etwas Beweglichkeit einzubüßen und dafür Stabilität zu gewinnen. Ich denke, das ist ein großes Thema, gerade für all die hyperflexiblen Yoga-Elfen unter uns. Inzwischen weiß ich: Dehnung geht auch anders, als wir das im Yoga häufig kennen – mit mehr Balance von Mobilität und Stabilität. Eine Methode, die ich in diesem Zusammenhang sehr überzeugend finde, ist PNF-Stretching.

Was ist das?

PNF ist eine physio- und ergotherapeutische Behandlungsmethode für Patient*innen, deren Bewegungsabläufe durch eine Erkrankung, Verletzung, Operation oder Degeneration gestört ist. PNF steht für Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation.

Propriozepiv bezieht sich auf das propriozeptive System, also auf die gesamte Sensorik, die uns hilft, unseren Körper bewusst wahrzunehmen und anzusteuern. Neuromuskulär meint das Zusammenspiel von Nerven, Muskeln und zentralem Nervensystem, und Fazilitation bedeutet kurz gefasst die Erleichterung von Bewegungsmustern. Die PNF-Methode wurde Ende der 1940er-Jahre von einem Team von Neurophysiologen entwickelt. Die Grundidee: Durch die gezielte Stimulation von Sensoren sollen neue, bessere Bewegungsmuster angebahnt und eingeübt werden.

PNF-Stretching ist eine neuere Weiterentwicklung der Methode, die aus der Sportmedizin stammt. Hier wenden wir die PNF-Techniken gezielt an, um in einer Kombination aus Anspannung, Entspannung und Dehnung einen zu dehnenden Muskeln nicht einfach nur mobiler zu machen, sondern auch Kraft in den Endbereichen der Dehnung aufzubauen.

Wie funktioniert das?

Im PNF-Stretching gibt es zwei Grundtechniken. Die erste Methode heißt „Contract Relax“ (CR). Dabei wird zunächst eine relativ bequeme passive Dehnung für 10–30 Sekunden gehalten. Danach spannt man den zu dehnenden Muskel mit einer sanften isometrischen Kontraktion an, je nach Größe der Muskeln zwischen 7 und 30 Sekunden lang.

Isometrisch bedeutet (im Gegensatz zu isotonisch), dass der Muskel in der Anspannung konstant gehalten wird und keine Bewegung erzeugt. Dafür drückst oder ziehst du den betreffenden Muskel in die entgegengesetzte Richtung als die, mit der du in die Dehnung gekommen bist. Danach wird wieder losgelassen (Relax-Phase) und 10 bis 45 Sekunden lang nachgedehnt. Dabei erreichst du typischerweise eine tiefere Dehnung. Diese Phasen können bis zu 3 Mal wiederholt werden.

Bei der zweiten Methode, „Contract Relax Antagonist Contract“ (CRAC), liegt der Fokus auf Muskelpaaren, die als Gegenspieler funktionieren: Während zum Beispiel der Bizeps den Arm beugt, bewirkt sein Antagonist, der Trizeps, die umgekehrte Bewegung, also die Streckung. Im PNF-Stretching arbeitet man damit, indem man, wie bei der CR-Methode zuerst eine statische passive Dehnung einnimmt und danach isometrisch kontrahiert. Nun wird entspannt, aber anstatt dann wieder von vorn zu beginnen, wird eine neue Phase hinzugefügt: Der zu dehnende Muskel entspannt, während sein Antagonist isometrisch kontrahiert.

Klingt kompliziert? Ist es aber nur in der Theorie. Versuch es einfach einmal.

Hamstring-Stretch: Dehnung der Oberschenkelrückseiten

Jelena Lieberberg Hamstring Stretch

1. Lege dich für das passive Dehnen auf den Rücken, stelle beide Füße an und ziehe als erstes dein rechtes Bein mithilfe eines Gurtes gestreckt zu dir heran. Gehe dabei nur so weit in die Dehnung, dass du zwar einen Widerstand spürst, dieser aber noch mild und gut auszuhalten ist. Du kannst dabei das linke Bein angewinkelt aufstellen oder ausstrecken.

2. Drücke nun in der Contract-Phase deinen rechten Fuß 10–20 Sekunden lang aktiv gegen den Gurt. Lasse danach los.

3. Bewege jetzt zum Aktivieren des Antagonisten deinen rechten Fuß vom Gurt weg und zum Körper hin, arbeite dabei nur aus der Kraft deines Beins und nicht mithilfe der Hände. Halte diese Spannung 10–20 Sekunden lang. Lasse danach los.

4. In der Relax-Phase versuchst du, ob du die Position vertiefen kannst, indem du wieder bewusst loslässt. Wiederhole das Ganze auf der anderen Seite.

Piriformis-Stretch: Gesäß-/Piriformisdehnung im Drehsitz

Jelena Lieberberg Piriformis-Stretch

1. Richte den Drehsitz mit einer moderaten Dehnung ein: Der rechte Fuß steht außen am linken Oberschenkel, du richtest die Wirbelsäule auf und drehst den Oberkörper aus eigener Kraft (ohne mit den Armen zu hebeln) behutsam nach rechts. Dabei darf der rechte Sitzknochen abheben. Spüre hin, wo im Körper du in dieser Position Dehnung wahrnehmen kannst. Wir wollen hier mit der einfachen CR-Methode den birnenförmigen Muskel (Piriformis) ansprechen.

Er liegt unter dem großen Gesäßmuskel und verläuft quer vom Kreuzbein zum Oberschenkelkopf. Da er an fast allen Beinbewegungen beteiligt ist, hat er häufig einen hohen Tonus, ist verdickt oder verkrampft und kann auf den Ischiasnerv drücken.

2. Lege beide Hände außen an das aufgestellte Bein, übe mit dem Bein 10 Sekunden lang Druck gegen die Hände aus und leiste mit den Armen Widerstand (Contract-Phase).

3. Lasse diese Spannung bewusst wieder los und spüre, ob du tiefer in die Dehnung hineinkommst. Dabei drehst du nicht unbedingt intensiver, sondern du bewegst angestelltes Bein und Oberkörper dichter zueinander. Anschließend wiederholst du die drei Übungsschritte auf der anderen Seite.

Jelena Lieberberg Pirformis-Stretch

Couch-Stretch: Dehnung der Oberschenkelvorderseiten

Jelena Lieberberg Sofastretch

1. Auch beim Couch-Stretch beginnen wir mit der passiven Dehnung. Dafür legst du deine Matte vor dein Sofa und richtest dir den tiefen Ausfallschritt so ein, dass du dein hinteres Bein anwinkeln und dabei den Fußrücken entspannt am Polster anlehnen kannst. Die Hände kannst du am Boden oder erhöht auf Blocks aufsetzen.

2. Ziehe nun in der Contract-Phase aktiv dein hinteres Knie gegen den Widerstand der Matte nach vorne. Es bewegt sich dabei nicht wirklich (isometrische Kontraktion). Halte diese Spannung 10–20 Sekunden lang. Dann löst du die Kontraktion möglichst vollständig.

3. Um nun aktiv die Gegenspieler-Muskeln, nämlich die Beinrückseiten, zu aktivieren und dadurch die Dehnung der Oberschenkelvorderseiten zu intensivieren (Antagonist Contract), drückst du den hinteren Fuß gegen das Sofa und schiebst dabei gefühlt das Becken nach vorne.

4. Wenn du die Anspannung jetzt bewusst wieder loslässt, kannst du spüren, ob dich dein Atem tiefer in die Dehnung der Oberschenkelvorderseite bringen kann. Lass dir Zeit. Dann löst du die Haltung auf und wiederholst die Übung auf der anderen Seite.

Frog-Stretch: Dehnung der Oberschenkelinnenseiten

Jelena Lieberberg Frogstretch

1. Richte die Froschhaltung so ein, dass du eine moderate Dehnung an deinen Beininnenseiten spürst – je weiter der Abstand der Knie, desto intensiver wird sie. Achte dabei darauf, dass deine Knie nicht schmerzen. Zum einen kannst du eine Decke unterlegen, viel wichtiger aber ist, dass du zu ihrem Schutz die Zehen Richtung Knie ziehst.

Die Unterschenkel sind etwa parallel zueinander ausgerichtet, das Becken sinkt mittig zwischen den Knien nach unten.

2. Ziehe jetzt für die Contract-Phase deine Oberschenkelinnenseiten aktiv zueinander. Du kannst dir dazu vorstellen, dass sich die Knie wie durch den Boden zur Mitte hin bewegen wollen – obwohl sie sich nicht von der Stelle rühren. Halte diese Spannung 10 Sekunden lang, dann löst du sie bewusst und möglichst vollständig.

3. Um die Antagonisten der Oberschenkelinnenseiten, nämlich die Oberschenkelaußenseiten, zu aktivieren (Antagonist Contract), stellst du dir vor, deine Knie nach außen hin vom Boden abheben zu lassen. Auch diese Aktivität hältst du etwa 10 Sekunden lang.

