Welche Bedeutung hat Zeit in der Yogaphilosophie? Warum fühlen wir uns oft so rastlos? Und was hat es mit dem Fluss der Zeit auf sich? Darüber sprachen wir mit Anna Trökes, die Yoga im deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten wie kaum eine andere prägt.
Interview: Carmen Schnitzer / Fotos: Nela König
Fangen wir mal klein an: Wir haben uns zu einer bestimmten Zeit für dieses Gespräch verabredet. Aber mit so was wie „Termin 9.15 Uhr“ ist das Phänomen Zeit ja längst nicht erklärt …
In der tantrischen Schöpfungsgeschichte geht es aus dem ganz Formlosen, nämlich dem reinen Bewusstsein, in die Schöpfungskraft, Shakti, und diese wiederum hat an ihrer Seite sofort Maya, das Formgebende. Und das Erste, was die erschaffen, sind Nada und Spanda, also Klang und Schwingung. Die beiden breiten sich aber aus, gehen auseinander …
… wie die Zeit?
Genau. Die Zeit ist eine endlose Schwingung, die sich zwischen unendlicher Vergangenheit und unendlicher Zukunft ausbreitet. Aber damit können wir Menschen ja erst mal nichts anfangen. Da kommt dann Bindu ins Spiel, der Punkt oder Samen, von dem wir ausgehen können. Deswegen gibt es so etwas wie „9.15 Uhr“. Das gibt uns eine Referenz, sonst bleibt ja alles diffus. Dahinter kommen dann Zeit und Raum, dann wird Buddhi erschaffen, also der Geist, Ahamkara, das Ego und so weiter.
Zeit, Raum und Klang sind demnach unendlich, aber wir können sie von einer bestimmten Perspektive aus betrachten?
Sozusagen: Es gibt einen Blickpunkt, von dem aus der Klang angeschlagen wird. Und dann führt man das zurück und sagt: Dort, in diesem Punkt, ist alles drin. Das ist bei Zeit auch der Fall. Also wenn ich jetzt von Zeit spreche, denke ich ja immer gleichzeitig an die Vergangenheit und an die Zukunft. Und wenn ich Glück habe, bin ich auch beim Jetzt.
Was wir im Yoga immer wieder üben … Zeit würde an sich aber auch ohne Uhren existieren.
Mit denen geben wir diesen ganzen Energien eben eine Form. Früher haben die Leute einfach an den Himmel geguckt, nach dem Sonnen- oder Sternenstand, und sich daran orientiert. Ein Zeitverständnis hatten Menschen immer. Das sehen wir zum Beispiel auch an einem Bauwerk wie Stonehenge. Dort gibt es bestimmte Steinformationen, durch die genau zur Sommersonnwende die Sonne durchfällt. Auch damals schon muss man also ein Zeitverständnis gehabt haben – und ein Interesse dafür.
Empfindest du das Bild der Zeit als Fluss als stimmig?
Durchaus. Die Zeit ist ja immer strömend, fließend.
Ich hatte während meiner Recherche manchmal den Gedanken, dass ein Meer vielleicht passender sein könnte. Also, etwas weniger Lineares.
Das Lineare ist aber für uns Menschen wichtig. Wir müssen diesem Zeitfluss ein Bett geben – und gleichzeitig ein paar Stufen, um hin und wieder aus dem Fluss aussteigen zu können. Um dann zum Beispiel in die Meditation zu gehen oder auch einfach zu schlafen.

Ein schönes Bild! Aktuell haben allerdings viele das Gefühl, die Zeit renne ihnen davon. Obwohl uns vieles, was früher viel Zeit gekostet hat, inzwischen Maschinen abnehmen. Woher, glaubst du, kommt das Gefühl des Zeitmangels?
Das scheint mir schon in der Erziehung eingeredet zu werden – Zeit als etwas, das man haben oder nicht haben kann. Seit ein paar Jahren gibt es ja überdies den Begriff des Zeitmanagements.
Was hältst du davon?
Grundsätzlich erscheint es mir sinnvoll, sich seine Zeit gut einzuteilen. Entscheidend ist aber, dass man sich nicht nur auf Arbeit, Arbeit, Arbeit konzentriert, sondern auch regelmäßige Pausen einbaut und ein festes Ende von Arbeitsabschnitten. Sonst läuft einem die Zeit wirklich irgendwann davon. Kinder bekommen das ja in der Schule schon mit: Die Fächer werden in Dreiviertelstunden-Einheiten unterrichtet, dazwischen gibt es Pausen. Aber man erklärt ihnen den Sinn dahinter nicht.
Und das wäre wichtig?
Ja. Ich denke, uns fehlt so etwas wie eine Zeitkultur.
Wie könnte die aussehen?
Die würde einen sehr bewussten Umgang mit unserer Zeit, unseren Zeiträumen beinhalten. Wir würden zum Beispiel nicht in jeder kurzen Pause gleich zum Handy greifen. Denn dann sind wir ja gewissermaßen immer noch „on duty“. So kommt uns etwas abhanden, was sehr viel mit Zeit zu tun hat, nämlich Muße.
„Im Yogasutra taucht der Begriff Zeit, Kala, auf als etwas, mit dem ich Dauer und Kontinuität erfasse.“
Wie lässt sich das zurückholen?
Mach Dates mit dir selbst und nimm sie ernst – zum Spazierengehen zum Beispiel oder Meditieren. Und wenn es nur ein paar Minuten am Tag sind. Das Yogasutra beschreibt ja einen Übungsweg, an dessen Ende die Freiheit steht, Kaivalya. Und auch im Yogasutra taucht der Begriff Zeit, Kala, immer wieder auf – als etwas, mit dem ich Dauer und Kontinuität erfasse. Alles, was auf diesem Übungsweg Station sein kann, was erreicht werden kann, sind quasi die Schritte, die ich gehe, der Prozess. Darum heißt es darin oder auch in den anderen Yogaschriften wie der Hathapradipika immer wieder, dass etwas seine Zeit brauche. Zeit für die einzelnen Schritte. Etwas reift heran, entwickelt, entfaltet sich – das sind alles Begriffe, die damit zu tun haben. In der Regel geht nichts davon einfach plötzlich, sondern hat immer einen gewissen Vorlauf.
Der Yogaweg ist also nie zeitlos?
Genau – er braucht eine Kontinuität, damit er sich entwickelt. Du hast darin beziehungsweise dazwischen allerdings zeitlose Inseln, etwa in der Meditation. Und danach fügst du dich wieder ein in den Lauf der Zeit.

„Wir müssen dem Zeitfluss ein Bett geben – und gleichzeitig ein paar Stufen, um hin und wieder aus dem Fluss aussteigen zu können. Zum Beispiel, um zu meditieren.“
Wir haben es vorhin schon kurz angesprochen: Es geht im Yoga viel um das Hier und Jetzt …
Und allein daran merkst du schon, dass Zeit als etwas sehr Wichtiges wahrgenommen wird. Der Zeitraum, in dem du dein Leben gestalten kannst, dein Karma. Darum wurde zum Beispiel gern auch Langlebigkeit angestrebt – damit man viel Zeit hat, das Leben zu gestalten und irgendwann vielleicht aus dem Rad der Wiedergeburt rauszukommen.
Ist die planbare Zeit mehr als ein menschengemachtes Konzept?
Sie ist definitiv ein Konzept, aber eines, für das uns auch die Natur Begriffe und Räume vorgibt: Tag und Nacht etwa und die Jahreszeiten. Oder auch unseren Biorhythmus, der das Schwingen zwischen Aktivität und Ruhe einfordert. Und dann die unterschiedlichen Phasen im Laufe eines Menschenlebens, in denen unterschiedliche Ziele erreicht werden wollen, man unterschiedliche Aufgaben hat. Am Anfang steht etwa Artha – als junger Mensch kümmerst du dich erst mal um dein Auskommen, sorgst für dich. Daneben steht aber, ganz wichtig, auch Kama, Lust, Erotik und all das. Und dann erst, und das finde ich so klug, kommt Dharma, da kümmert man sich um Gemeinschaft, um die Weltordnung und so weiter. Und wenn man dem richtig lange gedient hat, kommt Moksha – dann zieht man sich wieder zurück. In unserer Kultur vermischt sich da leider vieles – jeder muss jederzeit für alles und jeden verfügbar sein. Das ist ungünstig.
Warum, glaubst du, ist das so?
Nun, wir hatten früher durchaus auch mal eine Zeitkultur, etwa mit den Stundenbüchern, die den Tag strukturiert haben, oder den Kirchenglocken. So etwas gibt es ja heutzutage kaum noch. Rituale, eine Tageszeitstruktur mit Arbeits- und Mußefenstern …
Den kleinen Zeitinseln am Ufer unseres Lebensflusses …
In dem das Meer, das du vorhin angesprochen hattest, ja letztlich auch drinsteckt. Irgendwo ist die Quelle, dann ist hier mein Fluss, dann münde ich irgendwann ins Meer, von dort wird das Wasser hochgezogen, wird zur Wolke und wandert wieder zurück zu den Bergen, in denen die Quellen entspringen.
Das Interview stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/2025 mit dem Titelthema “Zeit”.
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