Dies.Das.Asanas: Das Rad neu erfinden

„Leben ist Brücken schlagen über Ströme, die vergehen.“ Dieses Zitat von Gottfried Benn inspiriert unsere Kolumnistin Jelena Lieberberg täglich neu, flexibel und kreativ zu sein – im Alltag wie im Yoga!

Rückbeugen dehnen unsere Körpervorderseite, die der Zukunft zugewandt ist – damit wir offen und frohen Mutes durch das Leben gehen können. Unser moderner -Lebensstil, der sich viel im nach vorne gebeugten Sitzen abspielt, sorgt dafür, dass sich die Vorderseite verkürzt. Dadurch leben wir kaum noch auf Augenhöhe, sondern blicken ständig nach unten – zum Beispiel auf den Bildschirm oder das Smartphone. Ein gutes Maß an gemäßigten Rückbeugen hilft dabei, diesem Effekt entgegen zu wirken. Das „erhöhte Rad“ ist zwar nicht gerade eine gemäßigte Asana, aber einfacher als es aussieht. Durch die Erhöhung der Beine – das kann auch mit Hilfe eines Sofas sein – ist es möglich, die Dehnung leichter dorthin zu lenken, wo sie ankommen soll: Zum Beispiel im Bereich der Brustwirbelsäule und der Schultern. 

Macht das Spaß?

Ja! Gerade für besonders feste Schultern oder Wirbelsäulen bietet das erhöhte Üben einen guten Einstieg auf dem Weg zum vollständigen Rad, Urdhva Dhanurasana I.

Muss ich das können?

Nein! Wie bei allen Varianten und Modifikationen heißt die Devise: Alles kann, nichts muss. Falls die Erhöhung der Beine sich nicht gut anfühlt, können Sie stattdessen die Hände auf ein Podest setzen.

Was muss ich dafür tun?

Um sich für diese Haltung aufzuwärmen, eignen sich Sonnengrüße. Zudem sollten Sie- -die Oberschenkelvorderseiten und Leisten dehnen und vorbereitende Rückbeugen -wie Shalabhasana oder Dhanurasana üben.

Schritt für Schritt

1. Beginnen Sie in Rückenlage mit den Füßen auf dem Sofa, dem Bett oder zwei Klötzen.

2. Setzen Sie die Hände neben die Ohren, wie für das Rad. Die Ellenbogen zeigen dabei nach oben. Achten Sie darauf, bei langen Haaren vorher einen Zopf zu binden.

3. Drücken Sie sich nun, mit den Ellenbogen nah am Kopf, vom Boden ab. Sie können zunächst mit sehr wenig Gewicht die Kopfkrone aufsetzen, um sich dann vollständig nach oben zu drücken.

4. Lassen Sie den Kopf locker und versuchen Sie nun, die Arme komplett zu strecken und die Achselhöhlen Richtung Nasenspitze zu schieben.

5. Bleiben Sie 5 bis 10 Atemzüge lang in der Haltung und wiederholen Sie diese Variante nach Belieben.


Fragen oder Anregungen? Dann schauen Sie bei Jelena auf www.facebook.com/kickassyoga oder bei  www.instagram.com/kickassyoga vorbei.

Richtig in den Handstand – von Anfang an

Nicht nur für Yoga-Neulinge ist der Handstand eine große Herausforderung. Unsere Gastautorin Andrea Ferretti hat sich für YOGA JOURNAL der Asana ausführlich gewidmet. Der Trick dabei: Viel üben und konsequent auf die stützende Wand verzichten! Die Praxis-Reihe „In 7 Schritten zum Handstand“ finden Sie ab 15. September auf unserer Website.

Vor Jahren bei einem Fotoshooting für das amerikanische YOGA JOURNAL beobachtete ich die Yogalehrerin Alexandria Crow beim Aufwärmen. Nach einigen klassischen Sonnengrüßen und Hüftöffnern ging sie plötzlich in den Handstand – und eine gefühlte Ewigkeit lang hielt sie mühelos und sicher die perfekte Balance. Dieser Handstand war das komplette Gegenteil meiner kläglichen Versuche, bei denen ich nur darauf wartete, à la Charlie Chaplin auf den Allerwertesten zu plumpsen. Auf meine Frage, wie sie die Asana so spielend meistere, erklärte Alexandria Crow, sie habe früh angefangen zu üben. Als ehemalige Turnerin hat sie den Handstand von Kindesbeinen an praktiziert. Doch worin unterscheidet sich das Handstand-Training auf der Turnmatte von dem auf der Yogamatte? Ganz einfach: Man übt ihn von Anfang an ohne Wand.

