Style Guide: Anusara Yoga

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Wir leben in einer Zeit, die in der Geschichte des Hatha Yoga die wohl fruchtbarste überhaupt ist, was Entwicklung und Innovation betrifft. Wie die Äste eines Baumes, die vom Stamm ausgehen, haben sich viele neue Stile aus den älteren, klassischen Traditionen entwickelt. Die Wurzeln von Anusara Yoga wuchsen aus einer tantrischen Linie, einer ausrichtungsorientierten Form von Hatha Yoga, modernen Kenntnissen der Biomechanik und dem Verständnis, dass Gemeinschaft uns Halt und Tiefe in unserem spirituellen Fortschritt schenken kann.

Ich hatte bereits sieben Jahre lang Yoga praktiziert und lieben gelernt, als ich Anusara Yoga entdeckte. Meine Home Practice war mir heilig und ich besuchte die Workshops aller möglichen Gastlehrer verschiedenster Stilrichtungen – in jedem Stil fand ich Aspekte, die mir gefielen und die für mich sehr wertvoll waren. In den ersten Jahren meiner Praxis erfuhr ich eine relativ starke Transformation sowohl auf persönlicher als auch auf gesundheitlicher Ebene. Nach einigen Jahren täglichen Übens machte mir meine Praxis zwar noch immer Freude, aber es „passierte“ nicht mehr viel. Tatsächlich zog ich mir sogar Verletzungen zu und hatte an einigen Körperstellen chronische Schmerzen. Mein Körper war hyperflexibel geworden – daher kamen auch meine Verletzungen – doch die strenge Disziplin und der Einfluss der klassischen Yogaphilosophie schienen mich als Person eher strenger und weniger flexibel zu machen. Aufgrund meiner Hingabe und meines Enthusiasmus für Yoga fragten mich einige Menschen, ob ich nicht unterrichten wolle. Obwohl ich lediglich eine rudimentäre Yogalehrer-Ausbildung besaß, hatte ich doch schnell eine wachsende Zahl von Schülern. Bald schon wurde mir klar, dass ich eine weitere Ausbildung und fundiertes Wissen benötigte, nicht nur um mein eigenes Yoga zu vertiefen, sondern auch um meinen Schülern bei ihren Themen besser helfen zu können. Meine Suche führte mich zu Anusara – und an dieser Stelle begann die zweite Stufe einer bedeutenden Transformation in meinem Yogaleben. Die Ausrichtungsprinzipien gaben mir die Stabilität und Integration, die mir bis dahin gefehlt hatten. Bestimmte Haltungen, die mir vorher nicht möglich waren, gelangen mir auf einmal mit Leichtigkeit. Meine üblichen „Wehwehchen“ verschwanden, als mein Körper in den Bereichen stärker wurde, in denen ich zuvor schwach gewesen war, und in den Bereichen flexibler, in denen ich zuvor blockiert war. Ich hatte mir eine Verletzung durch ein Adjustment zugezogen, das im traditionellen Stil häufig angewendet wird. Mit der Zeit und mit Beharrlichkeit war es möglich, diese ernste Hüftverletzung zu heilen und die von Orthopäden vorgeschlagene Operation (das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks) zu vermeiden.

Die tantrische Philosophie als neue Basis für meine spirituelle Praxis und das Konzept der Kula (Gemeinschaft) begann mich als Person zu verändern. Die Leute um mich herum sprachen mich darauf an, dass ich zugänglicher, wärmer und empfindsamer war als zuvor. Ich begann mich immer mehr zu öffnen und aus freiem Herzen auszudrücken. Mich glücklich zu fühlen wurde weniger abhängig von äußeren Umständen und wurde zu einer Lebenshaltung, für die ich mich bewusst entscheiden konnte. Anfangs benötigte das Unterrichten der Ausrichtungsprinzipien in Verbindung mit dem tantrischen Gedankengut einige Anstrengung und Übung. Es ermutigte mich zu sehen, dass ich nun besser fähig war, Schülern zu helfen: Ich erlebte, dass diese Prinzipien es ihnen ermöglichten, leichter, tiefer und angenehmer in die Haltungen zu kommen. Wir alle machten Fortschritte! Als ich erfahrener darin wurde, Anusara Yoga zu unterrichten, begannen auch meine Schüler sich auf körperlicher und emotionaler Ebene mehr zu öffnen.

