„Wenn im Körper des Yogi durch Pranayama Prana zum Fließen gebracht werden soll, ist es notwendig, Bandhas zu benutzen, um eine Vergeudung der Energie zu vermeiden. Ohne die Bandhas ist Pranayama tödlich“. Das schreibt B.K.S. Iyengar im Klassiker „Licht auf Yoga“. Aufgrund solcher Aussagen übt dieses Thema eine starke Faszination auf uns aus.
In traditionellen Hatha-Yoga-Stunden kommt der Begriff „Bandha“ meistens nur im Zusammenhang mit Pranayama vor. Dabei nutzt man die Bandhas, um die subtilen Prana-Energien zu lenken, wie man sie in Verbindung mit der Kundalini Shakti kennt. Dagegen werden in dynamischen Yogastunden Bandhas auch in den einzelnen Asanas eingesetzt. Vor allem für Vinyasa-Techniken wird ihnen eine wahre Schlüsselrolle zugesprochen. Denn viele können erst mit dem Setzen dieser richtig ausgeführt werden. Um Bandhas ranken sich viele Mythen. Zu Beginn ist daher zu klären, worum es sich bei einem Bandha grundlegend handelt. Welche Erwartungshaltung dürfen daran stellen?
Welche Bandhas gibt es?
Der Begriff „Bandha“ kann mit „Verschluss“ oder „Siegel“ übersetzt werden. Wir unterscheiden grundlegend drei Grundtypen von Bandhas und einen Mischtyp.
Mula Bandha bezeichnet das Kontrahieren der Damm- und Schließmuskulatur. Es ist ursprünglich als Technik beschrieben, welche die Energien am Wurzelchakra nach oben aufsteigen lassen soll. Der Begriff „Mula“ bezeichnet die Wurzel. Das bezeichnet auch den Beginn der Energieleitbahn, der Sushumna Nadi. Sie ist der Hauptmeridian entlang der Wirbelsäule.
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Uddiyana Bandha wird als „das, was das Apana Vayu aufsteigen lässt“. Es wird zugleich als das mächtigste der drei Bandhas beschrieben. Dabei kann man sich den Begriff des Apana Vayu als die (absinkende) Energie vorstellen, welche im unteren Teil des Körpers zirkuliert und nach oben gebracht werden soll. Vergleichbar mit dem Harmonisieren von Yin und Yang. Dieses Bandha steht auch für die Erweckung der Kundalini-Energie, welche ihren Sitz traditionsgemäß im Muladhara Chakra hat.
Jalandhara Bandha bedeutet das Verschließen der Energie im Hals- und Kehlbereich. Außerdem ist es der Überlieferung nach das damit verbundene Absenken der Energie des Prana Vayu. Die Wortgebung leitet sich von dem Sanskrit-Begriff für „Netz“ ab und bezieht sich auf das (sichtbare) Pressen des Kinns auf das Brustbein. Häufig wird es deshalb auch als Kinnverschluss bezeichnet.
Verbindet man alle drei Bandhas miteinander, wird diese Verbindung „Maha Bandha“ oder „großes Siegel“ genannt.
Aus medizinischer Sicht…
sind Bandhas nicht gleichermaßen für alle geeignet.
haben sie großen physiologischen Nutzen.
können sie anatomische Strukturen schützen.
können sie Wirkungen von Asanas erfahrbar machen. Diese wären ohne Bandha nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich.
Mula Bandha und der Beckenboden
Wenn wir über Mula Bandha sprechen, beschäftigen wir uns automatisch mit dem Beckenboden. Der Beckenboden bildet anatomisch gesehen den Halt für die Organe und schließt das so genannte kleine Becken nach unten ab. Allerdings handelt es sich um drei übereinander liegende Muskel- und Bindegewebsschichten. Diese verbinden gemeinsam das vorne liegende Schambein, die seitlich gelegenen Innenseiten der Beckenschaufeln und das hinten gelegene Kreuzbein. Weitere – feste – Verknüpfungen finden sich über die Knochen. Die Lendenwirbelsäule mündet über eine letzte Bandscheibe am Kreuzbein.
Dieses liegt, über je ein Gelenk pro Seite mit den Darmbeinen verbunden, innerhalb der beiden Beckenschaufeln. Diese sind vorne durch einen Knorpel an der Schambeinfuge miteinander verknüpft. Somit bildet das Becken einen festen, aber beweglichen Ring. Dieser ist nach unten hin durch den eben skizzierten Beckenboden abgeschlossen. Die Verkoppelung der Bereiche Schambein, Beckenschaufeln und Kreuzbein wird durch ein Erhöhen der Zugfestigkeit des Beckenbodens stabiler. Neben der elastischen Verbindung zwischen den beiden Schambeinknochen existiert eine weitere zwischen den beiden Darmbeinen und dem Kreuzbein. Das Iliosakralgelenk/ISG. Eine Stabilisierung des Beckenbodens festigt auch diesen Bereich.