Natürlich bietet die Wand ein naheliegendes Hilfsmittel, um den Handstand gefahrlos zu lernen. Wenn man sich aber mit den Fersen immer wieder an der Wand abstützt, speichert die Körperwahrnehmung diese Ausrichtung als senkrecht ab, obwohl man – wer hätte es gedacht – eben nicht wirklich vertikal steht. „Eine Wand eignet sich wunderbar, um zu lernen, wie man sich kraft der Beine und Schultern in den vollen Handstand schwingt“, erläutert Alexandria Crow. „Aber leider braucht man etwas mehr Schwung, um in diese leichte Schräglage zu kommen.“ Die Wand kann diesen übermäßigen Elan zwar abfangen, doch im freien Raum fällt man mit diesem Plus an Schwung unkontrolliert vornüber. Die Folge: Es ist sehr schwer, den an der Wand gelernten Handstand in den freien Raum zu übertragen: Erstens hält man schräg für senkrecht, zweitens holt man zu viel Schwung und drittens erzeugt die fehlende Stütze Angst.

So geht der Handstand ohne Wand

Deswegen gehen Turner anders vor: Um vom ersten Versuch an ein Gefühl für die senkrechte Achse zu bekommen, lernen sie den Handstand mithilfe eines Partners im freien Raum. Dazu heben sie die Beine langsam und ohne Schwung über den Kopf, während sie kontrolliert Spannung in der Körpermitte, den Schultern und Oberschenkeln halten. Eben die Körperspannung, die man bei der Yogapraxis anstrebt.

Aber auch wenn Sie den Handstand jahrelang anders geübt und längst eine falsches Gefühl für die Senkrechte eingespeichert haben, gibt es eine Lösung: Alexandria Crow hat anhand ihrer Turn- und Yogaerfahrung exklusiv für das YOGA JOURNAL eine Übungssequenz entwickelt, die Körper und Geist die korrekte vertikale Ausrichtung vermittelt. Gleichzeitig stärkt sie gezielt jene Körperbereiche, die für den freien Handstand unerlässlich sind. Ganz wichtig dabei: viel üben. „Es ist wie Laufen lernen“, meint Alexandria Crow. „Kleinkinder sind anfangs wacklig, doch sie üben das Balancieren auf den Füßen unermüdlich, jeden Tag. Den Handstand lernt man auch nicht über Nacht, doch sobald man die korrekte senkrechte Ausrichtung verinnerlicht hat, ist es wie Radfahren: Es ist für immer im Muskelgedächtnis gespeichert.“ Auf dem Weg dorthin werden Sie Kraft und Selbstbewusstsein gewinnen. Mit anderen Worten: Weniger Charlie Chaplin, mehr Alexandria Crow.


Andrea Ferretti Andrea Ferretti, ehemalige Redakteurin für das amerikanische YOGA JOURNAL, lebt und schreibt in San Francisco. Alexandria Crow (Asana-Fotos und Sequenz) unterrichtet Ashtanga und Vinyasa in Santa Monica und bei Workshops weltweit.

Montags-Mantra: Vertraue dem Leben

Manchmal durchleben wir Zeiten, die unnötig erscheinen und machen Begegnungen, die uns im Leben eher zurück werfen als weiter bringen. Oft sieht man solche Momente als Zeitverschwendung und stempelt das Leben als unfair ab. Doch niemand hat uns versprochen, dass es uns im Leben immer nur gut geht. Fehltritte und Niederschläge formen uns genauso wie Erfolge. Alles was geschieht, pflastert unseren Lebensweg und lehrt uns ein kleines bisschen mehr über uns selbst. Steve Jobs sagte in einer seiner bekanntesten Reden: „Man sieht keine Verbindung zwischen den einzelnen Punkten im Leben, wenn man nach vorn schaut. Man kann sie nur verbinden, wenn man zurückblickt.“ Man muss sich also einfach darauf verlassen, dass diese einzelnen Punkte sich in der Zukunft irgendwie verbinden werden. Allein das Vertrauen, dass das Leben es gut mit uns meint, sorgt für mehr Mut, Freude und Gelassenheit.

„daran zu glauben, dass am Ende sich die Punkte verbinden werden, gibt Dir die Zuversicht, Deinem Herzen zu folgen.“

-Steve Jobs

Interview mit Kathryn Budig

Gut beleuchtet

Selbstakzeptanz ist Kathryn Budigs großes Thema: Die Yogalehrerin und Buchautorin über Körpergefühl, ästhetische Wahrheit und die Balance zwischen Innen und Außen.

Kathryn, inwiefern war dein Weg als Yogalehrerin auch ein Weg zu dir selbst?