4. In der abschließenden Relax-Phase lässt du wieder alle Anspannung los. Dein Becken darf sinken und du kannst, wahrnehmen, ob du mithilfe der PNF-Technik deinen Frosch auf ausgewogene Weise vertiefen kannst. Anschließend lockerst du die Beine, zum Beispiel indem du sie in Rückenlage nach oben streckst und ausschüttelst.


Jelena Lieberberg kennst du sicher aus ihrer Kolumne „Dies. Das. Asanas„, in der die Yogalehrerin, Heilpraktikerin und Osteopatin in jedem Heft innovative Variation zu beliebten Asanas vorstellt – nicht ohne Grund eine der beliebtesten (und die am längsten laufende!) Artikelreihe unseres Magazins. Ihre eBooks, Retreats und Workshops findest du unter kickassyoga.com oder besuche Jelena auf Insta @kickassyoga.


Jelena Lieberberg war vor einiger Zeit auch bei uns im Interview:

#117 Dharma verstehen: Lebensführung im Einklang mit der kosmischen Ordnung – mit Petros Haffenrichter

Die Bedeutung von Dharma für die Suche nach der eigenen Lebensaufgabe und ein ethisches Leben

In dieser Folge „YogaWorld Podcast“ steht das faszinierende Thema Dharma im Mittelpunkt, ein Konzept, das tief in der indischen Philosophie verankert ist. Gemeinsam mit Yogalehrer und Philosophie-Experte Petros Haffenrichter erkundet Gastgeberin Susanne Mors die verschiedenen Facetten dieses Begriffs, der als Leitfaden für ein ethisches und moralisch erfülltes Leben dient.

Petros beleuchtet zunächst den Begriff Dharma seiner Herkunft nach und erklärt, wie man ihn als Prinzip einer kosmischen Ordnung verstehen kann. Petros teilt wertvolle Einblicke in die Bedeutung von Dharma im Alltag und erklärt, wie wir unser persönliches Dharma – unsere Lebensaufgabe – finden können. Dabei zeigt er auf, welche Rolle Dharma in der sozialen Verantwortung von Yoga-Praktizierenden spielt. Er geht auf die Yamas und Niyamas ein, die ethischen Grundprinzipien des Yoga, und zeigt, wie diese unabhängig von kulturellen oder religiösen Hintergründen anwendbar sind.

Zudem spricht Petros über die Herausforderungen, die bei der Umsetzung der Yamas und Niyamas im eigenen Leben auftreten können, und wie er diese überwunden hat. Er erklärt, wie die Praxis dieser Prinzipien das Verständnis von Dharma vertieft, wie die Yogapraxis das Bewusstsein für Dharma in unserer modernen Gesellschaft stärken kann und welche Bedeutung dieses Konzept in einer globalisierten Welt hat. 

Lass dich inspirieren, dein Leben im Einklang mit den yogischen Werten zu gestalten. Vielleicht kann dir dieses tiefgründige Gespräch dabei helfen, dein eigenes Dharma, dein Svadharma zu entdecken und zu leben. 

„Guide Yourself Home“: 4-Wochen-Challenge – Modul 2. Cleansing

Räuchern: Reinigung

Jetzt wollen wir innerlich aufräumen, Altes loslassen und Raum schaffen für das Neue. Dabei hilft uns bewusste Reinigung. Dieser Prozess erfordert Mut und verläuft nicht immer linear. Sei in dieser Zeit besonders liebevoll und achtsam mit dir. Hier kommst du zum Hauptartikel.

Text und Programm: Daniela Mühlbauer / Fotos: Sonja Netzlaf / Titelbild: PamWalker68 von Getty Images via Canva / Outfits: OGNX & Privat

Energetische Reinigung

Daniela Mühlbauer - Cleansing

Unser gesamtes Universum, alles Leben und wir selbst bestehen aus Energie. Im Yoga sprechen wir von Prana. Es gibt keine gute oder schlechte Energie, sondern nur verschiedene Schwingungszustände. Wenn die Lebensenergie frei in uns fließt, dann sind Körper und Geist gesund. Wenn sie stagniert, schwach fließt oder aus der Balance gerät, dann kann das auf physischer, spiritueller und/ oder emotionaler Ebene zu Krankheitssymptomen führen. Auch Räume können solche Energien aufnehmen und unser Empfinden beeinflussen.

Praxis: Räuchern ist eine wundervolle Methode, die schon seit jeher zur Reinigung, Heilung und spirituellen Verbindung eingesetzt wird. Besonders klärend wirken dabei Palo Santo und weißer Salbei.

Mentale Reinigung

Jeden Tag sind wir Tausenden von neuen Eindrücken ausgesetzt, die unseren Geist in ständiger Aktivität halten – meistens völlig unbewusst. Oftmals sind es nebensächliche, flüchtige Gedanken, die sich immer wiederholen. Vielen Menschen fällt es immer schwerer, zur Ruhe zu kommen. Der erste Schritt ist dabei oft der schwierigste: Sich dieser mentalen Bewegungen überhaupt bewusst zu werden. Das üben wir im Yoga nicht nur während der Meditation, sondern auch in der Asana-Praxis.

Praxis: Wähle eine Meditationstechnik, die gut für dich funktioniert. Wenn du bisher nicht regelmäßig meditierst, beginnst du jetzt mit kurzen Einheiten von 5 Minuten und versuchst, dich nach und nach zu steigern.

Physische Reinigung

Der Begriff Detox wird leider ziemlich inflationär verwendet.Tatsache ist: Der Körper reinigt sich selbst schon sehr gut. Dennoch kennen wir aus dem Yoga und Ayurveda eine Reihe von wirksamen Techniken, die uns dabei unterstützen, Schadstoffe und Schlacken schneller auszuleiten und so Überlastung und Stagnation entgegenzuwirken.

Praxis: Im Yoga gibt es sechs wichtige Reinigungshandlungen (Kriyas): Basti (Einlauf), Kapalabhati (Feueratmung), Jala Neti (Nasen- dusche), Dhauti (Mundreingung), Nauli (rhythmische Bauchmassage) und Trataka (Kerzenmeditation).

Pranayama-Tipp: Bewegtes Kapalabhati

Daniela Mühlbauer - Cleansing Yogasequenz

Bei dieser reinigenden Atemübung stoßen wir die Luft geräuschvoll durch die Nase aus und lassen die Einatmung nur passiv geschehen, indem wir den Bauch loslassen. Hier verstärken wir den Effekt der Technik durch Bewegung: Strecke in einem breitbeinigen Stand einatmend die Arme nach oben aus. Mit jeder Ausatmung ziehst du einen Ellenbogen und das entgegengesetztes Knie diagonal zur Körpermitte und stößt dabei die Luft durch die Nase aus. (3 Runden à 15 Atemzüge)

Deine Yogapraxis

Daniela Mühlbauer - Yogasequenz Cleansing

Um dich zu reinigen, ist es wichtig, dass du in die Bewegung kommst, die Energien ankurbelst und dein inneres Feuer (Agni) entfachst.

  • Dynamische Flows wie der Sonnengruß bringen dich in Schwung.
  • Drehhaltungen und Rückbeugen eignen sich besonders gut zur reinigenden Energetisierung.
  • Achte während der Asana-Praxis auf eine fließende, tiefe Atmung.
  • Nachdem du dich ausreichend bewegt hast, lässt du Körper und Geist zur Ruhe kommen mit Pranayama und Meditation

Praxis-Spotlight: Abklopfen und Schütteln

Daniela Mühlbauer: Reinigung

Beginne in einem stabilen Stand, deinen Körper von oben bis nach unten mit den Handflächen oder Fingerkuppen abzuklopfen. Variiere dabei die Intensität und spüre nach. Anschließend schüttelst du dich kraftvoll aus. Dabei bewegst du vor allem Füße und Beine und lässt den gesamten Körper locker folgen. Verspannungen und Verfestigungen körperlicher und psychischer Art werden so wortwörtlich aufgerüttelt und es entsteht ein Gefühl von Leichtigkeit und Freude. Lass dich frei in deiner Bewegung: Du kannst nichts falsch machen.
Tipp: Noch mehr Spaß macht es mit Musik!

Daniela Mühlbauer - Cleansing
  • Was zieht mir Energie ab?
  • Welche Angewohnheiten möchte ich loslassen?
  • Wo gilt es aufzuräumen, um zu mehr Klarheit zukommen und Freiräume zu gewinnen?

Hier kommst du zu Modul 3.


Daniela Mühlbauer ist Advanced Yoga Teacher, Tanzkünstlerin und Sozialpädagogin. Sie bildet angehende Yogalehrer*innen aus und veranstaltet Workshops und Retreats für Vinyasa-Yoga und Yoga Flow Dance. Zudem ist sie als Dozentin für kulturelle Bildung und Tanzpädagogik an der Hochschule München tätig. Weitere Angebote für Yoga- und Tanzstunden findest du auf ihrer Website.

„Guide Yourself Home“: 4-Wochen-Challenge – Modul 4. Integration

Etwas zu integrieren, heißt, es langfristig zu verankern und im Alltag zu leben. Es gehört zum Leben dazu, dass wir vom Weg abkommen oder die Orientierung verlieren. Wenn wir etwas aber tief verankert haben, ist es auch in Momenten der Unsicherheit greifbar und kann uns helfen, zurück zur eigenen Vision zu finden.