Der Beckenboden und die Rückwärtsbeuge
Wenn wir uns nach hinten beugen, kommt es nicht zwangsläufig zu einer Kompression der Lendenwirbelgegend. Im Grunde geschieht dies nur durch falsche Technik oder ein zu tiefes Zurückbeugen. Trotzdem fühlen wir uns nach einer Rückbeuge oft im unteren Rücken verspannt. Ursache dafür ist unsere Anatomie. Denn wir brauchen genau die Muskeln, die wir gerne entspannen würden, in der Rückbeuge aktiv. In dieser Gegend befindet sich unsere Lendenwirbelsäule oft dauerhaft im Hohlkreuz. Dadurch verkürzt sich die Muskulatur oft. In Verbindung mit einer tiefen Rückbeuge wie dem Kamel verkrampfen der tief liegenden Rückenmuskeln oft.
Falls du anschließend in eine Vorwärtsbeuge gehst, wird es oft noch schlimmer. Dabei kommt durch einen geschalteten Reflexbogen noch eine Abwehrspannung hinzu. Das Ergebnis sind Verspannungsschmerzen.
Die „neue“ Rückwärtsbeuge
Vergiss für kurze Zeit alles, was du über Rückbeugen weißt. Stell dir vor, sich ohne Kraft und ohne Anspannung nach hinten zu beugen. Wie schön und leicht wäre das? Eine solche Rückbeuge kann man umsetzen, indem man den Beckenboden einsetzt. Wenn du dir bewusst machst, was unser Beckenboden an Arbeit verrichtet? Dann kannst du dir vorstellen, dass durch die Kontraktion des Beckenbodens die Strukturen des Beckens gehalten und geschützt werden. Wenn du dich mit der Kraft des Beckenbodens in eine Rückbeuge begibst und all diese passiven Strukturen gehalten werden, kannst du die Rückenstreckermuskulatur durch ein gezieltes Entspannen der Gesäßmuskulatur loslassen. Allerdings setzt dies das Erlernen zweier Fähigkeiten voraus. Den Beckenboden wirklich anzuspannen und den Gesäßbereich bei aktivem Beckenboden zu entspannen.
Die praktische Umsetzung
Lass uns die Theorie in die Praxis umsetzen. Lege dich mit ausgestreckten Beinen auf den Rücken. Achte auf die Position deines Beckens am Boden. Wie weit oder eng fühlt sich dein Becken an? Spanne das Gesäß an und nimm erneut wahr, wie weit oder eng sich das Becken anfühlt. Löse anschließend die Spannung im Gesäß. Was hast du gefühlt? Sicher, dass sich im Moment des Entspannens das Becken wieder weiter anfühlt. Die Beckenschaufeln scheinen auseinander zu sinken. Versuche nun dasselbe mit dem Beckenboden. Kontrahiere diesmal diesen Bereich. Setze Mula Bandha. Beobachte dann das Gefühl von Enge oder Weite. Entspanne dann wieder. Nun dürftest du außer einer erhöhten und daraufhin gelösten Anspannung eigentlich nichts weiter gespürt haben.
Kombiniere nun beide Übungen. Spann zuerst dein Gesäß an. Anschließend den Beckenboden. Versuche anschließend, nur das Gesäß zu lockern. Währenddessen bleibt dein Beckenboden maximal angespannt. Achte auf das Gefühl von eng und weit und löse dann den Beckenboden wieder. Wenn du die Übung korrekt ausführst, fühlst du, wie mit dem Lösen des Beckenbodens auch die beiden Beckenschaufeln nach außen gesunken sind – richtig? Du hast also soeben die Lösung für das Rückbeugeproblem gefunden.
Wenn du diese Technik von nun an in deinen tiefen Rückbeugen ausführst, beispielsweise in einer gestützten Schulterbrücke, komme mit der Kraft deiner Gesäß- und Rückenstreckermuskulatur in die Position. Stütze dann mit deinen Unterarmen das Becken und spann deinen Beckenboden maximal an. Löse dann die Spannung im Gesäß. Im Rücken löst sie sich automatisch. Die Rückbeuge sollte sich weicher und angenehm anfühlen.
In den vedischen Schriften wird Gott als Ursprung allen Seins beschrieben: Alles steht in Beziehung zu Gott. Also sindsämtliche Lebewesen – Menschen, Tiere und Pflanzen – Seelen, d.h. Teile Gottes. Wir haben beim international bekannten Yogalehrer Patrick Broome nachgefragt, was der Begriff Gott im Yoga bedeutet.
