Ein neues Jahr beginnt und das ist immer ein Grund zur Hoffnung. Aber da ist auch vieles, was sorgenvoll stimmt, was du vielleicht sogar als furchteinflößend wahrnimmst. Wie können wir Stabilität finden und ohne Angst nach vorn gehen? Hier sind einige konkrete Tipps …
Text: Stephanie Schauenburg & Andrea Goffart / Titelbild: Denys Nevozhai via Unsplash
“Furchteinflößend” ist eines dieser ebenso altmodischen wie schönen Wörter. Und es kann einem ja auch wirklich Furcht einflößen, was da an Krisenberichten und Katastrophenmeldungen tagtäglich auf uns einströmt: Klima, Kriege, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik – überall mehr oder minder düstere Aussichten.
Wir können ein bewusstes geistiges Gegengewicht zur Furcht erzeugen, indem wir mehr Energie in Dinge lenken, die ihr entgegenstehen könnten. Das naheliegende “Gegenteil” von Angst wäre Mut. Eher schwierig, wenn man tendenziell vor Angst schlottert. Aber wir hätten noch ein paar andere Ideen …
1. Heiterkeit
“Das Lachen tötet die Furcht”, sagt der blinde Seher Jorge von Burgos in Umberto Ecos Roman “Der Name der Rose”. Allerdings versteht er das nicht als Handlungsempfehlung in angstvollen Situationen, sondern im Gegenteil als Warnung vor jeglicher Form von Humor: In seinen (wie gesagt blinden) Augen ist Furcht die Grundbedingung von Religion, es geht ihm um die Herrschaft der Kirche. Wirkt irgendwie bekannt, oder? Angst wird geschürt, um Menschen zu beherrschen. Nein danke, da lachen wir lieber!
Das Heilsame am Humor ist seine Eigenschaft, eine gesunde Distanz herzustellen zwischen dem, was geschieht, und der eigenen Reaktion darauf. Nicht obwohl, sondern gerade weil die Herausforderungen unserer Zeit so ernst sind, gerade weil alles potenziell so anstrengend und schwerwiegend ist, tun uns mehr Leichtigkeit und Freundlichkeit so gut. Einfach mal bewusst die Mundwinkel hochziehen, freundlich witzeln und über sich selber lachen, statt immer nur den Zeigefinger zu erheben. Das bedeutet nicht, dass man die Probleme einfach bloß weglächeln sollte oder könnte. Aber vielleicht ziehen wir statt zähneknirschend lieber lachend in den Kampf für das Gute – so wie die Göttin Durga.
2. Sammlung
“Wenn der Geist zerstreut ist, entstehen leidvolle Enge, pessimistische Gedanken, körperliche Unruhe und nervöser Atem”, heißt es sinngemäß im Yoga Sutra (1.31). Eigentlich eine ziemlich akkurate Beschreibung davon, wie Angst sich anfühlt, oder? Wenn Angstgefühle aber weniger mit einem konkreten Anlass zu tun haben und mehr mit einem zerstreuten Geist, dann ist auch klar, was wir brauchen, um gegenzusteuern: Konzentration, Sammlung, Stille, alles, was die rasenden Gedanken eines zerstreuten Geistes mehr in die Ruhe bringt. Die yogischen Klassiker wären Meditation und Achtsamkeitsübungen. Allerdings zeigen Studien, dass beides bei akuten Angstzuständen sogar kontraproduktiv sein und das Hamsterrad eher noch ankurbeln kann. Dann sind sanfte Atemübungen besser und langsam und konzentriert geübte Asanas. Und jede Menge kleine Korrekturen, die aufwühlende Reize aus dem Alltag nehmen. Also: Badewanne statt Bildschirm, Spaziergang statt Spielchen am Rechner, Natur statt News-Feed …

3. Vertrauen
“Vertrau mir, ich bin da”, sagt die Yogalehrerin – und hopp: Kopfstand. Zum ersten Mal. Ein unglaubliches Gefühl, wenn auch nur kurz. Erst setzt der Verstand ein, dann setzt du sofort die Beine ab. Aber dieser Moment der Hingabe, der war wunderbar. Vertrauen bedeutet, die Kontrolle abgeben und sich, vielleicht nur für einen Augenblick, vollständig einer Welt ausliefern, vor der wir uns doch eigentlich fürchten. Im Anerkennen dieser Furcht und in der innigsten, tiefsten und schmerzhaftesten Verbindung mit ihr schöpfen wir plötzlich eine innere Sicherheit: Es ist gut so, wie es ist. Nichts ist ewig, alles ist Veränderung, jetzt ist es so, gleich wird es anders sein.
Diese Art von Urvertrauen bekommen manche Menschen geschenkt, wenn sie als Kinder die Erfahrung des Getragen-Seins erleben. Alle anderen dürfen üben. Immer wieder. Und niemals alleine. Wir üben, uns einzulassen auf Situationen, auf Menschen und vor allem auf die Tatsache, dass wir furchtsam sind und unperfekt und uns quasi ständig irren. Und in diesem Einlassen dürfen wir erfahren, dass da nicht nur Menschen sind, die uns halten, es gibt auch einen Halt tief in uns selbst.