Hier kommst du zum Hauptartikel (und zu Modul 1 bis 3).

Text und Programm: Daniela Mühlbauer / Fotos: Sonja Netzlaf / Outfits: OGNX / Privat

Neue Routinen

Routinen helfen uns, jeden Tag unsere Ziele zu verfolgen, ohne immer wieder Entscheidungen zu treffen. So nehmen sie Stress aus dem Alltag und schenken uns mehr Zeit zum Entspannen. Damit du die Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen nicht aus den Augen verlierst, ist es wichtig, sie in konkrete Handlungen zu übersetzen:

Was ist dir klar geworden – und wie kannst du es in deinem Alltag verankern?

Vielleicht ist es die morgendliche Asana-Praxis zu einer festen Zeit, vielleicht das abendliche Reflektieren und Tagebuch-Schreiben – oder etwas ganz anderes, das deine Vision spiegelt und dich trägt. Wenn du es regelmäßig tust, bildet sich ein stabiles Flussbett, durch das du mit dem Fluss des Lebens fließen kannst. Wichtig ist, dass du deine Routinen immer wieder deinem Leben anpasst und dir auch eine gewisse Freiheit lässt, damit sie nicht zu einem zusätzlichen Stressfaktor werden.

Deine Yogapraxis

In dieser Zeit geht es um Fokus, innere Kraft und Ausrichtung. Dabei helfen dir Haltungen, die deine Körpermitte kräftigen und deine Konzentration fördern, vor allem

  • kraftvolle Stehhaltungen wie die drei Varianten des Kriegers
  • Balance-Haltungen wie der Halbmond
  • Core-Übungen wie das Boot

Praxis Spotlight: Shavasana

Daniela Mühlbauer: Shavasana

Shavasana hilft uns zum Abschluss einer Asanapraxis, vollständig loszulassen und das zu integrieren, was Körper und Geist während des Übens erfahren haben. Diese Integration in der tiefen Entspannung kannst du nicht nur nach dem Yogaüben nutzen, sondern auch in deinem Entwicklungsprozess.

Schaffe immer wieder Momente des Nichtstuns, der Entspannung und des Annehmens dessen, was ist. Lege dich flach auf den Rücken, lass alles los, atme, spüre … und stehe erst wieder auf, wenn du sicher weißt: Es ist angekommen.

Pranayama-Tipp: Ujjayi-Atmung

Ujjayi (der Meeresrauschen-Atem) regt zugleich an und wirkt beruhigend auf unser Nervensystem.

Finde dazu eine bequeme Sitzposition und atme zunächst einfach nur ruhig durch die Nase ein und aus. Beginne dann, sanft deine Kehle zu verengen, bis du ein Rauschen im Rachen erzeugst. Finde einen gleichmäßigen, ruhigen Atemrhythmus und lausche diesem ruhigen Meer in dir 3–5 Minuten lang.

Daniela Mühlbauer: Modul 4 Journaling
  • Welche Glaubenssätze halten mich zurück?
  • Welche Routinen können mir helfen, meinen Herzenswünschen nachzugehen?

Extra: Klangreise

Passend zu diesem Programm und seinen vier Modulen hat unsere Autorin diese Playlist für euch zusammengestellt. 

Du hast den Anfang verpasst? Kein Problem, starte jetzt mit Modul 1.


Daniela Mühlbauer ist Advanced Yoga Teacher, Tanzkünstlerin und Sozialpädagogin. Sie bildet angehende Yogalehrer*innen aus und veranstaltet Workshops und Retreats für Vinyasa-Yoga und Yoga Flow Dance. Zudem ist sie als Dozentin für kulturelle Bildung und Tanzpädagogik an der Hochschule München tätig. Weitere Angebote für Yoga- und Tanzstunden findest du auf ihrer Website.

„Guide Yourself Home“: 4-Wochen-Challenge – Modul 3. Vision

Daniela Mühlbauer: Vision

In dieser Phase geht es darum, dir Klarheit zu verschaffen über deine Vision. Die eigene Vision zu kennen, ist ein sehr kraftvoller Schritt, denn sie dient uns als Wegweiser und schenkt uns eine grundlegende Orientierung. So können wir unsere nächsten Schritte bewusster gehen und unsere Ziele konkreter formulieren.

Hier kommst du zum Hauptartikel (Modul 1 und Modul 2).

Text und Programm: Daniela Mühlbauer / Fotos: Sonja Netzlaf / Outfits: OGNX / Privat

Tipp: Vision Board

Daniela Mühlbauer: Visionboard

Mit dieser Technik findest du äußere Bilder für das, was deine innere Vision ausmacht. Dabei kannst du mit verschiedenen Mitteln arbeiten: Karten-Sets, alten Fotos, Kunstpostkarten, Zeitschriftenbildern, Federn, Muscheln oder Perlen oder ganz einfach Buntstiften …

So gehst du vor

Richte alle Materialien her und schaffe dir einen schönen Platz. Beginne mit einer Meditation oder chante deine Lieblings-Mantras. Nimm dir dann Zeit, um die Leitfragen tief in dein Herz einsinken zu lassen. Sei offen, für alles, was kommt – und bring es dann in eine sichtbare Form. Das Ergebnis kann eine bleibende Collage zum Aufhängen sein oder auch eine Ansammlung von Karten und Dingen, die du nur fotografierst.

  • Wohin zieht es mich jetzt?
  • Was hat mich als Kind begeistert?
  • Was berührt mein Herz?

Deine Yogapraxis

Daniela Mühlbauer: Yoga-Vision

Wohin dein Weg dich führt, weiß dein Herz am besten. Deshalb zielt die Praxis auf die Herzöffnung (Anahata Chakra) ab. Zugleich sollte sie dein Selbstvertrauen stärken (Manipura Chakra). Das erreichst du mit einem herzöffnenden Flow aus Rückbeugen und kräftigenden Balance-Haltungen wie diesen:

  • Anahatasana
  • Katze mit Knie heben
  • Sitzender Adler
  • Kamel
  • Seitstütz mit gehobenem Knie
  • Wild Thing

Praxis-Spotlight: Herzmeditation

Daniela Mühlbauer: Vision

In dieser viergliedrigen Atemmeditation können wir uns bewusst mit unserer Anahata-Energie und unserem Herzen verbinden. Besonders schön ist die Kombination mit dem Lotos-Mudra.

• Atme über deine Wurzeln tief ein und über dein Herzzentrum aus.
• Atme über deine Herzzentrum ein und über deine Krone aus.
• Atme über deine Krone ein und über dein Herzzentrum aus.
• Atme über dein Herzzentrum ein und über deine Wurzeln aus.

Wiederhole diese Abfolge mindestens 5 Minuten lang.

Hier kommst du zu Modul 4.


Daniela Mühlbauer ist Advanced Yoga Teacher, Tanzkünstlerin und Sozialpädagogin. Sie bildet angehende Yogalehrer*innen aus und veranstaltet Workshops und Retreats für Vinyasa-Yoga und Yoga Flow Dance. Zudem ist sie als Dozentin für kulturelle Bildung und Tanzpädagogik an der Hochschule München tätig. Weitere Angebote für Yoga- und Tanzstunden findest du auf ihrer Website.

Die einzigartigen Yogatage im Gasteinertal – wir waren dort!

Yogaherbst Gastein Fia Sonora

Seit Jahren berichten wir im Print-Magazin und in unseren Online-Formaten begeistert von den Yogatagen in Gastein. Schließlich kam uns im Gespräch mit deren Organisatorin Fia Sonora auf der letzten YogaWorld-Messe in Stuttgart die Idee, anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Yogafrühlings wieder selbst dabei zu sein. Gesagt, getan – knapp zwei Monate später befand sich Online-Redakteurin Daniela inmitten des idyllischen Gasteinertals, umgeben von einem atemberaubenden Bergpanorama. Was sie am letzten Wochenende des Yogafrühlings dort alles erlebt hat, berichtet sie euch hier … //anzeige

Titelbild: Gasteinertal Tourismus GmbH / Michael Königshofer

Doch erstmal vorneweg: Was sind überhaupt die Yogatage sind Gastein? Hier gibt es zum einen den „Yogafrühling“ und zum anderen den „Yogaherbst“. Beide Events finden jährlich statt und erstrecken sich jeweils über zehn Tage. An diesen Tagen stehen die drei Ortschaften des Gasteinertals – Bad Hofgastein, Bad Gastein und Dorfgastein – ganz im Zeichen von Yoga. Es werden täglich bis zu 30 Yogaeinheiten angeboten, aus denen man sich sein ganz individuelles Programm zusammenstellen kann. Dabei gibt es eine riesige Palette unterschiedlicher Stile und Lehrer*innen.

Abgerundet wird das Programm durch Highlight Workshops, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Beim vergangenen Yogafrühling vom 24. Mai bis 2. Juni 2024 gab es zum Beispiel eine Full Moon Opening Ceremony mit Fia Sonora, vier verschiedene Workshops mit Marcel Clementi sowie den Workshop „Vocal Odyssey“ und ein Jubiläumskonzert mit der Musikerin Nessi Gomes. Doch dazu später mehr.