Alles ist eins – und das Eine ist ewig. Im endlosen Kreislauf von Geburt und Tod wandert die unsterbliche Seele gemäß dem Karma-Gesetz von einem Körper zum anderen. Solange, bis sie endlich geläutert und vom Rad der Reinkarnation befreit ist. Diese höchste Form der Freiheit zeigt sich in Selbstverwirklichung und Gotterkenntnis. Aber auch in tiefer Einsicht und Auflösung von Karma, sowie echtem Mitgefühl gegenüber allen Geschöpfen. Der in unseren Breiten häufig missverstandene Begriff Yoga bedeutet wörtlich „Verbindung mit Gott“. Das verweist uns den göttlich offenbarten Weg der Befreiung. Auch Religio (lat: sich verbinden) stellt diesen Bezug her. Religion und Yoga bedeuten ursprünglich dasselbe. Deshalb ist die Erkenntnis des Göttlichen in allen Lebewesen und die Verbindung mit Gott einzugehen, das Ziel yogischer Praktiken. Was passiert, wenn die Menschen diese Zusammenhänge verstehen? Dann verändert sich ihre Beziehung zur Umwelt, zu allen Wesen und zum gesamten Planeten positiv.
Der Weg des Bhakti Yoga
Durch eine beständige und motivierte Yogapraxis erfährt die Seele, dass ihre Erfüllung darin besteht, Gott selbstlos zu dienen. Dadurch erfahren wir Hingabe. Dieser Weg wird Bhakti Yoga genannt. Er ist laut den Versen der Bhagavad Gita die direkteste Möglichkeit, um Selbstverwirklichung, Gotteserkenntnis und letztendlich Befreiung zu erlangen. Außerdem ist es ein Zustand aktiver Meditation, der alle Lebensbereiche – Gedanken, Worte und Handlungen – auf Gott fokussiert.
Zur Erreichung dieser Freiheit empfiehlt Patanjali, Verfasser der Yoga-Sutren, eine spirituelle Praxis. Dazu hält er folgende Schwerpunkte fest: Tapas (Leidenschaft). Svadhyaya (Vernunft und Selbstreflektion). Ishvara Pranidhana (Hingabe, Gottvertrauen). „Tapah svadhyaya ishvarapranidhanani kriya-yogah (YS, II/1). Mit Bereitschaft zum Verzicht leidenschaftlich zu handeln. Dabei durch Rücksicht auf die eigenen Kräfte und Grenzen über sich selbst zu lernen und dem Unvorhersehbaren gegenüber offen zu sein. Das wird Kriya Yoga genannt.“ (zitiert nach R. Sriram)
Noch mehr über Yogaphilosophie erfährst du in unserem Glossar.
Patrick Broome, Dr. phil., lebt in München und leitet dort sein eigenes Yogastudio. Sein Glaube und sein Vertrauen in Gott geben ihm Kraft und Mut, seinen eigenen Weg zu gehen und ein möglichst guter Vater zu sein. Mehr Infos unter: www.patrickbroome.de. | Foto von Luis del Río von Pexels
Wenn du unter Schlaflosigkeit leidest, kann Yoga Nidra helfen, dem Körper dennoch seine dringend benötigte tiefe Ruhe zu verschaffen. Rod Stryker, der Gründer von Para Yoga sagt: „Yoga Nidra bedeutet‚ in der Wolke des Yoga zu schlafen. Dabei sinkt man in den Rhythmus des Tiefschlafs, behält aber zugleich Zugang zu einer Art mühelosem Bewusstsein. Dadurch kann diese Form der Ruhe sogar noch heilsamer und regenerierender sein als gewöhnlicher Schlaf.“Dafür hier deine Yoga-Nidra-Anleitung.
Stryker empfiehlt für Einsteiger die hier geschilderte, unkomplizierte Technik der 61 Körperpunkte. Man kann sie sowohl im Bett als auch auf der Yogamatte durchführen (wobei man den Kopf am besten durch eine gefaltete Decke stützt). Die Übung eignet sich nicht nur für die Zeit vor dem Schlafengehen, sondern auch für eine erholsame Pause tagsüber oder immer dann, wenn du mitten in der Nacht wachliegst.
Wenn dein Ziel ist, einzuschlafen, dann solltest du mit einer 5-minütigen Atembetrachtung beginnen, bei der du sanft und gleichmäßig im Verhältnis 1 zu 2 ein- und ausatmest. Anschließend nimmst du dir 10 Minuten Zeit, um deine Gedanken im Tagebuch festzuhalten. Danach stellst du das Licht aus, machst es dir im Liegen bequem und beginnst mit der hier beschriebenen Praxis. Dabei haftet dein Bewusstsein 5 bis 10 Sekunden bei jedem Punkt, nicht länger. Wenn du beim letzten Punkt angelangt und immer noch wach bist, beginnst du von vorn.
DIE YOGA-NIDRA-ANLEITUNG
1. Einstieg
Lenke deine Aufmerksamkeit auf die Mitte deiner Stirn und von dort zur Mitte der Kehle.
2. Rechter Arm
Richte den Fokus auf die rechte Schulter und von dort abwärts zuerst zum Ellenbogen und dann nacheinander zum Handgelenk, zur Daumenspitze, Zeigefingerspitze, Mittelfingerspitze, Ringfingerspitze und zur Spitze des kleinen Fingers. Von dort geht es zurück zum Handgelenk, Ellenbogen und über die Schulter wieder zur Mitte der Kehle.
3. Linker Arm
Lenke deine Aufmerksamkeit auf die linke Schulter und von dort abwärts zum Ellenbogen, zum Handgelenk, zur Daumenspitze, Zeigefingerspitze, Mittelfingerspitze, Ringfingerspitze und zur Spitze des kleinen Fingers. Von dort geht es zurück zum Handgelenk, Ellenbogen und über die Schulter wieder zur Mitte der Kehle.
4. Brust und Rumpf
Richte den Fokus auf das Herz-Chakra in der Mitte der Brust, von dort wanderst du zur rechten Brust, zurück in die Mitte, zur linken Brust, zurück zur Mitte, zum Nabel und nach unten zum Schambein.
5. Rechtes Bein
Lenke die Aufmerksamkeit zur rechten Hüfte und von dort weiter zum Knie, zum Fußgelenk, zur Spitze des großen Zehs, zur Spitze des zweiten, des dritten, des vierten und des kleinen Zehs und dann wieder zurück zum Fußgelenk, zum Knie, zur Hüfte und zum Schambein.
6. Linkes Bein
Richte den Fokus zur linken Hüfte und von dort weiter zum Knie, zum Fußgelenk, zur Spitze des großen Zehs, zur Spitze des zweiten, des dritten, des vierten und des kleinen Zehs und dann wieder zurück zum Fußgelenk, zum Knie, zur Hüfte und zum Schambein.
7. Abschluss
Lenke die Aufmerksamkeit nochmals auf den Nabel, auf die Mitte der Brust, die Mitte der Kehle und die Mitte der Stirn.
Wenn dir die Yoga-Nidra-Anleitung gefallen hat, interessiert dich vielleicht auch noch diese Meditations-Reihe: Magie der Meditation.
Als Flow-Zustand bezeichnet der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi es, wenn ein Mensch bei einer Aufgabe den perfekten Mittelweg zwischen den eigenen Fähigkeiten und den Anforderungen findet. Man ist dann nicht überfordert oder unterfordert. Er gerät dann in eine Art Trance und ist optimal motiviert. Nicht zu verwechseln ist der psychologische Begriff mit dem Yoga-Flow. Natürlich kann man dabei auch in den Flow-Zustand kommen, allerdings ist das nicht immer gegeben.
Yoga Blöcke sind eines der bekanntesten, beliebtesten und am vielseitigsten einsetzbaren Hilfsmittel im Yoga. Du kannst dich für Balanceübungen wie den Baum daraufstellen oder im Halbmond deine Hand darauf abstützen. Auch Drehhaltungen oder in Standpositionen wie Trikonasana oder dem seitlichen Winkel können sie deiner Hand Stabilität verleihen. Bei der sitzenden Vorbeuge kannst du die Dehnung damit vertiefen. Alles in allem: eine gute Investition in die eigene Yogapraxis. Besonders auch für Anfänger*innen.
Die Wechselatmung heißt auf Sanskrit auch Nadi Shodana. Sie wirkt sehr ausgleichend, erdend und gegen leichte Übelkeit. Dabei hält man mit der aktiven Hand Ringfinger und kleinen Finger wie auch Daumen und Zeigefinger verbunden, der Mittelfinger ist eingeklappt. Diese dienen als Unterstützung für die Pranayama, um die Nasenlöcher zu bedecken.
Rechtes Nasenloch bedecken: Einatmen durch links auf 4 Zählzeiten.
Beide Nasenlöcher zuhalten: Atem in Kumbhaka auf 4 Zählzeiten ausatmen.
Linkes Nasenloch bedecken: Rechts auf 4 Zählzeiten ausatmen. Rechts auf 4 Zählzeiten einatmen.
Beide Nasenlöcher zuhalten: Atem in Kumbhaka auf 4 Zählzeiten ausatmen.
Die drei Wörter Sat Chit Ananda stehen für die Grundeigenschaften alles Lebens, des Universums, Gottes, und somit auch uns selbst. Übersetzt bedeutet der Spruch aus dem Jnana Yoga Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit. Dieses Mantra wird auch gerne zusammengeschrieben als ein spiritueller Beiname verliehen.
In den Augen anderer wart ihr vielleicht das perfekte Pärchen. Aber im Erwachsenenleben verlieren manche Dinge ihre Magie. So auch Beziehungen. Und es ist ok, sich nach einer Trennung weiter zu entwickeln.
Trennungen sind niemals leicht, egal, wer sich trennt. Sie führen zu mehr Angst und Zweifel in so vielen Bereichen unseres Lebens. Zudem können sie auch dazu führen, dass wir unsere Identität hinterfragen. Wie konnten wir bei sowas wichtigem so falsch liegen? Wir können uns dadurch so fühlen, als würden wir den Boden unter unseren Füßen verlieren.
Vor zwölf Jahren, als meine erste Ehe endete, fand ich mich plötzlich in einer seltsamen und unbekannten Welt wieder. Bis dahin hatte ich die meiste meiner Zeit als Erwachsene als Paar verbracht und plötzlich war ich… alleine. So fühlte es sich jedenfalls an. Während meiner Scheidung verschwanden Menschen aus meinem Leben, von denen ich dachte, sie würden immer darin sein. Andere gaben mir nur unklaren Rat. Manche entschieden sich für eine Seite oder waren einfach still.
Aber irgendwo tief in mir hatte ich das Gefühl, dass ich da ganz wieder rauskommen würde. Mein ganzes Erwachsenenleben hatte ich Rollen gespielt: Mutter, Ehefrau, Schwiegertochter, Studentin, Angestellte. Und inmitten dieser mehr als chaotischen Trennung hoffte ich, dass ich mich selbst wieder finden würde. Tatsächlich hat jedes große Lebensereignis – selbst schwere – die Möglichkeit, dass wir uns neu einstellen und neu verbinden. Das sagt auch Elizabeth Rowan, eine Yogalehrerin und Coach, die sich selbst scheiden ließ.
Ich bin eine große befürworterin davon, im Dunkeln zu Tappen, wo wir entdecken können, was wir weggeschoben haben, wovon wir aber lernen könnten.
Elisabeth Rowan
Für Heiler*innen wie Rowan sind Achtsamkeit, Yoga und Meditation Geschenke. Eine kollektive Weisheit, die aus den Erfahrungen von zahllosen anderen Personen gezogen wurde. Auch die anderen haben ihren Weg zurück zum Licht gefunden. In ihrer Essenz lehren uns diese Werkzeuge, dass die wahre Kraft in uns selbst liegt. Ganz egal, was das Leben uns vorsetzt. Darum geht es doch in jeder einzelnen Yogasession – dass das Atmen durch Widerstände hindurch uns resilient macht? Dass es immense Stärke erfordert, dort Stille zu finden, wo es unangenehm ist? Dass jede Praxis etwas größerem als uns selbst dient? Aber wie können wir diese Techniken in Zeiten von Chaos und Trennung nutzen?
Natürlich ist jede einzelne Trennung einzigartig. Aber eine überraschende Anzahl von Emotionen und Erfahrungen, die wir während des Lösens von der Partnerschaft erleben, sind gleich. Unabhängig von Geschlecht oder Alter. Das sind gute Neuigkeiten: egal, wo wir uns im Prozess befinden, können wir vom Wissen aller profitieren. Durch Yoga und Meditation können wir Einsichten durch die Erfahrungen von zahllosen Menschen vor uns gewinnen. Von allem Schmerz und aller Freude der menschlichen Erfahrung. Ihr Geschenk – an uns überliefert durch die Philosophie und Praxis – ist, dass wir im Unglück Frieden erleben können. Ihre Lehren bestärken uns darin, dass alles, was wir fühlen, schon von jemandem anderen gefühlt wurde. Sie erinnern uns daran, dass auch das vorübergeht. So nutzen wir Achtsamkeit, um durch schwierige Zeiten zu kommen. Weil die Art und Weise, wie du die schwierige Zeit managest, bestimmt, wer du danach bist.
Heilt Zeit alles Wunden?
Hätte ich nur damals das gewusst, was ich jetzt weiß. Wenn ich damals so eine intensive Yogapraxis gehabt hätte, hätte ich verstanden, dass die Zeit auf meiner Seite ist. Dass Kraft in der Pause liegt. Schmerz gehört zum Leben dazu, genauso wie Freude. Ich musste erst lernen, mir selbst Raum für Wut, Angst und Verletzung die Erlaubnis zu geben. So hätte ich meine Verwirrung anerkannt und meine Scham hinterfragt. Außerdem wäre mir klar gewesen, dass ich niemals alleine bin. In jedem einzelnen Moment gibt es um mich herum Menschen, die sich beginnen zu sich trennen, mittendrin sind, davon heilen oder weiterziehen.
