Yoga-Welle: Warum Yoga sich immer wieder erneuert

Yoga-Welle

In den 40 Jahren, in denen ich nun schon Yoga lehre, werde ich regelmäßig gefragt, was diese Yoga-Welle ist. Die Antwort ist ganz einfach: Es ist gar keine Welle! Die Natur einer Welle ist es, auf- und wieder abzuschwellen. Aber in all diesen Jahren habe ich tatsächlich noch kein wirkliches Abschwellen mitbekommen. Im Gegenteil: Ich würde behaupten, dass diese YogaWelle seit meiner Kindheit unablässig und stetig wächst. Damals ging meine Mutter Anfang der 60er Jahre an der Volkshochschule zum Yoga.

Als ich 1972 selbst intensiv mit der Yoga-Praxis begann, stieß ich auf großes Unverständnis. Viele dachten, Yoga sei eine Sekte. Deshalb würde ich nun Vegetarierin, dann Hindu und dann ganz bald nicht mehr ganz von dieser Welt sein. Tatsächlich konnten die Skeptiker*innen jedoch beobachten, dass ich langsam mein handfestes Schmerzsyndrom infolge eines Wirbelbruchs hinter mir ließ. Ich gewann in jeder Beziehung Boden unter den Füßen. Endlich ließ sich mein Leben so einrichten, dass ich zu der Person wurde, die ich heute bin.

Zu fremd für den Alltag?

Wie die meisten Menschen begann ich mit einer körperbezogenen Praxis, also Asana und Pranayama. Mir war klar, dass es mehr gab, nämlich Meditation und vor allem eine reich entwickelte Yoga-Philosophie. Aber die fand ich zu diesem Zeitpunkt noch sehr befremdlich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie mir in meinem Leben hier in Deutschland jemals von Nutzen sein könnte. 1974 bekam ich erstmals die Gelegenheit, Yoga zu unterrichten. Während meines Kurses an der Freien Universität Berlin wurde schnell deutlich, dass mir eben dieser Hintergrund fehlte. Um dem mehr Perspektive und Methode zu verleihen, interessierte ich mich zuerst für die Hintergründe der Anatomie. Anschließend für die Yoga-Philosophie. Ich begann das Studium des Yoga.

Etwa zur gleichen Zeit kam ich in Kontakt mit der Europäischen Yoga-Union. Und damit mit dem Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland, dem BDY. Damals veranstalte die Europäische Yoga-Union bereits zu dieser Zeit einen jährlichen Kongress im schweizerischen Zinal. Dort lernte ich die „High Society“ der Yoga-Welle kennen, sowie ihre Gründungsväter und –mütter. In den folgenden Jahren wurde ich dort Stammgast. So bekam ich hautnah mit, wie sich der Yoga von Jahr zu Jahr entwickelte. Die alten Traditionslinien passten sich in ihrer Übungspraxis den westlichen Bedürfnissen an. Die indische Philosophie wurde in Beziehung zur westlichen und islamischen Mystik gesetzt. Hinduist*innen, Yogi*nis, Zen-Buddhist*innen, Christ*innen, Jud*innen und Moslim*innen saßen am runden Tisch. Dabei entwickelten sie neue Modelle, wie Menschen zu sich finden, und reflektierten über die Natur unseres Seins.

Überschwappen der Yoga-Welle

Daneben begann man sich überaus ernsthaft Gedanken über die Qualitätssicherung von Yoga-Unterricht und Yoga-Lehrausbildungen zu machen. Dadurch legte man viele Grundsteine, auf denen die heutigen Ausbildungskonzepte basieren. Die nationalen Traditionslinien entdeckten sich gegenseitig, denn es stellte sich heraus, dass jedes Land bestimmte Yogaformen bevorzugte. So kamen unter anderem der Yoga der ­Energie, der Yoga in der Tradition Krishnamacharyas und der Bihar-Stil nach Deutschland.

In den frühen 90er Jahren begann die deutsche Yogaszene in Kontakt mit der „Rückenschule“ zu treten. Die Ausbilder und Ausbilderinnen des BDY konnten damals eine entsprechende Zusatzqualifikation erwerben, in der sie Grundlagen der Biomechanik lernten. Infolgedessen passten die meisten ihre Unterrichtskonzepte den Bedürfnissen der westlichen (Sitz)Kultur an.

Gleichzeitig fand eine weitere umwälzende Erneuerung statt: In Frankreich, Deutschland und Großbritannien etablierte sich durch die Vermittlung seines Sohnes T.K.V. Desikachar der Vini-Yoga in der Tradition von Krishnamacharya. Damit einher ging die Verbreitung des didaktischen Konzepts dieser Schule unter dem Namen „Vinyasa Krama„. Zusammengefasst ist dies eine Übungspraxis, die auf intelligente Weise den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Übenden angepasst ist. Man ging zunehmend dazu über, das Asana dem Menschen anzupassen und nicht mehr das Umgekehrte zu verlangen. Qualifizierter Einzelunterricht und persönliche Übungsprogramme erhielten neue Bedeutung. Aus dieser Strömung erwuchs der therapeutische Yoga. Dieser befreite das System endgültig vom Image der esoterischen Schwärmerei. Die Krankenkassen begannen, Yogakurse zu bezuschussen. So begann die Entwicklung des Yoga zum Massenphänomen.

Das „globale Yogadorf“

Seit einigen Jahren können wir von einem „globalen Yogadorf“ sprechen. Die großen Lehrenden Indiens, der USA und Europas reisen durch die Welt. Dabei unterrichten sie an den allerorts ­sprießenden Yogazentren und Yogakongressen eine ständig wachsende Teilnehmer*innenzahl. Augenblicklich entdeckt China den Yoga für sich, was ­sicher einen Yoga-Boom in den Städten auslösen dürfte. So wie es vorher schon in Russland zu beobachten war. Jede Kultur, in der sich die Yogalehre etablieren kann, bringt etwas von ihrer eigenen Sichtweise mit ein. Dadurch stellt sich diese alte Wissenschaft vom Menschen heute in unglaublicher Vielfältigkeit und Reichhaltigkeit dar.

Viele Yoga-Übende erfahren ihre tägliche Praxis als eine verlässliche Verbindung mit einem großen Erbe der Menschheit. Das erlaubt es ihnen, ihre Zukunft bewusster und verantwortlicher zu gestalten. Zur Zeit wird sich die globale Yogaszene zunehmend ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung bewusst. Dadurch erneuert sie die uralte Weisheitslehre gerade ein weiteres Mal. Und das wird nicht die letzte Erneuerung sein.

Lies weiter: Spiritueller Aktivismus


Anna_Trökes

Die Autorin der „Yoga-Welle“. Anna Trökes unterrichtet seit 1974 die ganze Bandbreite des Hatha Yoga und engagiert sich seit 1983 in der Yogalehrausbildung. Zehn Jahre lang leitete sie zusammen mit Boris Tatzky und Jutta Pinter-Neise die „Deutsche Akademie des Yoga der Energie“. Sie verfasste mehr als 15 Bücher über Themen des Hatha-Yoga und der Yoga-Meditation.

www.prana-yogaschule.de

Bücher: Spiritueller Umgang mit dem Tiere

Das Thema ist nicht neu, wohl aber die intensive öffentliche Auseinandersetzung damit: Das Leid der Tiere, ihr Schutz, ihre Rechte. Immer mehr Autoren und Autorinnen greifen die Thematik auf , schreiben Bücher dazu und regen zum Nachdenken an: Was kann die Gesellschaft, was können wir als Konsumenten tun, damit die Würde der Tiere künftig beachtet und vielleicht irgendwann auch geachtet wird? Dagmar Schult, Insa Janssen und Silke A. Eisenbeiß haben verschiedene Bücher dazu gelesen und fassen die Fakten für YOGA JOURNAL zusammen:

tiere_klagen_anTiere klagen an
Der Schweizer Rechtsanwalt Antoine F. Goetschel beleuchtet aus juristischer Perspektive zentrale Aspekte des Tierrechts und -schutzes. Das schafft er ganz ohne Polemik und sehr differenziert. Indem er konkrete Möglichkeiten aufzeigt, sich zu engagieren, lässt er uns mit der Frage nach der Würde und dem Schutz der Tiere nicht allein. Goetschel, der schon in der Vergangenheit als „Anwalt der Tiere“ bezeichnet wurde, ist seit 30 Jahren Aktivist und war wesentlich daran beteiligt, dass Tierrechte in der Schweiz Verfassungsstatus haben. Sein Fazit: Wer, wenn nicht wir, soll sich einsetzen für die, die keine Stimme haben – und wann, wenn nicht heute?
„Tiere klagen an“ von Antoine F. Goetschel, Scherz, ca. 20 Euro

streicheln-maesten-toetenStreicheln, mästen, töten
Aus einer vollkommen anderen Warte schreibt Anton Rotzetter. Der Autor ist Theologe und ­Kapuzinermönch und hat über Franz von Assisi (seinen Ordensgründer) promoviert. Er empfiehlt seiner Kirche einen anderen Lebensstil und einen anderen Umgang mit Tieren. Seine Interpretationen der Legende des Heiligen Franz von Assisi und der Bibel begründen einen „zeitgemäßen“ spirituellen Umgang mit Tieren. Rotzetter betont: Der Mensch steht nicht über dem Tier, sondern ist als Geschöpf unter Geschöpfen diesen eng verbunden.
„Streicheln, mästen, töten“ von Anton Rotzetter, Herder, ca. 15 Euro

Wir haben es satt
Die beiden bekannten Journalisten Ingrid Radisch („Zeit“) und Eberhard Rathgeb („FAZ“) legen eine Sammlung literarischer und philosophischer Texte aus zwei Jahrhunderten vor. Die Lektüre macht klar, dass das Wissen um das Leid der Tiere keine neuzeitliches Phänomen ist und schon gar nicht einer europäischen Wohlstandsperspektive bedarf. J.M. Coetzee, Mahatma Ghandi, Dostojewski, Ovid und Schopenhauer schwanken zwischen Mitgefühl, Anklage, Appell und Argumenten. Der Leser kann sich dem Eindruck dieses globalen und pluralistischen Panoramas nicht entziehen. Wer über das Leben der Tiere einmal so eindringlich gelesen hat, für den gibt es nur schwer einen Weg zurück in die Gleichgültigkeit.
„Wir haben es satt!“ von Ingrid Radisch und Eberhard Rathgeb, Residenz Verlag, ca. 20 Euro

Foto von Bekka Mongeau von Pexels

Einfache Detox-Tipps

Alle Jahre wieder sehnen sich viele Menschen im Anschluss an die Wintermonate oder das große Weihnachtsschlemmen nach mehr Leichtigkeit. Zu den typischen, schweren Mahlzeiten kommen oft Bewegungs- und Lichtmangel, zu viel Alkohol, Nikotin, Koffein und kein geregelter Schlaf. Aus diesem Grund verraten wir dir heute drei Top Detox-Tipps.

Ideal wäre es, wenn du dich während der Detox-Woche komplett ausklinken und den ganzen Alltagsstress außen vor lassen kannst. Nachdem das aber nicht immer möglich ist, hier ein paar unterstützende Tipps, die du selbst im stressigsten Alltag leicht umsetzen kann und die Körper und Geist optimal beim Entschlacken unterstützen:

  1. Leberwickel
    Ganz einfach und doch so wirkungsvoll: Bereite eine Wärmflasche mit heißem Wasser vor. Tauche ein kleineres Handtuch zur Hälfte in warmes (Salz-)Wasser. Lege die nasse Hälfte auf deinen rechten Oberbauch und die Wärmflasche darüber, schlage die trockene Seite des Handtuchs über die Wärmflasche und decke dich gut zu. Ruhe mindestens eine halbe Stunde – deine Leber ist das wichtigste Entgiftungsorgan und wird es dir danken.
  2. Bürstenmassagen und Detox-Öl
    Um den Kreislauf sanft anzuregen und der Haut beim Abtransport alter Schlacken zu helfen, empfiehlt es sich, den Körper am Morgen nach einer Wechseldusche (immer kalt abschließen!) sanft mit einer Naturbürste zu behandeln und anschließend mit einem wohlriechenden Detox-Öl zu massieren.
  3. Meersalz- oder Basenbad
    Basen- oder Meersalzbäder helfen beim Entsäuern und schenken am Abend wohlige Bettwärme.

Sonnen-Mantra: N°21

Sonne im Herzen: Wenn ich dieses Mantra rezitiere, sehe ich mich voller Kraft und Tatendrang auf die Dunkelheit zureiten. Wie die Sonne, die die Dunkelheit jeden Morgen aufs Neue vertreibt.

Aditya Hridayam Punyam
Sarva Shatru Vinashanam
Jayavaham Japam Nityam
Akshayam Paramam Shivam.

Dieses Sonnenmantra ist der vierte von 31 Versen aus der Aditya-Hridyam-Hymne im 107. Kapitel des Yuddha Kanda („Buch der Schlacht“). Es ist Teil des großen indischen Nationalepos Ramayana. Im 107. Kapitel schenkt der Weise Agasthya Muni dieses mächtige Mantra Rama, der im Kampf gegen den Dämonenkönig Ravana ermüdet ist. Nachdem er die Hymne dreimal wiederholt hat, siegt er. Der Vers ist als Essenz zu lesen und ermöglicht es uns nicht nur, während der dunklen Jahreszeit Sonne ins Herz zu zaubern, sondern auch alle negativen Kräfte zu bannen und jederzeit einen glänzenden Neustart zu wagen.

Die Übersetzung im Einzelnen: Aditya = Sonne, Hridayam = Herz, oder das, was besonders nährend und heilend ist für das Herz, Punyam = heilig, rein, gut, Glück bringend, Sarva = alle(s), Shatru = Feind, Avahana = Anrufung, Herbeirufung, Opferung, Akshara = unzerstörbar, parama(m) = höchster, Shiva = der Freundliche. Meine Interpretation des Mantras in einem Satz lautet: Die Meditation, die „Sonne im Herzen“ bringt uns das höchste Glück, zerstört alle Feinde; die Anrufung und Wiederholung beschert uns den Sieg, macht uns unzerstörbar und schenkt uns höchsten Segen.


Foto von Lucas Pezeta von Pexels

DVD-Tipp: May I be Frank

„May I be Frank?“ – ehrlich und unverblümt ist sie, die Geschichte von Frank, einem 54 Jahre alten, 131 Kilo schweren Italo-Amerikaner aus New York mit einer langen Drogenkarriere und Hepatitis C. Eigentlich ein lebenslustiger Typ, der die Frauen und das Essen liebt, steht Frank vor den Trümmern seines Lebens: Die Ehe geschieden, die Beziehung zur Tochter zerrüttet, die Gesundheit ruiniert. An diesem Punkt stolpert er in San Francisco zufällig in das „Café Gratitude“, wo alles öko, vegan und roh ist und die Mitarbeiter „vegane Engel“ sind. Der Film dokumentiert die Transformation von Frank Ferrante in einen nicht unbedingt schlanken, aber empfindsamen und liebevollen Menschen, der Verantwortung für sich und seine Taten übernimmt. Der Weg aus Depression und Wut zu echter Lebensfreude ist alles andere als leicht. Frank muss 42 Tage lang tun, was seine „Engel“ ihm auftragen: eine Rohkost-Diät, Besuche beim Heilpraktiker, ein Yoga-Retreat, wöchentliche Einläufe und die Arbeit mir positiven Affirmationen, die er auch noch ohne Ironie und Zynismus wiederholen muss. Das geht nicht ohne Höhen und Tiefen: Der Film lebt nicht zuletzt von Franks offener Art, seiner Schlagfertigkeit und seinem Mut, sich auch verletzlich zu zeigen. // Von Martin Bohn

Fazit: Der Zuschauer wird Zeuge einer inspirierenden Transformation – ein unterhaltsamer Film, der nie ­missionarisch wirkt.

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Der Film kann auf mayibefrankmovie.com für ca. drei Euro angesehen werden (engl.).

Meret Becker: „Lügen und andere Wahrheiten“

Verträumt und lakonisch, zart und bodenständig, hochkonzentriert und auf jeden Fall besonders: So erlebte YOGA JOURNAL die vielseitige Künstlerin Meret Becker im Interview. „Lügen und andere Wahrheiten“ heisst ihr neuer Film, und auch das Gespräch dreht sich vor allem um Gratwanderungen – im Leben und in der Kunst.

Meret, angesichts Ihres neuen Films verpflichtet uns dieses Interview zu besonderer Wahrhaftigkeit …
Noch spannender ist für mich zu sehen, wie originell ich antworte. Ich erlebe Interviewtage oft so: Erst sucht man ständig nach Worten, und irgendwann weiß man, was man zu dem Thema sagen kann oder möchte. Dann ist es allerdings bald an der Zeit, aufzuhören. Man muss aufpassen, dass man nicht immer das Gleiche sagt. Die Entdeckung soll nicht vorbei sein, denn sie ist wesentlich interessanter, als etwas zu wissen. Heute habe ich mir zum Beispiel schon fünfmal gesagt: Du Lügnerin, du wiederholst dich!

Womit wir beim Thema wären. Ihr neuer Film „Lügen und andere Wahrheiten“ stellt die Frage, ob es verschiedene Abstufungen von Ehrlichkeit gibt und wo jeweils die Grenze liegt. Inwiefern gilt das für Sie als Künstlerin?
Ja, wo fängt das an? In der Schauspielerei, besonders bei Dreharbeiten, in deren Rahmen man Szenen wiederholen kann? Bleibt dann das „echte“ Gefühl? In diesem Fall haben wir einen Improvisationsfilm gemacht und sind sehr ehrlich in die Situationen gegangen. Generell habe ich den Anspruch, eine Szene so zu vermitteln, als sei sie gerade erfunden. Oder gerade gefunden. Man muss immer sich selbst überraschen, dann bleibt man authentisch.

Es gibt die Auffassung, dass die künstlerische „Lüge“ näher an die Essenz der Dinge kommen kann als das so genannte „wahre“ Leben. Ihre eigene Kunst hat viele Gesichter: Film, Theater, Musik,
Varieté. Wägen Sie diese in puncto Authentizität manchmal gegeneinander ab?
Worüber ich mir immer im Klaren bin, das sind der Inhalt, den ich vermitteln möchte, und die Reaktion, die ich mir darauf wünsche. Die Wege dorthin variieren sehr, gehen in Richtung Zirkus, Entertainment, Chanson … Natürlich macht es auch einen Unterschied, ob ich wie beim Film im Team arbeite, mit Musikern auf der Bühne stehe oder wie bei meinem neuen Album „Deins & Done“ ganz loslasse und die ganze Stimmung ohne Performance nur noch in
den Song gebe.

Erleben wir hier eine ganz „echte“ Meret?
Alles, was ich tue, ist immer sehr persönlich und aus meinen Gedanken und Hintergründen entstanden. Bei „Deins & Done“ kommt vieles in der Tat sehr pur zum Vorschein. Ich singe viel Country und Bluegrass – Stile, in denen typischerweise ziemlich direkt das gesagt wird, was gefühlt wird. Da überschneiden sich bei mir Ausdruck und innere Einstellung. Das heißt aber nicht, dass ein Film wie „Lügen“ weniger wahrhaftig ist, weil der Film von Regisseurin Vanessa Jopp ist und ich lediglich ihr Werkzeug bin.

Auf der Suche nach mehr Wahrhaftigkeit oder auch Freiraum in ihrem Leben praktizieren einige Figuren in „Lügen“ Yoga. Was treibt Ihre Figur Coco in den Unterricht?
Coco ist eine wahnsinnig verspannte Perfektionistin, der Typ Frau, der es allen recht machen will: Sie ist erfolgreiche Zahnärztin, will ein perfektes Zuhause, perfekte Ehefrau und Tochter sein. Zusätzlich macht sie halt auch noch Yoga, damit ihr Körper fit, gesund und gut aussieht. Sie macht es zusammen mit ihrer besten Freundin, gespielt von Jeannette Hain, die offenbar mehr Anspruch hineinträgt und die Grundlagen kennenlernen will. Coco hat dazu gar keine Zeit. Was sicher konträr gegen Yoga läuft – wenn man nicht die Zeit hat, sich damit auseinanderzusetzen.

Beschäftigen Sie sich selbst mit der Praxis?
Nach meiner Erfahrung sehe ich sie als tolle Bewegungsform und ja, als Sport, obwohl ich weiß, dass es sich um eine Philosophie handelt. Die kenne ich allerdings nicht. Damit geht die Lüge natürlich los: Yoga üben und sich nicht wirklich damit auseinandersetzen. Da überspringt man sicher etwas. Rein körperlich ist Yoga wunderbar für Leute wie mich: Ich mache Artistik, da ist es gut, etwas Weicheres zu üben, in die Bewegung hinein zu atmen und den Körper gesünder zu manchen Dingen zu führen als in der Akrobatik. Dazu ist es gut für Leute, die gar keinen Sport machen, ältere Menschen, Kinder …

