Auf der Matte zu Hause – 12 Tipps für eine regelmäßige Praxis

Sadhana- Auf der Matte zu Hause

Zeitmangel, Ablenkung, Energielosigkeit – es gibt viele Gründe, nicht auf die Matte zu gehen. Dabei ist eine regelmäßige persönliche Praxis der eigentliche Kern von Yoga. Was brauchst du, damit dein Schweinehund sich endlich trollt und dem herabschauenden Hund Platz macht? Vielleicht helfen dir diese Tipps dabei, (wieder) in dein Sadhana zu finden.

Text: Stephanie Schauenburg / Titelbild: Studioroman via Canva

Sadhana साधन

Der Sanskrit-Begriff ist abgeleitet von der Wurzel sadh (geradewegs auf ein Ziel zugehen, erfolgreich sein) und bezeichnet eine spirituelle Disziplin. Dazu gibt es in den verschiedenen Traditionen verschiedene Übungen und Regeln, aber im Grunde handelt es sich immer um einen persönlichen Weg. Yogi Bhajan, der Begründer des Kundalini-Yoga, drückte es so aus: „Es ist nicht etwas, das man tut, um jemandem zu gefallen oder um etwas zu erreichen. Sadhana ist ein persönlicher Prozess, in dem du dein Bestes hervorbringst.“

1. Mach dir klar, warum du übst

Es kann jeden Tag ein bisschen anders sein, aber es ist hilfreich, wenn du weißt, warum du auf die Matte gehst. Nicht im Sinn einer Zielsetzung à la „Ich will endlich den Handstand schaffen“ oder „Ich muss jeden Tag üben, sonst bin ich keine ernstzunehmende Yogini“.

Es geht eher darum, was dir die Praxis tatsächlich bedeutet, was du an ihr liebst, worin sie dich unterstützt, welche Welt sie dir eröffnet … Wenn du das nicht nur weißt, sondern auch empfindest, wird es dir viel leichter fallen, jeden Tag zu ihr zurückkehren und sie mit Sinn zu erfüllen.

2. Verabrede dich mit dir selbst

Sadhana- Deine Verabredung mit dir
Foto: Andrea Hajdu

Kontinuierlich über einen längeren Zeitraum selbstständig zu üben, erfordert vor allem in der ersten Zeit (oder nach einer längeren Pause) eine Menge Entschlossenheit. Nimm dein Vorhaben deshalb genauso ernst wie einen Geschäftstermin oder ein Treffen mit Freunden: Deine Zeit auf der Matte ist eine feste Verabredung mit dir selbst, die du würdigen und einhalten willst.

Dabei ganz wichtig: Das ist nicht etwas, das du tun sollst oder musst, die Praxis sollte ganz sicher kein zusätzlicher Punkt auf deiner sowieso schon überquellenden To-Do-Liste werden. Mach dir klar: Ich muss nicht üben, aber ich habe mich dafür entschieden, ich will das – ich gönne es mir.

3. Finde heraus, was für dich funktioniert

Gerade zu Anfang sind ein klarer Rahmen und eine Struktur hilfreich, um überhaupt in eine Routine zu finden: Dazu gehören zum Beispiel eine bestimmte Uhrzeit, eine feste Dauer, vielleicht auch ein Ablauf (zum Beispiel: 15 Minuten Meditation, 15 Minuten Pranayama, 30 Minuten Asana) oder das Grundschema einer Sequenz. All das soll aber gut auf dich zugeschnitten sein: Es ist deine Praxis, du legst fest, wie sie aussieht – und das kann sehr verschieden sein und es darf sich auch immer wieder ändern.

4. Sei realistisch

Diesen Tipp kennst du vielleicht auch aus den gängigen Ratgebern für Neujahrsvorsätze, denn nichts lässt Vorhaben so schnell scheitern wie unrealistische Ansprüche an sich selbst: Es hilft nichts, dir an sieben Tagen die Woche 90 Minuten vorzunehmen, wenn du dafür den Wecker auf 4:30 Uhr stellen musst und dich anschließend hundemüde durch den Tag schleppst. Beginne lieber mit weniger und schaffe dafür passende Räume in deinem Alltag.

Dasselbe gilt natürlich auch für dein Übungsprogramm: Deine Praxis soll dich nicht überfordern, sondern bereichern und dich in eine tiefere Verbindung zu dir selbst und dem Leben bringen. Weniger ist meistens mehr.

5. Beseitige die Hindernisse

Gott Ganesha
Ganesha hilft dir, deine Hindernisse zu überwinden. Foto: Nikhil Patea/Getty Images via Canva

Was hält dich davon ab, überhaupt auf die Matte zu gehen? Und dort angekommen: Was lenkt dich ab und führt dazu, dass du schon nach fünf Minuten wieder aufspringst? Was stört deine Konzentration und raubt dir die Lust?

Die inneren Störfaktoren kannst du nur freundlich beobachten und dich darin üben, sie mehr und mehr in ihre Schranken zu weisen. Es gibt aber auch eine Menge äußerer Faktoren, die du ganz leicht beseitigen kannst. Zum Beispiel: Türe zu, Handy aus, Klingel auf lautlos, herumliegenden Kram wegräumen, Blase leeren und die liebe Familie eine Weile auf Abstand halten …

6. Gehe in die Freude

Beobachte umgekehrt auch, was dir das Üben erleichtert, was dich freut und anspornt und kultiviere diese Faktoren. Das beginnt schon mit einem aufgeräumten, schön gestalteten Platz für deine Praxis. Auch Lüften, Räuchern und das Anzünden einer Kerze können dir als kleine Rituale helfen, in eine achtsame, bewusste Stille zu kommen, bevor du beginnst.

Vielleicht gestaltest du dir an deinem Yogaplatz auch einen persönlichen Altar. Oder du beginnst mit einem Mantra oder einem Gebet. Auch während der Praxis gibt es möglicherweise Dinge, die dir helfen, dich wohlzufühlen und zu konzentrieren: zum Beispiel deine Lieblingsasanas, eine schöne Musik, eine gedruckte, gesprochene oder gefilmte Anleitung. Gehe mit deiner gesamten Praxis dahin, wo du Freude empfindest.

7. Lausche nach innen

Sadhana
Zur Ruhe kommen … Foto: Los Muertos Crew/Pexels via Canva

Eines der größten Geschenke beim selbständigen Üben ist es, dass du Zeit und Raum hast, um wirklich deiner eigenen Stimme zu folgen. Spüre in jeder Übung genauer hin: Was empfindest du körperlich? Was geschieht vielleicht auf energetischer Ebene, beim Atem, bei deiner Kraft? Welche Stimmungen oder Gedanken werden wach? Und was folgt daraus? Welche kleine Korrektur wünscht sich dein Körper jetzt vielleicht? Und was wäre die nächste Bewegung? In dieser achtsamen Selbsterforschung entfaltet die Yogapraxis erst ihre eigentliche Tiefe und transformierende Kraft.

8. Aktiviere dein Tapas

Es ist ganz normal, dass du im Lauf der Zeit Ups und Down erlebst und auf Widerstände stößt: Die Praxis ist nicht immer nur wohliger Genuss, manchmal fordert sie uns auch heraus und zwingt uns, die Komfortzone zu verlassen. Was dir dabei laut Yogaphilosophie hilft, ist Tapas, eine Art yogisches Feuer, ein liebevoller Eifer, der dich antreibt, ohne dich zu verbrennen.

Swami Satchidananda hat Tapas definiert als die Bereitschaft, das anzunehmen, was der eigenen Reinigung dient. Kino McGregor meint: „Wenn du normalerweise vor Schwierigkeiten zurückweichst, dann zeigt dir Tapas einen Weg, wie du dich immer wieder aufrappeln und Herausforderungen mit kämpferischer Liebe begegnen kannst.“

9. Sei freundlich mit dir selbst

So wichtig Disziplin und Entschlossenheit sind: Sie dürfen nicht dazu führen, dass du dich selbst verurteilst oder verletzt. Es ist okay, wenn du es an manchen Tagen (oder auch mal länger) nicht auf die Matte schaffst. Oder wenn du nur zwei Sonnengrüße machst. Oder dich einfach in der Mittagspause fünf Minuten auf eine Bank setzt und meditierst.

