Götter auf der Matte: Durga – Bedeutung, Annäherung & Symbolik im Yoga

In unserer Reihe “Götter auf der Matte” stellt uns Sybille Schlegel Göttinnen und Götter vor, die du vielleicht schon mit einem Mantra besungen hast, oder die als Deko dein Yogastudio zieren. Wir wollen wissen: Wo kommen sie her und was haben sie im modernen Yoga zu bedeuten? Diesmal geht es um Durga, eine kampferprobte achtarmige Kriegerin für das Gute, dabei aber auch weise und weich.

Text: Sybille Schlegel / Titelbild: Manmohan Pandey via Unsplash

Von Durga hast du sicher schon mal gehört, sie ist eine der bekannteren indischen Göttinnen, doch ihr Name bedeutet: schwer zugänglich (dur = schwierig, schwer, ga = gehen, gehend). Und je mehr ich über Furchtlosigkeit (unser Titelthema im Heft 01/2024, aus dem dieser Artikel stammt) nachdenke, desto klarer wird mir: für mich auch eher schwer zugänglich. Oha. Das geht ja schon gut los mit meinem Artikel …

Also am besten der Reihe nach: Mit wem haben wir es überhaupt zu tun? Durga gilt als eine der wilderen Göttinnen, als eine kriegerische Form der häuslichen Göttergattin Parvati. Sie wird aber auch als eine Ausprägung der schönen, Wohlstand versprechenden Lakshmi angesehen, als eine Gestalt der weisen Sarasvati oder als göttliche Allmutter Ambika.

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Schon nach einem Absatz begegnet sie uns also, Durgas verwirrende Seite, ihre schwere Zugänglichkeit. Am besten kann man sie vielleicht verstehen, wenn man sie sich als eine Bündelung all dieser Götter-Energien vorstellt – und ein entsprechend kraftvolles Energiebündel ist sie auch: Ihr Reittier ist ein Tiger oder Löwe. In ihren acht, zehn oder gar achtzehn Armen hält sie verschiedene Waffen, etwa Steinschleuder, Dreizack, Pfeil und Bo- gen oder Schwert, aber auch Gegenstände für religiöse Rituale, zum Beispiel eine Glocke, eine Mala oder Blumen. Jeder dieser Gegenstände steht symbolisch für eine Eigenschaft. Einer davon ist für uns Yogi*nis besonders interessant: das Schwert als Symbol der Unterscheidungsfähigkeit, Viveka. Es hilft haarscharf zu trennen zwischen Sein und Schein, Wahrheit und Illusion.

Was moderne Yogi*nis von Durga lernen können

Wenn man so gut ausgestattet ist, dann fällt es natürlich leicht, furchtlos aufzutreten. Aber wie hilft uns das jetzt weiter? Wir bitten Durga ja nicht als gläubige Hindus um ihre Hilfe, sondern versuchen, uns den indischen Gottheiten auf energetischer Ebene anzunähern oder uns auf einer symbolischen Ebene etwas von ihnen abzuschauen. Eine der bekanntesten Durga-Geschichten erzählt von einem Dämon, der sich (wie es die Dämonen der indischen Mythologie häufiger tun) durch Askese von den Göttern einen Gefallen erzwungen hat: Er kann nur von einer Frau getötet werden. Er hielt das für günstig, weil Frauen seiner Meinung nach a) nicht kämpfen, b) nicht tough genug sind, c) ewig unentschlossen … bis hin zu z): Sie können es halt nicht.

Doch dann vereinen sich die gewaltigen Kräfte Shivas und Vishnus zu einer wunderschönen Frau, die dem arroganten Dämon lachend entgegentritt: Durga. Als der erkennt, dass es brenzlig für ihn wird, versucht er, sich durch das Annehmen verschiedener Formen zu retten. Durga beeindruckt das wenig. Sie erwischt ihn tödlich, als er gerade im Körper eines Büffels steckt. Dämonen in indischen Göttergeschichten werden aus moderner yogischer Sicht meist als Symbole eines unnachgiebigen Ego-Ichs interpretiert. Eine Frau steht im alten Indien dagegen für Weichheit, Sanftheit, Passivität.

Erzählen wir den Plot also noch mal so: Das Ego schwingt sich in seiner ganzen Selbstherrlichkeit auf und meint, die Welt beherrschen zu können: Es ist entschlossen, sich von keiner Stärke in die Schranken weisen oder zum Wandel zwingen zu lassen. Doch dann begegnet ihm eine absolute Furchtlosigkeit in Gestalt von Weichheit und Offenheit. Kein Schutzschild oder Panzer, sondern geschmeidige Schönheit und ein Lachen.

Furchtlose Weichheit: Eine yogische Praxis im Zeichen Durgas

Wie geht so eine radikale Weichheit? Kann man weich und zugleich furchtlos sein? Ich reflektiere meine Ängste. Zahlreiche fallen mir ein. Mein Reflex bei Angst ist Härte. Körperlich spürbar in Muskeln, die verkrampfen. Dennoch habe ich jahrelang von meinem Lehrer Mark Whitwell gehört, dass wahre Stärke in der Weichheit liegt. In meine Asana-Praxis habe ich das mittlerweile erfolgreich integriert: Üben ohne Druck, Herausforderung und Härte. Stattdessen: Weiche Gelenke und maximales Fühlen. Und tatsächlich hat dieses Üben meine Flucht in die Härte schon etwas abgemildert.

Noch mehr Inspiration zum Thema “Furchtlosigkeit” findest du in diesem Interview mit Patrick Broome.

Vertrauen ist etwas, das ich in meiner Familie nicht gelernt habe. “Misstrauen ist gut”, dozierte mein Vater. Wer aber ehrlich vertraut, der kann sich entspannen, oder? Der spürt keine Angst. Das ist laut den Yogatexten erst möglich, wenn die Identifikation mit dem eigenen Körper und dem Ego-Ich endet und die Identifikation mit dem Universellen, Atman, beginnt. Ich wünsche mir das sehr, aber es ist wie Durga: schwer zugänglich. Die Identifikation mit dem Ego-Ich, unserer Person, unserem Körper ist nämlich krass stark. Das ändert man nicht mal eben durch einen anderen Lifestyle. Etwas muss aufhören zu sein, damit etwas beginnen kann, das wir zu dem Zeitpunkt noch nicht kennen.

Göttin Durga (Frau in Sari läuft barfuß durch Wasser)
Foto: Siddharth Vyas via Unsplash

Die softe Super-Heldin als Inspiration

Wer traut sich denn sowas? Und doch ist das der Weg zu Durga. Ist es ihr Weg. Lachend geht sie ihn. Unabgelenkt, klar denkend und unterscheidend. Weich, weil vertrauend. Weise. Je mehr sie sich so spürt, desto mehr wird der angeblich unbesiegbare Dämon zur lächerlichen Karikatur. Von dieser Haltung können wir uns inspirieren lassen, diese Unterscheidungskraft können wir kultivieren. Die eigenen Ängste zu erkennen, hilft. Verständnis etablieren statt Bewertungen und Ignoranz. Und das Üben von Weichheit: Weich sein zu sich selbst, zu anderen, im Körper, in den Gedanken. Denn wer sich Weichheit leistet, ist frei. So frei wie die schwingenden Haare der Durga.

OM DUM DURGayAI Namah

„Ich verneige mich vor Durga. Möge ihre Stärke, Weichheit und Furchtlosigkeit mich durchdringen.“


Sybille Schlegel Autorin

Sybille Schlegel schreibt regelmäßig für uns über Yogaphilosophie. Nach vielen Jahren als Yogalehrerin und -ausbilderin konzentriert sie sich jetzt ganz aufs Üben und Schreiben. Du findest sie auf Instagram unter: @sybi_bille


Erfahre hier noch mehr über Durga, die Superheldin des indischen Götterhimmels:

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