Wie lange auch immer die Trennung dauert – und besonders Scheidungen sind wie ein Marathon – irgendwann bist du da durch. Versprochen. Und wenn du dich dazu entscheidest, mit Achtsamkeit vorzugehen, erinnere dich daran. Es geht nicht darum, da mit möglichst viel Besitz rauszugehen. Messe dein Leben nicht daran. Durch jede negative Erfahrung – die Tränen, die Wut, die Entdeckungen – kannst du stärker werden. Mehr Resilienz und Selbsterkenntnis erlangen. Um Frieden zu spüren, Wissen zu erlangen und eine Gemeinschaft zu bilden, die dich durch den Rest deiner Tage begleitet. Stahl ist im heißesten Feuer geschmiedet. Du wirst dich biegen, nicht brechen.
Lass uns den Sinn dahinter erkennen!
Es liegt einfach nicht an dir! Eine langjährige Beziehung zu beenden kann sich verrückt anfühlen. Trennungen betreffen unsere ursprünglichsten Emotionen. Von Geburt an hing unser Überleben von starken Beziehungen ab. Vor allem zu Familie und Freund*innen, die im Gegenzug zu Liebe ihre Ressourcen und Weisheit mit uns teilten. Sie ernährten uns und wir sind gediehen. Diese Beziehungen sind „so entscheidend für unser Überleben als Spezies, dass unser Sicherheit mit dem Gefühl des Dazu-Gehörens verbunden ist.“ So erklärt die Psychologin und Scheidungsberaterin Lisa Gabardi, PhD.
Wenn wir Lebenspartner*innen wählen, bilden wir eine tiefe emotionale Verbindung. Wenn diese endet, dann werden wir gezwungen mit dem Verlust so einer ursprünglichen Bindung umzugehen. So zeigen das auch Statistiken. Egal, ob die Beziehung gesund war oder nicht, eine Reaktion der Panik wird dadurch getriggert. Wir sind darauf programmiert, überlebenswichtige Beziehungen einzugehen. Diese zu verlieren kann sich wie das Ende anfühlen, erklärt Gabardi. Deshalb tun und sagen wir dann Sachen, die wir nie für möglich hielten. Zudem ist die Trennung einer Liebesbeziehung ein besonderer Verlust, denn die Person ist nicht gestorben. Wir sind immer noch im Leben voneinander und müssen mit ihnen umgehen, ob wir wollen oder nicht.
Fliehen bringt nichts
Außerdem schüren die Prozesse der Scheidung das Gefühl der Fight-or-Flight Reaktion. Während wir immer noch den Verlust von der*m Partner*in verarbeiten, müssen wir über unser Vermögen, die Zeit mit unseren Kindern und unser Zuhause verhandeln. Diese limitierten Ressourcen musst du mit der Person besprechen, die du eigentlich nie wieder sehen willst. Wahrscheinlich bist du auch überrascht, wie schnell eine geliebte Person zu einer feindlichen werden kann. Ich habe damals Streitschlichtung vorgeschlagen, weil ich hoffte den Stress und die Kosten mit Jurist*innen zu minimieren. Aber als wir uns mit dem Mediator in der Mitte gegenüber standen, hatte ich Probleme damit, für mich selbst einzustehen. Obwohl mein Ex immer fair war, kämpfte auch er hier verständlicherweise über seinen Anteil. Dabei gab es niemanden, der mich schützen und für mich sorgen konnte. Dadurch fühlte ich mich noch mehr alleine als je zuvor. Zudem überfiel mich die Panik. Also nahm ich mir eine Anwältin.
Davon musste ich mich jahrelang erholen. Ich hatte Probleme damit, in mir selbst Stabilität zu finden. Dadurch wurde ich ungeduldig bei meiner Arbeit und als Mutter. Ich wollte so sehr alles alleine schaffen, dass ich mich heute kaum an die Zeit erinnern kann. Zum Glück muss es so nicht sein. Das Geheimnis dahinter, wie man während Veränderung und Heilung gesund bleibt, ist zuerst den Boden unter sich zu finden. Lass dich tragen, rät Rowan. Egal ob Tag oder Nacht, gib dir die Erlaubnis zu pausieren und zu verstehen, dass der aktuelle Moment nicht alleine steht. Es geht nur hoch, wenn es auch runter geht. Nur Licht mit Schatten.