In dieser freundlichen Flexibilität steckt viel mehr Yoga als in Leistungsdenken und akrobatischen Kunststücken. Alles, was zählt, ist, dass du die Verbindung zu deinem Sadhana hältst – in genau der Form, die jetzt für dich passt. Dabei helfen dir Humor, Akzeptanz und liebevoll eingesetztes Tapas.

10. Bleib offen

Eine regelmäßige Praxis wird viel müheloser, wenn sie erst einmal zur Gewohnheit geworden ist. Psycholog*innen zufolge ist das nach frühestens zwei Monaten der Fall ist. Eine beliebte Challenge im Yoga ist es, 108 Tage am Stück zu üben. Irgendwann kann es sein, dass du so selbstverständlich auf die Matte gehst, wie du dir die Zähne putzt. Allerdings haben solche fest eingeführten Routinen auch entscheidende Nachteile: Sie können sich irgendwann stumpf und öde anfühlen.

An diesem Punkt ist es hilfreich, sich frische Impulse zu holen: Lerne etwas Neues, lass dich inspirieren von neuen Lehrer*innen, Büchern, Filmen, probiere Yoga nochmal ganz anders aus. Genauso kann es auch sein, dass du deiner geliebten Routine allzu verhaftet bist und dann von einer Krankheit oder veränderten Lebensbedingungen dazu gezwungen wird, sie aufzugeben. Auch hier heißt es: offen sein für neue Wege, neue Übungen und darauf vertrauen, dass auch darin ein Segen liegen kann.

11. Vergiss nicht: Es ist ein geistiger Weg

„Die Praxis gewinnt nur festen Boden, wenn sie lange Zeit ohne Unterbrechung hingebungsvoll und in rechter Weise ausgeführt wird.“ Mit diesem berühmten Vers aus dem Yogasutra (1.14) mahnt uns Patanjali zu Abhasya (beharrlichem Üben).

Allerdings meinte er damit etwas ganz anderes als stundenlanges Schwitzen auf der Yogamatte: Hier geht es um einen Weg, den Geist zu reinigen und zu beruhigen, es geht um Gelassenheit und innere Freiheit (Vairagya), um spirituelles Wachstum. Dieser geistige Weg ist der eigentliche Yogaweg, den dein Sadhana verfolgen sollte. Er kann viele Formen annehmen – und er reicht sehr viel weiter als der Mattenrand.

12. Roll einfach die Matte aus

Motivation die Yogamatte auszurollen
Foto: Macniak via Canva

„Yoga zeigt sich im Yoga“, schreibt Vyasa, einer der wichtigsten Kommentatoren zum Yogasutra. Und von Swami Sivananda soll der berühmte Spruch stammen, dass ein Gramm Praxis besser ist als eine Tonne Theorie. Will heißen: Tu es einfach! Denk nicht lange drüber nach, was jetzt vielleicht dafür oder dagegen spricht, erlaube deinem Geist keine Ausflüchte und roll gleich jetzt deine Matte aus. Auch wenn es nur für zehn Minuten ist. Und morgen wieder. Und übermorgen …


Stephanie Schauenburg hatte gute Gründe, diesen Artikel zu schreiben: Auf ihrer Yogamatte kampiert hin und wieder ein ausgewachsener Schweinehund, den sie dann freundlich, aber bestimmt dazu auffordert, sich zu trollen.

#111 Rituale, Trance und Heilung: Einführung in den Schamanismus – mit Annette Mors

Verbindung zur spirituellen Welt: Erfahrungen und Erkenntnisse einer modernen Schamanin

Schamanismus ist eine der ältesten Formen der spirituellen Praxis der Menschheit und ein Glaubenssystem, das in verschiedenen Kulturen auf der ganzen Welt existiert. In dieser Folge „YogaWorld Podcast“ begrüßt Gastgeberin Susanne Mors ihre Schwester Annette Mors, eine moderne Schamanin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Gemeinsam erkunden sie die faszinierende Welt des Schamanismus.

Annette beschreibt zunächst das schamanische Weltbild in seinen Grundzügen und erläutert dabei die Grundgedanken der schamanischen Arbeit. Sie erklärt die Rolle von Schaman*innen als Heiler*innen, spirituelle Führer*innen und Vermittler*innen zwischen der physischen Welt und der spirituellen Welt sowie die Bedeutung von Ritualen und Trancezuständen. Hier teilt Annette persönliche Erlebnisse aus ihren schamanischen Reisen, gibt Einblicke in die moderne Interpretation schamanischer Arbeit und äußert ihre Meinung zu bewusstseinserweiternden Drogen.

Außerdem betont sie, warum es gerade in unserer technologisierten Welt wichtig ist, sich auf das Ursprüngliche zu besinnen und welche Rolle der Schamanismus in der Zukunft spielen könnte. Sie erklärt auch, warum schamanische Praktiken oft missverstanden werden und gibt stimmige Anregungen zur Interpretation von Krankheit und Heilung.

Erfahre, wie Schamanismus heute angewendet wird, wie du eine tiefere Verbindung zu dir selbst und der spirituellen Welt herstellen kannst und welche wichtige Rolle dabei die Natur spielt. Eine tief berührende persönliche Geschichte rundet die Folge ab und schlägt den Bogen zurück zum Yoga.

Mein(e) Schatten und ich – von Sally Kempton

Wachstum durch Schattenarbeit
Nutze die Chance für Wachstum / Foto: Kieferpix / Getty Images via Canva

Jeder Mensch hat Schattenseiten, die er lieber im Dunkeln lassen möchte. Doch um dein wahres Potential auszuleben, ist es notwendig, negative Eigenschaften zu beleuchten – nur so kannst du sie verändern.


Text: Sally Kempton, Titelbild: Kieferpix/Getty Images via Canva

Liane weiß genau, dass Brian ihre große Liebe ist, aber als sie zusammenziehen, bemerkt sie ein verstö­rendes Verhaltensmuster an sich. Wenn Brian spät nach Hause kommt oder ganz in seine Arbeit versun­ken ist, während sie mit ihm reden will, wird sie ex­trem wütend. Entweder zieht sie sich dann in ärger­liches Schweigen zurück, oder, was noch schlimmer ist, schreit ihn an.

Als Liane sich selbst während einer dieser Tiraden zufällig im Spiegel sieht, ist sie scho­ckiert über den harten, aggressiven Ausdruck auf ih­rem Gesicht. „Ich bin ein liebevoller Mensch“, sagt sie. „Ich weiß nicht, wo diese Gefühle herkommen. Gibt es keine spirituelle Praxis, mit deren Hilfe ich etwas gegen diese negativen Eigenschaften tun kann?“

Mache dir deine negativen Eigenschaften bewusst

Die eigenen Schattenseiten beleuchten
Beleuchte deine Schattenseiten. Foto: Ossyugioh/Getty Images via Canva

Diese Frage taucht häufig auf, besonders bei Yogi*nis, die wissen, wie sich ein liebevoller und großzügiger Zu­stand anfühlt. Sie kennen die warmherzige, weise Per­son in sich selbst. Woher also kommen diese hässlichen Gefühle und Verhaltensweisen? Oft wünscht man sich dann einen Zauberstab, der Angst, Wut und Unsicher­heit für immer ein Ende macht. Aber das Bedürfnis, die eigenen negativen Eigenschaften loszuwerden, so dass man nur seine „guten“ Seiten auslebt, ist Teil des Prob­lems.

