In der tiefsten Dunkelheit der Nacht entfaltet sich das Licht der Erkenntnis – so wird Maha Shivaratri, die “Große Nacht des Shiva”, von Millionen von Gläubigen in Indien und Nepal gefeiert. Dieses bedeutende hinduistische Fest findet jährlich am 14. Tag des abnehmenden Mondes im Monat Phalguna (Februar/März) statt. 2025 fällt es auf den 26. Februar. Shivaratri ist der wichtigste Feiertag zu Ehren von Shiva und steht für innere Reinigung, spirituelles Erwachen und den Sieg des Bewusstseins über die Unwissenheit.
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Wie können wir Shiva in unsere eigene Yogapraxis integrieren? Welche Rituale und Techniken helfen dabei, die Energie von Shivaratri bewusst zu nutzen? In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf dieses besondere Fest und zeigen, wie es zur persönlichen Weiterentwicklung auf der Matte und darüber hinaus inspirieren kann.
Mythologische Ursprünge von Shivaratri
Es existieren verschiedene Legenden, die die Ursprünge von Shivaratri erklären:
- Die Hochzeit von Shiva und Parvati: Eine weitverbreitete Erzählung besagt, dass Shiva in dieser Nacht seine göttliche Gefährtin Parvati heiratete, was das Fest zu einem Symbol für die Vereinigung von Bewusstsein (Shiva) und Energie (Shakti) macht.
- Shivas kosmischer Tanz: Eine andere Legende erzählt, dass Shiva in dieser Nacht seinen Tandava, den kosmischen Tanz der Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung, aufführte, um den Kreislauf des Universums in Balance zu halten.
- Die Erscheinung als Linga: Eine weitere Geschichte berichtet, dass Shiva in Form eines endlosen Lichtsäulen-Linga erschien, um Brahma und Vishnu die Grenzenlosigkeit seines Wesens zu demonstrieren.
Spirituelle Bedeutung von Shiva und Shivaratri
Shiva verkörpert im Hinduismus die Prinzipien von Zerstörung und Transformation, die notwendig sind, um Platz für Neues zu schaffen. Er gilt als der Ur-Yogi, der in tiefer Meditation verweilt und somit für höchste Konzentration und innere Ruhe steht. Er symbolisiert den Triumph des Lichts über die Dunkelheit sowie des Wissens über die Unwissenheit. Seine Rolle als Zerstörer ist nicht negativ zu verstehen, sondern als essenzieller Teil des universellen Kreislaufs von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt.

Während Maha Shivaratri fasten und meditieren Gläubige die ganze Nacht hindurch, um sich mit Shivas Energie zu verbinden und spirituelle Erneuerung zu erfahren. Es wird angenommen, dass durch diese Hingabe negative Tendenzen und Unwissenheit überwunden werden können, um inneren Frieden und Erleuchtung zu erlangen.
Die Rituale rund um Shivaratri erinnern daran, dass Transformation und das Loslassen alter Muster notwendig sind, um persönliches Wachstum und spirituelle Entwicklung zu fördern. Diese Prinzipien finden auch in der Yogapraxis Anwendung, wo wir durch körperliche Übungen, Atemtechniken und Meditation mitunter eine innere Reinigung und Erneuerung anstreben.
So wird Shivaratri gefeiert
Wie bei den meisten hinduistischen Feiertagen variieren die Feierlichkeiten zu Shivaratri je nach Region. In Tamil Nadu beispielsweise unternehmen Gläubige die rituelle Umrundung des Annamalai-Tempels, bekannt als Girivalam. Auch in vielen anderen Teilen Indiens finden spezielle Pujas (Verehrungsrituale) in prominenten Shiva-Tempeln statt, begleitet von Prozessionen und kulturellen Veranstaltungen. Diese Rituale und Traditionen während Shivaratri bieten den Gläubigen die Möglichkeit, sich tief mit der Energie Shivas zu verbinden, innere Reinigung zu erfahren und den Weg für spirituelles Wachstum zu ebnen. Folgende drei Dinge sind fast überall typisch für die “Nacht des Shiva”:
Fasten (Upavasa): Viele Gläubige fasten an Shivaratri, um ihren Körper zu reinigen und ihren Geist zu fokussieren. Das Fasten beginnt am Morgen des Festtages und dauert bis zum nächsten Morgen. Einige verzichten vollständig auf Nahrung und Wasser, während andere leichte, sattwige Speisen zu sich nehmen. Dieses Opfer symbolisiert die Hingabe und den Willen, weltliche Bedürfnisse zugunsten spiritueller Ziele zurückzustellen.
Nachtwache (Jagaran): Die Nacht von Shivaratri wird traditionell mit Gebeten und Meditationen durchwacht. Gläubige versammeln sich in Tempeln oder zuhause, singen Bhajans (spirituelle Lieder) und rezitieren Mantras wie “Om Namah Shivaya”. Diese ununterbrochene Wachsamkeit symbolisiert den Sieg des Bewusstseins über die Dunkelheit und die Unwissenheit.
Verehrung des Linga(m): Der Shiva-Linga ist das anikonische Symbol für Shiva. Häufig werden Skulpturen oder von der Natur geformte steinerne Lingas in Zeremonien mit Wasser, Milch, Joghurt, Honig und Ghee übergossen (Abhishekam) oder mit Bilva-Blättern dekoriert.