Der umschwärmte und vermeintlich so integere Yogalehrer Andi, gespielt von Florian David Fitz, bildet ein wichtiges Zentrum des Films. Die Frauen, die in seine Stunde kommen, berauschen sich fast an seiner vorerst ungebrochenen Tiefgründigkeit. Brauchen wir auf unserer Suche nach mehr Tiefe solche Erlöserfiguren, Stichwort: „Gurus“?
Das ist eine Charakterfrage. Es gibt sicher Menschen, die sich Inspiration von Gurus holen können. Ich habe diese Tendenz überhaupt nicht. Es wird so viel Inneres nach außen getragen, genau wie früher in den Religionen, dabei dient all das doch dem Gegenteil – habe ich zumindest immer gedacht. Ich glaube, dass die Menschen Rituale brauchen, ebenso wie Zauber. Wir wollen wegzaubern, was wir nicht wollen, wie bei der Beichte oder der Gedankenkiste beim Therapeuten, in der wir alles Lästige verstauen und später nochmal anschauen können. Wir brauchen Philosophien, Tradition und Rituale: Das nennen wir „Kultur“. Und wenn wir uns verrannt haben oder an etwas verzweifeln, suchen wir uns etwas Neues: Gurus, Yogalehrer, die versuchen, all das neu zu erfinden. Ich weiß allerdings nicht, ob das wirklich nötig ist.

Unsere Identität ist von Geburt an auch durch äußere Einflüsse und Erwartungshaltungen bestimmt. Yoga kann uns davon entspannen und Momente bereiten, in denen wir spüren: In mir gibt es etwas Beständiges, das keiner Prägung unterworfen ist.
Tja, ab wann erfinde ich mich selbst? Wann bin ich real? In Pedro Almodóvars Film „Alles über meine Mutter“ erzählt ein Transsexueller von den Operationen, die er unternahm, um authentischer zu sein, also als Frau leben zu können. Für viele ist das ein künstlicher Vorgang und nicht natürlich. Aber was soll „real“ bedeuten? Ganz natürlich sind wir direkt nach unserer Geburt, aber dann geht es ja schon los. Bekommt das Kind einen Ball oder eine Puppe geschenkt? Eine extrem spannende Frage, die man nicht beantworten, sondern nur mit Emotionalität ausmachen kann.

Und mit dem persönlichen Ausdruck?
Ich zum Beispiel denke regelmäßig darüber nach, meine Nase verändern zu lassen. Doch dann denke ich: Mensch, das bin doch ich, diese Nase hatte meine Oma schon, und ich bin so stolz auf meine Oma, da kann ich doch nichts an dieser Nase machen lassen. Ach, aber was wäre schon dabei? Und so weiter …

Gibt es für Sie einen Gegensatz zwischen Kunst und Natur?
Als ich ein Jahr in Brandenburg auf dem Land lebte, konnte ich erstmals die Natur in all ihren Facetten und Jahreszeiten kennenlernen. Es war irre, zu sehen, wie viele Sorten Tau, Sonne und Nebel es gibt. In der Natur verstreicht die Angst vor dem Tod. Man weiß plötzlich, warum man ist. Kunst empfinde ich vor allem als Ausdruck von Emotion. Man versucht, Emotion einzufangen und so reproduzierbar zu machen, dass sie die Menschen in dem Moment wieder trifft, in dem sie das Bild betrachten, die Zeilen lesen oder den Klang hören. Für einen Moment können die Menschen dann das zurückbekommen, was sie ohnehin in sich tragen. Das finde ich auf freundliche, herzliche Weise subversiv.

Sind Sie ein strukturierter Mensch oder brauchen Sie kreatives Chaos?
Einerseits bin ich sehr sortiert, ich mache zum Beispiel immer Konzeptalben. Ich liebe Chaos, aber meine Wohnung muss ordentlich sein. Vor allen Dingen brauche ich Ruhe. Chaos und Hektik haben für mich nichts miteinander zu tun. Ich versuche immer, genau in meiner Zeit zu sein. Ich bin Spezialistin für ausgefeilte To-Do-Listen, habe aber das Gefühl, immer hinterherzuhinken. Wenn ich sie Wochen später wiederfinde, merke ich, dass ich doch alles
erledigt habe. Bei der Produktion meines neuen Albums hatte ich das erste Mal seit langer Zeit das Gefühl, in meiner Zeit zu sein. Einmal war ich krank und nutzte die Zeit, mit meinem Gitarristen Buddy Sacher in Klausur zu gehen. Drei Tage habe ich nichts anderes gemacht, als ihm zuzuhören, die Songs zu entwickeln, ohne Gedanken an etwas anderes. Ich kann mir gut vorstellen, dass im Yoga so etwas passiert. Ich glaube, dass alle genau das suchen: sich im Jetzt wohlzufühlen. Man sollte nichts hinterherheulen und nicht irgendwohin rennen müssen. Man sollte hierbleiben.

Direkt hineingehen statt sich auszuklinken? Könnte das auch Aufgabe von Kunst sein: Mitten im Leben und nicht auf einer entrückten Ebene stattzufinden?
Könnte sein. Dabei muss ich an eine Bekannte denken, die gleichzeitig sehr vieles angefangen hat: Meditation, Buddhismus, chinesische Medizin, Yoga. Dann waren wir gemeinsam in Japan, und sie hat kaum Zeit mit den Japanern verbracht, sondern sich immer zur Meditation zurückgezogen. Yoga und Kunst können uns auf unserem Weg helfen, aber letztlich muss man sich selber darum kümmern, wie man wohin kommt.

Ist Ihnen die sehr lebensnah wirkende Improvisation bei den Dreharbeiten zu „Lügen“ entgegengekommen?
Ich kämpfe damit, aber ich finde es toll. Vanessa Jopps System beruht auf Improvisation und gleichzeitig auf einem klaren Gerüst, durch das sie die Schauspieler ganz sicher führt und auch ganz sicher eine vorher festgelegte Geschichte erzählt – das ist sehr wichtig für mich. Ich hasse es nämlich, Privates in eine Rolle zu bringen. Ich möchte etwas vermitteln und mich austauschen, aber das heißt nicht, die Hosen runterzulassen. Von mir gibt es etwas Durchdachtes. Ich zeige Ausschnitte aus meinem eigenen Erfahrungsschatz, von Menschen und ihrem Verhalten. Unsere Regisseurin hat etwas, von dem man denkt, dass es nicht durchführbar sei, auf eine solide Basis gestellt. Das Ganze war jedoch logistischer Wahnsinn, in dem die Schauspieler sehr wenig voneinander und von ihren Rollen wussten und chronologisch gedreht wurde. Dann musste noch gewährleistet werden, dass wir uns in unserer
Improvisation dahin bewegen, wo Vanessa uns haben wollte.

Wie man liest, setzte sie dabei durchaus kleine Lügen ein. Ist ein Leben komplett ohne Lügen vorstellbar?
Letztlich kommt man darum nicht herum. Man vermeidet Lügen, die sehr verletzen können. Das kann Leben kosten. Genauso kann die Wahrheit tief verletzen. Lüge entsteht aus einem Schutzbedürfnis. Für mich wird es brutal, wenn ein Mensch um sein Gefühl betrogen wird, wenn man ihm seine innerste Empfindung abspricht.


Für ihre Arbeit als Schauspielerin („Kleine Haie“, „Rossini“, „Feuchtgebiete“, „Tatort“), Komponistin, Sängerin, Live-Künstlerin und Produzentin ist Meret Becker mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Ihr neuer Film „Lügen und andere Wahrheiten“ lief 2014 in den Kinos und ist ab 5.3.2014 als DVD im Handel erhältlich. Die DVD verlosen wir übrigens pünktlich zum Verkaufsstart! Im September 2014 erschien ihr sechstes Album „Deins & Done“, das laut Meret Becker „nicht nur die erfüllte, sondern vor allem die gescheiterte Liebe portraitiert“.

Warum tragen Kundalini Yogis eigentlich einen Turban?

Kundalini Yoga

Imposant thront er auf dem Haupt seines Trägers und lässt ihn beinahe majestätisch aussehen. Allerdings wird der Kundalini-Turban relativ aufwendig gewickelt und es sieht eher unbequem aus, wenn jemand damit Yoga übt. Wozu also diese Kopfbedeckung im Yogaunterricht? YOGA JOURNAL hat bei Kundalini-Yogalehrer André Sat Ravi Singh nachgefragt.

Zugegebenermaßen ist der Anblick eines Turbans bei einem Menschen aus der westlichen Hemisphäre etwas befremdlich. Ich kann mich noch gut an meine erste Kundalini-Yogastunde in New York erinnern, als ich die Klasse betrat und der Lehrer sowie die meisten Schüler eine weiße Kopfbedeckung trugen. „Komischer Club“, schoss es mir durch den Kopf. Weil mich jedoch die Ausstrahlung des Lehrers faszinierte, blieb ich. Bereits nach 90 Minuten wusste ich, dass Kundalini Yoga mein Weg ist und ich bei diesem Lehrer meine Yoga-Ausbildung machen wollte. Allerdings auf keinen Fall mit solch einem Turban auf dem Kopf! Es dauerte jedoch nicht lange, bis mir eine Lehrerin empfahl, in ihrer Stunde zumindest die Vorstufe eines Turbans, ein gefaltetes Baumwolltuch (Bandana), zu tragen, um den energetischen Unterschied selbst zu erfahren. Die nächste Klasse übte ich also mit Bandana und der Unterschied war frappierend! Ich war plötzlich in der Lage, die Energie zu halten und zu kanalisieren – und die unterrichtete Übungsreihe (Kriya) und Meditation erhielt eine komplett andere Tiefe.

Bereits einige Wochen später begann ich mit meiner Ausbildung zum Kundalini- Yogalehrer, in der gleich zu Beginn der Sinn des Turbans angesprochen wurde. Der Kundalini-Meister Yogi Bhajan hat die Vorzüge im Detail erklärt: „Mit jeder Schicht, die du um deinen Kopf herumbindest, wickelst du dein eigenes Bewusstsein ein, dein eigenes Commitment und deine eigene Identität. Eine Person erhascht von dir (mit Turban) nur einen flüchtigen Blick und mit diesem (Blick) weiß diese Person, dass du etwas bist, mit dem sie sich auseinander setzen muss. Einen Turban zu binden und (ungeschorene) Haare auf deinem Kopf zu tragen, macht dich nicht zu einem Sikh. Ein Turban krönt dich in deiner Kapazität, verstehen zu können. Du bist unsterblich im Angesicht einer direkten Konfrontation mit dem Tod. Eine Kopfbedeckung zu tragen, befähigt dich, dein 6. Zentrum unter deine Kontrolle zu bringen.“

Nachdem ich bereits mit dem Bandana so kraftvolle und transformierende Erfahrungen gemacht hatte, kaufte ich mir Material für einen Turban. Der Unterschied zwischen einem Bandana und einem Turban, sofern er richtig gebunden wird, ist wie der zwischen einem VW Golf und einem Maserati. Der Turban in Verbindung mit Kundalini Yoga ist ein Geschenk Gottes: Die in uns liegende Kraft wird nicht nur erweckt, sondern kann auch kontrolliert und für unsere Projektionen kraftvoll genutzt werden.


André_Sat_Ravi_Sinah_Kundalini_TurbanAndré Sat Ravi Singh unterrrichtet im Kundalini Zentrum München und ist treuer Schüler von Gurmukh Kaur Khalsa. Mehr Information unter: www.k-yoga.de.

Weltfrieden: Mantra N°19

Om namo narayanaya

Dieses Mantra drückt die Verehrung für Narayana aus. In der Tradition von Swami Vishnudevananda wird es – oft am Ende der Yogastunde – für den Weltfrieden gechantet. Narayana wird sowohl als eine Manifestation Vishnus als auch Krishnas gesehen. Krishna wird, wie auch Buddha, als Inkarnation Vishnus betrachtet, um nur zwei der zehn Avatare Vishnus zu nennen. „Nara­yana“ kann laut dem spirituellen Wörterbuch der Sathya Sai Vereinigung e.V. wörtlich mit „Mensch und Gott“ übersetzt werden, was die Verschmelzung und Gemeinschaft der menschlichen Seele mit Gott symbolisiert. „Nara“ steht für „(Ur-)Mensch“ und „ayana“ bzw. „ayam“ für „ewig, ohne Ende“. Gott lebt im Selbst des Menschen als „Atman“ (was häufig mit „Seele“ übersetzt wird). Wenn wir dieses Mantra chanten und uns öffnen, kann Gott sich uns durch eine lebendige und inspirierende Weise offenbaren. Traditionell wird „Nara“ auch mit dem Element Wasser assoziiert. In der alles durchdringenden Natur Narayanas (wörtlich „aus dem Wasser Kommender“) geschehen die ewigen Bewegungen von Geburt, Leben und Tod. Eine weitere Bedeutung von „ayana“ ist „Ziel, Richtung“. Narayana weist somit auf die „Ausrichtung des Menschen“ zur Verschmelzung von persönlichem Atman und Gott hin – mit dem letztendlich höchsten Ziel: der Befreiung vom Rad der Wiedergeburten.


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 03 – 2013


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