Es gibt keinen magischen Trick, der die negativen Eigenschaften verschwinden lässt, weder im Yoga noch auf einem anderen spirituellen Weg. Stattdessen muss man sich seiner Schattenseiten bewusst werden, von ihnen lernen und mit Bedacht an ihnen arbeiten. Die schmerzhaften Samskaras, die man sich als tiefe Fur­chen in der eigenen Seele vorstellen kann und die ne­gative Verhaltensweisen auslösen können, werden deine Gedanken und dein Verhalten beeinflussen, bis du sie genau erforschen und sie als wesentlichen Teil des ei­genen Bewusstseins annimmst.

Dunkelheit führt zu Wachstum

Dann kannst du die Energie, die darin gebunden ist, freisetzen und sie für dein persönliches und spirituelles Wachstum nutzen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem du dich mit diesen negativen Eigenschaften (für die der große Psy­choanalytiker Carl Gustav Jung den Ausdruck „Schat­ten“ geprägt hat) auseinandersetzen musst, oder du wirst mit den Folgen deiner sich ständig wieder­holenden unfreiwilligen Fehler leben müssen.

Viel­leicht fragen dich deine Freunde, warum du ständig zu spät kommst. Oder warum du Gerüchte über andere Menschen verbreitest. Oder dir wird wie Liane be­wusst, dass du ständig auf einen deiner nahestehen­den Menschen wütend bist. Oder du überspielst deine Unsicherheit mit Überheblichkeit. Oder deine Stimmung schwankt ständig zwischen guter und schlechter Laune.

Jung, dessen Werk von den östlichen Schriften und Weisheiten beeinflusst war, nannte den Schatten „den Menschen, der du lieber nicht sein willst“ – das Gegen­teil deiner bewussten Persönlichkeit. Er prägte den Aus­druck „Schatten“, um die Eigenschaften zu beschrei­ben, die einige der yogischen Schriften als Kleshas bezeichnen (wörtlich übersetzt: Ursachen des Leidens). Das sind die Eigenschaften, die in der Bhagavad Gita, einer der wichtigsten yogischen Schriften, etwas ein­schüchternd als „dämonisch“ beschrieben werden.

Der Ursprung des Schatten

Jeder hat seine Schattenseiten
Jeder hat seine Schattenseiten. Foto: Cherry’s Cr8ve Cliqs via Pexels

An­ders ausgedrückt: Der Schatten vereint alle selbstsüch­tigen, primitiven, egoistischen, gewalttätigen, faulen und selbstgerechten Seiten deiner Persönlichkeit. Der Schatten umfasst alle Seiten deiner Psyche, die du lieber nicht genau ansehen – die Wesenszüge, für die du dich immer geschämt hast und die Eigenschaften, die du am liebsten im tiefsten Keller deiner Persönlich­keit verstecken möchtest.

Unsere Schattenseiten sind häufig primitiv und unreif, weil wir sie ausblenden und deshalb nicht weiterentwickeln. Wenn wir unse­re negativen Eigenschaften vor unserer bewussten Selbstwahrnehmung verstecken, werden sie unsere Gefühle und unser Verhalten auf unberechenbare Art beeinflussen. Du merkst es, wenn du wegen einer Kleinigkeit wütend wirst, wegen eines kleines Feh­lers verzweifelst, oder wenn du eine Abneigung gegen jemanden entwickelst, der eine Eigenschaft an den Tag legt, die du bei dir selbst nicht wahrhaben willst.

Der innere Richter

Shelly, eine Krankenschwester, war immer stolz auf ihre Fähigkeit, sich in Patient*innen hineinzufühlen und är­gerte sich über ihre Vorgesetzte, die die Patient*innen ihrer Meinung nach herablassend behandelte. Deshalb geriet sie häufig in Streit mit ihrer Vorgesetzten. Bei einem Wochenend­-Workshop über den eigenen Schatten bat ich Shelly, zu erforschen, warum ihr Urteil so hart aus­fiel. Als wir darüber sprachen, wurde ihr klar, dass sie selbst Herablassung gegenüber genau jenen Patient*innen empfand, die ihre Vorgesetzte herablassend behandelte – aber sie kompensierte dieses Gefühl, indem sie die­sen Patient*innen gegenüber besonders nett war.

Ihr Urteil über ihre Vorgesetzte war ein Spiegelbild des Urteils über sich selbst, sobald sie wütend wurde oder sich an­ders verhielt als der nette, liebevolle Mensch, der ihrem Selbstbild entsprach. Shelly brauchte eine Weile, um die Verbindung zwi­schen ihrer Selbstkritik und der strengen Beurteilung ihrer Vorgesetzten wahrzunehmen. Als sie die Un­erbittlichkeit ihres inneren Richters erkannte, konnte sie auch ihre Vorgesetzte mit mehr Mitgefühl betrach­ten. Das führte dazu, dass sie weniger stritten, und Shelly hat inzwischen das Gefühl, dass sich die gesamte Atmosphäre auf der Station verbessert hat.

„Vielleicht hat sich die Atmosphäre wirklich verändert“, sagte sie. „Oder sie fühlt sich anders an, weil ich mich verändert habe.“ Diese Geschichte zeigt, wie die Einstellungen deines un­bewussten Schattens deinen Blick auf das Leben beein­flusst. Wenn man etwas an sich selbst nicht wahrneh­men kann, projiziert man es unweigerlich auf jemand anderen – ob man diese Eigenschaft am anderen nun verurteilt oder bewundert.

Der Weg der Schattenarbeit

Wachstum durch Schattenarbeit
Nutze die Chance für Wachstum. Foto: Kieferpix/Getty Images via Canva

Eine Strategie gegen diese Muster kann die „Schat­tenarbeit“ sein, bei der man sich ganz bewusst durch Praktiken und Methoden der Selbsterforschung (aus der Yogatradition und der Psychologie) die eigenen Schattenseiten bewusst macht und Verantwortung für sie übernimmt, so wie es Shelly getan hat. Sobald dein Schatten wirklich zu dir gehört, kannst du damit beginnen, ihn zu verändern und zu integrieren. Wenn du lernst, deine Schatten wahrzunehmen, kannst du deine Beziehung zu anderen Menschen und zu dir selbst verändern.

Du kannst konstruktive Kritik leichter annehmen, sobald du erkannt hast, dass es dein perfektionistischer innerer Kritiker ist, der dir das Leben schwer macht – und nicht der Mensch, der versucht, dir mit kritischem Feedback zu helfen. Noch wichtiger: du wirst feststellen, dass du mit Hil­fe dieser „Schattenarbeit“ viele der negativen Gefühle, die du dir selbst gegenüber hegst, lösen kannst – bei­spielsweise das Gefühl von Scham und Minderwertig­keit, oder den schleichenden Verdacht, dass du nicht der Mensch bist, der du vorgibst zu sein.

Annehmen und loslassen

Es wird auch einfacher, einige unbewusste Verhaltensmuster loszulassen: Vielleicht bist du stets unehrlich zu deinen Kolleg*innen oder wütend auf deine Mutter, oder du wählst immer wieder Partner, die dich ausnutzen. Oft zeigen Menschen, die sich ernsthaft mit der „Schattenarbeit“ beschäftigt haben, ein hohes Maß an Aus­geglichenheit, Toleranz und Selbstakzeptanz.

Du bist häufig sehr aufrichtig – du predigst nicht das eine und tust das andere. Deine ethischen Grundsätze werden nicht von unbewussten Impulsen, emotional aufgela­denen Projektionen oder negativen Verhaltensmustern unterlaufen. Sobald du beginnst, deine verdrängten Ei­genschaften anzuerkennen und mit deiner „Schattenar­beit“ vorankommst, wirst du ahnen, wie sich echtes inneres Gleichgewicht anfühlt.