Der Anfang einer Karriere als Yogalehrerin besteht meist daraus, einen anderen Lehrer nachzuahmen. Daher war ich im ersten Jahr sicherlich eine kleine Maty Ezraty… In dieser Zeit bemerkte ich meine Vorliebe für Armbalancen und fing an, sie  verstärkt zu unterrichten. Danach wollte ich alle anspruchsvollen Asanas lernen – das ist mir heute nicht mehr so wichtig.  Zwar mag ich die schwierigeren Haltungen immer noch, da es fast magisch ist, wenn man sie meistert. Viel wichtiger finde ich aber, einer individuell wahren Zielsetzung zu folgen. Mein Motto lautet heute „aiming true“. Das heißt, deine Talente herauszufinden, Ängste loszulassen und dem nachzugehen, für das dein Herz schlägt – unabhängig davon, wie es andere bewerten.


Auf deinem Instagram-Account hast du einmal ein Bild gepostet, auf dem deutlich deine Cellulite- zu sehen ist. Wolltest du deine Schüler und Follower damit ermutigen, sich selbst so zu -zeigen, wie sie wirklich sind?

Die Bilder sind damals am Strand entstanden, und ich mag sie wegen des guten Lichts – und da sieht man eben auch die Cellulite. In den Medien wird so etwas oft retuschiert und das vermittelt den Eindruck, dass wir vollständig glatte Körper haben müssten. Die Reaktion meines Mannes war nur: „Wer sagt überhaupt, dass Cellulite nicht attraktiv ist?“ Recht hat er. Gerade die sozialen Medien sind voll mit Bildern von lächelnden, hübschen Menschen, und schnell denken wir, dass sie ein perfektes Leben führen. Meiner Meinung nach ist das fatal – ein großer Nachteil der sozialen Medien. Daher versuche ich, meine Bilder so realistisch wie möglich zu gestalten.

Vor einigen Jahren warst du in einer Werbekampagne nackt zu sehen, was einigen Wirbel verursachte. Wie stehst du heute dazu?

Es war schon eine Herausforderung zu akzeptieren, wie sich mein Körper von dem einer 25-Jährigen zu dem einer 32-Jährigen verändert hat – aber das ist nun mal die natürliche Entwicklung im Leben. Ich kann noch immer alle Asanas ausführen – egal, ob ich nun 5 Kilo mehr oder weniger wiege. Ich konzentriere mich darauf, wie ich mich fühle und welche Resultate ich erziele. Ich bin heute von sehr viel Liebe umgeben – das war mit 25 nicht so. Wenn ich mich wegen körperlicher Veränderungen mit Komplexen quäle, verliere ich mein Ziel aus den Augen.

Du interessierst dich sehr für Ernährung, sprichst in Blog-Artikeln oder auch in den sozialen Medien aber auch darüber, nicht immer über jeden -Bissen nachzudenken. Diese Einstellung gefällt uns!

Essen nährt und gibt uns die nötige Energie. Es ist erschreckend, wie viele Menschen auf extreme Diät gehen und Nährstoffe wie Öl oder Fette ganz aus ihrer Ernährung verbannen, um ihren Körper zu verändern. Stattdessen sollten wir uns mehr darauf konzentrieren, wie wir uns fühlen, anstatt nur auf das Äußere zu achten. Ich selbst habe extreme Reinigungskuren probiert, war währenddessen überhaupt nicht glücklich und habe meine sozialen Kontakte vernachlässigt. Natürlich bin ich keine Fürsprecherin ungesunden Essens, aber wir sollten uns nicht automatisch vor einem Stück Kuchen fürchten.

Glaubst du, dass diese negative Einstellung und der Zwang, sich einer bestimmten Ästhetik anpassen zu wollen, in der Yogawelt verstärkt vorkommen?

Ja, in der Fitnesswelt generell, und sicher auch im Yoga. Es gibt die ästhetische Vorstellung eines typischen „Yogakörpers“: schlank, kraftvoll und geschmeidig. Ich zeige meine Kurven, so wie sie sind, weshalb ich häufig als mutig bezeichnet werde. Man sollte jedoch bei der Wortwahl vorsichtig sein: Mutig ist es, in den Krieg zu ziehen, nicht wenn man seine Kurven zeigt.


Eine besondere Erfahrung machte Kathryn Budig während eines Retreats in Mexiko. Eine Teilnehmerin litt an einer Essstörung und saß mit ihr am Pool. Als Budig spaßig erwähnte, dass sie den Schnitt ihres Bikinis liebe, da er ihren Bauch verdecke, blickte die Schülerin sie erstaunt an und sagte: „Sprich nie wieder so über deinen Körper, du hast eine tolle Figur.“ „Da realisierte ich betroffen, dass eine negative Einstellung zu mir selbst auch andere zu solch abwertenden Kommentaren befähigt“, so die Autorin von „Aim True“ (William Morrow, ca. 18 Euro).