Inspiration für deine Yogapraxis
Diese Rituale lassen sich teilweise schwer 1:1 in unseren westlichen Alltag übernehmen und das ist auch gar nicht die Intention. Dennoch können wir uns von Shivaratri inspirieren lassen, die eigene Yoga- und Meditationspraxis zu vertiefen und uns mit den transformierenden Energien Shivas zu verbinden. Hier ein paar Ideen:
Mantras zu Ehren von Shiva:
Das Rezitieren von Mantras ist ein zentraler Bestandteil der Shivaratri-Feierlichkeiten. Insbesondere das fünfsilbige Mantra “Om Namah Shivaya” wird mit Hingabe wiederholt, um den Geist zu fokussieren und eine tiefe Verbindung zu Shiva herzustellen. Dieses Mantra gilt als besonders kraftvoll und hilft, die Präsenz Shivas im eigenen Inneren zu erfahren. Auch das Maha Mrityunjaya-Mantra (Om Tryambakam) richtet sich an Shiva und bietet sich heute wunderbar an. Das Chanten, aber auch das Lauschen kann sehr kraftvoll sein.
Der Tanz des Shiva:
Du möchtest den tanzenden Shiva in deiner Asana-Praxis verkörpern? Wie wäre es mit Natarajasana, Parivrtta Hasta Padangusthasana oder Tandavasana? Alle drei Variationen symbolisieren Shivas Tanz der Schöpfung und Zerstörung und fördern gleichzeitig deine Balance, Flexibilität und Konzentration. Sie erinnern daran, dass das Leben ein ständiger Fluss von Veränderung und Transformation ist.
Hier erfährst du noch mehr über die tiefere Bedeutung von Shivas Tanz:
Meditation und innere Stille:
Shiva verkörpert die absolute Stille und den Zustand tiefer Meditation. Die Nacht von Shivaratri eignet sich hervorragend für längere Meditationssitzungen, um den Geist zu beruhigen und in die eigene innere Tiefe einzutauchen. Durch Meditation kannst du versuchen, die kosmische Energie Shivas zu erfahren und ein Gefühl der Einheit mit dem universellen Bewusstsein zu entwickeln.
Vorbereitung und Fasten:
Beginne den Tag von Shivaratri mit einem bewussten Fasten, um Körper und Geist zu reinigen. Gestalte dies aber unbedingt nach deiner persönlichen Kapazität, denn Fasten eignet sich nicht für alle gleichermaßen. Als milde Variante könntest du zum Beispiel nur leichte, sattvische Speisen wie Kitchari zu dir nehmen und nur stilles Wasser und Kräutertees trinken. Diese Praxis unterstützt die innere Reinigung und bereitet dich auf die spirituellen Aktivitäten des Abends bzw. der Nacht vor. Auch ein Digital Detox kann dir an diesem Tag helfen, Klarheit zu gewinnen.
Praxis am Abend:
Die traditionelle Nachtwache zu Shivaratri symbolisiert das Überwinden der Dunkelheit durch das Licht des Bewusstseins und kann transformative spirituelle Erfahrungen ermöglichen. Womöglich passt es nicht so gut in deinen Alltag, eine ganze Nacht wach zu bleiben. Aber wie wäre es, den Abend bewusst zu gestalten und dich statt Netflix & Co voll und ganz deiner Sadhana zu widmen?
Fazit
Die Nacht des Shiva erinnert uns an die Kraft der Stille, die Notwendigkeit von Loslassen und Erneuerung sowie die Bedeutung von Hingabe und Bewusstsein. Diese Aspekte gehen über den Feiertag hinaus und können uns langfristig auf dem spirituellen Weg begleiten.

Um Shivas transformative Energie nachhaltig zu verankern, können wir diese regelmäßig in unsere Yogapraxis einbauen. Ebenso bedeutet Erneuerung, sich immer wieder von alten Denkmustern und Gewohnheiten zu lösen und offen für Veränderung zu bleiben – genau wie Shiva in seinem Tanz des Lebens. Wer diese Prinzipien kultiviert, wird feststellen, dass Spiritualität nicht nur in besonderen Nächten erlebt wird, sondern in jedem Moment des Seins.
In diesem Sinne: Om Namah Shivaya!
Shiva und Shakti sind zwei zentrale Konzepte im Tantra. Erfahre in dieser Podcast-Folge mehr darüber: