„Drücken ist nicht gleich drücken“: Hilfestellungen beim Yoga

Aha-Effekte und unglaubliche Erleichterung können das Resultat korrekt ausgeführter Hilfestellungen beim Üben sein. Worauf es bei Adjustments ankommt und was absolute No-Gos sind, erklärte Experte Young-Ho Kim auf der Yoga Conference Österreich in Wels.

YOGA JOURNAL: Ursprünglich saßen die Yoga-Meister auf einem Podest und unterrichteten ihre – teilweise hundert – Schüler mit geschlossenen Augen. Woher kommt heute das Bedürfnis nach Adjustments?
Young-Ho Kim: In meinem Unterricht versuche ich als Lehrer auf der selben Ebene wie meine Schüler zu agieren. Dabei haben Hilfestellungen für mich schlicht und einfach mit Service zu tun. Außerdem versuche ich meine Stunden wie eine Begegnung unter Freunden zu gestalten. Denn um Verschiedenes auszuprobieren und Herausforderungen anzunehmen, ist Vertrauen notwendig – was in solch einer Atmosphäre leichter aufzubauen ist.

Von wem hast du deine Adjustment-Techniken gelernt?
Das waren viele verschiedene Einflüsse. Zum einen waren sie Bestandteil meiner Ausbildungen, zum anderen habe ich meine Methoden der Hilfestellung durch jahrelange Erfahrung weiterentwickelt. Durch Ausprobieren und ständiges Hinterfragen habe ich die Bedürfnisse meiner Schüler erkannt und weiß nun genau, welche Adjustments ich für welchen Effekt benötige.

Du unterscheidest drei Arten von Adjustment.
Richtig: Active-, Passive- und Prana-Adjustment. Beim Active-Adjustment ist die Kraft des Lehrers notwendig. Er setzt sein Körpergewicht ein, um an bestimmten Stellen sinnvoll entgegenzuwirken. Seine Berührung gibt die Impulsrichtung beim Schüler vor.

Worauf kommt es bei passiven bzw. reaktiven Hilfestellungen an?
Passives Adjustment zeichnet sich dadurch aus, dass keinerlei Körperkraft des Lehrers zum Einsatz kommt. Durch sanfte, taktile Berührungen sollen die 
Schüler darauf aufmerksam gemacht werden, bestimmte Muskeln anzuspannen, um so die Asana optimal ausführen zu können.

Und Prana-Adjustment?
Dabei geht es ebenfalls um taktile Berührungen, die bewirken sollen, dass in bestimmte Stellen hinein geatmet werden soll. Dabei lege ich Wert darauf, dass dies entgegengesetzt zur Dehnung und hinein in die Kompression geschieht. Denn warum sollte man in Bereiche verstärkt hinein atmen, die bereits gedehnt sind?

Worauf kommt es außerdem bei Hilfestellungen an?
Ein guter Lehrer bedient mehrere Ebenen gleichzeitig: Die kommunikative, die auditive, die visuelle sowie die taktile. Ich nutze zum Beispiel nicht ohne Grund während meiner Klassen den gesamten Raum. Damit möchte ich erreichen, dass mich jeder Schüler bei verschiedenen Asanas gut sehen kann. Darin liegt für mich die Effizienz des Unterrichts.

Wie reagierst du, wenn Schüler nicht berührt werden möchten?
Zunächst einmal ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen. Das funktioniert beispielsweise über Augenkontakt. Sobald ich eine Bereitschaft spüre, gebe ich eine Hilfestellung. In der Regel kann ich 
den Teilnehmer überzeugen, denn oftmals ist die Berührung mit einem Aha-Effekt verbunden. Die meisten Schüler wissen gar nicht, wie sehr sie von Hilfestellungen profitieren können.

Was sind absolute No-Gos bei Adjustments?
Überhaupt keine Hilfestellung zu geben ist für mich ein No-Go. Trotz
dem gilt bei mir: Eine gute Hilfestellung ist möglichst wenig Hilfestellung. Zu viel Berührung wirkt verwirrend. Eine gezielte Bewegung, begleitet von auditiven Anweisungen ist die Idealform eines Adjustments. Dabei ist es wichtig, sich vorher genau zu überlegen, welcher Körperteil berührt werden soll. Nachkorrekturen sollten vermieden werden.

In deinem Adjustment-Workshop in Wels sagtest du: „Drücken ist nicht gleich drücken.“ Wie ist das gemeint?
Adjustments sind so individuell wie Yoga. Es gibt natürlich Richtlinien, auf die es zu achten gilt – aber so unterschiedlich die körperlichen Vorraussetzungen der Schüler sind, so verschieden sind die Hilfestellungen, die ich gebe.


Young-Ho Kim Yoga Hilfestellungen InterviewYoung-Ho Kim ist in Südkorea geboren und mit der asiatischen Kampfkunst Taekwondo und Zen-Buddhismus aufgewachsen. Er betreibt das Frankfurter Studio Inside Yoga, bildet Yoga-Lehrer aus und unterrichtet in ganz Deutschland sowie international. Seit 2009 organisiert er zusammen mit Fokus Leben die jährlich stattfindende Yoga Conference in Österreich.

YogaWorld Journal 5/26
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