Quick Tips: 5 Übungen gegen Stress

Heute haben wir fünf einfache Lieblingsübungen für Sie, die Ihnen dabei helfen, Stress schnell abzubauen:

  1. Herumrollen
    „Den meisten Menschen tut es gut, einfach nur auf dem Boden herumzurollen“, weiß die Bewegungstherapeutin Amy Matthews. „Erregte Menschen beruhigen sich und eher träge, ängstliche bekommen das Gefühl, ihren Herausforderungen gewachsen zu sein.“ Sie schlägt so genannte Kreuzrollen vor: Sie beginnen in Rückenlage mit längs vom Kopf abgelegten Armen. Dann strecken Sie das rechte Bein schräg über den Körper nach links, bis sein Gewicht Sie nach links zieht und auf den Bauch rollen lässt. Von dort strecken Sie den linken Arm hinter dem Körper nach rechts, bis er Sie nach rechts und zurück auf den Rücken zieht. Dann wiederholen Sie die Bewegungen mit linkem Bein und rechtem Arm und beginnen wieder von vorn.
  2. Die Brust weiten
    Bereits nach 5 Minuten können Rückbeugen wie Katze-Kuh, Kobra oder Sphinx gegen Stress helfen – vor allem wenn Sie bewusst dabei atmen. „Schon nach sehr kurzer Zeit verlagern solche Übungen den Schwerpunkt vom Sympathicus auf den Parasympathicus“, erklärt Amy Weintraub, die ein Buch über Yoga bei Depressionen geschrieben hat.
  3. Die Ausatmung vertiefen
    Wissenschaftliche Studien haben erwiesen, dass sich das Nervensystem beruhigt, wenn die Ausatmung länger ist als die Einatmung. Versuchen Sie es im Verhältnis 1 : 2. Wenn Sie also beim Einatmen auf 4 zählen, dann dehnen Sie die Ausatmung auf 8 Zähler aus. Zur Unterstützung gibt es sogar eine iPhone-App namens „Breathing Zone“. Das Gute daran: niemand im Raum braucht zu wissen, was Sie gerade tun.
  4. „OM“ chanten
    Indische Wissenschaftler wollten es genauer wissen: Sie haben Menschen an ein MrT- Gerät angeschlossen und die Auswirkungen des Chantens im Gehirn gemessen. Das Ergebnis: „Om“-Klänge konnten die Stresszentren nicht nur deutlich stärker deaktivieren als Stille, sie waren auch wirksamer als andere Klänge wie „Ssssss“. Also dann: „ommen“ Sie sich zur Ruhe!
  5. Die „schönen Drei“ üben
    • Balasana (Stellung des Kindes)
    • Supta Baddha Konasana (gebundene Winkelhaltung in Rückenlage) und
    • Viparita Karani (mit den Beinen an der Wand)

Diese drei Eckpfeiler des regenerativen Yoga sind großartig, um schnell zur Ruhe zu kommen – insbesondere wenn Sie es sich mit Kissen, Polstern und anderen Hilfsmitteln so bequem wie möglich machen.

Die Kraft der Liebe: Was passiert, wenn du bleibst

Kraft der liebe - Herz
Foto: Joto/ Photocase.de

Bist du bereit, in deinem Gegenüber sein ganzes Potenzial zu sehen? Oder denkst du dir immer wieder, du bräuchtest vielleicht doch jemand anderen an deiner Seite? Unser Kolumnist Ralf Sturm fragt: Was kann passieren, wenn wir an die Liebe glauben und uns wirklich entscheiden, zu bleiben? 

Text: Ralf Sturm / Fotos: Joto von Photocase.de

Es ist zur Zeit überall zu lesen, dass eine ganze Generation „beziehungsunfähig“ geworden sei. Ich glaube das nicht. Uns Menschen ist das Potenzial zu lieben in die Wiege gelegt. Leider unterbrechen wir den Weg oft, bevor wir dort ankommen, wo wir gemeinsam hin wollen. Wenn wir aber immer nur den Zustand der Verliebtheit genießen wollen und irgendwann doch meinen, der Partner oder die Partnerin sei nicht mehr gut genug, könnte es dann doch sein, dass uns etwas fehlt?

