Dr. Ronald Steiner: Style Guide: Ashtanga Yoga 1

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Feuchtwarme Luft und das rauschende Geräusch fließender Atmung erfüllten den Raum. Menschen bewegen sich, jeder durch andere Positionen, einem vertrauten Ablauf folgend und jeder im Rhythmus seines eigenen Atems. Ein Lehrer wendet sich im Flüsterton einzelnen Übenden zu, erklärt etwas, hilft weiter. Sonst wird nichts gesprochen, jeder übt für sich.

Wir befinden uns in einer Ashtanga-Yogaklasse. Die traditionelle Unterrichtsform nennt sich Mysore Style. Benannt ist sie nach Mysore, einer Stadt in Südindien. Von hier aus verbreitete sich Ashtanga Yoga in der ganzen Welt. Mysore Style bedeutet, dass jeder Übende nach seinen Möglichkeiten innerhalb des Übungssystems des Ashtanga Yoga praktiziert. Der Schüler lernt individuell Übung für Übung von seinem Lehrer. In der allerersten Yogastunde wird nur ein kurzer Bewegungsablauf gezeigt – anschließend wiederholt der Schüler diesen, bis er mehr und mehr damit vertraut ist. Im Laufe des Übungsprozesses hilft der Lehrer dabei, weitere Details zu erkennen, andere erschließen sich durch die Praxis von selbst. Wenn der Schüler dafür bereit ist, erweitert der Lehrer die Übungsfolge: Neue Bewegungen werden den bereits bekannten hinzugefügt und es entwickelt sich langsam eine umfangreichere und komplexere Übungspraxis. Dadurch kann der Praktizierende ganz allmählich tiefer in das Verständnis des Ashtanga Yoga eintauchen.

Die wichtigsten Techniken des Ashtanga Yoga

Asana:Ronald Steiner
Der wohl bekannteste Aspekt der Yogapraxis im Westen sind die Körperstellungen des Yoga, die eine Harmonie im physischen Körper herstellen. Im Übungssystem des Ashtanga Yoga ist eine große Anzahl von Positionen (Asanas) zu sechs schrittweise schwerer werdenden Übungsserien zusammengefasst.
Ujjayi:
Sicher einer der auffälligsten Aspekte im Ashtanga Yoga ist die hörbar rauschende Atmung. Der Atem legt den Rhythmus für die Bewegungen fest und dient als Konzentrationshilfe. Atem und Gedanken sind miteinander verbunden. Wird der Atem in ruhigem, gleichmäßigem Rhythmus geführt, kommen auch die Gedanken zur Ruhe.
Kumbhaka:
Wenn der regelmäßige Fluss des Atems erst einmal etabliert ist, unterbrechen fortgeschrittene Übende in einigen Körperhaltungen und für sitzende Atemübungen bewusst diesen Rhythmus: Der Atem wird angehalten und feinstoffliche Energie (Prana) durch den Körper geleitet.
Vinyasa:
Die Dynamik des Ashtanga Yoga entsteht, wenn Atem und Bewegung zusammenkommen. Dies ist die Basis für eine bewegte Meditation, denn sie hilft uns, die Achtsamkeit im Augenblick zu behalten. Auch wenn jede Bewegung anderen Bahnen und Gesetzen folgt, liegt darunter immer der gleichmäßige Atem, der sowohl in Tempo als auch Intensität nach Balance strebt.
Bandha:
Das deutsche Wort „Band“ ist etymologisch mit Bandha verwandt. Die Techniken von Bandha leiten – wie ein Band – die Energie durch den energetischen Körper. In erster Linie geschieht dies durch Konzentration und Vorstellungskraft. Subtile Muskelkontraktionen, die physische Auswirkung von Bandha, erleichtern die Konzentration und bilden die Grundlage für die Ausrichtung des Körpers in den verschiedenen Positionen.
Drishti:
Fokus- und Konzentrationspunkte vervollständigen die Techniken des Ashtanga Yoga. Die Sinnesorgane werden von der äußeren Welt abgezogen – weg von allen Ablenkungen, bewegt man sich in einen Zustand der Versammlung.


Geschichtliche Entwicklung: Verschlungene Wege einer lebendigen Tradition

Die europäische Fitness-Bewegung
Yoga ist im Grunde untrennbar mit der Fitness-Bewegung verbunden, die in Europa Ende des 19. Jahrhunderts aufkeimte. Die Ideale eines gesunden Körpers und Geistes wurden gepredigt. Zu dieser Zeit wurde körperliches Training Bestandteil einer ganzheitlichen Entwicklung des Menschen in Europa. Im Rahmen dieser Bewegung entstanden verschiedene Formen von Gymnastik, Turnvereine und ein echter Fitness-Kult. Von England aus wurde über Organisationen wie die YMCA und den CVJM das „neue“ Bild des Menschen, insbesondere seines physischen Körpers, auch in die Kolonien getragen. In Indien versuchte man bald, dem Westen nicht nur nachzueifern, sondern ihm eine authentische indische Form der Gymnastik entgegenzustellen. Die Zeit war reif für ein indisches, ganzheitliches, den Körper bejahendes, spirituelles und dennoch physisches Übungssystem.

Verschollene Tradition des Hatha Yoga
Diese Entwicklung war Grund genug für Krishnamacharya, die verschollenen Traditionslinien Indiens zu ergründen. Bereits im 6. Jahrhundert tauchte in Indien ein den Körper einbeziehendes spirituelles Übungssystem auf. Es basierte auf einer tantrischen Philosophie und war bald unter dem Namen Hatha Yoga bekannt. Ab dem indischen Mittelalter wurde diese Praxis allerdings wieder weitgehend verdrängt. Hatha Yoga war den Hindus zu körperbejahend, den Christen zu hinduistisch und den Engländern zu indisch. In Indien galt die Tradition deshalb als verloren. Nur neun Meister sollen in ihr praktiziert und sie gelehrt haben, bevor sie ohne Schüler in der Versenkung verschwand.

Tibetische Traditionslinien
Allerdings finden wir in Tibet etwa im 8. Jahrhundert Zeugnisse über ein Fortführen der Traditionslinie. Die Texte dieses tibetischen Yoga erweitern die im Indischen meist statische Übungsausführung – Bewegung, Atmung und Konzentration werden zu einer gemeinsamen Praxis verknüpft.

Am Fuße des Mt. Kailash
Für Krishnamacharya lag es demnach nahe, sich auf der Suche nach einer lebendigen Tradition eines Übungssystems, welches auch den physischen Körper einbezieht, in den Himalaya zu begeben. Im Jahr 1916, sagt man, sei er dreieinhalb Monate zu Fuß durch die Bergwelt geirrt, bis er am Fuße des Mt. Kailash in Tibet seinen Lehrer Ramamohan Brahmachari fand. Die folgenden siebeneinhalb Jahre verbrachte er bei ihm, um zu lernen, und wurde auf diesem Weg Teil der lebendigen, uralten Tradition. In diesen Jahren lernte Krishnamacharya dynamische Übungsfolgen, streng gehütete Techniken und tiefsinnige Philosophie von seinem Lehrer.

Mysore ab 1924
Nachdem er aus der Einsamkeit der Berge zurückgekehrt was, lebte Krishnamacharya ab 1924 in Mysore. Dort begann er das dynamische Übungssystem, das wir heute unter dem Namen Ashtanga Yoga kennen, weiterzugeben. Pattabhi Jois und B. N. S. Iyengar zählen zu seinen langjährigen Schülern. Als Krishnamacharya im Jahr 1955 Mysore verließ, blieben beide in der Stadt und setzten den Unterricht und die Tradition fort. Schüler dieser beiden Lehrer trugen Ashtanga Yoga in den Westen.

Wie Ashtanga Yoga in den Westen kam, wie es mit Patanjali Yoga verbunden ist und wie man die Praxis von der Matte ins Leben bringt gibt es in Teil 2, am 8.Oktober. auf yogaworld.de.


Dr. Ronald Steiner ist Arzt für Sportmedizin und zählt zu den bekanntesten Praktikern des Ashtanga Yoga. Die von ihm begründete AYInnovation®-Methode baut eine Brücke zwischen der Tradition und progressiver Wissenschaft, zwischen präziser Technik und praktischer Erfahrung.

www.AshtangaYoga.info