Insgesamt benötigte ich fünf Jahre, um meine Zertifizierung komplett abzuschließen. Während dieser Zeit konnte ich die technische Seite des Unterrichtens studieren und entwickeln. Außerdem war es mir durch die Kula – aktives Einbringen in die Gemeinschaft – möglich, meine „zwischenmenschlichen“ Fähigkeiten als Yogalehrerin zu entwickeln: Ich verstand es nun besser, mit Menschen so in Verbindung zu treten, dass ich sie in ihrer eigenen Entwicklung besser unterstützen konnte.


Anusara Yoga – wie alles begann

Die Methode wurde 1997 von einem innovativen Amerikaner gegründet: John Friend, ein führender Iyengar-Yogalehrer, der zugleich Schüler von Gurumayi Chidvilasananda und jahrelang ein Hatha-Yogalehrer ihres Siddha Yoga Ashram war. Siddha Yoga, das von Swami Muktananda eingeführt wurde, folgt der philosophischen Tradition des kaschmirischen Shivaismus und daher wurde diese non-dualistische, tantrische Philosophie die Basis von Anusara Yoga. Die jahrelange therapeutische Arbeit mit verletzten Schülern und das Zusammenbringen dieser Beobachtungen führten schließlich zur Entwicklung einer Hatha-Yogamethode, die sich so stark von allen anderen Yogastilen unterschied, dass sie nach einem eigenen Namen verlangte. Anusara Yoga wurde als ein Stil geboren, der einerseits Komplexität und Tiefe besitzt, andererseits durch seine einzigartigen Prinzipien und seine logische Methodologie sehr gut zugänglich ist. Das Wort „Anusara“ stammt aus einem Vers des tantrischen Textes Kularnava-Tantra: „Shaktipata-anusarena shishyonugraham arhati.“ („Indem er sich mit den Strom der göttlichen Shakti direkt ins Herz begibt, ist der wahre Schüler imstande, Gnade zu empfangen.“) Wörtlich bedeutet Anusara, im Fluss zu sein, im Strom des Göttlichen zu schwimmen, im Herzen zu verweilen und mit Gnade zu fließen. Die höchste Motivation, Anusara Yoga zu praktizieren, besteht darin, sich nach dem Göttlichen auszurichten, oder der Kunst, sich mit dem Höchsten zu verbinden und sich fähig einzubringen.

Es sollte sich gut anfühlen!

Die folgende Beschreibung des Anusara-Systems, seiner Philosophie und Ausrichtungsprinzipien mag auf den ersten Blick wie eine große Ansammlung technischer Informationen wirken, die nicht leicht zu erfassen ist. Wenn man regelmäßig Anusara praktiziert oder vielleicht sogar die Immersions besucht hat, ändert sich das. Vielleicht taucht die Frage auf, worin der Sinn all dieser Prinzipien liegen soll. Sie alle lassen sich zusammenfassend damit erklären, dass sie dem Übenden auf seinem Weg zu mehr Wohlgefühl und dem Erkennen seines ihm innewohnenden Glanzes dienen sollen. Anders ausgedrückt: Die Asana-Praxis zusammen mit der Ausrichtung und der lebensbejahenden Philosophie führt uns zum Erleben unseres eigenen „Gut-Seins“. Wenn wir uns tatsächlich körperlich und emotional gut fühlen, erleben wir einen spirituellen Wandel und beginnen, uns auf neue Art für das Leben zu öffnen. Wir sind nicht nur im Einklang mit unserem eigenen Körper, sondern mit dem Leben selbst. Das ist die herzöffnende Erfahrung, die wir anstreben. Wie also können wir wissen, ob wir uns in der optimalen Ausrichtung befinden? Indem wir uns gut fühlen – physisch, emotional und spirituell ausgeglichen, stabil und frei.


Die Methode: Attitude, Alignment, Action

Als Methode umfasst Anusara drei Hauptmerkmale: die non-dualistische, tantrische Philosophie, die biomechanischen Ausrichtungsprinzipien und die Kula (Gemeinschaft). Diese drei Aspekte werden kurz als die „3 A’s“ zusammengefasst: Attitude (Einstellung), Alignment (Ausrichtung), Action (Aktion). Dabei ist „Attitude“ als Kraft des Herzens hinter jeder Aktion oder jedem Ausdruck zu verstehen, sowohl in der Asana als auch im Leben. Sie ist die tiefe Sehnsucht in uns, wieder zu unserer eigenen göttlichen Natur zu erwachen und das Leben zu feiern. Sie ist unsere Vision, die Absicht und das Gefühl, mit dem wir uns mit dem Leben verbinden wollen. SieBildschirmfoto 2014-07-07 um 16.19.57 ist das „Warum“ unseres Daseins und unserer Yogapraxis.