Die Liebe von Bhavaji zu Vishnu

Es gab einen Wanderer namens Bhavaji, der ein ­großer Verehrer Vishnus war. In Tirumalai ging er jeden Tag mehrmals in den Tempel und verbrachte dort ­Stunden, entzückt, das mit einer schönen Diamantenkette ­geschmückte Bildnis Vishnus anzusehen. Den Rest des Tages lebte er in einer kleinen Hütte nahe des Tempels. Nach einiger Zeit reagierten die Tempelwachen argwöhnisch auf den immer wiederkehrenden Mann und ­verdächtigten ihn, etwas stehlen zu wollen. Sie verboten ihm den Zutritt zum Tempel. Bhavaji weinte in seiner Hütte und rief: „Herr, wie gerne würde ich Dich sehen. Ich möchte so gerne mit Dir zusammen sein.“ Um sich die Zeit zu vertreiben, nahm er ein Würfelspiel, und obwohl er allein war, tat er so, als ob er mit Vishnu spielen würde.

„Dass du bei mir bist, genügt“

Als es Abend wurde, schlief er ein. Doch in der Nacht wurde er geweckt: „Bhavaji, ich bin es, Vishnu. Komm, spiel mit mir!“ Tatsächlich saß der von ihm verehrte Gott in seiner Hütte und lud ihn ein, gemeinsam mit ihm ­Würfel zu spielen. Bhavaji jubelte vor Freude, und als er sogar ein Spiel gewann und Vishnu ihm anbot, ihm ­einen Wunsch zu erfüllen, da sagte er nur: „Herr, ich habe ­keine Wünsche mehr. Dass Du bei mir bist ist schon alles, was ich will.“ Vishnu freute sich und als er sich verabschiedete, versprach er, am nächsten Tag ­wiederzukommen. So ging es viele Tage. Immer wieder besuchte Vishnu seinen treuen Anhänger. Eines Nachmittags, als er ­gegangen war, fand Bhavaji auf dem Würfelbrett die schöne Diamantenkette aus dem Tempel. „Mein Herr wird sie wohl vergessen haben“, dachte er sich.

Ehrliche Hingabe wird belohnt

Als ­Minuten später die Tempelwachen bei ihm klopften, erzählte er ihnen seine Geschichte, doch statt ihm zu glauben, ­verdächtigte man ihn nur umso mehr des Diebstahls. Bhavaji war aber nicht bereit, sich schuldig zu bekennen. Der König sagte: „Uns ist Gott nie erschienen. Und du sagst, dir zeigt er sich? Für diese Anmaßung wirst du morgen früh sterben. Es sei denn, es gelingt dir mit seiner Hilfe, in der Nacht den Berg Zuckerrohr aufzuessen, den du in deine Zelle bekommst.“ Damit wurde er ins Gefängnis geworfen. Nur wenige Stunden später hörten die Wachen lautes Trompeten und das Bersten der ­Türen. Das Letzte, was sie sahen, war, dass ein Elefant alles aufgegessen hatte und aus den Resten von ­Bhavajis Zelle fortrannte. Nun glaubte selbst der König, dass Bhavajis Hingabe ehrlich gewesen und Vishnu selbst – in Form des Elefanten – zu seiner Hilfe gekommen war.

Die Liebe als Geschenk

Bhavaji hatte Vishnu das größte Geschenk gemacht, das er geben konnte: seine Liebe. Und Vishnu – den er nur in Form einer schönen Statue im Tempel kennengelernt hatte – hatte für ihn alle Formen angenommen, die er sich wünschte und die er brauchte. Wie oft suchen wir Menschen nach etwas in bestimmten Formen? Und wie oft sind wir überzeugt, wir bräuchten das, wonach wir uns sehnen, auf eine ganz bestimmte Weise, auf „unsere“ Weise? Wie oft sind wir überzeugt, nicht das zu bekommen, was wir brauchen, und machen uns auf die Suche nach etwas oder jemand anderem?

Die Kraft der Liebe macht uns beziehungsfähig

Genau so ging es Bhajavis Mitmenschen: Sie gingen mal in diesen Tempel und mal in jenen, mal mit etwas mehr Hingabe, mal mit etwas weniger. Sie blieben argwöhnisch – und ihr Leben veränderte sich nicht wesentlich. Bhavaji hatte sich für etwas anderes entschieden. Er sah in Vishnu alles, was er wollte, und bekam dadurch immer wieder das, was er brauchte. Die Liebe kam sogar mit der Kraft eines Elefanten zu ihm zurück. Auch wir ­können – nicht immer, aber doch in viel mehr Fällen, als wir glauben – wirklich die Kraft der Liebe erfahren, die unsere ganze Sicht auf unser Gegenüber verändern kann. Dann erfahren wir uns selbst als viel beziehungsfähiger, als wir dachten.

Dieser Artikel stammt aus dem YOGA JOURNAL 05/2016.


Ralf Sturm ist Yoga- und Meditationslehrer, Heilpraktiker für Psychotherapie sowie Paar- und Sexualtherapeut. Seine Geschichten von den Göttern gibt es zusammen mit Yoga-Übungen von Katharina Middendorf im (Audio-)Buch „Götter-Yoga“. Mehr zu ihm und seiner Arbeit unter nivata.de

Kindheitserinnerung

Kindheitserinnerungen Tagebuch Journaling
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Sie würden gerne ein Instrument spielen, aber Sie glauben, dass Sie unmusikalisch sind? Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit! In jedem von uns steckt Musik und Gesang. Yoga hilft, das wieder zu entdecken.

Meine Lieblingsgeschichte von Swami Sivananda wird immer die mit dem jungen Musiker sein. In den späten fünfziger Jahren, so wurde mir erzählt, kam einmal ein reicher, spendabler Geschäftsmann zu Besuch in den Ashram in Rishikesh. Er reiste mit seinem Sohn, der gerade angefangen hatte, Flöte spielen zu lernen. In Indien ist man höflich, und daher lud Sivananda den jungen Mann am Abend im Satsang ein, vor allen Leuten etwas vorzuspielen. Ein Swami, der damals dabei war, sagte: Alle waren sich einig, noch nie eine so schreckliche Kakophonie gehört zu haben. Es muss wirklich schlimm gewesen sein. Als sein Auftritt vorbei – und die anderen Swamis froh waren – begann Sivananda aber zu klatschen, und rief: „Wundervoll! Dieser junge Musiker hat unser Herz sehr erfreut. Mir war, als ob Krishna selbst auf seiner Flöte gespielt hätte“. Damit nicht genug. Er bat ihn sogar, die Gemeinschaft im nächsten Jahr wieder zu beehren.

Nicht alle wachsen mit solchen Mentoren auf. Hanuman, hatte es beispielsweise deutlich schwerer. Obwohl die Voraussetzungen günstig gewesen wären, war er doch selbst eine Inkarnation Shivas und der Sohn des Gottes des Windes. Dass er äußerlich eine Affengestalt hatte, nahm ihm in seiner Kindheit nichts von seiner unbändigen Lebensfreude. Immer zu Streichen aufgelegt, geriet er jedoch oft in Konflikte. So hielt er einmal die Sonne, die durch die Äste eines Baumes schimmerte, für eine reife Mango, und flog los, sie zu essen. Dabei schepperte er allerdings in den Streitwagen Indras, des Königs der Götter. Und als er die Rishis, die still im Wald meditierten, einmal zu oft gestört hatte, belegte ihn einer von ihnen mit einem Fluch. Er musste für den Rest seiner Jugend all seine Kräfte und Fähigkeiten vergessen. Bis ihn wieder jemand daran erinnern würde. Die Weisen hatten ihre Ruhe.

Ich glaube, dass viele von uns das selbst erfahren haben. Man möchte als Kind nicht „anecken“ und passt sich den Anforderungen der Umgebung an. Das ist eine hilfreiche Strategie, aber manchmal klammert man damit große Aspekte seiner Persönlichkeit aus. Wenn man dann dem falschen Lehrer begegnet, kann sogar Yoga gefährlich werden. Wir lernen, dass unsere wahre „Natur“ Sat-Chid-Ananda ist: Sein, Wissen und Glückseligkeit – aber statt uns deswegen wirklich an unserer Lebendigkeit zu erfreuen, folgen wir dem bereits früher eingeschlagenen Pfad. Und machen uns selbst weiter klein. Weil wir das Göttliche doch eh nicht erreichen können, in diesem Leben. Wer sind wir denn schon?

Eine von Hanumans Gaben war, Gestalt jeder Größe annehmen zu können (das ist eine Frucht der Yogapraxis, die auch Patanjali in seinen Yoga Sutras beschreibt). Nach langen Jahren, in denen er in der Armee der Affen als General funktioniert hatte, brachte ihn das Leben schließlich in eine Situation, in der er „aufwachte“. Um seinem Freund Rama zu helfen, die schöne Prinzessin Sita wieder zu finden, war er an der Ostküste Indiens angelangt und musste nun einen großen Sprung wagen, um über das Meer ins Reich Lanka zu gelangen. Ein weiser Bär erinnerte ihn da an die ihm innewohnenden Kräfte und die Fähigkeiten, die er in seiner Jugend gehabt hatte. Und Hanuman sprang.

Das ist der Grund warum man in Yogaschulen auf der ganzen Welt heute die „Hanuman Chalisa“ singt, eines der schönsten Lieder zur Verehrung Hanumans. „Du bist so stark wie der Wind“ singen wir da. Und in der nächsten Zeile: „Es gibt nichts in der Welt, das zu schwierig ist, für Dich.“ Wir sagen, wir singen für Hanuman. Aber eigentlich singen wir für uns. Wir erinnern uns – indem wir seinen Ruhm preisen – an unsere eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Es gibt nichts auf der Welt, das zu schwierig für uns ist. Wir verpacken es in einen Gesang, weil wir sonst vor unserer eigenen Kraft zurückschrecken würden.

Hat Ihnen je jemand geraten, still zu sein, oder leise? Die „Hanuman Chalisa“ – wie alle Formen von Kirtan – sollte möglichst laut gesungen werden. Man kann nichts „falsch“ machen, wenn man mit ganzem Herzen bei der Sache ist. Dann sind wir selbst wie Krishnas Flöte, und Gott kann sein Lied auf uns spielen. Der Sohn des Geschäftsmannes kam übrigens im Jahr darauf erneut in Sivanandas Ashram. Und dieses Mal spielte er tatsächlich wie ein junger Gott. Die anderen Swamis waren erstaunt, aber wenn man darüber nachdenkt, war kein großes Wunder geschehen. Es hatte einfach einen Menschen in seinem Leben gegeben, der an ihn geglaubt und sein Vertrauen in sich selbst gestärkt hatte. Auch wir können uns immer daran erinnern, welche Geschenke in uns selbst stecken. Und in den Menschen um uns herum. Viel Spaß beim Entdecken!

Das süße Leben genießen

Fakt ist: Nichts versorgt den Körper so schnell mit Energie wie Zucker. Fakt ist aber auch: Wir essen viel zu viel davon. Geht’s auch ohne? Ein Versuch.

Kaum, dass ich mich hingesetzt habe, um diesen Artikel zu schreiben, überkommt mich schon Lust auf etwas Süßes. Also mache ich mir einen heißen Kakao, den ich normalerweise mit (mindestens) einem Teelöffel Schokostückchen süße. Jetzt hoffe ich darauf, dass die natürliche Süße von Milch, Vanille, Zimt sowie ein Klacks Sahne ausreichen, um die Bitterkeit des Kakaos auszugleichen. Tatsächlich – sehr lecker!

Als mich das Yoga Journal fragte, ob ich mir vorstellen könnte, zehn Tage lang komplett auf zugesetzten Zucker zu verzichten, schrie etwas in mir entsetzt: „Nein!“ Ich liebe es zu backen und esse fast jeden Tag einen Cookie oder einen Muffin. Okay, manchmal auch zwei. Beim Essen kenne ich keine Tabus, und so finden sowohl Donuts als auch Grünkohl und Quinoa den Weg in meinen Magen. Aber ich war auch neugierig: Wie viel Zucker gelangt eigentlich durch diese Laissez-faire-Haltung in meinen Körper und wie schwierig ist es, es mal ohne zu versuchen?

Schnell wird klar: Zucker zu streichen, bedeutet nicht einfach, Kuchen, Kekse und Süßigkeiten wegzulassen. „Viele Leute erzählen mir, sie würden keinen Zucker essen, realisieren aber gar nicht, wie viele Lebensmittel Zuckerzusätze enthalten – darunter auch einige, die ganz gesund erscheinen“, erzählt Dr. Nicole Avena, Pharmakologin und Co-Autorin des Buches „Why Diets Fail“ („Warum Diäten fehlschlagen“). „Wenn Sie in einem Restaurant Spaghetti bestellen, denken Sie vielleicht, dass da null Zucker drin ist, aber dem ist nicht so! Im Gegenteil, Restaurantessen enthält oft sogar jede Menge!“

Zunächst einmal gilt es, den Unterschied zwischen natürlichen und zugesetzten Zuckerarten zu verstehen: Erstere sind, der Name sagt es schon, von Natur aus in Vollwertkost zu finden (zum Beispiel als Laktose in Milch und Naturjoghurt oder als Fruktose in Äpfeln und anderen Früchten). Die natürliche Verbindung mit anderen Nährstoffen, etwa Vitaminen, Eiweiß (in Milchprodukten) oder Ballaststoffen (in Obst), sorgt dafür, dass der Körper den Zucker nicht zu schnell aufnimmt und besser verwertet. Dagegen sind Haushaltszucker und die verschiedenen in der Nahrungsmittelindustrie verwendeten Zuckerzusätze hoch konzentriert und erwiesenermaßen gesundheitsschädlich. Neben den bekannten, Glukose und Fruktose, gibt es Saccharose, Maltose, Dextrose und rund 60 weitere Pseudonyme von Zucker. Oft verstecken sie sich dort, wo man sie am wenigsten erwartet, sogar in Produkten, die überhaupt nicht süß schmecken. An meinem ersten Versuchstag muss ich zum Beispiel überrascht feststellen, dass auch in meinem leckeren Kräuterfrischkäse Zucker steckt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen liegt es ganz einfach am Geschmack: „Wir haben von Natur aus die Neigung, Süßes zu mögen“, erklärt Dr. Avena, „denn dieser Geschmack verriet uns schon zu Jäger-und-Sammler-Zeiten, dass ein Lebensmittel sicher, also ungiftig war.“ Daneben wird Zucker als Konservierungsmittel eingesetzt (etwa in Fruchtzubereitungen), er übertüncht den Geschmack von Füll- und Farbstoffen – und ist ganz nebenbei selbst ein billiger Füllstoff.

Diese hinterlistige, unauffällige Allgegenwärtigkeit von Zucker ist sicher einer der Gründe dafür, warum wir zu viel von dem Zeug essen. Die American Heart Association empfiehlt Männern, täglich höchstens neun und Frauen maximal sechs Teelöffel Zuckerzusatz zu sich zu nehmen, die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind ähnlich – und beide liegen weit unter dem, was wir tatsächlich konsumieren! In Deutschland spricht die Stiftung Warentest von ca. 29 Stück Würfelzucker pro Tag und Person. Hochgerechnet aufs Jahr sind das rund 25 Kilo Zucker für Frauen bzw. 35 Kilo für Männer.

Besorgniserregende Zahlen, denn Zucker steht in engem Zusammenhang mit einer Reihe von gesundheitlichen Problemen, darunter Adipositas, Entzündungen, Zahnfleischerkrankungen und Diabetes Typ 2. In Deutschland sollen schon 9 Millionen Menschen an dieser erworbenen Diabetes leiden. Tendenz steigend. Außerdem erhöht Zucker das Risiko, an einer Erkrankung der Herzkranzgefäße zu sterben. Studien zufolge kann nämlich industriell hergestellte Fruktose (wie etwa in Haushaltszucker enthalten) zu Bluthochdruck führen, einer der Haupt­ursachen für Herzinfarkt. Die Tatsache, dass ein Zuviel an Zucker uns schadet, ist nicht neu. Dass es uns trotzdem so schwer fällt ihn zu reduzieren, könnte daran liegen, dass er süchtig macht. Forscher haben zum Beispiel festgestellt, dass die Belohnungszentren im Gehirn stimuliert wurden, wenn ihre Testpersonen zuckrige Schoko-Milchshakes tranken. Diese Areale spielen auch bei Esssüchtigen eine wichtige Rolle.

Je mehr ich lese und mich informiere, desto motivierter bin ich für meine 10-Tage-ohne-Zucker-Challenge. Trotzdem gibt es auch harte Momente: Besonders schwer fällt mir der Verzicht auf gemeinsame kulinarische Erlebnisse. Warum habe ich bei der Planung überhaupt nicht daran gedacht, dass meine Schwester in dieser Woche Geburtstag hat? Ich habe ihr eine Schokotorte gebacken. Die Kerzen werden ausgeblasen, die Tortenstücke herumgereicht – und ich sitze da. Ohne Teller. Und irgendwie nicht dazugehörend.

Trotzdem geht es von Tag zu Tag besser. Ich lerne schnell, wie ich meine Gelüste auch ohne zugesetzten Zucker stillen kann: bei Himbeeren mit Sahne etwa oder bei einem knackigen Caesar’s Salad. Beim Backen sehe ich mich natürlich vor neue Herausforderungen gestellt, aber ich bin erfinderisch: Für meinen leckeren Käsekuchen verwende ich statt Zucker einfach Dattelpüree.

Am Ende meines 10-Tage-Experimentes steht für mich fest: Ich will nicht ganz auf Zucker verzichten, aber ich möchte ihn in Zukunft viel bewusster essen. Und obwohl ich mein gewohntes und geliebtes Gebäck nicht so sehr vermisst habe wie befürchtet, muss ich zugeben: An Tag 11 wachte ich auf und war entzückt von dem Gedanken, mir gleich ein Croissant in meiner Stammbäckerei zu holen.


Kerri-Ann Jennings wohnt in Burlington, Vermont, USA. Sie ist examinierte Ernährungswissenschaftlerin, Yogalehrerin und freiberufliche Autorin im Gesundheitsbereich.