Und auch das Programm des kommenden Yogaherbstes vom 18. bis 27. Oktober 2024 lässt keine Yogi-Wünsche offen: Zu den Highlights zählen mehrere Jivamukti Yoga Workshops mit Petros Haffenrichter, eine Vollmondwanderung, eine Closing Ceremony mit Alina Lutz, Fia Sonora und Yann Kuhlmann und vieles mehr!

Yoga am Berg Stubnerkogel in Gastein
Yoga mit einzigartiger Kulisse auf der Aussichtsplattform am Stubnerkogel. Foto: Gasteinertal Tourismus GmbH / Marktl Photography

Die Workshops finden zum Großteil in den Yogaräumen der einzelnen Partnerhotels statt. Es gibt aber auch Yogaklassen an ganz besonderen Kraftplätzen in der Natur, wie zum Beispiel „Yoga am Berg“ vor der Kulisse der majestätischen Gipfel des Nationalparks Hohe Tauern, neben einem Wasserfall, am Waldrand oder auf der grünen Wiese des Kurparks. Doch ausgerechnet an dem Wochenende, als ich vor Ort war, hat es sehr viel geregnet. Das Wetter wollte wohl, dass ich mich voll und ganz auf das Indoor-Programm konzentriere. ;-) Das war aber gar kein Problem, denn das Programm ist so bunt und vielfältig, dass ich ganz und gar nicht das Gefühl hatte, etwas verpasst zu haben.

Tag 1: Aqua Yoga zum Ankommen

Nachdem ich im stylischen Hotel Blü in Bad Hofgastein eingecheckt und mich dort mit einem herrlichen veganen Abendmenü gestärkt hatte, ging es am selben Abend direkt los zum Aqua Yoga bei Natali Hann. Der Kurs fand in der Felsentherme in Bad Gastein statt und war für mich als Wasserratte ein ganz persönliches Highlight. Wassergymnastik und SUP Yoga kenne ich, aber Yoga direkt im Wasser? So richtig vorstellen konnte ich mir das vorab nicht, als ich vor meinem inneren Auge den Sonnengruß im und unter Wasser durchgegangen bin. Und wie vermutet waren vermeintliche Kopf-unter-Wasser-Haltungen wie der herabschauende Hund nicht im Programm, sondern der Fokus lag eher auf Standhaltungen und Balancen. Und beim Krieger im Wasser die Balance zu halten, war gar nicht mal so einfach! Richtig toll fand ich die Partnerübungen, insbesondere als wir uns in einer Art Shavasana auf der Wasseroberfläche treiben ließen und dabei von der Partnerin gehalten und durchs Wasser bewegt wurden.

Foto: Felsentherme Bad Gastein / Fotoatelier Wolkersdorfer

Und wo wir schon beim Thema Wasser sind: Das spielt nämlich im Gasteinertal eine ganz besondere Rolle. Denn täglich sprudeln fünf Millionen Liter wertvolles Thermalwasser aus insgesamt 18 Quellen in Bad Gastein. Ein Besuch in der Felsentherme in Bad Gastein und in der Alpentherme in Bad Hofgastein gehören daher während eines Ausflugs ins Gasteinertal mit ins Programm. Und was gibt es Schöneres als zwischen den Yogaeinheiten im Thermalwasser zu baden oder den ein oder anderen Saunagang zu machen?

Tag 2: Erforschen der Schwerkraft und der eigenen Stimme

Mein nächster Tag startete mit einer Yogastunde bei Fia Sonora direkt bei mir im Hotel Blü: Budokon Yoga und Mobility standen auf dem Programm mit dem Titel „Inverting and Defying Gravity together“. Wo ich Hand- und Kopfstände erwartete, bekam ich stattdessen eine kreative Session mit Mobilitätsübungen und spannenden Bewegungsabfolgen, die teils von Martial Arts wie Jiu Jitsu inspiriert waren. Es hat richtig viel Spaß gemacht, Neues auszuprobieren und die Möglichkeiten des eigenen Körpers im Zusammenspiel mit der Schwerkraft zu erforschen!

Podcast-Tipp: Was ist Budokon Yoga? – mit Fia Sonora

Das nächste Highlight an diesem Tag war der Stimm-Workshop „Vocal Odyssey“ mit Nessi Gomes, auf den ich besonders hingefiebert hatte. Nessi ist eine international und vor allem in der Yogaszene renommierte Sängerin. Ich erlebte sie als eine sehr bodenständige und angenehme Person. Wir stellten uns gemeinsam in einem Kreis auf und sie begann von ihrer eigenen Reise mit ihrer Stimme zu erzählen. Die eigene Stimme sei ein sehr heilsames Instrument mit einer unglaublichen transformativen Kraft. Sie ist die Brücke zu etwas, das größer ist, als wir selbst. Doch normalerweise gehen wir ziemlich selbstkritisch mit der eigenen Stimme um und trauen uns oft nicht, in den rohen authentischen Ausdruck zu gehen. Genau das sollte in diesem Workshop geübt werden.

Und wow – was soll ich sagen: Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal einer mir völlig fremden Person in die Augen sehen und erst sie mich und danach ich sie dabei mit intuitiven Melodien ansingen würde. Und das war nur eine von vielen intensiven Partner- und Gruppenübungen, in denen allgemein sehr viele Tränen flossen. Nessi begleitete unseren „Chor“ mit ihrer Akustikgitarre und ihrer eigenen Stimme. Alles zusammen ergab das eine beeindruckende Geräuschkulisse, ein heilsames vereintes Meer aus Stimmen.

Nessi Gomes beim Jubiläumskonzert Gastein

Einige Stunden später spielte Nessi Gomes auf dem großen Jubiläumskonzert dieselben Melodien an und die Eindrücke und Emotionen aus dem Workshop kamen direkt wieder hoch. Das zweistündige Konzert war wunderschön und natürlich waren auch die Songs „These Walls“ und „All Related“ mit auf der Setlist.

Tag 3: Genuss, Grenzen und Geduld

Am nächsten Morgen konnte ich mir beim Frühstück richtig Zeit lassen, denn mein nächster „Yogatermin“ war erst um 10.30 Uhr. Inzwischen mein absolutes veganes Lieblingsfrühstück vom Büffet: Shakshuka mit Grillgemüse und Hummusbrot. Da durften es dann auch zwei Portionen sein, damit ich die nötige Energie für den nächsten Yoga-Workshop hatte. Im Hotel Blü fühlte ich mich richtig wohl. Alles ist modern und bunt eingerichtet, die Zimmer sind gemütlich und das Essen ist hervorragend mit vielen vegetarischen und veganen Optionen. Im „HimmelBlü“ in der obersten Etage befindet sich der große Yogaraum sowie zwei Saunen und eine Dachterrasse mit Bergpanorama, die zum Relaxen einlädt. Was will man mehr?

Hotel Blü Gastein Lobby
Foto: Lisa Edi
Hotel Blü Gastein Zimmer
Foto: Fotoatelier Wolkersdorfer

Auf zum nächsten Highlight: zwei Stunden Power Yoga Masterclass bei Marcel Clementi. In den Räumlichkeiten des Kongresszentrums Bad Hofgastein reihte sich Yogamatte an Yogamatte. Der Österreicher Yogalehrer hat hier definitiv seine Fangemeinde am Start. Und das ist auch völlig nachvollziehbar, denn Marcel ist einfach ein sympathischer Typ. Der Flow ist intensiv und bringt uns alle extrem ins Schwitzen, aber Marcel lockert immer wieder die Stimmung mit einem guten Gag auf. Es war seine Intention, dass wir in dem Workshop unsere Grenzen ein wenig austesten und herausfinden, ob die mentalen Grenzen auch wirklich unsere körperlichen sind. Und hier kamen dann auch schließlich die Handstand-Übungen, die ich ursprünglich am Tag zuvor erwartet hatte. Nach der Stunde fühlte ich mich im positiven Sinne ausgepowert, wach und lebendig.

Danach war Zeit für Ruhe und Regeneration: In Bad Hofgastein ist alles bequem fußläufig erreichbar und so konnte ich locker zwischen den Yogaeinheiten einen Stopp in der Alpentherme einlegen, um dort etwas auszuspannen. Am Nachmittag ging es ruhig, aber kraftvoll weiter mit einer Session von Lisa Arndt im Alpenhaus Gasteinertal. „Find Patience“ – Geduld war also das zentrale Thema dieser Stunde mit einem Fokus auf den Psoasmuskel und eine tiefe bewusste Atmung. Die Stunde der Sportwissenschaftlerin war anatomisch sehr präzise angeleitet, was mir richtig gut gefiel. Für mich der perfekte Abschluss eines ganz besonderen Yoga-Wochenendes!