4. Glauben
Dieses Vertrauen in ein Gehalten-Sein wird zum Glauben, wenn eine höhere Instanz ins Spiel kommt. “Fürchtet euch nicht”, heißt es in der Bibel. Aber warum sollen wir uns nicht fürchten – weil ein Engel, Gott oder Jesus uns das sagen? Oder dürfen wir furchtlos sein, weil im Glauben an eine gestaltende Schöpfungskraft das eigene Sein und Tun – alle Fehler und alles Leid – eine Art von Stimmigkeit erfahren? Wir könnten glauben, dass alles einen Sinn hat, auch wenn wir ihn (noch) nicht verstehen. Und vor allem könnten wir glauben, dass unser Ich einen Sinn hat, eine Bestimmung: Das eigene Sein und Können, das Anders-Sein und Nicht-Können sind gewollt. Wenn wir so denken, vertrauen wir der Gestaltungskraft des Lebens, wir glauben, dass unsere Gaben nicht zufällig sind und beginnen, Entscheidungen anders zu treffen. Vielleicht auch mit der Idee, dass wir nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand. Diese Zeile aus einem Kirchenlied – geschrieben an der Front, mitten im Zweiten Weltkrieg – ist die Essenz des Glaubens. In solch einer spirituellen Erfahrung des Getragen-Seins schließt sich der Kreis zum Vertrauen.
5. Nicht-Wissen
Avidya, die Unwissenheit, das Nicht-Wissen, gilt in der Yogaphilosophie als die Wurzel allen Leids. Allerdings nur, wenn wir uns nicht eingestehen, dass wir ganz vieles nicht wissen. Sobald wir das Nicht-Wissen anerkennen und mit einkalkulieren, dass wir uns jederzeit auch irren könnten, brauchen wir auch nicht mehr beharren. Das versetzt uns in einen staunenden Zustand der Offenheit, der ziemlich viele Ängste auflösen kann: Jetzt schau ich mal, was daraus wird, ich weiß es ja nicht. Natürlich haben wir einen Sack von Erfahrungen, doch eigentlich ist jede Situation neu und einmalig – wir können nicht wissen, was sie uns schenken will. Vielleicht nehmen wir das Geschenk nur deswegen nicht wahr, weil wir glauben zu wissen: Das ist gefährlich, das ist schlecht, das muss weg.
Stattdessen könnten wir offen sein und das Nicht-Wissen einladen – und am besten laden wir noch ganz viele Menschen ein, die mit uns gemeinsam forschen und staunen und die uns in unseren Irrtümern korrigieren. Wenn wir uns mal wieder im Gewirr von Perfektionismus, Kontrollwahn und Mangeldenken wiederfinden, könnten wir ganz leise um Hilfe rufen und ein Zeichen der Verbundenheit setzen. Im Nicht-Wissen liegt auch die Idee, die Dinge nicht alleine, sondern gemeinsam zu machen. Und die wichtige Botschaft, dass die Fähigkeit, sich verletzlich zu zeigen, eine der größten menschlichen Stärken ist.
6. Werte und Visionen
Manchmal wundern wir uns ja selbst über unsere plötzlichen Mutausbrüche: Eines Tages erhebst du im Meeting deine Stimme und sagst deiner Chefin laut und klar, was dir und deinen Kolleginnen schon so lange gegen den Strich geht. Du würdest dich auch ohne zu zögern ins kalte Wasser stürzen, wenn dein Kind vom Steg gepurzelt ist. Die Furcht ist da, aber sie hindert dich nicht daran, zu tun, was in diesem Augenblick getan werden muss. Weil es dir wichtig ist. Sobald wir wissen, für was wir einstehen, wie wir leben wollen, für was wir zu kämpfen bereit sind, ist Furcht kein lähmendes Hindernis mehr. Werte geben uns die nötige Kraft. Deswegen ist es so heilsam und wichtig, nicht nur zu benennen, was schief läuft, sondern auch Visionen davon zu entwickeln, wie das gute Leben konkret aussehen könnte. Nur so überwinden wir den “kleinkarierten Kampf um die eigene Sicherheit” und finden zu etwas Größerem, Sinnstiftendem. Gesellschaftlich ist der Mangel an Visionen für eine bessere Zukunft vermutlich das, was gerade am meisten fehlt. Aber das sollte uns nicht daran hindern, selbst danach zu suchen, am besten gemeinsam.
SO KANN DIE ASANAPRAXIS DAZU BEITRAGEN, FURCHTLOS ZU LEBEN:

- Stabilität: Körperliche Kraft und Standfestigkeit geben dir das Gefühl, auch mental stabiler im Sturm des Lebens stehen zu können.
- Flexibilität: Der Gegenpol zur Stabilität ist mindestens ebenso wichtig, denn wenn du nicht nur körperlich beweglich bist, sondern auch geschmeidig auf wechselnde Situationen reagieren kannst, haut dich so leicht nichts um.
- Hingabe: Minutenlang in einer eher unangenehmen Vorwärtsbeuge zu bleiben, aufmerksam und hingebungsvoll – das übt dich darin, auch im Leben nicht auszuweichen, wenn es schwierig wird.
- Neugier: Immer wieder Neues probieren, die Welt für Momente auf den Kopf stellen, dazulernen, in derselben Asana ganz verschiede Aspekte entdecken – all das hilft dir, offener zu sein für das, was dir begegnet.
- Achtsamkeit: Die letzte Lektion ist zugleich die allererste und wichtigste: Im Yoga lernen wir, wirklich bei uns zu bleiben. Alles spüren, ohne sofort zu werten. Jetzt, hier, von Atemzug zu Atemzug.
Stephanie Schauenburg und Andrea Goffart haben sich für diesen Artikel auf ein Schreib-Abenteuer eingelassen, das vielleicht nicht Furchtlosigkeit, aber schon eine Menge Offenheit und Vertrauen erforderte: einen gemeinsamen Text. Den kompletten Artikel zum Titelthema “Furchtlosigkeit” der YOGAWORLD JOURNAL Ausgabe 01/2025 findest du hier:


