Mark Stephens: Der Stundenplan

907

Ob man eine Yogastunde als rundum wohltuend und beglückend empfindet, oder eher nicht, hängt vor allem davon ab, wie gut sie aufgebaut ist. Im zweiten Teil unserer Reihe über guten Yogaunterricht erklärt der „Lehrer der Lehrer“ Mark Stephens, worauf man dabei achten muss – nicht nur als Yogalehrer, sondern auch als aufmerksamer Schüler oder bei der eigenständigen Praxis.

Die Yogapraxis besteht aus einem ganzen Universum von verschiedenen Elementen. Je nachdem, welche man auswählt und wie man sie miteinander verbindet, entsteht eine ganz spezifische Praxis mit spezifischen Wirkungen. Da fragt man sich natürlich:


Eingangsfragen

  • Welche Elemente gehören zu einer vollständigen Praxis?
  • Wie ordnet man diese Elemente am besten an?
  • Wie beginnt man am besten?
  • Welche Verhältnisse bestehen zwischen einzelnen Asanas?
  • Wie wirkt eine bestimmte Übung auf eine andere?
  • Was verändert sich, wenn man die selben Asanas in unterschiedlicher Reihenfolge übt?
  • Welche Beziehungen gibt es zwischen den Asana-Familien (Stehhaltungen, rumpfkräftigende Übungen, armgestützte Haltungen, Rückbeugen, Drehhaltungen, Vorwärtsbeugen, Umkehrhaltungen und Übungen zur Hüftmobilisierung) und welche innerhalb dieser Gruppen?
  • Was bewirken Pranayama und Meditation im Stundenzusammenhang?
  • Auf welchen Grundlagen sollte die Struktur einer Yogastunde beruhen?

Gleich vorab: Eine One-size-fits-all-Lösung, also eine ideale Stunde für alle, gibt es nicht. Die ganz verschiedenen körperlichen Bedürfnisse und Intentionen der Yogaschüler einer Klasse gleichen einem bunten Mosaik – und die Aufgabe des Lehrenden ist es, auf möglichst intelligente Art eine Stunde zu entwerfen, die dieser jeweils besonderen Vielfalt gerecht wird.

Aber auch für die private Praxis lautet die Grundfrage der Stundengestaltung: „Warum dies und was folgt daraus?“ Das Ziel sollte es sein, fünf wichtige Anforderungen umzusetzen: Erstens soll der Stundenaufbau sachkundig sein. Gerade ein Yogalehrer sollte sich mit funktionaler und energetischer Anatomie auskennen und verstanden haben, wie Asanas wirken und sich wechselseitig beeinflussen. Zweitens sollen die Bewegungen von Haltung zu Haltung effizient sein. Drittens soll die Stunde effektiv sein, indem sie die Zugänglichkeit und die positiven Wirkungen der Asanas maximiert. Viertens sollte sie eine ganzheitliche, ausgewogene Praxis vermitteln, die fünftens nachhaltig wirkt, indem sie Stabilität und Leichtigkeit vermittelt.

Alte und neue Ordnungen

Es ist unübersehbar: In der Tradition des Yoga wurde das Prinzip der Reihenfolge immer für wichtig erachtet. Schon 1500 vor Christus beschrieben die Veden präzise Abfolgen von religiösen Ritualen. Etwas später empfahlen die Upanischaden, die spirituelle Praxis Bhava anzupassen, dem natürlichen Daseinsprozess, in dem sich das Leben von Kindheit über Jugend und Reife zum Alter hin in verschiedenen Stadien abspielt. Das etwa 325 n. Chr. entstandene Yoga-Sutra von Patanjali gliedert den Yoga-Übungsweg dann in acht aufeinander folgende Abschnitte: Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Und in Swatmaramas Hatha Yoga Pradipika aus dem frühen 15. Jahrhundert finden sich schließlich die erste Abfolgen aus Asanas und Pranayamas – verbunden mit der ausdrücklichen Warnung, mit Pranayama nicht zu beginnen, bevor Asana gemeistert wurde.

Das Yoga-Sutra enthält auch ein Konzept namens Parinamavada, die Vorstellung, dass das Leben kontinuierlichem Wandel unterliegt und dass der Yogi diese Veränderungen bewusst wahrnehmen und an ihnen teilhaben sollte. Die für das moderne Yoga vielleicht einflussreichste Figur, Tirumalai Krishnamacharya, verband dieses Konzept mit der Idee des Vinyasa Krama, nach dem die Yogapraxis klug und behutsam voranschreiten soll – das Grundprinzip für jeden sorgfältigen Stundenaufbau.

Aus moderner Sicht bietet es sich natürlich an, diesem Anspruch auf klugen Aufbau auch mit Hilfe der Erkenntnisse aus funktioneller Anatomie, Biomechanik und Bewegungslehre nachzukommen. Gemeinsam mit den Beobachtungen aus der eigenen Praxis helfen uns diese Forschungen, genauer zu verstehen, wie Asanas sich gegenseitig beeinflussen. Auch ein tieferes Verständnis im Zusammenhang mit dem subtilen Fluss der Energie kann uns lehren, wie verschieden die einzelnen Asanas wirken, je nachdem wie man sie anordnet.


Die 5 Grundprinzipien des Stundenaufbaus

Verbindet man die traditionellen Weisheiten des Yoga mit den Erkenntnissen der modernen Bewegungslehre, dann kann man fünf Grundprinzipien für die Gestaltung von Yogasequenzen herausdistillieren:

  1. Vom Einfachen zum Komplexen
    Indem wir von einfachen zu komplexeren Haltungen fortschreiten, ermöglichen wir es dem Körper, sich leichter und sicherer zu öffnen und zu stabilisieren. Übt man zum Beispiel Anjaneyasana (tiefer Ausfallschritt) vor Virabhadrasana I (Heldenhaltung I), dann wird der Held leichter zugänglich und erzeugt weniger Spannungen in unterem -Rücken, Knie und Fußgelenk.
  2. Von der Dynamik zur Stabilität
    Lockere Bewegung hilft, die im Körper fast immer irgendwo vorhandenen Spannungen wahrzunehmen und zu lösen. Das erlaubt es uns später, Haltungen stabiler und nachhaltiger zu üben. Wenn wir zum Beispiel in Adho Mukha Shvanasana (herab-schauender Hund) beim ersten Üben locker „radfahren“, um Beine und Hüften zu -mobilisieren, dann wird uns der statisch gehaltene Hund danach viel leichter fallen.
  3. Hin zu energetischer Balance
    Wir alle unterliegen energetischen Schwankungen, die im Yoga mit den Begriffen Rajas (Feuer) und Tamas (Trägheit) beschrieben werden. Jede noch so verschieden geartete Stunde sollte diese Tendenzen in Ausgleich bringen: Egal, ob man nun müde und abgeschlagen oder eher nervös und aufgedreht in die Yogastunde kommt, nach Shavasana sollte man sich leicht, frisch und wach fühlen – oder mit dem entsprechenden Begriff des Yoga: in Sattva (Klarheit).
  4. Integration durch Gegenbewegungen
    Jede Asana erzeugt gewisse Spannungen, die andere Asanas wieder lösen können. Darauf beruht Pratikriyasana, die Kunst, Haltungen so anzuordnen, dass man am Ende der Stunde möglichst frei von Spannung ist und so die positiven Wirkungen tiefer integrieren kann.
  5. Nachhaltig in Richtung Transformation
    Yoga kann eine lebenslange Praxis sein. Intelligent aufgebaute und den Bedürfnissen der Übenden wirklich angemessene Stunden können helfen, nachhaltig die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen zu unterstützen und zu fördern.

Kreative Stundengestaltung

Die Kunst – oder die Wissenschaft – einer guten Stundengestaltung findet ihren kreativen Ausdruck immer in der besonderen Art und Weise, wie man Asana, Pranayama und Meditation so zusammenstellt, dass die Bedürfnisse und Intentionen der Übenden gewürdigt werden. Die hier geschilderten Grundprinzipien kann man für die unterschiedlichsten Stunden, Stile, Umstände und Jahreszeiten anwenden, sie gelten für Kinderyogastunden ebenso wie für Senioren und sie bieten das Grundgerüst für Übungsreihen zu den verschiedensten Themen – von Selbstakzeptanz über Herzöffnung bis hin zu Chakra-Erweckung.

Im nächsten Beitrag werde ich etwas spezifischer auf verschiedene Unterrichtsformen eingehen und die eingangs gestellte Frage nach den Beziehungen zwischen einzelnen Asanas und Asana-Familien erörtern. Die individuelle Kreativität des Lehrers erhält auch -darin ihren Rahmen und ihre Richtung durch die Yogaphilosophie, den jeweiligen Yogastil, die Biomechanik, die energetischen Erfordernisse und Effekte der jeweiligen Asanas – und durch die persönliche Auffassung davon, was die Vermittlung von Yoga -bedeutsam macht. Jeder Lehrende sollte seine gesamte Palette an Wissen und Talenten dafür einsetzen, dass die Bedürfnisse und Intentionen der Schüler in seinen Stunden mitschwingen, so dass ihnen ein klarerer Weg zu mehr Wohlbefinden eröffnet wird.

Die wichtigste Rolle des Yogalehrenden besteht in meinen Augen aber darin, den Übenden einen Weg zu eröffnen, der sie ihrem eigenen inneren Lehrer näher bringt (mehr dazu gab es im ersten Teil ). Damit das möglich und wahrscheinlich wird, sollten Yogastunden so gestaltet sein, dass sie im Übenden ein Gefühl für die Wahrheit des eigenen Daseins wecken. Sie sollten uns helfen, inmitten des Auf und Ab und der Wechselhaftigkeit des eigenen Lebens ein dauerhaftes Gefühl der Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln.

Am 10.5. gibt es mehr über den Übungsbogen von Mark Stephens.


Mark Stephens hat bereits drei internationale Beststeller über den Yogaunterricht geschrieben, ein viertes Buch über Heilen mit Yoga ist in Vorbereitung (auf deutsch alle beim Riva-Verlag). Er lebt in Kalifornien und unterrichtet weltweit. www.markstephensyoga.com

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here