“Jede Geschichte hat ihren eigenen Atem” – Interview mit Werner Herzog

Nachdem sich Regie-Legende Werner Herzog („Fitzcarraldo“, „Grizzly Man“) eine zeitlang verstärkt dem Dokumentarfilm widmete, kehrte er letztes Jahr mit „Salt and Fire“ zu seinen Wurzeln zurück: der spektakulären Erzählung. Überwältigende Landschaftsaufnahmen am größten Salzsee der Erde spiegeln den inneren Konflikt einer Wissenschaftlerin, die auf der Spur einer drohenden Naturkatastrophe eine ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft eingeht.

Allgemein stehen Sie für einen radikalen Zugang zum Erzählen. Empfinden Sie sich selbst als außergewöhnlich mutig?

Es gibt keinen Plan, nach dem ich besonders kühn vorgehe, die Gegebenheiten sind immer relativ einfach: Ich stoße auf eine Geschichte, von der ich sofort weiß, dass sie etwas ganz Besonderes ist, und will sie unbedingt verfilmen. Dann stellen sich Fragen wie „Wo sind die Widerstände?“ und „Welche Risiken gibt es“? In dieser Hinsicht sind meine Grenzen vermutlich weiter nach vorne verschoben als bei anderen.

Welche Größe und Grenzen haben Sie zu „Salt and Fire“ motiviert?

„Aral“ von Tom Bissell, die literarische Vorlage des Films, hat mich sofort beeindruckt: Eine mysteriöse Aktion, bei der drei Wissenschaftler aus unklaren Motiven entführt werden. Die Kurzgeschichte bezieht sich auf den realen Zustand des Aralsees, der völlig ausgetrocknet ist und eigentlich gar nicht mehr existiert. Ganze Schiffsfl otten sitzen auf dem Sand und rosten vor sich hin.

In ihrer Rolle als Wissenschaftlerin fühlt sich Hauptdarstellerin Veronica Ferres plötzlich einer Grenzsituation ausgesetzt, in der ihr ihre Daten nicht mehr weiter helfen können.

Ihr wird klar, dass die angemessene Reaktion auf Bedrohungen wie diese nicht Panik sein kann, eher genaueres Hinsehen. In der Salzwüste erfährt sie die Dinge neu undgreift praktisch zu. In diesem Zusammenhang fi nde ich Martin Luthers Antwort auf eine existenzielle Frage interessant: Was würde er tun, wenn morgen die Welt unterginge? Einen Apfelbaum pflanzen. Das ist die Grundhaltung des Films.

Sie sprechen von Ihrem Film als „Tagtraum, der den Regeln des Kinos nicht folgt“. Welche Regeln meinen Sie?

Die Story folgt den Vorgaben, die in der Geschichte selbst angelegt sind, nicht der klassischen Drei-Akte-Struktur Hollywoods. Das Schöne an Geschichten ist ja, dass sie, wie das Leben selbst, schwer berechenbar sind und ihren eigenen Atem haben.

Was bedeuten Ihnen die zweifellos vielfach strapazierten Begriffe „Verbundenheit“ und „Verantwortung für die Existenz“?

Die sollte man tatsächlich nicht allzu sehr strapazieren, sonst werden die Dinge moralin-süßlich und unglaubwürdig. Eine wichtige Rolle in „Salt and Fire“ spielt die Qualität unserer Wahrnehmung und Erfahrung: Wie leicht verzerren sich Bilder? Wie verändern sich Ereignisse, wenn sie aus einem anderen Blickwinkel gesehen werden? Ein zentrales Element des Films ist daher das Bild im Kreuzgangs im römischen Kloster Santissima Trinita: Ein Heiliger unter einem Baum betet in Verzückung. Wenn man den Korridor entlanggeht und sich ihm nähert, verschiebt und verzerrt sich der Anblick. Der Heilige ist nicht mehr erkennbar, vielmehr ergibt sich eine Landschaft der Meerenge von Messina mit Wasser und Segelschiffen – das Bild eines Heiligen, der sein Gewand auf die Wellen geworfen hat und mit seinem Mantel nach Sizilien „surft“. Daher immer die Frage: Was ist das, was wir eigentlich erleben und sehen? Wie weit sind es Fakten, wie weit unsere Phantasie? Fragen, die eigentlich jeder Film stellt.

… und die sich auch aus der Yogapraxis ergeben können. Wie nehmen Sie diese spirituelle Praxis wahr?

Ich lebe in Los Angeles. Für mich hat die moderne Ausprägung des Yoga groteske Formen angenommen. Natürlich ist es die private Angelegenheit jedes Einzelnen, in unterschiedlichen Formen und aus unterschiedlicher Motivation. Insgesamt stört mich der Anschein, dass man allein dadurch „spirituell“ sei. Ich für meinen Teil sehe Yoga am liebsten, wenn es in den Kulturkreisen betrieben wird, aus denen es stammt: Indien, Nepal, Tibet. Wir sind keine Tibeter.

Ihre Hauptdarstellerin Veronica Ferres übt regelmäßig Yoga.

Sie ist eine echte Athletin. Mir wäre es aber lieber, sie schwimmt.


WERNER HERZOG, geboren 1945 in München, zählt neben Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff zu den einflussreichsten Vertretern des deutschen Nachkriegskinos.

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