Mein Fazit

Natürlich hätte es in der kurzen Zeit und bei anderen Wetterbedingungen noch viel mehr zu entdecken gegeben. Trotzdem wurde ich an diesem Wochenende vom Zauber der Yogatage angesteckt und ich komme mit Sicherheit wieder! Die kleinen und idyllischen Ortschaften inmitten der Berge schaffen ein ganz besonderes Flair. Denn man läuft anderen Yogi*nis immer mehrmals über den Weg oder wohnt sogar mit bekannten Yogagrößen Tür an Tür im selben Hotel. Zwischendurch gibt es viele Möglichkeiten, in die Natur zu gehen: ringsum führen Wanderrouten ins Grüne oder man fährt mit der Bergbahn auf die umliegenden Berge des Nationalparks Hohe Tauern.

Foto: Gasteinertal Tourismus GmbH / Marktl Photography

In Sachen Yoga war ich vor allem hin und weg von der Vielfalt des Programms: Rund 50 verschiedene Yogalehrende unterrichten innerhalb von 10 Tagen insgesamt rund 350 Yogaklassen und Workshops. Die Stile reichen von Ashtanga Yoga, Jivamukti Yoga, Vinyasa Flow, Yin Yoga, Hatha Yoga, Aerial Yoga, Triyoga, Restorative Yoga bis hin zu Budokon Yoga, Pranayama- und Meditations-Session und das war noch lange nicht alles! Wer also richtig eintauchen möchte in alle Facetten, die Yoga zu bieten hat, kommt zum nächsten Yoga Event in Gastein!

Alle Daten im Überblick

Yogaherbst „Quelle der Inspiration“: 18. bis 27. Oktober 2024

Wer nicht so lange warten möchte: Vom 26. August bis 1. September 2024 findet im Gasteinertal das yunion Yoga Festival statt. Das Lineup kann sich sehen lassen, unter anderem mit Adell Bridges, Celest Pereira, Hie Kim, Matt Giordano, Rebecca Rasmussen und Mathieu Boldron.

Das Iliosakralgelenk (ISG) – immer stabil gehalten

Iliosakralgelenk

Rückenschmerzen sind einer der häufigsten Gründe, warum Menschen zum Yoga kommen. Wenn sie aber von den Iliosakralgelenken ausgehen, dann kann Yoga nicht nur helfen, sondern auch eine der Ursachen sein. Hier erfährst du, welche Rolle Hypermobilität dabei spielt und wie du ihr begegnen kannst.

Text: Stephanie Schauenburg / Titelbild: Stefanie Kissner

Aua! Da waren sie wieder: Diese schrecklichen Schmerzen im unteren Rücken. Verena Di Bernardo ist Yogalehrerin und dachte eigentlich, ihre Wirbelsäule sei dank ihrer jahrelangen Praxis geschmeidig und gesund. Aber dann das: „Es war furchtbar, ich konnte kaum noch sitzen.“ Was war da nur los?

Es dauerte eine ganze Weile, bis Verena herausfand, dass das Problem „unterer Rücken“ in ihrem Fall eigentlich die Iliosakralgelenke waren. „Dass ich in diesem Bereich instabil bin, hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Orthopäde, Osteopathin, Physio – keiner hat das so diagnostiziert.“ Weil Behandlungen und die gewohnte Yogapraxis ihr allenfalls kurzzeitig Erleichterung verschafften, begann sie zu recherchieren.

Illustration: SCIEPRO/Science Photo Library via Canva

Dabei entdeckte sie Zusammenhänge, die ihren Blick auf Yoga völlig verändern sollten … Ein Faktor war früh klar: Die Probleme hatten mit der Schwangerschaft und der Geburt ihres Sohnes begonnen und kehrten seither immer wieder zurück. Etwa 85 Prozent der Menschen, die Probleme mit ihren Iliosakralgelenken haben, sind Frauen. Das liegt zum einen an der etwas anderen Anatomie des Kreuzbeins: Es ist bei Frauen oben breiter, insgesamt aber kürzer und flacher geformt als bei Männern und „sitzt“ dadurch tendenziell etwas weniger stabil auf den Beckenknochen.

Zudem sind auf beiden Seiten die Gelenkflächen glatter, auch die weicheren Bänder erlauben mehr Beweglichkeit, ein Effekt der sich durch hormonelle Schwankungen noch verstärken kann. All das dient einem wichtigen Zweck: Bei einer Geburt soll das Kind gut durch den knöchernen Beckenring gleiten können.

Aber Moment mal? Warum ist ausgerechnet ein Plus an Beweglichkeit offenbar ein Risikofaktor? Sind Rückenschmerzen nicht eher die Folge von Verspannung und ist Beweglichkeit nicht etwas, das wir uns eigentlich wünschen – und im Yoga sogar gezielt fördern? Ja und nein, denn jede Form der Flexibilität braucht als Gegengewicht auch eine dementsprechende Stabilität. Und gerade am Beispiel der Iliosakralgelenke zeigt sich, dass eine allzu einseitig mobilisierende Asana-Praxis manchmal mehr Schaden anrichtet, als sie Nutzen bringt.

Die Anatomie

Die Knochenstruktur des Beckens von hinten betrachtet: Das Kreuzbein scheint wie ein Keil ins Becken eingefügt zu sein. Illustration: Hamster3d/Getty Images via Canva
In der Vorderansicht wirkt die Iliosakralgelenke wie eine schmale Naht. Man sieht: Hier kann nicht viel Bewegung möglich sein. Illustration: Hamster3d/Getty Images via Canva

Um das besser zu verstehen, wollen wir an dieser Stelle mal einen genaueren Blick auf die Anatomie werfen: Die Iliosakralgelenke (Articulatio sacroiliaca) verbinden das Kreuzbein (Os sacrum) an seinen beiden Seiten mit den hinteren Beckenschaufeln (Os ilium), daher auch der wenig gebräuchliche deutsche Name: Kreuz-Darmbein-Gelenk. Wobei das Wort „Gelenk“ bei vielen eine falsche Vorstellung weckt: Diese beiden Nahtstellen am unteren Rücken haben äußerlich betrachtet nur wenig gemein mit einem Gelenk wie etwa dem Knie, der Hüfte oder der Schulter.

Als sogenanntes „straffes Gelenk“ erlaubt das Iliosakralgelenk (ISG) nämlich keine willentliche Bewegung, es ist überhaupt kaum beweglich. Stattdessen liegen hier – anders als etwa bei einem Kugel- oder Scharniergelenk – zwei breite, knubbelige Knochenflächen passgenau aneinander, eng verbunden durch Faserknorpel (Ligamenta sacroiliaca interossea), ringsum zusätzlich gut verspannt mit Sehnen und Bändern und umgeben von einem ganzen Arsenal an Muskeln.

Warum hier Stabilität so viel wichtiger ist als Mobilität, wird klar, wenn man sich die Funktion der ISGs anschaut: Sie dienen in erster Linie der Übertragung von Druckkräften, denn an diesen beiden unscheinbaren Nahtstellen ruht das zu einer knöchernen Platte verbreiterte Ende der Wirbelsäule (das Kreuzbein) keilförmig im Becken. Und das bedeutet: Das Gewicht des gesamten Oberkörpers muss hier abgefedert und nach unten abgeleitet werden. Umgekehrt braucht die Wirbelsäule eine zugleich stabile und weich federnde Basis, damit sie sich ihrerseits nach oben aufrichten und den Rumpf schmerzfrei und dynamisch stützen kann.

Dennoch geschieht an den Iliosakralgelenken durchaus auch Bewegung: Dass Kreuzbein und Becken nicht knöchern miteinander verwachsen sind, sondern auch geringe Verschiebungen gegeneinander erlauben, gewährleistet flüssige Bewegungen in unserer Beckenregion und aus ihr heraus. Auch wenn es sich dabei maximal um wenige Millimeter handelt: Für jede Aktion der Hüften, beim Heben oder Drehen der Beine, bei Twists der Wirbelsäule, bei Vor- oder Rückwärtsbeugen, immer ist diese federnde und schwingende Verbindung, die die ISGs zwischen Ober- und Unterkörper herstellen, essenziell.

Wo klemmt es, wenn es klemmt?

Aber was genau ist los, wenn es eben nicht so federnd und locker schwingt, sondern irgendwie klemmt und schmerzt? Unser Anatomie-Experte, der Sportmediziner und Ashtanga-Yogi Dr. Ronald Steiner, nennt in seinem Buch „Der Yoga-Doc“ vier Ursachen für die typischen ISG-Symptome:

  1. Ein schlackerndes Gelenk, bedingt durch zu geringe muskuläre Führung und hypermobile Bänder.
  1. Chronische muskuläre Verspannungen, die wiederum daher rühre, dass einige Muskeln zu wenig aktiv sind, weswegen dann andere zu stark und anhaltend aktiv sind.
  1. Verkrampfung nach Belastung: Auch hier bewirkt eine Überbeweglichkeit des Bandapparats, dass die umgebenden Muskeln mehr Haltearbeit übernehmen müssen und dann zum Beispiel nach langem Stehen oder Gehen verkrampfen.
  1. Gelenkblockade: Hier ist (meist plötzlich nach einer ungewohnten Bewegung) keine Mobilität mehr möglich, doch auch bei diesem akuten Zustand liegt die eigentliche Ursache oft in einer zugrundeliegenden Hypermobilität.

Lies auch: Ronald Steiners Tipps zum Lösen einer ISG-Blockade

Das zeigt: In den meisten Fällen spielt eine zu große Beweglichkeit eine entscheidende Rolle beim Entstehen von Symptomen – und leider üben wir im Yoga oftmals noch genau in diese Hypermobilität hinein. Gerade Frauen lieben es oft, sich genüsslich zu dehnen und gehen kräftigenden Übungen ganz gerne aus dem Weg. Das sieht auch Verena Di Bernardo im Rückblick so: „Früher liebte ich typische Hüftöffner wie Taube und Nadelöhr und dehnte hier viel zu viel. Nicht nur weil es sich im ersten Moment immer gut anfühlte, sondern auch, weil ich diese Übungen sogar in Fortbildungen als allgemein hilfreich gegen Rückenschmerzen kennengelernt hatte.“

Iliosakralgelenk: Beckenmusukulatur
Die gesamte Kreuzbeinregion wird stabilisiert durch Muskeln und Bindegewebsstrukturen. Illustration: SCIEPRO/Science Photo Library via Canva

Dabei verstärkt sich auf Dauer ein Ungleichgewicht zwischen Kraft und Mobilität. Dazu kommt noch ein Faktor, den viele nicht kennen: Anders als Muskeln können Bindegewebsstrukturen, also Sehnen und Bänder, sich nach ausdauernder, wiederholter Dehnung nur noch sehr eingeschränkt wieder auf ihre ursprüngliche Länge zurückstellen. Ist der Bandapparat erst einmal überdehnt, kann nur noch eine gut ausgebildete Muskulatur für Stabilität sorgen. Entsprechend wichtig ist es dann, kontinuierlich zu üben.

DARAUF SOLLTEST DU IM YOGA
ACHTEN, WENN DU HYPERMOBIL BIST

Tipps von Tiffany Cruikshank

* Fokussiere deine Praxis auf Kraftaufbau in den Muskelgruppen, die das ISG stabilisieren.

* Schränke das Üben von asymmetrischen Haltungen ein, vor allem von solchen, die den unteren Rücken dehnen (zum Beispiel Janu Shirshasana). Bleibe auch nicht so lang in ihnen. Sie fühlen sich im Moment vielleicht gut an und können akute Blockaden und Symptome lindern helfen, verschlimmern das Problem aber langfristig.

* Finde zuerst Symmetrie in deinem Körper, bevor du in eine Haltung gehst und beende sie auch, indem du wieder bewusst in die symmetrische Ausgangsposition zurückgehst.

* Beende die Praxis immer mit einer symmetrischen Asana.

Aber natürlich ist nicht jede ISG-Symptomatik alleine (oder überhaupt) auf Hypermobilität zurückzuführen. In ihrem Online-Kurs „Sacroiliac Joint Dysfunction“ nennt Tiffany Cruikshank, die Begründerin des Portals „Yoga Medicine“ als weitere Faktoren insbesondere Skoliose, Beckenschiefstand, eine unterschiedliche Beinlänge und wiederholte asymmetrische Bewegungen. Schlägt man zum Beispiel im Sitzen immer nur das rechte Bein über das linke oder meditiert man in der immer gleichen asymmetrischen Sitzhaltung, dann erzeugt das mit der Zeit eine Dysbalance.

Oftmals hängen ISG-Symptome auch mit Problemen der Hüftgelenke oder Lendenwirbelsäule zusammen. Je nach individueller Problematik können die Beschwerden dann sehr unterschiedlich sein: einseitige Schmerzen oder beidseitige, immer auf derselben Seite oder wechselnd, stechend oder eher dumpf, akut, immer wiederkehrend oder auch chronisch. Entsprechend verschieden muss man auch an die Problematik herangehen. Dennoch gibt es einige Regeln, die für alle gelten und die wir uns jetzt etwas genauer ansehen werden.

Was bedeutet das für die Yogapraxis?

Die erste Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: Wir sollten generell so üben, dass wir eine gesunde Balance aus Kraft und Mobilität herstellen. Das bedeutet: Verspannte, verkürzte Regionen sollen sich lockern können, während schwach ausgebildete Muskeln aufgebaut werden müssen. In der Praxis heißt das: Auch wenn es Spaß macht, weil es leicht geht, dehne nicht an Stellen weiter, wo du sowieso schon sehr flexibel bist, sondern kombiniere hier lockernde Übungen immer mit kräftigenden, sodass die ausgewogene, dynamische, federnde Stabilität entstehen kann, die wir in den ISGs, eigentlich aber in allen Gelenken brauchen.

Laut Tiffany Cruikshank profitieren viele Menschen von maßvoller Dehnung an den Beinrückseiten und den geraden Bauchmuskeln, während sie vor allem an den quer verlaufenden Bauchmuskeln (Transversus abdominis) und Gluteus medius Kraft aufbauen dürfen. Iliopsoas, Quadratus lumborum und Piriformis sollte man ihrer Auffassung nach gleichermaßen mobilisieren und kräftigen. Das sind natürlich nur Faustregeln, individuell kann auch etwas anderes sinnvoller sein, um in jene ebenso lockere wie kraftvolle Balance zu finden, die schon Patanjali im Yogasutra beschrieben hat: Sthira sukham asanam.

Praxis-Tipps

Du kannst dir selbst beim Üben immer wieder eine simple Hilfestellung für mehr bewusste Stabilität in der Körpermitte geben:

Lege dazu in Steh- und Sitzhaltungen einen Handrücken mittig ans Kreuzbein.

Baue dann Druck auf, indem du Becken und Hand gegeneinander schiebst.

Beobachte, was dabei passiert.

Dann löse die Hand und versuche, die stabilisierende Aktivität im Becken während der gesamten Übung beizubehalten. Gehe nur so tief in die Bewegung, wie diese Aktivität möglich ist.

Variante: Eignet sich auch gut als Partnerübung, vor allem dann, wenn man selbst keine Hand frei hat, zum Beispiel im Seitstütz Vasishthasana.

Die große Yogapionierin und Therapeutin Judith Hanson-Lasater macht in ihrem Buch „Yoga Myths“ aber noch auf eine andere, ganz entscheidende Tatsache aufmerksam: Die Beckenregion ist im wahrsten Sinn der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Körpers. „Egal ob wir gehen, stehen, sitzen – in nahezu jeder Bewegung, die wir im Alltag ausführen, ist das Becken entscheidend.“

Seine Stellung bestimmt nicht nur direkt die Ausrichtung der Wirbelsäule bis hin zum Nacken und Kopf, sie gibt auch die Position von Beinen, Knien und Füßen vor. Entsprechend hält sie das Becken für den „Schlüssel zu jeder Asana“ und fordert: „Becken und Kreuzbein müssen sich immer miteinander bewegen.“ Eine Erkenntnis, die im Yoga leider oft völlig in den Wind geschrieben wird. Vor allem bei Drehungen führt die häufig gegebene Anleitung „Verankere das Becken“ oder „Schiebe beide Sitzknochen gleichmäßig gegen die Matte“ dazu, dass in den Iliosakralgelenken statt der vorgesehenen minimalen Bewegungen vor und zurück asymmetrische Scherkräfte wirken.

Hanson-Lasater betont: „Die wichtigste Tatsache über das ISG in der Yogapraxis lautet: Dies ist ein Gelenk für Stabilität, nicht für Mobilität!“ Das bedeutet: Das Kreuzbein soll ganz stabil wie ein Keil im Becken ruhen – und in dieser natürlichen Position sollten wir es auch stabilisieren. In der Praxis heißt das:

  1. Bewege dich immer ausgehend vom Becken.
  2. Nimm das gesamte Becken mit in die Bewegung, insbesondere in Drehungen und Vorwärtsbeugen.
  3. Wahre die natürliche Wölbung der Lendenwirbelsäule, anstatt (eine weitere häufig gehörte Anleitung) das „Steißbein aktiv nach unten zu ziehen.“

Verena Di Bernardo ist inzwischen wieder beschwerdefrei. Die große Wende brachte für sie der Online-Kurs von Tiffany Cruikshank. Daraus hat sie nicht nur ein kleines Übungsprogramm für sich entwickelt, sie versteht auch viel besser die Zusammenhänge: „Erst der Muskelaufbau hat den Schmerz nach und nach aufgelöst.“ Heute übt sie ganz anders Yoga als zuvor: „Ich weiß jetzt einfach, dass ich hypermobil bin und betone in meiner Praxis grundsätzlich den Kraft Aspekt.“ Ihre Geschichte zeigt: Auch wenn es vielen Yogis und Yoginis nicht so wirklich Spaß macht: Anatomie und Biomechanik sind wichtige Schlüssel für eine gesunde Praxis.


Seit es bei unserer Redakteurin Stephanie Schauenburg in Trikonasana plötzlich hörbar im unteren Rücken knirschte, ist sie gewarnt und weiß: Hier braucht es dringend mehr Stabilität der umgebenden Muskeln.


Tipp: Im YOGAWORLD JOURNAL 05/2024 wird es in unserer Artikelreihe „Gesunde Gelenke“ eine Sequenz von und mit Kristin Rübesamen für den unteren Rücken geben. Da sind unter anderem einige wertvolle Tipps zum ISG dabei. Das Heft ist ab 27. August 2024 hier und am Kiosk erhältlich!

Und falls dich eine ISG-Blockade plagt, hat Dr. Ronald Steiner hier einige Tipps für dich:

Das Ramayana – Wille und Stärke im Dienste der Liebe

Ramayana- Gott Hanuman und Gott Rama

Die Geschichte von Rama, Sita und Hanuman hast du vielleicht schon mal gehört oder selbst in einem Kirtan besungen. Sybille Schlegel hat das altindische Epos noch einmal in Ruhe gelesen und sich verzaubern lassen. Sie lädt dich ein in eine gar nicht mal so fremde Welt, deren Weisheit noch immer zu uns spricht.

Text: Sybille Schlegel / Titelbild: Cascoly via Canva

Das Ramayana ist, neben dem Mahabharata mitsamt der Bhagavad Gita, das zweite bekannte Epos des alten Indien. Wie so oft kann die Forschung nur einen groben Zeitraum nennen, in dem die Geschichte entstanden sein soll: zwischen dem 4. Jahrhundert vor und dem 2. Jahrhundert nach Christus. Der legendäre Verfasser Valmiki besingt darin die Geschichte dessen, der „alle Vorzüge in sich vereint“: der sagenhafte König Rama. Damit füllt er sieben Bücher mit gut 24.000 Versen – und das in der stark gekürzten Ausgabe von Diederichs Gelber Reihe.

Da die Geschichte jahrhundertelang nur mündlich weitergegeben wurde, existieren viele verschiedene Textfassungen, darunter eine „nördliche“ und eine „südliche“. Falls du also einen etwas anderen Plot kennst als den folgenden: Keine Sorge, das ist Teil des Spiels. Denn anstatt sich über die tatsächliche, ursprüngliche oder richtige Fassung dieser spannenden Geschichte zu streiten, ist es viel zielführender, ihre Symbolik verstehen zu lernen. Und auch hier gibt es verschiedene Ebenen – die historische, die kulturelle und die für diesen Artikel interessante: die yogische. Dazu später mehr.

Doch für alle, die dieses Drama um Liebe und List, Gut und Böse, noch nicht kennen oder ein Update brauchen, beginnen wir zunächst mit einem Abriss dessen, was man auf den ersten Blick liest:

Eine märchenhafte Liebesgeschichte

Szene aus dem Ramayana
Szene aus dem Ramayana. Foto: Cascoly via Canva

Wenn man über das Ramayana schreibt, möchte man mit „Es war einmal“ beginnen – und warum eigentlich nicht? Es war einmal … ein weiser und guter König namens Dasharatha. Er regierte voller Güte und Achtung vor dem Dharma die Stadt Ayodhya. Dort herrschten Frieden und Harmonie, Recht und Ordnung hatten ihr Zuhause, Wohlstand und Schönheit gingen ein, doch niemals aus. Alle Einwohner waren wohlhabend, glücklich und tugendhaft, niemand je traurig oder in Sorge.

Kurzum: ein idealer Ort, an dem alles in Einklang gedieh. Nur eines fehlte dem guten König zu seinem Glück: ein Sohn. Ohne einen königlichen Erben wäre aber nicht nur das Fortkommen seines Volkes, sondern diese gesamte kosmische Harmonie mitsamt der Natur in Gefahr. Also plante Dasharatha ein aufwendiges Opfer, um die Götter gnädig zu stimmen und ihm einen Sohn zu schenken. Zu jener Zeit litten die Götter unter der unheilvollen, zerstörerischen Macht eines Dämonen namens Ravana. Dieser hatte mittels einer intensiven Tapas-Praxis so viel Energie angesammelt, dass er bei Brahma, dem Schöpfergott, einen Wunsch frei hatte.

Gut gegen Böse

Wie alle Dämonen in solch einer Lage bat Ravana um Unsterblichkeit. Weil dieser Wunsch aber niemals einem verkörperten Wesen gewährt werden durfte, versprach Brahma ihm stattdessen, dass er weder von einem Deva (Gott), noch von einem Gandharva (Geistwesen) oder Yaksha (Naturgeist, niederer Gott) getötet werden könne. Weil aber nun all die Himmlischen genug hatten von diesem grässlichen Dämon, berieten sie sich, wie sie ihn loswerden könnten.

Zu ihrem Glück hatte der alte Brahma vergessen, in seinem Spruch auch die Menschen zu erwähnen. Er schenkte ihnen schlicht nicht viel Beachtung. Die Götter und Geister entschieden also, dass Vishnu, der 007-Agent des Götterhimmels, als Mensch geboren werden sollte, um dem Dämon den Garaus zu machen.

Ramayana: Dämonen
Foto: Luca Ladi Bucciolini/Getty Images via Canva

Damit er der Macht des Bösen nicht alleine entgegentreten müsste, wurde er aber nicht nur als einer, sondern gleich als vier Söhne des tugendhaften Königs Dasharatha geboren: Der erste von ihnen war Rama, der Sohn von Königin Kaushalya. Die beiden anderen Königinnen bekamen zusammen drei weitere Söhne. Zugleich verkörperten sich andere Götter als Sprösslinge von Affen, Nymphen und Asketinnen. So stellten sie gemeinsam eine Armee aus Millionen göttlicher Halbwesen mit besonderen Fähigkeiten auf.

Der Gott des Windes etwa, Pavana, zeugte Hanuman: einen Affen, der zerstörerisch und stark wie ein Sturm, schnell und flüchtig wie ein Gedanke sein konnte. Eines Tages hörten Rama und seine Brüder, dass im Königreich Videha ein Held gesucht wurde, um die Königstochter Sita zu heiraten.

Es hieß, dass derjenige die wunderschöne Prinzessin bekäme, der einen besonderen Bogen spannen könne. Rama spannte ihn mit solcher Kraft, dass er zersprang und der laute Knall den ganzen Hof in Ohnmacht fallen ließ. Nachdem sie wieder erwacht waren, heirateten Rama und Sita – und seine drei Brüder bekamen ihre drei Schwestern.

Der Kampf um die Liebe

Ramayana: Gott Rama
Hindugott Rama. Foto: Redees/Getty Images via Canva

Alles schien in bester Ordnung. Doch durch das Ränkespiel einer bösen Magd erreichte Dasharathas zweite Ehefrau Kaikeyi, dass nicht Rama, sondern ihr Sohn Bharata dem König nachfolgen solle. Und so musste Rama mit Sita und seinem Lieblingsbruder Lakshman für 14 Jahre in die Verbannung. König, Hofstaat und die ganze Stadt Ayodhya gerieten nach Ramas Abschied in Trauer und Verfall. Die Verbannten zogen durch Gebiete, in denen die Weisen und Asket*innen unter verschiedenen Dämonen und Dämoninnen litten.

Eine war die Schwester des Oberbösen Ravana, eine hässliche Kreatur namens Surpanaka (wörtlich: die Vielgestaltige). Sie erfüllte die Herzen der Menschen mit Grauen und konnte mit purer Gedankenkraft Dinge vernichten. Als sie den reinen, strahlenden Rama sah, verliebte sie sich in ihn. Er lehnte ihre Avancen natürlich ab und so kam es zum Kampf mit ihr und ihren Dämonenbrüdern. Rama und Lakshman töteten alle Brüder bis auf Ravana.

Von Rachegelüsten getrieben, stiftete Surpanaka ihn an, Rama zu töten und Sita für sich zu gewinnen. So begab sich Ravana mit seinem Freund Marica – der sich in eine ungewöhnlich bunte und schillernde Gazelle verwandelt hatte – zu den dreien im Wald. Sita wünschte sich das Fell dieses einzigartigen Tiers, woraufhin die Männer ihm nachjagten. Ravana aber ging als Bettelmönch verkleidet zu Sita, verliebte sich in ihre Unschuld, gab sich ihr zu erkennen und gestand ihr seine Liebe. Sie lehnte empört ab. Da ergriff er sie und flog mit ihr davon.

Rama und sein Bruder erfuhren von dem Hinterhalt und eilten zurück. Ein Geier, der die Entführung vergeblich zu verhindern versucht hatte, erzählte ihnen, was mit Sita geschehen war. Die beiden machten sich auf die Suche und widerstanden unterwegs zwei sündhaften Dämoninnen, von denen eine der Wollust und die andere der Völlerei erlegen war. Im Königreich der Affen trafen sie schließlich auf den Affen-Halbgott Hanuman, der gesehen hatte, dass Ravana der Entführer war. Da er nicht wusste, wo dieser wohnte, schickte er seine riesige Affenarmee in alle vier Himmelsrichtungen aus.

Der Kampf für die Liebe

Hanuman trug einen Ring Ramas bei sich, damit Sita ihn als dessen Helfer erkennen könnte. Die Suche der Affen war zunächst erfolglos, bis ihnen ein Geier mit versengten Flügeln erzählte, dass sie zur Insel Lanka müssten. Am Meer angekommen, baten die Affen Hanuman, mit der Kraft des Windes hinüber zu springen.

Zweimal musste Hanuman während seines Sprunges der List einer Dämonin entkommen, indem er sich zuerst sehr groß und dann winzig klein machte. Doch schließlich erreichte er Lanka und fand Sita. Weil diese sich aber von niemand anderem als ihrem Rama retten lassen wollte, flog Hanuman zurück und mittels einer großen Brücke zogen Rama und das Affenheer schließlich gen Lanka.

Im Kampf gegen die Dämonen sah es zunächst schlecht aus für die tapferen Helden und ihre Helfer: Rama und Laksmana fielen im Kampf, wurden aber von Garuda, dem Reittier Vishnus, wiederbelebt. Lange tobte die Schlacht, das Glück lag mal bei den Helden, mal bei den Dämonen, bis es Rama endlich gelang, Ravana zu töten.

Wer jetzt ein rasches Happy End erwartet, wird jedoch enttäuscht. Rama verstieß die gerettete Sita, da er überzeugt war, sie hätte sich dem Dämon hingegeben. Sita unterzog sich daraufhin einer Feuerprobe: Im Wissen um ihre eigene Unschuld stieg sie in die Flammen. Die Götter flehten nun Rama an, sich auf seine wahre Identität als Vishnu zu besinnen. Als das geschah und sich Rama als Schöpfer und Schöpfung offenbarte, gab der Feuergott ihm Sita zurück.

Auch die Gefallenen der Schlacht erwachten wie aus einem Schlaf. Zurück in Ayodhya wurde Rama König, die Stadt fand zu Wohlstand und Frieden zurück … und alle lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Also doch noch ein Happy End – zum Glück!

Die Yogalehre im Mythos

Ein spannendes, knallbuntes Märchen voller faszinierender Gestalten und dramatischer Ereignisse? Natürlich – aber nicht nur. Die Fülle an Symbolen und Motiven, mit denen das Ramayana aufwartet, bietet auch jede Menge Stoff für Interpretationen. Vor dem Hintergrund der Yogaphilosophie kann man sie so lesen: Die Stadt Ayodhya symbolisiert den natürlichen Urzustand der Welt. In ihm herrschen Harmonie, Einheit und Frieden. Alles existiert in Einklang miteinander und füreinander, im Außen ebenso wie im Inneren eines jeden.

Doch diese Harmonie ist gefährdet: In dem Moment, wo sich mit dem Erscheinen des Dämons Ravana die Vorstellung ausbreitet, einer könne größer oder mächtiger sein als alle anderen, zerbricht das Idyll. Dann tritt der Geist aus der ursprünglichen Harmonie der Kräfte hervor und schwingt sich zum Herrscher auf: Maßstäbe werden gesetzt und eine Norm definiert, an der sich alles messen lassen muss; Gewohnheiten engen den freien Fluss der Energie ein; Angst und Zweifel werden immer mächtiger. Anstatt in Klarheit urteilt man geleitet von Trugbildern. Und diese Verwirrung verwirrt auch in einem dämonischen Kreislauf selbst immer weiter.

Doch in jeder und jedem von uns lebt auch die Liebe, eine Kraft, die diesen „Dämonen“ des Geistes entgegentreten kann, die die eigentliche harmonische Einheit kennt und spürbar macht. Sie wird symbolisiert durch Sita und durch Rama. Dessen Name bedeutet wörtlich: „das, was beruhigt“. Liebe macht, dass sich alle Energie aufs Wohltun ausrichtet. Nur wenn sie in die Fänge der geistigen Verwirrung gerät, verliert sie ihre Balance.

Klarheit als Weg zur Harmonie

Ramayana-Harmonie
Foto: Michal Collection via Canva

In dieser Geschichte ist die Energie der Liebe ganz besonders rein, denn Sita bleibt Rama treu trotz Angst, List und Verführung. Das ist bei uns weniger mystischen Wesen nicht immer so: Schnell lassen wir uns in den Sog von Bewertungen, Hierarchien, Vorlieben und Abneigungen hineinziehen. Wir bemerken es meist noch nicht einmal – oder halten es für normal.

Der Dämonenkönig Ravana, der diesen verwirrenden Sog symbolisiert, ist aber nur scheinbar unsterblich. Patanjali beschreibt das im Yogasutra (dem ersten Teil dieser Reihe über die Quellentexte) als Avidya: „Wenn man das Unreine für das Reine, das Vergängliche für das Unvergängliche hält“ (YS 2,5).

Bei diesem Verwirrspiel hat der Dämon viele Helfer*innen. Zum Beispiel die Wollust oder die Völlerei: Sie geben den Sinnen mehr Macht als dem Herzen. Und dann ist da natürlich auch die Dämonenschwester Surpanaka, die Vielgestaltige, die Furcht und Unsicherheit sät, was die Fähigkeit zum Klarsehen weiter schwächt. All das muss vom Helden der Geschichte bekämpft und getötet werden, damit es seinen gewohnten Einfluss verliert und der Urzustand von Harmonie wieder erkennbar wird.

Die Dämonen des Geistes bezwingen

Einen ganz ähnlichen Prozess der Klärung beschreibt auch Patanjali im Yogasutra, denn die Frage ist ja, wie man dem Einfluss dieser „Dämonen“ praktisch begegnen kann? Im Ramayana lesen wir von Tugend, Ehrgefühl, Freundschaft, Liebe, Treue und Pflicht. Alles Werte, die die wenigsten von uns wohl in Rahmen gestickt bei Ikea kaufen.

Dahinter stecken Qualitäten wie Vertrauen, Mut, Klarheit – und sehr viel Übung. Indem man übt, hat man eine Chance – erst recht mit der Unterstützung eines bestimmten halbgöttlichen Wesens: Hanuman! Er ist der Sohn des Windgottes und einer Äffin und strotzt schon seinem Namen nach vor Willenskraft und sprich wörtlichem „Biss“ (er ist „der mit dem großen Kiefer“).

Diese Qualität braucht man, um sein Ziel beständig im Auge zu behalten und sich nicht ablenken zu lassen. Am Ziel angelangt jedoch, muss sich die Willenskraft zurücknehmen und der Liebe, dem Selbst, dem Bewusstsein, symbolisiert von Rama, den Vortritt lassen. Bis irgendwann der Moment gekommen ist, in dem das Selbst seine göttliche Natur erkennen muss, um in wahrer Einheit mit der Energie zu leben – über das Ende der Zeit hinaus.

Im Ramayana gibt es keine Asana-Beschreibungen oder Anweisungen, wie eine Atemübung oder überhaupt eine spirituelle oder transformierende Praxis aussehen könnte. Die Geschichte spielt ganz allein auf einer symbolischen Ebene. Die verlangt von uns nur zwei Dinge: Zuhören und Einfühlen. So wie man am Lagerfeuer sitzend einer Geschichte lauscht und spürt, wie sie etwas in einem bewegt.

Danach ist man ein kleines bisschen verändert, denn die Geschichte ist Teil der eigenen Erinnerung. Und damit Teil von unserem persönlichen Ich. Jedesmal, wenn du einen Hanuman siehst, oder „Rama Bolo“ singst, wird die weise alte Geschichte in dir angerührt und wispert leise zu dir: „Komm zur Ruhe, finde deinen Frieden, genieße die Liebe des Seins!“

Das Who is Who der Ramayana

Rama: Königssohn von Ayodhya, steht symbolisch für: Bewusstsein, Wiederherstellung der Harmonie

Sita: Königstochter aus Videha und Gattin Ramas, geboren aus einer Ackerfurche (was auch ihr Name bedeutet), symbolisch: Energie

Hanuman: Halbgott im Affenkörper, Sohn des Windes, symbolisch: Willenskraft und Hingabe

Hanumanasana: die nach ihm benannte Yogahaltung symbolisiert den großen Sprung (Transformation)

Ravana: mächtiger Dämon, der Sita entführt, symbolisch: die Verwirrung des Geistes

Surpanaka: Ravanas dämonische Schwester, die als „Vielgestaltige“ Angst und Zweifel bringt

Ayodhya: Heimatstadt von Rama; wörtlich übersetzt: „die, die nicht bekämpft werden kann“, symbolisch: das, was unveränderlich ist, die ursprüngliche Harmonie

Videha: Heimatstadt von Sita; wörtlich „die ohne Mauern“, symbolisch: ein Ort ohne feste Form, sich ewig wandelnde Energie


Autorenfoto Sybille Schlegel

Sybille Schlegel ist unsere Lieblingsautorin, wenn es um alltagstaugliche Texte zur Yogaphilosophie geht: So locker und leicht, so tief und wahr, einfach wunderbar! Dieser Text stammt aus unserer Reihe im YOGAWORLD JOURNAL „Die wichtigsten Texte der Yogaphilosophie„. Mehr über Sybille erfährst du auf ihrem Instagram Account. Live kannst du sie in Mainz erleben, im Hatha Vinyasa Parampa Studio, das sie gemeinsam mit Andreas Ruhula leitet.


Lese mehr von Sybille Schlegel und tauche tiefer in die Yogaphilosophie ein: