Naturverbunden: Ökologie und Yoga

Klimawandel, Artensterben, Fridays for Future – selten war das Thema Ökologie so präsent wie in den vergangenen Jahren. Wie gehen wir als Yogi*nis damit um? Kann uns die Praxis helfen, in dieser Krise zu bestehen? Oder reden wir uns unsere Naturverbundenheit in Wirklichkeit nur ein?

Text: Stephanie Schauenburg / Fotos: Susanne Schramke

Lange Zeit hatte ich ein ganz gutes Gefühl: Ich esse kein Fleisch, bin Stammkundin im Bioladen, trenne gewissenhaft meinen Müll, meide Plastik und kaufe auch nicht tütenweise Billigklamotten bei Primark. Wie viele Yogi*nis zählte ich mich insgeheim zur Fraktion der Gutmenschen: Wir sind überzeugt, schon deshalb auf der richtigen Seite zu stehen, weil wir kein dickes Auto brauchen, sondern einen nachhaltigen Green-Lifestyle pflegen. Weil wir uns mit Spiritualität, Ethik und Achtsamkeit befassen, anstatt uns nur zu amüsieren und zu konsumieren. Weil wir uns informieren und diskutieren, vielleicht ein bisschen engagieren und gerne auch mal empören, wie grundlegend falsch vieles läuft. Trotzdem war es auch für mich so, wie es Jonathan Safran Foer in seinem neuen Buch “Wir sind das Klima” beschreibt: “Obwohl wir die Umweltkrise alle miterleben, kommt sie uns nicht vor wie ein Ereignis, an dem wir teilnehmen.”

Yogis unter Palmen

Ökologie und Yoga
Foto: Susanne Schramke

Die traurige Wirklichkeit ist allerdings: Anders als etwa bei 9/11 sind wir nicht nur Zeitzeug*innen, wir nehmen an diesem Geschehen tatsächlich teil. Wir alle tragen dazu bei, dass sich die Erde immer weiter erwärmt, dass Arten aussterben und sich die globale Ungerechtigkeit verschärft: Die meisten von uns heizen ihr Zuhause auf sommerliche 22 Grad, essen das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse, kleiden sich in schöne Stoffe, die von sehr weit her kommen, und hängen ihre Handys, Flatscreens, LED-Lampen und Server an ein prächtig funktionierendes Stromnetz. Dieser persönliche Beitrag mag auf Milliarden von Menschen gerechnet klein sein, aber er ist doch massiver, als wir uns gerne eingestehen.

Das beginnt schon damit, dass wir in Deutschland leben, wo die Industrie brummt, wo wir vergleichsweise gut bezahlte Jobs haben und all jene Annehmlichkeiten genießen, die dazu beitragen, dass wir pro Kopf und Jahr unglaubliche 9000 Kilo Kohlendioxid ausstoßen. In der Schweiz oder Österreich, wo nicht ganz so viele Fabriken stehen, mag dieser Wert etwas geringer ausfallen, aber auch hier genießt man einen Komfort und Lebensstandard, den unsere Urgroßmütter sich nicht hätten träumen lassen – ganz zu schweigen von unseren heutigen Mitmenschen in Indien (1570 Kilo) oder Äthiopien (100 Kilo).

Diese Verwicklung in etwas, wovon zwar alle irgendwie profitieren, das aber niemand in seiner Tragweite so gewollt hat, ist schwer erträglich, es kommt aber noch schlimmer: Mit einiger Wahrscheinlichkeit liegt der ökologische Footprint von Yogi*nis sogar noch über dem Schnitt – und das aus völlig freien Stücken. Der Berliner Ashtanga-Yogalehrer Grischa Steffin berichtet: “Wir sind jetzt bestimmt kein Schickimicki-Studio, aber selbst bei uns hat eine kleine Umfrage gezeigt: Bei den geflogenen Meilen liegen wir Yogi*nis weit über dem sowieso schon sehr hohen deutschen Durchschnitt.”

Ökologie und Yoga
Foto: Susanne Schramke

Wer in den kalten Monaten häufiger mal auf Instagram geguckt hat, konnte sich davon überzeugen: Eine Menge unserer Lieblingsyogis und -yoginis waren da unter Palmen zu sehen: zum Workshop auf Bali, beim Retreat in Thailand, für ein Intensive in Costa Rica. Yoga und Urlaub zu verbinden (oder im Fall von Yogalehrenden mit Arbeit in fernen Ländern), ist wunderschön – wer würde das bestreiten? Das Seltsame ist nur, dass der Widerspruch offenbar so wenig auffällt. Natürlich kann man argumentieren, dass ein ansonsten tadellos ökologischer, womöglich veganer Lebensstil die ein oder andere Flugreise kompensiert (auch wenn die wissenschaftlichen Fakten das vermutlich bestreiten). Aber kann man auch von seinem Reiseglück schwärmen und sich zwei Posts später ausweinen über den wochenlang brennenden Amazonas? In der einen Woche einen Spendenaufruf zur Rettung der verkokelten Koalas teilen und in der nächsten zum Teacher Training nach Bali einladen? Da scheinen dann doch Verdrängungsmechanismen im Spiel zu sein, die man sich – gerade als Yogi*ni – mal genauer anschauen müsste. Genau wie den eigentlichen Ernst der Lage.

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