Mark Stephens: Der Lehrer im Inneren

213

Mark Stephens gilt seit einigen Jahren international als einer der profiliertesten Yogalehrer und -Ausbilder. Nicht umsonst nennt man ihn den „Lehrer der Lehrer“. In einer neuen Artikelreihe erklärt er exklusiv für YOGA JOURNAL Deutschland, was guten Yogaunterricht und gute Yogalehrende im Kern wirklich ausmacht.

Der beste Yogalehrer, den man je finden kann, befindet sich im eigenen Inneren. Mit jedem Atemzug, jeder Empfindung und jedem Gedanken kann dieser innere Lehrer unsere Praxis leiten. Die Lehren dieses ultimativen Lehrers zu entdecken und zu würdigen, ist nach meiner Erfahrung das Herzstück einer nachhaltigen und tief transformativen Praxis.

Allerdings steht diese Einstellung im Widerspruch zur traditionellen Sichtweise, nach der ein hingebungsvoller Schüler die Lehren seines allwissenden und fürsorglichen Gurus gehorsam in sich aufzunehmen hat. Natürlich kann die Zuwendung eines Gurus oder Lehrers, der auf jegliche Frage eine Antwort hat, als sehr wohltuend empfunden werden. So erklärte eine Schülerin von Paramahansa Yogananda einmal, dass man auf diese Weise endlich „aufhört immer wieder neue Wege zu suchen und zu erforschen. Man kann von ganzem Herzen diesen einen Weg verfolgen, weil man darauf vertraut, dass der Guru einen zum höchsten Ziel des Yoga führen wird.“ Es spricht aber auch manches gegen eine solche Sichtweise. Joel Kramer und Diana Alstad beschreiben in ihrem Buch „Die Guru Papers. Masken der Macht“, wie problematisch es sein kann, sich einem äußeren Lehrer hinzugeben, vor allem dann, wenn sich dieser Lehrer als Scharlatan erweist, oder wenn er oder sie seine Macht missbraucht. Der englische Historiker und Publizist Lord Dalberg-Acton warnte schon im 19. Jahrhundert: „Macht neigt dazu zu korrumpieren und absolute Macht korrumpiert absolut.“

Wie also kann man im Rahmen einer gesunden Weltanschauung, die Freiheit und Wohlergehen verwirklichen will, auf dem Yogaweg Unterstützung und Anleitung finden? Und worin besteht dabei die Rolle eines Yogalehrers? Um diese Fragen zu beantworten, will ich zunächst einen Blick auf die Praxis selbst werfen.

Die Yogapraxis

Ein wichtiger Teil dessen, was Yoga so großartig macht, ist die Tatsache, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, die eigene Praxis zu vertiefen und zu verfeinern. So können wir alle genau da beginnen, wo wir gerade stehen – und eben nicht da, wo vielleicht jemand anderes oder wir selbst fälschlicherweise meinen, dass wir stünden. Beim Üben begegnen wir den verschiedensten Asanas und werden mit zahllosen von ihnen hervorgerufenen Empfindungen konfrontiert. Wenn wir wirklich Yoga üben und nicht nur Sport treiben, dann atmen wir bewusst und tief. Wir nutzen den Atem, um die Art zu verfeinern, wie wir eine Asana für uns entdecken und erfahren. Dadurch erwecken wir eine tiefere Bewusstheit im Körper-Geist. Sie öffnet uns dafür, umfassender zu spüren und die Myriaden von Empfindungen klarer wahrzunehmen, die in jedem Augenblick aus dem Inneren aufsteigen. Das wiederum verleiht uns die Fähigkeit, Bewegung und Haltung in winzigen Details so zu verfeinern, dass sie für uns selbst stabiler und müheloser werden – genau so, wie es Patanjalis Yogasutra beschreibt: „sthira sukham asanam“ (die Asana sei stabil und leicht zugleich).

In diesem Tanz des Körper-Geists mit dem Atem wirft jede Asana ein Schlaglicht auf bestimmte Empfindungen. Je nach Art der Ausführung, Tageszeit und anderen Faktoren kann sie besondere Effekte erzeugen. Wir können beobachten, wie sie nicht nur -körperliche, sondern auch verschiedene emotionale und mentale Reaktionen hervorruft. Genauso hat jede Asana die Tendenz, den Atem auf verschiedene Weise subtil zu beeinflussen. Wenn wir bewusst bei der Wahrnehmung der Atmung im Körper-Geist bleiben, werden wir schließlich erkennen, dass wir den Atem gezielt zu jenen Regionen lenken können, an denen Spannungen oder Wider-stände sitzen. Wir können sie lösen und ein Gespür dafür entwickeln, wie wir in unserem gesamten Sein mehr bewusste Wahrnehmung verwirklichen. Dadurch werden wir von innen heraus erfahren, wie sich körperliche Wahrnehmung, emotionales Fühlen und mentale Achtsamkeit allmählich verändern.

Außerdem wird uns deutlicher bewusst, was es weiter zu erforschen gilt, wie wir uns verfeinern können und wohin wir unsere Energie und unser Handeln richten sollten. In der Kommunikation zwischen Körper-Geist und Asana können wir bewusst über Abwandlungen, Intenstität, Reihenfolge, Tempo und Dauer entscheiden. Mit jeder Praxis entwickeln wir so unser Üben ein Stück weiter in Richtung eines integralen Bestandteils unseres Seins. Darin besteht die grundlegende Praxis, das Herzstück des Asana-Yoga: Es ist ein immerwährendes Erwachen und Integrieren. Wir können mit verschiedenen Atemtechniken, Positionen und Visualisierungen spielen, eine Vielzahl von Effekten erforschen, unsere Reaktionen beobachten, dem inneren Dialog lauschen und dabei einen zunehmend klarer werdenden Spiegel entdecken, der uns zeigt, wie wir immer mehr und immer bewusster der- oder diejenige werden, die wir eigentlich sind.

Die Rolle des Yogalehrers

Die wichtigste Rolle des Yogalehrers besteht darin, Schüler so auf ihrem Yogaweg anzuleiten, dass sie diesen inneren Lehrer entdecken und würdigen lernen. Das beruht zuallererst einmal darauf, seinen Schülern zuzuhören, ihre besonderen Bedürfnisse zu verstehen und ihre Intentionen zu respektieren.

Bezogen auf den Unterricht von Asanas erfordert es auch, dass man als Lehrer praktische funktionale Anatomie und Bewegungslehre gelernt hat und anwenden kann, denn sie sind die Basis für eine gute Ausrichtung in den Haltungen, für Modifikationen, Hilfsmitteleinsatz, Übergänge zwischen einzelnen Asanas und für das Entwerfen von Sequenzen und ganzen Stunden. Sofern man Pranayama unterrichtet, sollte man aus eigener Erfahrung verstanden haben, wie sich die körperlichen und energetischen Qualitäten jeder einzelnen Atemtechnik nach und nach entwickeln. Auf dieser Grundlage wird man im Aufbau der Pranayama-Einheiten „Vinyasa Krama“ verfolgen – das kluge Fortschreiten. Wenn es im Unterricht Raum für Meditation gibt, dann machen wir als Lehrer unsere eigene Präsenz auf eine Weise zur Quelle des Lichts, die Worte überflüssig werden lässt und die für die Teilnehmenden auf möglichst natürliche und konkrete Weise erfahrbar macht, dass wir alle Teil eines großen Ganzen sind.

Der Unterricht erhält Kraft und Bedeutung durch die räumliche Umgebung, die Ausstrahlung des Lehrers und den Spannungsbogen der Stunde. Als Lehrer haben wir die kostbare Gelegenheit, unsere Einsichten über Yoga und das Leben mit unseren Schülern zu teilen. Dabei ist es wichtig, wertzuschätzen, dass es unter den Schülern einer jeden Klasse verschiedene Arten von Intelligenz und unterschiedliche Lernweisen gibt. Manche lernen gut über verbale Anweisungen, während andere ein visuelles Vorbild brauchen. Wieder andere müssen etwas körperlich spüren, um es vollständig zu erfassen. Dieses gesamte Spektrum sollte in jeder Yogastunde zum Einsatz kommen, damit das Lernen konzeptuelle, emotionale, körperliche und spirituelle Dimensionen umfassen kann (siehe Beitrag am 19.April).

Menschen unterrichten, nicht Haltungen

Die besondere Kombination von Lehrmethoden und Techniken, die man als Lehrer einsetzt, sollte immer die persönlichen Empfindungen und Einstellungen widerspiegeln. Sie sollte die in meinen Augen bestmögliche Art sein, meine Schüler in ihren eigenen Erkundungen, ihrem eigenen Lernen und ihren persönlichen Intentionen und Empfindungen zu begleiten. Mit anderen Worten: Als Lehrer sollten wir nicht Haltungen unterrichten, denn sie sind nichts anderes als statische Repräsentationen einer idealisierten Form, etwas, das Models für die Kamera ausführen, um eine äußerliche Botschaft zu vermitteln. Im Gegensatz dazu sind echte Asanas lebendig und persönlich, sie sind der Ausdruck organischer Menschen, die sich ausprobieren, die leben, atmen und sich im Tempel ihres Körper-Geists entfalten möchten. Wenn man einen Schüler mit der Weisheit des eigenen Herzens schätzen kann, dann wird man ganz selbstverständlich auch die innere Schönheit wahrnehmen, die sich in seiner Praxis ausdrückt. Aus dieser Haltung heraus wird man als Lehrer viel natürlicher in seiner Rolle sein und seinen Schülern den nötigen Raum geben können, um in der Fülle ihrer eigenen Praxis aufzublühen – und das selbst dann, wenn alle Kenntnisse, die man vielleicht haben mag, auf nichts anderes angewendet werden als auf die Architektur, den Ausdruck und die Stimmung einzelner Asanas, wie sie in einzigartiger und wunderschöner Weise bei jedem einzelnen Schüler zum Vorschein kommen.

Indem man sich seinen Schülern aus dieser Haltung heraus nähert und sie anleitet, versetzt man sie in die Lage, genau so tief in die Übung zu gehen, wie es für sie in diesem Moment richtig und angemessen ist. Zugleich klärt es das Lehrer-Schüler-Verhältnis und fördert ein Erleben der Yogapraxis mit offenem Geist und offenem Herzen. In der Beziehung zu ihren Schülern sollten sich Yogalehrer um eine Qualität des sozialen Miteinanders bemühen, die ein integraler Bestandteil der Yogapraxis und des Lebensgefühls ihrer Schüler sein kann. In einer solchen Beziehung werden Schüler und Lehrer gleichermaßen transformiert: Der Lehrer bleibt immer Schüler und der Schüler stimmt sich immer tiefer auf seinen eigenen inneren Lehrer ein.

An alle zukünftigen Yogalehrer

„Wir können nicht anders
als unsere Macht gebrauchen.
Können nicht der Versuchung widerstehen,
der Welt unseren Stempel aufzudrücken.

Deshalb lasst uns
in der Wahl unserer Worte
und widersprüchlich wie wir sind
all unsere Macht für die Liebe nutzen.“

-Martin Buber

Für einen guten Lehrer werden das eigene Lernen und die eigene Entwicklung niemals aufhören. Ganz im Sinne der Maxime „Je mehr du weißt, desto mehr wirst du erkennen, was du nicht weißt“ gilt auch hier: Je weiter man als Lehrer in seiner Ausbildung, seinem Lernen und seiner Erfahrung voranschreitet, desto deutlicher wird einem bewusst werden, dass es noch ein ganzes Universum an Wissen und Weisheit gibt, das man künftig in die Praxis einbringen müsste. Diese Tatsache wird einem umso deutlicher, wenn man seine Schüler mit der Zeit immer klarer wahrnimmt, versteht und als seine eigenen Lehrer ansieht – und sie ist absolut essenziell, wenn man seine Schüler wirklich gut in ihrer Praxis anleiten will. Atemzug für Atemzug atmen wir mit unseren Schülern auf eine Weise, die es ihnen leichter macht, ihren eigenen inneren Lehrer zu entdecken und zu würdigen. So wird Yoga persönlicher, nachhaltiger und tief transformierend.


Mark Stephens hat bereits drei internationale Bestseller über den Yogaunterricht geschrieben, ein viertes Buch über Heilen mit Yoga ist in Vorbereitung (auf deutsch alle beim Riva-Verlag). Er lebt im Norden Kaliforniens und unterrichtet weltweit. Für 2017 sind unter anderem Workshops in München, Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln, Zürich, Wien und Graz geplant.

markstephensyoga.com

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here