Tanz der Energien – ein neuer Blick auf die Chakras

Bücher, Workshops und immer neue Anwendungen: Die Chakras sind im modernen Yoga allgegenwärtig. Aber was bedeutet die Lehre für dich und deine Praxis – ist sie authentische Erfahrung oder eher theoretisches Konzept? Und was daran ist uralte Weisheitslehre, was eher modernes Selbsterfahrungs-Tool? Wir haben uns auf die Suche nach den Hintergründen gemacht.

Text: Stephanie Schauenburg / Fotos: Carolin Krüger

Dass wir nicht nur aus Knochen, Muskeln und Organen bestehen, spüren wir wohl alle: Da gibt es auch Geist, Gefühl, Kraft, Intuition – und es gibt spürbare Verflechtungen dieser Sphären, die sehr viel mit Energie zu tun haben. Wir können oft deutlich wahrnehmen, wie diese Lebensenergie, die wir im Yoga Prana nennen, durch Herz und Glieder strömt, mal stärker ist und mal nur ganz schwach. Wir spüren auch, wie sie sich an bestimmten Stellen ballen kann, wie sie manchmal stockt und wie das mit unserem Denken und Empfinden verwoben ist: Angst oder Wut zum Beispiel können sich anfühlen wie eine Faust in der Magengrube. Trauer wie ein Kloß im Hals. Und Liebe wie 1000 Schmetterlinge in der Brust.

Im westlichen Denken mit seiner traditionellen Trennung von Körper und Geist und dem entsprechend mechanischen Körperbild gab es kaum Modelle und Erklärungen für diese sehr realen energetischen Aspekte der menschlichen Erfahrung. Ganz anders in der indischen Tradition: Hier hat man seit jeher nach diesen Phänomenen geforscht. In den alten Schriften des Hinduismus, des Tantra, aber auch des Yoga oder des Ayurveda, ist in diesem Zusammenhang schon früh von Chakras die Rede. Wörtlich bedeutet der Begriff „Rad“, man stellte sie sich nämlich als wirbelige Zentren vor, an denen sich die Energie aus verschiedenen Bahnen und Strömen (Nadis und Vayus) bündelt und wieder verzweigt. Diese Vorstellungen von einem feinstofflichen Körper und von der Verflechtung der physischen mit der energetischen, emotionalen und geistigen Erfahrung trafen bei uns auf eine Lücke – und entsprechend gut haben sie Wurzeln geschlagen.

Tradition versus Moderne

Aus dem modernen Yoga ist die Lehre von den Chakras kaum wegzudenken. Es gibt spezielles Chakra-Yoga und praktische Anwendungen für bestimmte Organe oder Nerven, man arbeitet mit Heilsteinen, Klangschalen oder ätherischen Ölen, es werden Analogien zu Planeten, Pflanzen oder Erzengeln aufgezeigt. Besonders bedeutsam ist dabei die Zuordnung bestimmter Lebensthemen zu den einzelnen Chakras, denn diese psychologische Sichtweise macht sie zu einem guten Tool für die körperorientierte Selbsterfahrung. Es gibt bei all dem nur ein kleines Problem: Fast nichts davon stammt aus der Tradition oder den alten Schriften Indiens, es sind im Wesentlichen moderne und westliche Konzepte.

Der Sanskritgelehrte und Tantralehrer Christopher Wallis hat schon im Februar 2016 in einem Blog-Beitrag (zu finden auf: hareesh.org/blog) die wichtigsten Missverständnisse im modernen Umgang mit den Chakras herausgearbeitet. Das beginnt schon damit, dass das Modell der sieben Chakras vielfach als eine feste Tatsache, eine Art anatomischer Bauplan unserer feinstofflichen Anatomie dargestellt wird. Dabei steht das gleich in zweifacher Hinsicht im Widerspruch zur traditionellen Überlieferung: Zum einen gibt es dort neben dem 7-Chakra-Modell unzählige weitere. Sie verorten eine jeweils verschiedene Anzahl an Chakras an zum Teil unterschiedlichen Stellen im Körper und ordnen sie auch anderen Namen, Elementen, Symbolen und Praktiken zu.