Die Entstehung des Schattens

Schattenseiten
Schattenseiten. Foto: Superette/Corelenes via Canva

Es ist oft schmerzhaft, sich einer tief sitzenden Schat­tenseite bewusst zu werden, und dieser Schmerz hat seine Wurzeln häufig in der frühen Kindheit. Vielleicht fanden deine Eltern dich zu unbändig, zu sprunghaft, zu fordernd, zu sensibel oder zu wütend. Vielleicht ha­ben deine Freunde, Mitschüler*innen und Lehrer*innen bestimmte Eigenschaften belohnt und andere abgelehnt.

Wenn bestimmte Eigenschaften Missfallen erregen, beginnt man häufig, sie zu unterdrücken oder zu verstecken. Wenn solche nicht akzeptierten Charaktereigenschaf­ten aber unterdrückt werden, hat man nicht die Mög­lichkeit, an ihnen zu arbeiten und die positiven Seiten daran zu entdecken – das ist das eigentliche Problem. Beispielsweise kann sich die Intensität, die sich in kind­licher Wut ausdrückt, bei einem geistig gesunden Men­schen in eine reifere Eigenschaft verwandeln – etwa in Widerstand gegen Rücksichtslosigkeit oder in Selbstbe­hauptung in schwierigen Situationen.

Die Traurigkeit kann zu einer Fähigkeit zu tiefem Mitgefühl werden. In der Angst liegt das Potenzial, sich zu einer gesunden Verletzlichkeit zu entwickeln. In der Impulsivität liegt die Wurzel zu echter Spontaneität. Aus diesem Grund bringt es nichts, den eigenen Schatten zu verleugnen. Er mag primitiv, egoistisch und manchmal inkonse­quent sein, aber in ihm liegt auch eine Energiequelle für kreatives und spirituelles Wachstum.

Vom Schatten ins Licht

Es gibt verschiedene Ansätze, mit den eigenen Schat­tenseiten zu arbeiten, und jeder ist auf seine Art pro­duktiv. Im klassischen Yoga des Patanjali wird die Ansicht vertreten, dass man sich von seinen Schatten­seiten reinigen und sie letztendlich loswerden sollte. Die traditionelle Heilung besteht darin, Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit und Zufriedenheit aus­zubilden und Reinigungstechniken zu üben: Bestimmte Asanas, Mantras und Meditationsübungen sollen viele Schattenseiten aus dem Unbewussten vertreiben.

Das Chanten und Singen von Mantras beispielsweise kann eine sehr wirksame Methode sein, um negative Gedan­ken und Gefühle aus dem Geist und Herzen zu beseiti­gen und schmerzhafte Empfindungen aufzulösen, die uns sonst vielleicht zu impulsiven Handlungen treiben würden. Diese Praktiken sind wichtige und notwendige Verbündete.

Aber irgendwann folgt die Erkenntnis, dass man noch einen Schritt weiter gehen kann: indem man die Ener­gie befreit, die in den Schattenseiten gefangen ist, und ihr eine positive Richtung gibt. Ein Schlüsselsatz in der Spanda Karikas, einem wich­tigen Text der tantrischen Philosophie, erklärt das My­sterium, das sich in dieser „Schattenenergie“ verbirgt: Im Text wird beschrieben, wie Spanda, die transforma­tive Energie des Universums und die Energie, die uns die Kraft für unseren evolutionären Sprung verliehen hat, sich in Momenten extremer Gefühle und Leiden­schaften – Wut, Angst, tiefer Verwirrung und freu­diger Erregung – besonders stark zeigt.

Der tantrische Ansatz empfiehlt folgende Technik: Konzentriere dich auf die Energie, die in intensiven Momenten spür­bar wird, und richte deinen Fokus nach innen, zur Wurzel dieser Energie oder des Impulses, statt diesen auszuleben. Dann kannst du dem negativen Gefühl auf den Grund gehen – und zu dem reinen Bewusstsein vorstoßen, das in deinem göttlichen Innersten liegt.

Sich selbst erforschen

Schattenarbeit
Der Weg der Schattenarbeit. Foto: StockSnap via Pixabay

Wenn du diese Gegensätze in dir selbst erforschen willst, musst du deine Schatten objektiv und auf­merksam betrachten. Ein guter Ansatzpunkt sind die Eigenschaften, für die du häufig kritisiert wirst. Vielleicht kommt von deiner Familie oder deinen Kolleg*innen das Feedback, dass du manchmal dominant oder auf­brausend bist oder mit Menschen flirtest, die anderen viel bedeuten – und du hast dieses Feedback bisher ignoriert.

Wie mein Freund Jon. Er wird ständig von all seinen Freunden aufgezogen, weil er seine eigenen Leistungen übertreibt, und er wird kritisiert, weil er anderen die Schuld an seinen Fehlern gibt. Lange Zeit weigerte er sich, diese Kritik ernst zu nehmen. Dann erklärte ihm ein langjähriger Freund, dass er nicht länger so eng mit jemandem befreundet sein wolle, der nicht ehr­lich sei.

Jon war sehr verletzt, aber ihm wurde klar, dass er endlich zugeben musste, dass es ihm zur Gewohnheit geworden war, es mit der Wahrheit nicht ganz so ge­nau zu nehmen. Er gestand es sich selbst gegenüber ein und setzte sich mit den Schamgefühlen auseinander, die dieses Geständnis in ihm auslöste. Von einem Mo­ment auf den anderen wurde er zu einem aufrichtigen Menschen.

Hier kommst du zu unserem Podcast: Starke Verbindung für persönliches Wachstum mit Sandra Walkenhorst

Drei Strategien

Genauso wichtig ist es wahrzunehmen, wann eine Si­tuation starke Gefühle auslöst. Warum ärgert es dich so, wenn sich die Schlange am Fahrkartenschalter so lang­sam vorwärts bewegt? Könnte deine Wut aus einer fehlgeleiteten Anspruchshaltung resultieren – dem Gefühl, dass alles so laufen muss, wie es dir passt? Warum löst es in dir ein schlechtes Gefühl aus, wenn deine Freundin ganz mühelos ihre Rechtsanwaltszulassung bekommt? Liegt es daran, dass du deine Doktorarbeit schon ewig aufschiebst und der Erfolg anderer sich bedrohlich anfühlt?

Wenn du deine verdrängten Schat­tenseiten ganz genau unter die Lupe nimmst, verlieren diese ihre Wirkung – und so auch die Macht über dich. Ein anderer Weg, deine Schattenseiten ans Licht zu ho­len, ist die Betrachtung von Menschen, denen du ein starkes negatives Gefühl entgegenbringst.

Als Hil­lary Clinton 2008 bei den Vorwahlen antrat, traf ich immer wieder Frauen, die praktisch Schaum vor dem Mund hatten, wenn ihr Name erwähnt wurde. All die­se Frauen waren erfolgreich und hatten viele Kompro­misse eingehen müssen, um in männlich dominierten Berufen Karriere zu machen. Sie meinten, Hillary wäre skrupellos und opportunistisch. Manche sagten sogar: „Ich hasse sie.“ Die Heftigkeit der Ablehnung allein zeigte, dass hier Projektionen am Werk waren. Die „dunklen“ Eigenschaften, die die Frauen in Hillary sahen, waren verleugnete Seiten ihrer selbst.

Erkenne dein Potential

All das trifft auch auf deine positiven Schatten zu – auf deine nicht gewürdigten „guten“ Eigenschaften. Viel­leicht spiegeln die Menschen, die du für ihren Mut, ihre Kreativität, ihre Weisheit und ihren Charme bewun­derst, lediglich dein eigenes verstecktes Potenzial wider? Denke darüber nach: Wen hast du während deiner Jugend bewundert und warum? Welche Eigen­schaften bringen dich dazu, sich in jemanden zu verlie­ben? Was bewunderst du an deinen engsten Freunden? Das könnte dich zu denen eigenen vernachlässigten oder versteckten Stärken führen.