Alignment“ ist die bewusste Wahrnehmung, dass und wie verschiedene Teile von uns zusammenhängen und verbunden sind. Dabei handelt es sich um das Wissen, wie wir auf harmonische und erfüllende Weise interagieren, reagieren und gekonnt kreieren können. Es ist das “Wie” unserer Reise.

Action“ ist die natürliche Bewegung der Energie im Körper, die sowohl durch ihre Stabilität beruhigend als auch freudvoll durch ihre Freiheit wirkt. Dieser Aspekt beschreibt den Moment, in dem wir uns vollkommen im Erleben befinden, wohin uns unsere höchsten Absichten und Einsichten geführt haben. Er bedeutet wörtlich, „Attitude“ und „Alignment“ in Aktion zu bringen und spiegelt das „Was“ unseres Lebens wider. Unser Handeln, wie wir mit unseren Beziehungen und Einflüssen durch und mit anderen umgehen, ist unser Yoga im Leben. Die Gemeinschaft oder Kula bietet uns das Feld, in dem wir beobachten können, inwieweit unser Yoga uns dient.
Das spontane und natürliche Ergebnis von „Attitude“, „Alignment“ und „Action“ ist die tatsächliche Erfüllung der Sehnsucht des Herzens – unsere höchste Intention, die Ausdruck darin findet, wie wir uns selbst im größeren Fluss des Lebens bewegen können und in harmonischer Beziehung mit dem existieren, was ist. Alle diese Konzepte beziehen sich genauso auf die Praxis wie auf das Leben. Im Anusara wird die Asana-Praxis als Möglichkeit gesehen, die Ideale und Qualitäten, nach denen wir streben, zu verkörpern und anzuwenden.


Anusara-Stunden

Anusara-Stunden variieren bezüglich des philosophischen Themas, des Ausrichtungsfokus, der Asana-Wahl und des Levels der Schüler. Es gibt keine festen Übungsreihen. Daher gestalten alle Lehrer ihre Stunden mit einem bestimmten Thema selbst. Teilweise werden auch Hilfsmittel eingesetzt, allerdings legt Anusara größeren Wert darauf, dass die Schüler durch die Anwendung der Ausrichtungsprinzipien im eigenen Körper eine gute Ausrichtung finden. Jede Klasse beginnt, indem kurz das philosophische Herzthema der Stunde erläutert wird – gefolgt von einer kurzen Meditationsphase und dem Singen der „Invocation“. Das Herzthema wird in die Praxis eingeflochten. Die Wahl der Asanas und der körperliche Fokus der Stunde werden mit dem Thema in Zusammenhang gebracht. So bleibt das philosophische Konzept nicht nur eine schöne Idee, sondern wird ein physisches Erlebnis. Im Allgemeinen beinhalten die Klassen sowohl dynamische Bewegungen als auch angenehmes, intensives Verweilen in den Asanas. Das bedeutet ein ausgeglichenes Verhältnis von aktiven Bewegungen und detaillierter Aufmerksamkeit in den Haltungen, um die Praxis zu vertiefen und zu verfeinern. Eine Anusara-Klasse setzt die „3 A’s“ um, indem drei spezifische Elemente berücksichtigt werden: eine tantrische Weltsicht, die universellen Ausrichtungsprinzipien und der Gemeinschaftsgeist. Sie definiert sich nicht durch die Wahl der Asanas, die Zusammenstellung der Sequenzen oder die Geschwindigkeit der Bewegung, sondern durch die Art, wie die Asanas praktiziert werden und mit welcher Einstellung. Was die Praxis ausmacht, sind die Handlungen, die innerhalb der Form stattfinden – in Verbindung mit einer demütigen Haltung der Offenheit. Die Lehrer führen ihre Schüler auf eine Weise, die darauf abzielt, sich emotional und spirituell zu erheben und zugleich auf körperlicher Ebene heilsam zu wirken.

Die Prinzipien und die Methode sollen dem Schüler dazu dienen, dass er seinen Wert und sein unendliches Potenzial erkennt. „Chit-Ananda“, die Bewusstseinserweiterung, die zur Glückseligkeit führt, wird als oberste Motivation für die Praxis verstanden. Mit anderen Worten: Was wir wirklich wollen, ist, uns selbst vollständiger kennen zu lernen. Wir wollen erkennen, wer wir in unserer wahren Essenz sind – enthüllt von den Schleiern der Dunkelheit, des Zweifels und der Wertlosigkeit. Dieses Wissen offenbart unsere glückselige Natur und erlaubt uns, uns selbst kreativ aus diesem Teil heraus zu zeigen.


Die universellen Ausrichtungsprinzipien (UPA)

Im Anusara werden in jeder Haltung fünf Hauptprinzipien – die universellen Ausrichtungsprinzipien – umgesetzt. Diese Prinzipien sind therapeutisch wirksam und bilden die Basis der Yogatherapie, die innerhalb der Anusara-Methode angewendet wird. Zudem verkörpern sie die „3 A’s“ im Rahmen der Yogapraxis.

  1. Erstes Prinzip – „Open to Grace“ (Offen sein für den „Fluss der Gnade“)
    Das erste Prinzip ist eine bewusste Ausrichtung unserer Absicht – offen und im Fluss zu sein mit dem Höchsten (Grace). Diese Einstellung umfasst eine offenherzige Hingabe, die Bereitschaft, offen und in jedem Moment für die Energie des Lebens empfänglich zu sein. Auf physischer Ebene zeigt sich dieses erste Prinzip primär darin, dass wir in jeder Haltung ein optimales Fundament schaffen – und zwar mit derselben Achtsamkeit, wie wir unsere Ausrichtung für die Praxis setzen. Weiter wird durch den Atem Raum und eine angenehme Fülle im inneren Körper geschaffen. Dadurch „leuchtet“ der Schüler von innen heraus und die Körperseiten werden länger. All dies ist ein körperlicher Ausdruck für vollkommene Offenheit dem Leben gegenüber. Die Atmung bildet die Basis für die gesamte Praxis.
  2. Muskuläre Energie
    Dieser Begriff beschreibt das aktive Zusammenbringen der Energie von der Peripherie zur Körpermitte hin – zum Fokuspunkt. Die Haut und die Muskeln schmiegen sich näher an die Knochen, die Gelenke ziehen sich isometrisch zur Mittellinie und es findet ein subtiler Energiefluss von den äußeren Körperteilen (Füße, Hände, Kopf ) zum Zentrum statt. Dies führt zu einer größeren Stabilität, Kraft und Integration innerhalb der Asana. Zudem werden alle Körperbereiche bewusster wahrgenommen, wodurch eine ganzheitliche Körper-Geist-Erfahrung entsteht.
  3. Innere/ausdehnende Spirale
    Diese Aktion beginnt an der inneren, vorderen Kante der Füße und bewegt sich an den Beinen entlang nach oben bis zum Becken als eine sich ausdehnende Energiespirale. Sie endet weit oben auf der Rückseite der Taille. Dieses Prinzip rotiert die Beine (hauptsächlich die Oberschenkelvorderseiten) nach innen, bewegt die oberen Ansätze der Oberschenkel nach hinten und außen. Dadurch weitet sich das Becken und der Bereich zwischen den Sitzknochen. Die innere Spirale verfeinert die Ausrichtung des Oberschenkelknochens in der Hüftpfanne, sorgt für mehr Flexibilität in Hüften und Becken und hilft außerdem bei der Verstärkung der natürlichen Innenwölbung des unteren Rückens im Fall einer flachen Lendenwirbelsäule. Die innere Spirale der Arme dreht die Unterarme aus einer anatomisch neutralen Stellung nach innen, um die Handgelenke und Schultern auszurichten.
  4. Äussere/zusammenziehende Spirale
    Dieses Prinzip arbeitet zusammen mit und entgegengesetzt zur inneren Spirale. Die äußere Spirale ist die zusammenziehende Kraft, die, von der Rückseite der Taille aus, über das Steißbein bis in die Beine und Füße wirkt. Sie stabilisiert das Becken, bewegt das Steißbein nach unten und vorne in den Raum, der zuvor durch die innere Spirale entstanden ist. Dadurch verlängert sie die Kurve in der Lendenwirbelsäule. Die Oberschenkel rotieren leicht nach außen. Die kontrahierende Spirale endet an den Füßen mit einem subtilen Ziehen der Fersen zueinander, wodurch die Haltung stabiler wird. Die ausgeglichene, gemeinsame Aktion der inneren und äußeren Spirale resultiert in einer Mulabandha-ähnlichen Spannung im Becken, welche auf natürliche Weise durch diese Ausrichtung des Beckens entsteht. Der Schlüssel für das Gleichgewicht der beiden Spiralen ist, die Aktionen der inneren zu halten, während man die der äußeren hinzunimmt. Bei den Armen dreht die äußere Spirale die Oberarme nach außen und voneinander weg. Dadurch verfeinert sie die herzöffnende Qualität der Anusara-Yogapraxis.
  5. Organische Energie
    Der Begriff „organisch“ bezeichnet einen natürlichen und subtilen Energiefluss, der aus der Mitte des Körpers (an einem festgelegten Fokuspunkt) entspringt und sich entlang der Kernlinien des Körpers in die Peripherie bewegt. Als Gegenkraft zur muskulären Energie verlängert, erweitert und vergrößert die organische Energie die Ausdehnung und Flexibilität. Dadurch bekommt der Praktizierende das Gefühl von freudiger Freiheit in den Haltungen. Die organische Energie entsteht zuerst am Fokuspunkt und bewegt sich dann nach unten zur Basis der Haltung. Dieses Verwurzeln über die Basis fördert zugleich die natürliche, nach oben strebende Ausdehnung aller Körperbereiche oberhalb des Fokuspunktes. Die organische Energie verleiht der Praxis ein angenehmes Gefühl einer sich ausdehnenden Leichtigkeit.

Fokuspunkte

In jeder Asana gibt es einen aktiven von insgesamt drei Fokuspunkten: im Zentrum des Beckens, am tiefsten Punkt des Herzens und am oberen Gaumen. Der aktive Fokuspunkt ist jeweils der, der sich gleichzeitig am nächsten zum Fundament befindet und am meisten Gewicht trägt. Zum Beispiel liegt in allen Stehhaltungen der Fokuspunkt im Becken, im Handstand im Herzen und im Kopfstand im oberen Gaumen.


Die Energie-„Loops“

Als sich Anusara Yoga entwickelte, wurden immer mehr verfeinernde Elemente in das System integriert. Die „Loops“ bezeichnen kreisförmige Bewegungen, die energetisch im Körper stattfinden. Insgesamt gibt es sieben Loops:

  1. „Knöchel-Loop“
  2. „Schienbein-Loop“
  3. „Oberschenkel-Loop“
  4. „Becken-Loop“
  5. „Nieren-Loop“
  6. „Schulter-Loop“
  7. „Schädel-Loop“

Die „Loops“ finden in der Praxis erst nach den fünf Hauptprinzipien (UPA) Anwendung und sind als Feinabstimmungen zu verstehen, die die Ausrichtung noch spezifischer optimieren.


Wie man die Methode erlernen kann

Da Anusara ein relativ junger Hatha-Yogastil ist, der zudem einen langen Ausbildungsweg benötigt, gibt es in Europa bisher nur eine Handvoll zertifizierter Lehrer. Als Schüler kann man wöchentliche Klassen besuchen. Intensiver kann man sich mit der Methode in Workshops und Masterclasses beschäftigen oder sogar mit der 108-stündigen Immersions-Serie tiefer eintauchen. Für diejenigen, die sich zum Lehrer ausbilden lassen möchten, werden 100-stündige Trainings angeboten, mit denen man jedoch erst nach den Immersions beginnen kann. Erst im Anschluss folgt das erste Level der Anusara-Lehrer-Zertifizierung, die einem Lehrer den Titel „Anusara-Inspired“ verleiht. Sowohl dieser Status als auch der einer vollen Zertifizierung sind an ein Mentor-System gebunden, das Stundenbeurteilungen und Feedback-Sessions beinhaltet. Wie lange der gesamte Prozess schließlich dauert, ist individuell verschieden.


Lebensbejahende tantrische Philosophie

Anusara Yoga liegt eine klar definierte, non-dualistische, tantrische Weltsicht zugrunde, die das Leben im Kern als gut ansieht. „Non-dualistisch“ bezieht sich auf die dem Tantra vorausgehenden und gegensätzlichen Philosophien, welche die manifeste und die spirituelle Welt als komplett voneinander getrennt betrachten. Tantra dagegen ist die Sicht, dass es keine zwei getrennten Wirklichkeiten gibt, sondern nur eine einzige Energie, die die gesamte Existenz durchdringt – sowohl im Absoluten als auch im Relativen. Das Wort „Tantra“ bezeichnet ein Werkzeug, Instrument oder eine Technik zur Ausdehnung. Als Begriff umfasst es eine breite Vielfalt von Schulen und Praktiken, die alle gemeinsam die Idee teilen, dass alles Bewusstsein ist. Der Zweig des Tantra, der Anusara geprägt hat, ist der kaschmirische Shivaismus – er sieht das Bewusstsein als absolut frei an, pulsierend mit Freude. Diese alles durchdringende Energie, das höchste Bewusstsein, manifestiert sich aufgrund der puren Lust, sich selbst als Manifestation, Gegensätzlichkeit und Ausdehnung zu erleben. Daher sind Bewusstsein und Glückseligkeit (Chit-Ananda) die Essenz aller Dinge. Wenn man die Welt auf diese Weise betrachtet, erhält man ein tiefes Vertrauen in das Gute, das der Existenz und dem Leben zugrunde liegt.

Anusara basiert also auf dem Konzept des intrinsisch Guten und lehrt, für alles offen und empfänglich zu sein, sowie voll am Leben und der Wirklichkeit teilzunehmen. Das höchste Bewusstsein, dessen grundlegende Natur absolute Freiheit, Fülle und unbegrenzte kreative Kraft beinhaltet, entschied sich für die Begrenzung, um sich schließlich selbst in seiner ursprünglichen, unbegrenzten und wahren Natur wiederzuerkennen. Auch wir finden uns in dem Spiel aus Verschleierung und Enthüllung, in dem wir unsere wahre Natur vergessen haben, um irgendwann die glückselige Erfahrung zu machen, die freudvolle Essenz unseres Seins wiederzufinden. Das höchste Ziel von Anusara Yoga ist, dass die Schüler ihre eigene wahre Natur als bewusste Wesen der Glückseligkeit erkennen, indem es ihnen eine Technik oder ein Wekzeug bietet, ihrem göttlichen Wesenskern näher zukommen. Im Anusara Yoga werden die Asanas als kreative Ausdrucksformen des Herzens betrachtet – Formen, die uns dabei helfen, unsere Fähigkeiten und die Sensibilität zu entwickeln, um uns nach unserer göttlichen Natur auszurichten. John Friend hat die Ausrichtungsprinzipien nicht erfunden, aber er besaß die Fähigkeit, eben die Muster im Körper zu erkennen, die größere, universelle und kosmische Muster widerspiegeln.


Kula – Gemeinschaft des Herzens

„Kula“ oder die “Gemeinschaft des Herzens” ist Teil der Art, wie wir unser Yoga in die Welt bringen. In Beziehungen stoßen wir auf die Herausforderungen, die unser persönliches Wachstum fördern. Es sind die Menschen, mit denen wir in Beziehungen sind, mit denen wir die Schönheit des Lebens feiern und teilen können. Die Kula erinnert uns daran, dass wir mit unseren Bemühungen, Schmerzen, Freuden, Fragen und Antworten nicht alleine sind. Tatsächlich ist die Gemeinschaft das Feld, auf dem wir die Einsichten, die wir gewonnen haben, in unser Leben einbringen und dabei beobachten können, wie wir uns verändert haben. Dort erhalten wir Unterstützung, wenn wir sie brauchen, und können andersherum denjenigen mit unseren Talenten und Begabungen zur Seite stehen, mit denen wir uns verbunden fühlen. Durch die Verbundenheit und die Interaktion beginnen wir, unseren eigenen Wert und wie wir in das große Gesamtbild passen, auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Das Wort „Tantra“, das zum einen ein Werkzeug beschreibt, um sich auszudehnen, kann ebenso auf einen „Webstuhl“ hindeuten. Die tantrische Vision besagt, dass das höchste Bewusstsein in sämtliche Formen des Lebens eingewebt ist – das Eine wurde zu den Vielen. Wir können uns selbst als die Fäden verstehen, die alle zusammen einen wunderschönen, bunten Teppich voller Harmonie und Einheit formen.


✤ Um Anusara-Stunden in Ihrer Nähe zu finden, gehen Sie einfach auf die Anusara-Website – hier finden Sie eine Liste von Lehrern:  ✤


Weitere Infos zu Anusara Yoga finden Sie in der YOGA JOURNAL Ausgabe 05/2012, die Sie versandkostenfrei, schnell und einfach in unserem Wellmedia-Shop nachbestellen können.

Barbra Noh ist zertifizierte Anusara-Yogalehrerin, unterrichtet seit dem Jahr 2000 Yoga und entdeckte 2006 Anusara für sich. Ursprünglich kommt sie aus Australien, lebt jedoch in München und leitet dort bei Airyoga das Lehrer-Ausbildungsprogramm. Im Schloss Elmau in den bayerischen Alpen bietet sie Retreats an und unterrichtet weltweit Workshops und Ausbildungen.