Widersprüche und Wahrnehmung

In Patanjalis Yogasutra beispielsweise ist in Vers 3.29 von einem Nabhi Chakra die Rede (wörtlich: Nabel-Chakra) und es wird ausgeführt, die Versenkung in dieses Chakra eröffne dem Übenden Kenntnis über die Körperfunktionen – wohingegen der Herzpunkt (Hridaya) der Schlüssel zum Verständnis der mentalen Prozesse (Citta) sei (Vers 3.34). Moment mal: Das Herz-Chakra heißt doch Anahata und eröffnet eigentlich den Zugang zu Liebe, Freude und Empathie, während es beim Nabel-Chakra um Bedürfnisse geht? Genau: anderes System, andere Namen, andere Zuordnungen.

Der zweite Widerspruch ist vermutlich noch entscheidender: Laut Wallis verstehen die historischen Quellen das Chakra-Konzept gerade nicht als einen zu beschreibenden Plan. Stattdessen schlagen sie bestimmte Praktiken vor, mit denen wir subtile Prozesse im Körper im Sinn einer spirituellen Entwicklung steuern können. Chakras sind demnach keine auffindbaren Strukturen, sondern eher Potenziale. Sie dienen als Fokuspunkte innerhalb einer, wie Wallis schreibt, „außergewöhnlich fluiden Realität“ – was auch bedeutet, dass du Chakras unter Umständen völlig anders erlebst, als du es gelesen oder gehört hast, und dass sich diese Wahrnehmungen verändern können.

Das moderne 7-Chakra-Modell auf einen Blick

Wurzel-Chakra
Muladhara
Sakral-Chakra
Svadhisthana
Solarplexus-Chakra
Manipura
Herz-Chakra
Anahata
Hals-
Chakra
Vishuddha
Stirn-Chakra
Ajna
Kronen-Chakra
Sahasrara
Element / Mantra / Symbol Erde / Lam / QuadratWasser / Vam / HalbmondFeuer / Ram / DreieckLuft oder Wind / Yam / HexagrammLuft oder Wind / Ham / Hexagramm(Geist) / Om / Dreieck im Kreis(Kosmos) / Stille / 1000-blättriger Lotus
zugeordnete Farberotorangegelbgrün / rosahellblaudunkelblau / violettweiß / gold / spektral
psychologische ThemenUrvertrauen, Lebenskraft, ErdungBedürfnisse, Gefühle, Genuss, SexIdentität, Wille, SelbstbewusstseinLiebe, Freude, EmpathieKommunikation, Ausdruck, IdentitätIntuition, Intellekt, WeisheitSpiritualität, Verbundenheit, Transzendenz
Sitzam unteren Ende der Wirbelsäule oder am Dammim unteren Bauchzwischen Nabel und Brustbeinhinter dem Brustbeinmittig im Hals oder am Kehlkopfmittig etwas oberhalb der Augenbrauenam Schädeldach oder etwas darüber

Gemeinsamer Grund

Heißt das, dass alles, was wir im modernen Yoga über die Chakras lernen und lehren, Mist ist? Überhaupt nicht! So unterschiedlich die verschiedenen Chakra-Modelle auch sein mögen, sie sind alles andere als willkürlich: Zunächst einmal werden Chakras im Körper immer dort aufgespürt, wo wir tatsächlich besonders deutlich etwas spüren. Es ist also kein Zufall, dass fast alle Systeme Chakras hinter der Stirn, im Herzraum und im unteren Becken enthalten. Diese drei finden sich sogar in anderen Energielehren wieder, etwa dem daoistischen Dantian. Die Tantralehrerin Margo Anand Naslednikov hat das mit Nervengeflechten und davon ausgehend mit endokrinen Drüsen in Verbindung gebracht. Auch eine moderne Sicht, aber eine, die einiges für sich hat. So liegen zum Beispiel im Bereich des Manipura Chakra der Solar Plexus und die Bauchspeicheldrüse – wenn wir Angst also häufig in der „Magengrube“ spüren, dann auch, weil dort besonders viele Nerven miteinander verflochten sind.

Die Chakras sind kein fester Bauplan, sondern eher subtile Hinweise, Potenziale für ganz individuelle
feinstoffliche Erfahrungen.

Spürbare Energien

Genauso sind auch die psychologischen Zuordnungen keineswegs aus der Luft gegriffen: Es ist beispielsweise naheliegend, Kehle und Stimmbänder mit dem Selbstausdruck in Verbindung zu bringen. Andere Zuordnungen sind eher kulturell geprägt: Das Herz gilt bei uns traditionell als Zentrum von Liebe und Mitgefühl, dagegen vermutete das klassische Indien dort den Geist. (Du erinnerst dich: Patanjali empfiehlt Versenkung ins Herzzentrum, um Citta zu ergründen.)

Allen Systemen gemein ist die Erfahrung, dass es Bereiche zu geben scheint, wo die physische und die energetisch-emotionale Sphäre spürbarer als anderswo verflochten sind. Punkte, an denen wir eine geistige oder emotionale „Ladung“ körperlich wahrnehmen können. Indem wir diese Punkte als Fokus nutzen, sie visualisieren und uns auf sie konzentrieren, können wir unsere Wahrnehmung für energetische Qualitäten und Prozesse schulen. Wir dringen also über die Interozeption von der physischen in die feinstoffliche Ebene vor. Ein vorgegebenes System wie das 7-Chakra-Modell mag zwar nur eine Möglichkeit von vielen sein, aber es kann uns helfen, diese Erfahrungen zu strukturieren.

Das Potenzial der Chakras

So finden wir einen Zugang und eine Sprache für sehr subtile, innere Prozesse. Auch die moderne Psychologisierung der Chakralehre mit ihren Zuordnungen zu bestimmten Lebensthemen oder entwicklungspsychologischen Stadien kann unglaublich wertvoll sein, vor allem wenn wir sie nicht als starren Plan und Fakt begreifen, sondern als Hinweise, als Potenzial für ganz individuelle Erfahrungen. Nur so gelangen wir vom Bücher-Wissen zu einer authentischen Erfahrung.

Trotzdem sollte uns bewusst sein, dass wir uns mit all dem weit von dem entfernen, was die traditionelle Chakrapraxis vermutlich ausgemacht hat. In Wirklichkeit wissen wir nur sehr wenig über sie: Die Texte sind oftmals rätselhaft, widersprüchlich und schwer zugänglich. Christopher Wallis hat sich in die Forschungsliteratur vertieft und stellt fest: „Das ist immer noch weitgehend unbekanntes Terrain. Tu also besser nicht so, als ob du etwas über Chakras wüsstest!“ Wenn wir im modernen Yoga über sie sprechen, haben wir es eigentlich immer mit einer vereinfachten und modernisierten Sicht zu tun und sollten das auch klar machen.

Anstatt also die modernen Chakrapraktiken fälschlicherweise als faktisches, „uraltes“ Wissen auszugeben, sind wir eingeladen, genauer hinzuschauen und uns auf die Suche zu machen. Es geht um einen Zugang zur feinstofflichen Ebene unseres Seins, nicht darum, eine angeblich vorhandene Realität im eigenen Körper aufzuspüren, sie zu reinigen und dabei wie auch immer geartete Blockaden zu lösen. Statt also imaginierte rote, gelbe, oder blaue Chakra-Glaskugeln zu putzen, um im Handumdrehen noch ein bisschen energievoller und glücklicher zu werden, (Stichwort: Selbstoptimierung) dürfen wir uns offen, liebevoll und wertungsfrei auf die Reise zur Erforschung unserer energetischen Innenwelt machen. Es gibt viel zu entdecken.

Eine einzige Quelle

Dass das Modell der sieben Chakras heute so vorherrschend ist, hat laut Christopher Wallis einen simplen Grund: Fast die gesamte moderne Beschäftigung mit den Chakras geht auf eine einzige Quelle zurück: eine Schrift aus dem 16. Jahrhundert namens Sat Chakra Nirupana, die 1918 ins Englische übersetzt wurde. Die Übersetzung des englischen Richters John Woodruff (der sich dafür das Pseudonym Arthur Avalon gab) war offenbar fehlerhaft, doch dank der okkultistischen Mode dieser Zeit fand sie schon bald eine enorme Verbreitung – während die übrigen Quellentexte bis heute großteils sehr schwer zugänglich sind.

Dieser Artikel von Stephanie Schauenburg stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/2025.

Stay tuned: Im zweiten Teil des Artikels, der morgen erscheint, gibt dir Daniela Mühlbauer einige Tipps, wie du deine Chakras erfahrbar machen kannst.


Du möchtest direkt die Chakras in deiner Praxis ansprechen? Hier findest du jeweils eine Sequenz zum Herz- und zum Sakralchakra:

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