Wenn du deine „Schattenarbeit“ über längere Zeit fort­setzt, mache dir die Mühe aufzuschreiben, worin sich deine Schattenseiten zeigen – ohne dich zu verurteilen oder dir die Schuld daran zu geben. Viel­leicht erkennst du, dass deine Schattenseiten die Macht über dich übernommen haben, wenn du dich über die kritischen Bemerkungen deines Expartners empörst. Oder wenn du dich darüber ärgerst, dass eine enge Freundin sich nicht meldet, anstatt sie selbst anzuru­fen. Oder wenn du deinen Chef idealisierst, weil er so kreativ ist, während du deine eigenen Ideen nicht ein­bringst.

Sobald du merkst, wann dein Schatten dich im Griff hat, kannst du versuchen, ganz bewusst nicht deinem ersten Impuls zu folgen – beispielsweise, indem du einen nahe stehende Menschen anschreist. Du kannst dich entscheiden, anders zu reagieren als sonst – vielleicht, indem du geduldig bist, wenn du dich über je­manden ärgerst, oder indem du dir klarmachst, dass der Mann, den du bewunderst, positive Eigenschaften besitzt, die auch in dir selbst versteckt sind.

Sich befreien

Dann kannst du den nächsten Schritt gehen: Den Schritt, der es dir erlaubt, deinen Schatten zu inte­grieren und ihn schließlich loszulassen. Du kannst lernen, dich deiner Schattenseiten bewusst zu werden, und die Energie, die darin gebunden ist, befreien. Du wirst verstehen und akzeptieren, dass du wie jeder andere Mensch auch, helle und dunkle Seiten hast. Und wenn du beide wahrnimmst, wirst du allein durch diese Achtsamkeit beide Seiten in deiner Persön­lichkeit einbinden können. Dann wird die Energie frei, die durch die Übermacht der einen Seite gebunden war.

Es ist ein Paradox, dass du erst dann, und nur dann, wirklich die Kraft haben wirst, jene Eigenschaften und Verhaltensweisen zu ändern, die geändert werden können und sollten. Veränderung entsteht nicht aus dem blinden Versuch, negative Seiten zu unterdrücken oder die positiven zu verleugnen.

Sie entsteht durch die Kraft, die frei wird, wenn wir diese Eigenschaften auf­merksam betrachten. Nur wenn wir uns unserer eige­nen Abgründe bewusst werden – unserer ganz eigenen Weisheit und unserer ganz eigenen Blindheit, unserer Selbstlosigkeit und unserer selbstgerechten Wut – nur dann können wir selbst und andere uns wirklich ver­trauen. Das ist der Moment, in dem wir uns entschei­den können, unsere besten Seiten zu leben. Das ist der Moment, in dem unser Yoga all unsere Stunden und Tage mit Licht erfüllt.


Sally Kempton Yogajournal

SALLY KEMPTON gehörte zu den international renommiertesten Lehrerinnen für Meditation und Spiritualität. Sie schrieb viele Jahre über Yogaphilosophie und hat mehrere Bücher verfasst. Mehr Infos unter sallykempton.com.


Lese mehr von Sally Kempton:

Hilfestellungen im Yoga – hands on, hands off?

Hands-on/Hands-off

Yogahaltungen wirklich zu verstehen und zu verkörpern, statt sie nur auszuführen – das ist eines der wichtigsten Ziele der Praxis. Dafür braucht es eine gute Anleitung, Übung und nicht zuletzt auch Korrekturen. Doch welche Hilfestellungen im Yoga sind wirklich hilfreich – und welche eher nicht? Unser Adjustment-Guide weist den Weg.

Titelbild: fizkes/Getty-Images via Canva

Hands on, hands off – Hilfestellungen im Yoga und die Verletzungsgefahr

Coral Brown unterrichtet seit über 20 Jahren Yoga. In dieser Zeit, sagt sie, habe sie vermutlich schon Tausende Male manuell korrigiert. Zum Beispiel, wenn sie mit Shiva Rea zu Workshops in der ganzen Welt gereist ist und dort assistiert hat. „Energetic alignment-based assists“ hieß das dort – Berührungen, die den Schülerinnen und Schülern helfen sollten, Drehungen, Vorwärtsbeugen, Stehhaltungen und andere Asanas besser zu verstehen und tiefer zu verkörpern. „Ich glaube nicht, dass ich in all den Jahren jemanden verletzt habe“, sagt Brown. „Aber mir ist bewusst, dass das natürlich passieren kann.“

Nachdem sie sich vergangenes Jahr selbst bei einer zu intensiv ausgefallenen Hilfestellung im Yoga durch einen Lehrer einen Muskelfaserriss an der Oberschenkelrückseite zuzog, hat bei ihr ein Umdenken eingesetzt: „Viel zu lange habe ich so assistiert, dass ich die Übung quasi für den Schüler gemacht habe. Totaler Quatsch! Eigentlich sollte es eher um eine sanfte Berührung gehen, die verständlich macht, in welche Richtung sich die Bewegung oder Haltung entwickeln sollte, damit sie wirklich verkörpert wird – und zwar selbstständig!“

Korrekturen auf dem Prüfstand

Wie Coral Brown geht es derzeit vielen: Manuelle Hilfestellungen und Korrekturen stehen zunehmend auf dem Prüfstand. Und das ist gut so, denn wir sollten uns bewusst machen: Was ist überhaupt sinnvoll? Was ist gefahrlos möglich? Und welche Dynamik entfalten dabei (auch mal abgesehen von #metoo) die subtilen Machtverhältnisse im Lehrer-Schüler-Verhältnis?

Der renommierte Ausbilder Jason Crandell sagt: „Es ist ganz natürlich, dass man sich nach der Zuwendung seines Lehrers sehnt – aber das kann auch leicht zu unguten Situationen führen.“ Er selbst hat daher manuelle Hilfen und Korrekturen in seinem Unterricht immer mehr eingeschränkt.

Hilfestellungen: Kommen sie in der Yogalehrer-Ausbildung zu kurz?

Hands on - Wie gut sind Hilfestellungen?
Foto: boophuket/Getty-Images via Canva

Ein wichtiges Thema sind dabei sicher auch Verletzungen. Dass es die noch immer viel zu häufig gibt, hängt nach Crandells Einschätzung mit zwei Dingen zusammen: Zum einen nehmen Hilfestellungen und Korrekturen in der Yogalehrer-Ausbildung noch immer einen viel zu geringen Raum ein. Mit anderen Worten: Viele wissen gar nicht so genau, was sie da eigentlich tun.

Und zum zweiten sind Assists allzu oft geleitet von einem Beweglichkeitsfetisch, der eher das Instagram-Foto vor Augen hat als eine gut integrierte, in der Tiefe verkörperte Asana.