Hier hilft kein „Good vibes only“, sondern nur das Anerkennen von allen Gefühlen. „Wir müssen die natürlichen Zyklen der Natur anerkennen. Was es wirklich bedeutet, Mensch zu sein. Ich bin nicht dafür, dass du auf dem Supermarktparkplatz zusammenbrichst, aber ehre die unvermeidliche Wut, die immer mit einer Trennung kommt. In jeder Trennung brauchst du Klarheit. Die gute Nachricht ist, dass wir in dieser Welt als nackte und wehrlose Tiere überlebt haben, weil das Problemlösen unsere Natur ist. Am Ende des Tages ist eine Trennung auch nur das Lösen eines Problems. Dabei wird die Kontrolle deines Atems zu deiner Superkraft werden. Bei Menschen kann das Gefühl von Gefahr eine automatische Körperreaktion hervorrufen. Dabei wird unsere Atmung kürzer und schneller; das Adrenalin steigt.
Durch die Panik fokussieren wir uns so sehr, dass unser Gehirn nur noch auf der primitivsten Stufe funktioniert. Dazu gibt es viel Recherche. Angst führt dazu, dass kognitive Funktionen eingeschränkt sind. Dazu gehören Erinnerung, Sprache, komplexere Wahrnehmung, Orientierung, Aufmerksamkeit, Entscheidungs- und Planungsfähigkeit. Wenn wir Angst haben, provoziert oder bedroht werden übernimmt unsere Amygdala. Sie sorgt dafür, dass wir alle Bedrohungen erkennen und wegrennen können, falls der Bär attackiert. Natürlich ist diese Reaktion nützlich, aber in der modernen geht man mit den meisten angstgefüllten Situationen wie einem Test, einer Deadline, oder einer Scheidung, mit einem kühleren Kopf um.
Deshalb sollten wir unsere Amygdala mit regelmäßiger Meditation und Atemübungen beruhigen. So kann der rationale Teil des Gehirns die Verhandlungen übernehmen. Mach eine Pause, wenn das Telefon klingelt. Frage dich: passt es gerade? Hast du den mentalen Platz dafür, damit umzugehen? Bist du geerdet genug, um fokussiert zu bleiben? Wenn nicht, lass den Anrufbeantworter rangehen. Wahrscheinlich war es nichts, was du jetzt sofort entscheiden musst. Dasselbe gilt für Emails. Ich schlage vor, dass du dir einen gesonderten E-Mail Account für die Scheidung erstellst. Lass alle Nachrichten von deinen Anwält*innen, deinem Partner und deiner Schwiegermutter darauf umleiten. Jetzt kannst du kontrollieren, wann und wie du damit umgehst.
Durch Ausprobieren wirst du rausfinden, wann deine Zeit des Tages dafür ist. Vielleicht wenn du noch auf dem High des Workouts schwebst. Vielleicht auch nach deiner entspannenden Yoga-Praxis. Jedenfalls wird es Zeiten geben, wo du direkt zurückfeuern möchtest. Nimm dich zurück. Erinnere dich daran, dass die Reaktion aus Panik nicht von der besten Version dir selbst kommt. Stattdessen gib dir Raum, damit die Panik sich legen kann. Atme tief, nimm ein Bad oder mach einen Spaziergang und lass die Amygdala sich beruhigen. So kann sie nicht die Steuerung über wichtige Entscheidungen übernehmen. Du musst jetzt strategisch vorgehen. Nun ist es an der zeit, das nächste Kapitel zu schreiben.
Bekämpfe die Scham
Im Chaos meiner Scheidung ist ein Tag besonders prägnant. Kurz vor Thanksgiving war ich in einem Supermarkt, um irgendetwas zu Abendessen zu kaufen. Ich ging über den Parkplatz und plötzlich war ich von perfekten Familien umgeben. Ihre Einkaufswägen waren voll von Truthahn und Süßkartoffeln und Kuchen. Das erste Mal sah ich von außen auf mein Leben als Erwachsene. Ich war Single und meine Kinder waren woanders. Ich lebte nur in einem kleinen Appartement, war arbeitslos, finanziell schlecht aufgestellt. Also ungesteuert und alleine. Meine innere Stimme sagte mir, dass ich alles ruiniert habe. Du hast deine Familie zerstört. Du wirst nie wieder glücklich sein, du verdienst es ja auch nicht. Schäme dich! Ich fuhr wieder weg, ohne etwas zu kaufen. Weinend und schmerzend nach allem, was ich verloren hatte.
Damals wusste ich noch nicht, dass es sich dabei um die grausamste aller inneren Stimmen handelte. Sie kann alle normalen Gefühle in grausamste Selbstverachtung umkehren. Die Stimme ist clever und hat Durchhaltevermögen. Außerdem sind wir davon überzeugt, dass diese Stimme nur unser Bestes im Sinn hat. Dass wir durch all die Scham zu gut erzogenen Menschen werden. Allerdings ernährt sich die Stimme von unseren größten Ängsten: wir wären abnormal und eigentlich schreckliche Personen. Unser Glück würde zum Leid aller anderen werden.
Wo hat die Wut ihren Platz in der Trennung?
Aber das stimmt einfach nicht. Uns selbst fertig zu machen nützt niemandem was. Auch die Yogalehrerin Elizabeth Rowan kennt diese leise Scham. Der Trick liegt darin, sagt sie, die gemischten Gefühle zu umarmen und zu erkennen, wann die Scham sich einschleicht und dich schlecht fühlen machen will. Denn die Scham weiß, wann wir am verletzlichsten sind. Sie zu erkennen ist der ersten Schritt darin, alle Emotionen zu verarbeiten. Denn sie sind normaler Teil des Prozesses einer Trennung. Wut, Angst, Hoffnung, Zweifel, Freude. Sogar das lauernde Gefühl des Versagens, weil du diese Beziehung nicht retten konntest. Also konntest du sie eben nicht retten. Und jetzt? Das gehört der Vergangenheit an.
Was auch immer zum Ende der Beziehung geführt hat, akzeptiere, dass es vorbei ist und erlaube dir, dass die Heilung beginnen darf. Das ist alles Teil der Lebensreise. „Ehre die heilige Wut, die verändernde Energie, und die Verletzung„, sagt Rowan. Lass die Emotionen durch dich fließen. Erkenne sie und lass sie dann gehen. Erinnere dich daran, dass sie nicht für immer sind.
Mini-Mediation fürs Hier und Jetzt
Bemerke, wenn du vom Thema besessen bist, dich in Rage verlierst, oder in Sorgen – oder einem Gedankenkreis der Angst – versinkst.
Schließe deine Augen und nimm einen tiefen Atemzug, bringe deine Aufmerksamkeit zurück in den gegenwärtigen Moment.
Konzentriere dich auf Elemente in deiner Umgebung um dich zu erden. Lass deine Fingerspitzen sich berühren. Fühle deine Füße, wie sie fest auf dem Boden stehen und die kühle Luft in deinen Nasenflügeln wie du einatmest. Das ist das Versprechen, dass ein neuer Weg auf dich wartet. Fühle die warme Luft bei der Ausatmung austreten und damit atmest du auch alle verbleibende Negativität aus.
Sag zu dir selbst: „Ich glaube an meine innere Stäre und meine natürliche Fähigkeit zu heilen. Ich werde durch diese schwierige Zeit durchkommen. Ich bin in diesem Moment sicher.“
Antworte: „Alles ist in Ordnung, hier und jetzt.“
Tauche noch tiefer in deiner Yogapraxis!
Für viele, mit denen ich gesprochen habe, war Yoga vor ihrer Scheidung eher ein Teil der körperlichen Praxis. Alice Schlegel – Mutter, Wissenschaftlerin, Yogalehrerin – war mit ihrem ersten Mann von Alabama hinaus in den Staat Washington gezogen. Sie war dort einem Yogastudio beigetreten, um in Form zu bleiben und neue Menschen zu treffen. Dann brach ihre Beziehung auseinander. Ihr Yogastudio wurde dann für Schlegel ein sicherer Ort, wo sie sich auf sich selbst konzentrieren konnte. „Ich fühlte mich in meinem Haus nicht wirklich zuhause, weil dies auseinanderbrach.“
Sie sprach nicht mit anderen über ihre Scheidung, denn sie wollte Yoga unangetastet lassen. „Niemand beim Yoga kannte meinen Exmann. Dadurch wurde Yoga zu MEINEM Platz, um ich selbst zu sein. Ich musste nicht damit rechnen, dass mich dort jemand auf die ganze Aufruhr anspricht.“ So praktizierte sie so viel Yoga wie möglich. Um das Loch im Inneren mit Wissen und Positivität zu füllen, vertiefte sie ihre Yogapraxis und las mehr über Yoga.
Schlegel erzählt, dass Yoga eine „ein wirkliches Muss wurde, um in der Zeit des Entliebens die Orientierung nicht zu verlieren. Ein unverzichtbarer Teil darin, mich selbst zu reclaimen.“ Wie genau funktionierte das? „Auf dem organisatorischen Level war Yoga entscheidend dafür, eine Erdung zu etablieren. Und eine Beständigkeit, als es sich so anfühlte, als würde die Welt enden“, sagt sie. Auf einer tieferen Ebene erlebte sie, dass als die Türen zu einer Beziehung sich schossen, sich eine neue Tür zur Beziehung mit Yoga öffnete. „Es stellte sich heraus, dass der spirituelle Pfad ein wunderschöner lebenslanger Bund ist. Ich fand heraus, dass die Spiritualität selbst eine Ehe ist.“