Hands-On: 10 Adjustment-Regeln für die Yogastunde

Manuelle Hilfestellungen im Yoga sind nach wie vor ein sinnvoller Teil des Yogaunterrichts. Keine verbale Erklärung und keine visuelle Demonstration kann man so direkt spüren und umsetzen wie eine kundige und angemessene Berührung. Worauf es dabei ankommt? Das erfährst du hier:

  1. Nur mit Einwilligung
    Klingt selbstverständlich, ist es aber leider nicht: Yogaschüler*innen sollten nicht gezwungen sein, sich aktiv dagegen zu verwehren, berührt oder korrigiert zu werden. Stattdessen muss klar sein: Die manuelle Hilfe ist immer eine Option, für die man sich entscheiden kann – oder auch nicht.
  2. Jetzt lieber nicht!
    Was ich jetzt als hilfreich und angenehm empfinde, kann zu einem anderen Zeitpunkt oder in einer anderen Haltung sehr unangenehm sein. Manche Lehrer*innen arbeiten daher mit neben der Matte liegenden, beidseitig bedruckten Kärtchen. So kann man jederzeit mitteilen: „Ja, bitte“ oder „Jetzt lieber nicht“. Genauso gut kann man als Lehrer*in aber auch vor jeder Berührung diskret nachfragen.
  3. Widerstand wahrnehmen
    Manchmal geschieht die Einwilligung zu Adjustments eher aus Schüchternheit als aus Überzeugung. Yogalehrer*innen sollten deshalb sehr fein spüren können: Gibt es körperlichen oder emotionalen Widerstand? Ist eine manuelle Korrektur überhaupt notwendig und relevant? Im Zweifel ist weniger immer besser.
  4. Nein ist okay
    Ein klares „Nein“ oder gar harsches „Stopp!“ kann sich für wohlmeinende Yogalehrende wie eine Zurückweisung anfühlen und sie zu entsprechend emotional gefärbten Reaktionen verleiten. Sollte es aber nicht, denn jedes „Nein“ ist okay – immer.
  5. Ach du Schreck!
    Je konzentrierter man übt, desto weniger nimmt man seine Umgebung wahr – und umso mehr kann man bei einer plötzlichen Berührung erschrecken. Manchmal so sehr, dass es einen buchstäblich umhaut. Für Yogalehrende gilt deshalb: Niemals von hinten annähern, wahrnehmen, ob man wahrgenommen wurde und sich gegebenenfalls sanft bemerkbar machen, bevor man jemanden berührt.
  6. Integrität statt Intensität
    Leider hört man immer wieder von Yogalehrenden, die jemanden mit sanfter Gewalt „tiefer“ in eine Haltung drücken – und damit den eigentlichen Sinn manueller Korrekturen missverstehen: Statt die Intensität zu pushen sollten alle Adjustments eine Ermutigung zu mehr Feinheit, Integrität und Stabilität sein. Häufig kann das auch heißen, dass man einen Schritt zurückgeht, Alternativen erkundet oder die Haltung behutsam auflöst.
  7. Sanft anklopfen
    Die klassische Korrektur leitet den Schüler oder die Schülerin manuell in eine bestimmte Bewegung oder Ausrichtung. Es geht aber auch subtiler und mindestens so effektiv: Schon eine an einer bestimmten Stelle aufgelegte Hand, lenkt die Aufmerksamkeit des Übenden in diese Region und kann eine vielleicht schlafende Muskelgruppe aufwecken. Anstatt also zum Beispiel beim herabschauenden Hund die Oberarme mit den Händen auswärts zu drehen, kann man auch nur sachte gegen die Außenseiten der Arme klopfen.
  8. Gewusst wie
    Wenn man nicht sehr genau weiß, was man vorhat und wie man es erreicht, dann sollte man als Lehrkraft buchstäblich die Finger von manuellen Korrekturen lassen. Dazu kommt: Unsicherheit, Nervosität und Ungeschicklichkeit teilen sich in einer Berührung immer mit und wirken dann eher verunsichernd als hilfreich.
  9. Feedback einholen
    Oft haben Schüler*innen Hemmungen, von sich aus mitzuteilen, wie sich Adjustments anfühlen und was sie damit anfangen können. Es ist daher eine gute Idee, schon in der Situation kurz nachzufragen: „Wie fühlt sich das an?“ oder „Kannst du das spüren?“
  10. Manuell & verbal
    Indem man mit Worten erklärt, was man mit seinen Händen tut, verstärkt man oft nicht nur den unmittelbaren Effekt, man verhilft seinen Schüler*innen auch zu mehr Verständnis. Das macht es leichter, eine Korrektur auch auf Dauer ins eigene Üben zu integrieren und wirklich dazuzulernen.

Hands-Off: 3 Ideen, Hilfestellungen im Yoga zu umgehen

Hands-Off-Assits
Hands-Off-Assits / Foto: Vitapix/Getty Images via Canva

Ganz egal, ob es um Traumata geht oder ganz einfach um die Wahrung individueller Grenzen: Für manche Menschen und in manchen Situationen sind manuelle Hilfestellungen im Yoga ungut oder sogar tabu. Dass wirksame Hilfen und aufmerksame Zuwendung trotzdem immer möglich sind, zeigen diese drei Beispiele:

1. Selbst Hand anlegen lassen:

Die eigenen, an den Körper gelegten Hände sind ein wunderbarer Weg, Ausrichtungsdetails oder Bewegungsmuster wahrzunehmen, verbale Anleitungen besser zu verstehen und sich selbst zu korrigieren. So macht zum Beispiel die Hand am Kreuzbein dem Übenden sofort bewusst, wenn das Becken nach vorn gekippt ist, und ein paar sanft auf den Solar Plexus gelegte Finger ermuntern fast automatisch zur Aufrichtung des Rumpfes. Diese Berührungen kann man verbal und visuell anleiten – und der Lerneffekt dieser Kombination aus Erklärung, Spüren und selbstständigem Umsetzen ist oft viel nachhaltiger als eine manuelle Korrektur im Vorübergehen.

2. Gesten und Bilder:

Asanas und Korrekturen mit Worten zu beschreiben, ist gar nicht so einfach, zumal wenn es um die Feinheiten einer präzisen Ausrichtung geht. Aber selbst wenn ein*e Lehrer*in diese Kunst versteht: Eine wortreiche Erklärung kann manchmal ganz schön verwirrend sein, besonders wenn man noch nicht so lange übt, oder sich an einer neuen Asana versucht. Deshalb ist es besser, sich knapper auszudrücken, anschauliche Bildern zu verwenden und das Gesagte mit Gesten zu untermalen. Anstatt also etwa in der Heldenhaltung 2 über die Auswärtsrotation im Hüftgelenk des gebeugten Beins zu sprechen, würde man sagen: „Beweg dein vorderes Knie etwas mehr in Richtung kleiner Zeh“ und diese Bewegungsrichtung mit der Hand zeigen.

3. Hilfsmittel geben

Blöcke, Gurte, Decken und andere Hilfsmittel machen Asanas verständlich und zugänglich. Die Idee dabei: Erst wenn eine optimale Ausrichtung erreicht ist, kann der Körper überhaupt lernen, worum es für ihn in dieser Haltung geht. Diesen Effekt nennt man auch propriozeptives Feedback. Neigt ein*e Schüler*in zum Beispiel im gestreckten Dreieck dazu das vordere Bein zu überstrecken, dann könnte die Lehrperson einen Gurt um die Kniekehle legen, sanft nach vorne ziehen und dazu auffordern, gegen diesen Widerstand zu arbeiten. Dabei lernt der*die Schüler*in, das Knie durch Muskelkraft zu stabilisieren, anstatt es zu blockieren. Im Gegensatz zur manuellen Korrektur erlauben solche Hilfen mehr räumlichen und mentalen Abstand. So können beide besser beobachten, was geschieht.

Tipp: Hier zeigen wir innovative Self-Assists für acht klassische Haltungen:


#110 Yoga und Politik: Chancen und Grenzen – mit Cornelia Brammen

Cornelia Brammen Yoga und Politik

Ist Yoga politisch und haben wir Yogi*nis eine soziale Verantwortung?

In dieser Folge „YogaWorld Podcast“ geht es um die spannende Verbindung zwischen Yoga und Politik. Zwei große Fragen stehen im Raum: Ist Yoga politisch? Und haben Yogi*nis eine politische Verantwortung? Passend zum aktuellen Schwerpunkt des YogaWorld Journals „Yoga und Politik“ spricht Gastgeberin Susanne Mors mit Cornelia Brammen vom „Yoga für alle e.V.“, die sich leidenschaftlich dafür einsetzt, Yoga zu Menschen zu bringen, die normalerweise keinen Zugang dazu haben.

Im Gespräch wird klar, dass Yoga als Praxis der Einheit und Verbundenheit nicht nur philosophisch, sondern auch praktisch politisch wirken kann. Conny äußert ihre Meinung dazu, ob und wie  Yogi*nis sich aktiv politisch engagieren sollten und wie Yoga dabei helfen kann, Frieden und Klarheit im Inneren zu finden – und somit auch in der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang teilt sie ihre Erfahrungen und Einsichten darüber, wie Yoga für alle e.V. durch strukturelle Präventionsarbeit gemäß §20a SGB V einen gesellschaftspolitischen Unterschied macht. 

Conny geht auch auf die Herausforderungen ein, die auftreten können, wenn Yoga politisch wird, und wie diese bewältigt werden können. Sie erläutert, wie Prinzipien wie Ahimsa (Gewaltlosigkeit) und Satya (Wahrhaftigkeit) auf politische Themen angewendet werden können und warum Positionierung wichtig ist, um Gewaltlosigkeit wirklich zu leben.

Außerdem wird die Rolle von Yoga im sozialen Wandel und in der Förderung von Gemeinschaft und sozialem Zusammenhalt beleuchtet. Zum Ende gibt Conny wertvolle Ratschläge, wie politisch Aktive ihre Energie und Motivation langfristig aufrechterhalten und gleichzeitig auf sich selbst achten können. Dies ist ein inspirierendes Gespräch über die politische Dimension von Yoga und die Möglichkeiten, wie Yoga den sozialen Wandel unterstützen kann.

Yoga und hochschwingendes Quellwasser von St. Leonhards

Quellwasser St. Leonhards

Was Wasser mit unserem Sein zu tun hat und wie hochschwingendes Quellwasser unsere Praxis unterstützen kann, darüber schreibt die Journalistin Ursula Maria Lang hier aus ihrer persönlichen Perspektive. //anzeige

Text: Ursula Maria Lang

Unser Ziel bei jeder Yogaübung ist es, in uns selbst die innere Quelle der Harmonie und Kraft zu erfahren und uns aus dieser inneren Mitte heraus zu stärken. Die spirituellen Meister sprechen hierbei vom „Ich bin“: unserer Essenz. Als Körper-Geist-Seele-Wesen bestehen wir überwiegend aus Wasser. Der Schwingungszustand unseres Körperwassers in all unseren Zellen ist entscheidend für unsere innere Ordnung und Harmonie, sowohl körperlich als auch geistig. In seiner natürlichen Ordnung hat es eine hexagonale Struktur wie Schneeflocken – genauso wie reines, lebendiges, artesisches Quellwasser. Trinken wir dieses, so schenken wir uns flüssige Energie für Körper und Geist.

Yoga und „Ich bin“

Seit über 30 Jahren beschäftige ich mich mit Spiritualität (auch Hatha-Yoga) und habe einen tiefen Bezug zu Wasser. Als ich das erste Mal eine Flasche „Ich bin die Quelle“ in der Hand hielt, fielen mir sofort die Worte „Ich bin“ auf. Seit Jahrtausenden wird damit unsere Essenz benannt: Im Altgriechischen nannte man den Wesenskern ἐγὼ εἰμί (ego eimi), in der Bibel heißt es „Ich bin, der ich bin!“ und bezeichnet damit Gott beziehungsweise das ewig Göttliche in allem Seienden. In seinem Kultwerk „Autobiografie eines Yogi“ schreibt Paramahansa Yogananda, dass jeder Mensch in seinem inneren Wesenskern göttlich ist und dass unser Lebensziel die Vereinigung mit dem Göttlichen sei. Als wichtigste Werkzeuge dafür nennt Yogananda Meditation und Yoga. In heutiger Zeit sind es spirituelle Lehrer wie Deepak Chopra, die mich inspirieren und dazu auffordern, mit meiner Seele, meinem „Ich bin“ in Kontakt zu treten.

Yoga und „Ich bin die Quelle“

Doch welche Bedeutung hat das Wassertrinken dabei? Schon vor etwa tausend Jahren riet die Heilige Hildegard von Bingen ihren Mitschwestern, bei geistigen Übungen wie der Meditation reines, klares Quellwasser zu trinken, weil es der Bewusstseinsentwicklung dienlich sei. Sie nannte Wasser einen „Spiegel der Seele“, der uns helfe, unsere Gedanken und Emotionen zu klären. Aus meiner Erfahrung kann ich Ähnliches berichten: „Ich bin die Quelle“ ist sehr weich, es lässt sich ausgesprochen leicht schlucken und verteilt sich wunderbar im ganzen Körper. Es fühlt sich an, als gehöre das Wasser zu mir. Vor der Meditation getrunken – meinem Einstieg in jede Yoga-Session – fühle ich so etwas wie eine innere Zentrierung, eine Klarheit, eine Wachheit, innere Ruhe und gleichzeitig Energie – eine perfekte Vorbereitung.

„Ich bin die Quelle“-Meditation und Yoga

Zur besonderen Einstimmung höre ich die „Ich bin die Quelle“-Meditation von Otto Lichtner, einem Komponisten energetischer Musik, der die Energie der ursprünglichen „Ich bin die Quelle“ in Klang übersetzt hat. Man kann sie auf der Internetseite ich-bin-die-quelle.de kostenlos herunterladen. Auf den beiden Yogafestivals Om am See und Xperience-Festival wird sie auch live vorgetragen – eine besondere Gelegenheit, sowohl das Wasser als auch die Meditation kennenzulernen.

Unser Körper ist der Tempel und der Zugang zu unserer Seele, sagt die spirituelle Meisterin Kim Eng: „Lasst uns unseren Körper nutzen, um einen Zugang zum Raum jenseits der körperlichen Form zu finden“. Ein gutes Wasser kann uns dabei gute Dienste leisten, bei körperlichen und geistigen Übungen eine wertvolle Basis geben. Das ist meine Erfahrung.

Hochschwingendes Wasser und Bewusstsein

Weiter gedacht empfinde ich das Wassertrinken auch als wichtigen Beitrag für innere Prozesse. Nach dem Resonanzprinzip schwingen unsere Zellen und unser Bewusstsein mit dem, was wir denken, sprechen, tun – wie Yoga – aber auch mit dem, was wir essen und trinken. Je hochschwingender die Lebensmittel sind, die wir zu uns nehmen, desto hochschwingender ist die Energie, die wir unseren Zellen und damit Körper wie unserem Geist und damit Bewusstsein zuführen. Daher ist für mich das Trinken eines hochschwingenden Wassers wie „Ich bin die Quelle“ eine bewusste Entscheidung für meinen ganzheitlichen Weg.


Mehr Info: ich-bin-die-quelle.de

Dr. Ronald Steiner: Alignment Cues für Ushtrasana

Nicht ganz so einfach, wie sie scheint, die Haltung des Kamels. Diese Asana bewirkt  nicht nur eine kraftvolle Dehnung für die Körpervorderseite, sie öffnet auch den  Herzraum und auf einer subtileren Ebene den Geist. So erfährst du mehr innere Ruhe und Raum für Selbstentfaltung. 

Text: Dr. Ronald Steiner / Fotos: Richard Pilnick

Wirkung von Ushtrasana

Das regelmäßige Üben von Ushtrasana gibt der Brustwirbelsäule mehr Bewegungsraum und kräftigt die Rückenmuskeln. So verbessert sich die Körperhaltung und Rückenschmerzen können gelindert werden. Außerdem weitet die Kamelhaltung Brust und Schultern und ermöglicht tiefes Atmen, was die Lungenkapazität (Vitalkapazität) erhöht und die Atemkontrolle verbessert.

So geht’s

Ronald Steiner Ushtrasana

Step 1: Beginne in einem hohen Kniestand. Deine Unterschenkel ruhen parallel zueinander und etwa zwei Faustbreit voneinander entfernt auf dem Boden. Deine Oberschenkel und der gesamte Oberkörper stehen senkrecht.

Step 2: Platziere deine Hände auf den Beckenkämmen und weite den Herzraum.

Step 3: Hebe die Brust aktiv noch etwas deutlicher und lass die Arme locker hängen. Wenn es möglich ist, legst du die Hände auf die Fußsohlen. Dabei bleibt das Kinn entweder auf der Brust, oder du lässt den Kopf locker nach hinten hängen.

Alignment Cues

Knöchel stabil: Halte die Schienbeine bereits von Anfang an (Step 1) aktiv innen. Das bewirkt, dass die Fußrücken in gerader Verlängerung der Schienbeine liegen bleiben. Diese Stabilität im Knöchel führt über einen Reflex zu mehr Flexibilität in der Hüftregion.

Hüften vor den Knien: Während du in Step 2 den Herzraum öffnest, schiebst du das Becken aktiv nach vorne (siehe Bild unten). So stellst du sicher, dass es in Step 3 mindestens senkrecht über den Knien steht.

Gerade Gesäßmuskeln aktiv: Um mehr Bewegung in den Hüften zu entfalten, wird es dir helfen, den geraden Anteil der Gesäßmuskulatur zu aktivieren. Dieser M. Gluteus Maximus Pars Superior ist der Gegenspieler für den Hüftbeuger (M. Iliopsoas). Spannst du ihn an, kann der Hüftbeuger leichter entspannen und die Rückbeuge wird tiefer.

Lies auch: Dr. Ronald Steiner: Alignment Cues für Ardha Matsyendrasana

Tiefe Gesäßmuskeln inaktiv: Achte dabei aber darauf, den tiefen Anteil der Gesäßmuskulatur (M. Gluteus Maximus Pars Infimums und M. Piriformis) locker zu lassen, indem du dir vorstellst, die Sitzhöcker auseinander zu bewegen. Auf diese Weise weitet sich das Iliosakralgelenk und in der Rückbeuge wird mehr Bewegung möglich.

Einbeziehen der Schulterblätter: Während du die Arme entspannt nach hinten sinken lässt (Step 3), stellst du dir vor, dass sie nicht am Schultergelenk, sondern am Schulterblatt entspringen. Auf diese Weise bewegst du nicht nur die Arme, sondern das gesamte Schulterblatt sanft nach hinten und erreichst mehr Weite im Herzraum.

Bogenspannung: Trotz aller Öffnung ist Stabilität in dieser Haltung von großer Bedeutung, denn sonst könnten die Dornfortsätze der Wirbel zu nah zusammenkommen. Um das zu verhindern, ist es wichtig, Aktivität an der Vorderseite des Körpers zuschaffen.

Das gelingt am besten, indem du dich mit den Händen an den Füßen festhältst und durch sanftes Anheben des Beckens die Arme wie eine Bogensehne auf Zug bringst. Dabei aktiviert sich die Vorderseite der Oberschenkel. Lass diese Aktivität über die geraden Bauchmuskeln und die Sternalfaszie bis zur Vorderseite des Halses ausstrahlen.

Alternative Form von Ushtrasana

Wenn es Dir nicht gelingt, mit den Händen die Füße zu erreichen kannst du dich mit folgenden Alternativen an die Haltung annähern:

1. Ushtrasana im Knien: Anstatt im hohen Kniestand zu starten, beginnst du im normalen Knien, also mit dem Po auf denFersen. Lege die Hände hinter den Füßen auf den Boden oder auf Blöcke. Von hier aus kannst du den Herzraum nach vorne oben schieben, um ihn zu weiten.

2. Ushtrasana mit den Händen am Kreuzbein: Anstatt mit den Händen zu den Füßen zu fassen, platzierst du sie in Schritt 3 auf dem Kreuzbein, also zwischen den Beckenhälften. Durch sanften Druck nach unten gegen das Kreuzbein verlängerst du die Wirbelsäule und gibst ihr zugleich Halt. So kannst du dich sicher in die Rückbeuge öffnen.


DR. RONALD STEINER ist Arzt, Wissenschaftler und Sportmediziner sowie einer der bekanntesten Praktiker des Ashtanga Yoga. Mehr zu Ronald und zu Ushtrasana findest du auf ashtangayoga.info.

Auch im „YogaWorld Podcast“ war Dr. Ronald Steiner bereits mehrmals zu Gast. Wie z.B. in dem spannenden Zweiteiler über Yogatherapie:

Das neue Heft ist da! Titelthema „Yoga & Politik“

Das neue YOGAWORLD JOURNAL ist ab sofort im Handel und als Online-Ausgabe erhältlich – ganz einfach, ohne Papier, ohne langes Warten und ohne VersandkostenDiese Themen erwarten euch im neuen Heft…

Titelthema „Yoga und Politik“

Wenn wir über Politik nachdenken, denken wir über das Zusammenleben von Menschen nach. Yoga kann die Art verändern, wie wir in der Welt stehen und uns auf sie beziehen: Im besten Fall macht es uns klarer, bewusster, mitfühlender. Ist Yoga also politisch? Sollte es politisch sein? Oder gerade nicht?

Was für ein Satz! Damit stellt die französische Yogalehrerin und Politologin Zineb Fahsi (Interview im Heft) das vorherrschende Bild von Yoga mal eben vollständig auf den Kopf. Diesem Bild zufolge sind wir ein privilegierter Kreis weißer Yuppies, die sorglos um sich selbst kreisen und sich dabei paradoxerweise für bessere Menschen halten. Selbstfürsorge als Selbstzweck, Selbsterkenntnis optional. Sind das wirklich wir? Hoffentlich nicht! Yoga kann so viel mehr, ist so viel mehr – und es wird Zeit, dass wir diese Dimensionen noch viel deutlicher ins Bewusstsein holen.

Die Sorge um den Zustand und die Zukunft dieser Welt bewegt uns wohl alle. Gleichzeitig wächst in letzter Zeit aber auch ein Bewusstsein dafür, dass performative Empörung alleine nichts ändern wird. Wir spüren: Wir sind jetzt alle gefragt. Dabei brauchen wir die Selbstfürsorge, die Ruhe und die Kraft, die wir im Yoga individuell schöpfen können, aber was können wir daraus machen, welchen Teil kann jeder und jede Einzelne beitragen, und wie können wir uns organisieren, um wirksam zu werden?

Lies auch: Ist Yoga politisch? – Interview mit Anna Trökes

Außerdem in dieser Ausgabe:

  • Rückenschmerzen: Was hilft wirklich?
  • Die Koshas: Lerne die Schichten deines Selbst kennen
Im Artikel von Stephanie Schauenburg und Steffi Rohr (Foto) liest du, worum es bei den Koshas geht und wie du damit nicht nur deine Praxis vertiefen kannst, sondern auch das Verständnis deiner selbst. Foto: Elli Becker
  • Yoga in der Forschung: Warum Shitali Pranayama die Herzgesundheit fördern könnte
  • Summer Flow: Eine fließende, energetische Praxis für mobile Hüften und gute Laune
Jetzt ist die perfekte Zeit, um die Energie der Sonne in deine Yogapraxis einzuladen – mit dem Summer Flow von Nela König. Foto: Nela König
  • Entspannt durch den Sommer: Sequenz für Vitalität und Gelassenheit – mit Timo Wahl
  • Gesunde Gelenke: Die Schulter
  • Yogaphilosophie im Alltag: 7 Formen der Liebe
  • Leckere Sommerrezepte und (yogische) Fakten rund um die Sonne
  • „Männer dürfen mehr in ihre Weichheit gehen.“ – Interview mit Timo Hildebrand

… und vieles mehr.


Die YOGAWORLD JOURNAL Online Ausgabe

Das neue YOGAWORLD JOURNAL gibt es auch als Online-Ausgabe. Ganz einfach, ohne Papier, ohne langes Warten und ohne Versandkosten, direkt in unserem Online Shop. Lade dir einfach und bequem deine Wunsch-Ausgabe herunter – egal ob alt oder neu: