Das Wichtigste zuerst: Jeder Körper ist schön und zwar genau so, wie er von Natur aus ist! Diese Schönheit nicht nur zu würdigen, sondern auch zu pflegen und zu erhalten, ist da nur naheliegend. Für ein straffes Gewebe zum Beispiel kann man im Faszienyoga einiges tun.
Wir alle kennen das: Der Sommer klopft so langsam an die Tür und wir stellen fest, dass die Figur leider ein wenig in der kalten Jahreszeit hängengeblieben ist. Ein zentrales Thema dabei ist die Cellulite. Um die damit verbundene Frustration gleich vorneweg etwas zu dämpfen: Die umgangssprachliche „Orangenhaut“ hat verschiedene Ursachen. Eine liegt in der oberflächlichen Faszienschicht, der Fascia Superficialis. Sie hat häufig wenig Spannkraft und lagert dann Fett ein. Je nach Genetik bilden sich dabei mehr oder weniger sichtbare Fettdepots und Wasseransammlungen. Frauen sind häufiger davon betroffen als Männer, da das Östrogen dabei eine Rolle spielt. Man spricht auch von schwachem Bindegewebe, was bedeutet, dass die kollagenen Fasern zu weich sind und nicht die Stütze geben, die sie geben sollten.
Eine Erklärung für Cellulite
Kollagene Fasern sind prinzipiell fest und dennoch flexibel. Sie bilden das berühmte scherengitterartige innere Netz, für das unsere Faszie bekannt ist. Bei Frauen ist diese Gitterstruktur weniger ausgeprägt, die Fasern sind nicht so stark in unterschiedliche Richtungen vernetzt wie bei Männern. Außerdem sind die Abstände zwischen den einzelnen Fasern größer, deshalb finden die Fettzellen mehr Platz, um sich an vielen Stellen einzunisten. Eine Erklärung für Cellulite gerade an den Oberschenkelaußenseiten ist, dass das IT-Band (Iliotibilales Band) zu weich ist. Dieses Band verläuft seitlich am Oberschenkel entlang und wird beim Menschen erst durch das Gehen gebildet. Sind die Kollagenfasern hier nicht straff genug, entstehen Beulen, die sich durch Dellen an den Oberschenkeln äußern.
Die Faszie braucht eine Regenerationspause
Wenn wir Cellulite reduzieren möchten, hieße das im Umkehrschluss: Fettgewebe zu reduzieren und durch Faszien-Yoga die Elastizität zurückzugewinnen. Klingt gut? Leider ist es nicht ganz so einfach. Unsere kollagene Grundstruktur ist zum Teil genetisch bedingt. Ob unser Bindegewebe also von Natur aus eher flexibel und nachgiebig ist oder stabil und fest, ist ein Stück weit einfach Typsache. Ständiges Yogaüben oder tägliches Ausrollen mit der Faszienrolle kann daran nichts ändern, im Gegenteil: Es könnte sogar erst recht zu Cellulite führen, denn die Faszie braucht eine Regenerationspause von mindestens 24 bis sogar 72 Stunden. Nur in diesen Pausen beginnt sie, Giftstoffe aus dem System zu schleusen. Optimal für deine Wohlfühlfigur sind zwei bis drei Übungseinheiten pro Woche, jeweils 20 Minuten mit zwei Tagen Pause dazwischen.
Amiena Zylla zeigt wie die Übung geht – Foto: Susanne Schramke
1 Lege dich seitlich auf die Matte, stütze dich zunächst nur mit der rechten Hand ab und platziere die Rolle knapp unter dem rechten Hüftknochen an der Oberschenkelaußenseite.
2 Drehe deinen Oberkörper etwas zur Matte hin und stütze dich auch mit der linken Hand ab. Justiere beide Arme so, dass sie möglichst parallel ausgerichtet sind.
3 Hebe die beiden übereinander liegenden Beine an und ziehe die Zehen Richtung Knie. Dadurch bringst du etwas Aktivität in die Beine und hältst sie geschlossen.
4 Rolle dich nun mithilfe der Hände über der Rolle vor und zurück. Dabei massierst du die komplette Oberschenkelaußenseite zwischen Hüfte und Knie. Nach mehreren langsamen Wiederholungen rollst du einige Male schnell vor und zurück. Dann wechselst du zum linken Bein.
Richtiges Ausrollen, um das Gewebe zu straffen
• Verwende tendenziell eine härtere Rolle. • Rolle mit einem schnellen Tempo hin- und her. • Spare die Gelenke aus. • Rolle maximal drei Mal in der Woche aus. • Gönne dir dazwischen eine Pause von mindestens 48 Stunden. • Rolle maximal 20 Minuten lang aus.
TIPPS • Variiere das Rollen, indem du dich etwas mehr drehst und auch die Oberschenkelvorderseite ausrollst.
WIRKUNGEN • Strafft die Oberschenkel. • Unterstützt die Kollagenfasern dabei, fest und stabil zu werden oder zu bleiben. • Kräftigt Arme und Schultern. • Erhöht die Elastizität.
Schuldgefühle können auf vielfache Weise in Erscheinung treten. Allerdings sollten wir uns von keiner einzigen Version vereinnahmen lassen. Die Yoga-Philosophie hält einige Vorschläge für die Befreiung von Schuldgefühlen bereit.
Seit Jahren hatte Heather keinen Kontakt mehr zu einer ihrer Freundinnen aus Kindheitstagen – das Ergebnis eines Streits, aus dem beide wütend auseinander gegangen waren und nicht wieder zueinander gefunden hatten. Als sie jedoch hörte, dass ihre Freundin an Krebs erkrankt war, wusste sie, dass sie sich versöhnen musste. Bevor ihre Freundin starb. Dennoch spürte sie immer noch einen Rest Unversöhnlichkeit in sich, der es ihr schwer machte, zum Hörer zu greifen und die Freundin anzurufen. Monate vergingen, in denen Heather den Anruf immer wieder hinaus schob. Als sie es endlich tat, lag ihre Freundin im Koma und konnte nicht mehr sprechen. Schuldgefühle überwältigten Heather. „Wie konnte ich meine Freundin nur sterben lassen, ohne mich zu verabschieden?“, fragte sie sich. „Das werde ich mir nie vergeben können.“
Schuld ist ein urmenschliches Gefühl
Ich glaube, dass viele von uns wie Heather schon zahllose Stunden damit verbracht haben, uns wieder und wieder einen Vorfall vor Augen zu rufen, der Schuldgefühle erzeugt. Schuld – sich schlecht fühlen, weil wir etwas getan haben, was nicht unseren Werten entspricht – ist ein urmenschliches Gefühl. Jeder fühlt sich hin und wieder schuldig. Doch bei einigen von uns sind Schuldgefühle stärker ausgeprägt als bei anderen – allerdings nicht unbedingt, weil ihre Taten gravierend schlimmer waren als bei anderen. Daher ist es wichtig, herauszufinden, was die Ursache unserer Schuldgefühle ist und welche Art von Schuld wir empfinden. Wenn wir den Grund unserer Schuldgefühle nachvollziehen können, ist es einfacher, nach Wegen zu suchen, um sie wieder loszuwerden. Das kann bedeuteten, dass wir etwas gutzumachen haben, uns durch die Schuld hindurch arbeiten sollten oder sie schlicht und ergreifend loslassen müssen.
Drei Arten von Schuldgefühlen
Ich unterscheide drei Arten von Schuldgefühlen:
natürliche Schuldgefühle oder das Bedauern, etwas unterlassen zu haben;
frei schwebende oder „toxische“ Schuldgefühle – Betroffene haben das Gefühl, keine guten Menschen zu sein;
existenzielle Schuldgefühle – das negative Gefühl, dass sich einstellt, wenn wir die Ungerechtigkeit in der Welt und unsere eigenen unerfüllten Verpflichtungen gegenüber dem Leben selbst erkennen.
Natürliche Schuldgefühle
Dass du an natürlichen Schuldgefühlen leidest, erkennst du daran, dass es unmittelbar passiert.
Nehmen wir einmal an, dass du dich unmittelbar und spezifisch schuldig fühlst. Beispielsweise, weil du eine Schramme in den geliehenen Wagen eines Freundes gefahren hast, oder deinem Lebensgefährten nicht die Wahrheit darüber erzählst, wo du die letzte Nacht verbracht hast. So etwas nenne ich „natürliche“ Schuldgefühle. Dass du an natürlichen Schuldgefühlen leidest, erkennst du daran, dass es unmittelbar passiert: Diese Gefühle stehen in Verbindung mit unserem aktuellen Handeln. Natürliche Schuldgefühle können schrecklich schmerzhaft sein, besonders dann, wenn dabei ernsthafter Schaden entstanden ist.
Aber auch wenn das, was wir getan haben, wirklich schlimm gewesen ist, sind die unmittelbaren Schuldgefühle reparabel. Es gibt die Möglichkeit der Wiedergutmachung. Du kannst um Vergebung bitten, deine Schuld begleichen und beschließen, dein Verhalten zu ändern. Wer die Dinge wieder in Ordnung bringt, hat die Chance, das Schuldgefühl aufzulösen. Sollte das nicht der Fall sein, wird der Abschnitt über die so genannte „toxische“ Schuld wichtig.
Die innere Alarmglocke
Die natürliche Schuld hat eine zweckmäßige Funktion und scheint fest verdrahtet mit unserem Nervensystem zu sein. Sie ist wie eine innere Alarmglocke, die uns hilft, unethisches Verhalten zu erkennen und den Kurs zu ändern. Es sind die natürlichen Schuldgefühle, die uns vernachlässigte Freunde anrufen lassen oder unsere Telefonnummer an die Windschutzscheibe des Wagen zu klemmen, dessen Kotflügel wir gerammt haben. Einige Sozialwissenschaftler sind der Meinung, dass die natürlichen Schuldgefühle unsere Fähigkeit widerspiegeln, Empathie für leidende Wesen zu empfinden. Diese Gefühle sind ein Grund dafür, warum wir soziale Sicherheitsnetze haben und sich Menschen für soziale Gerechtigkeit einsetzen.
Signale unser Verhalten zu ändern
Wenn wir eine gesunde Beziehung zu unserer persönlichen Schuld haben, müssen wir uns nicht den Kopf über Schuldgefühle zerbrechen. Stattdessen nutzen wir sie als Signale, um unser Verhalten zu ändern. Dein schlechtes Gewissen darüber, deine Freundin nicht angerufen zu haben, bewältigst du dadurch, dass du sie anrufst. Du hast Schuldgefühle, weil du zu viel Geld ausgibst? Dann hältst du dich einfach mit Ausgaben zurück. Rührt dein Schuldgefühl daher, dass du deine Rolle im kollektiven Fehlverhalten erkennst – beispielsweise Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder anderen Formen von Unterdrückung – so suchst du nach Möglichkeiten für Veränderungen. Und basieren deine Schuldgefühle auf einem Umstand, an dem du nichts weiter ändern kannst – beispielsweise als berufstätige Mutter, die ihr Kind nicht jeden Tag von der Schule abholen kann – übst du dich in Nachsicht gegenüber sich selbst.
Fehlgeleitetes natürliches Schuldgefühl
Trotzdem hat die natürliche Schuld ihre Schattenseiten. Oft wird sie nämlich als Kontrollinstanz oder Manipulationsmittel missbraucht, sei es von Eltern, in der Partnerschaft oder der Gesellschaft, in Religionen, spirituellen Gemeinschaften und jeder anderen Community inklusive Yoga-Kreisen. Warst du jemals peinlich berührt, als du von deinem veganen Freund beim Lachsessen „erwischt“ wurdest? Tatsächlich kann sich ein fehlgeleitetes natürliches Schuldgefühl – etwa wenn die Reaktion darauf zu streng ausgefallen ist oder es als Kontrollwaffe benutzt wurde – schnell zu einem toxischen Schuldgefühl entwickeln. Tritt dieser Fall ein, so findet man sich in einem andauernden Zustand minderwertigen Leidens wieder. Genau das würde ich als „giftig“ bezeichnen: das durchdringende Gefühl, „nicht richtig“ oder voller Fehler und Makel zu sein.
Toxische Schuldgefühle
Toxische Schuldgefühle: Als wäre dein ganzes Leben irgendwie falsch.
„Toxische“ Schuldgefühle setzen ein, wenn sich die natürlichen Empfindungen nicht lösen, sondern festsetzen. Sie manifestieren sich als nagendes Gefühl einer durchdringenden, aber nicht weiter greifbaren Schlechtigkeit, als wäre unser ganzes Leben irgendwie falsch. Diese unbestimmten Schuldgefühle sind am schwersten greifbar, da sie auf verborgenen Verhaltensmustern oder Samskaras [Anm. d. Red.: Überreste von Verhaltensweisen und Neigungen aus früheren Leben] beruhen, die sich in unserem Unterbewusstsein eingenistet haben. Wie können wir uns selbst vergeben, wenn wir gar nicht wissen, was wir eigentlich verbrochen haben – oder wenn wir glauben, dass das, was wir getan haben, nicht wieder gutzumachen ist?
In gewisser Weise ist diese Art von Schuld ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der jüdisch-christlichen Kultur, ein Überbleibsel der Lehre von der Erbsünde. Yogische Schriften wie die Bhagavad Gita oder die Yoga-Sutren kennen keine nichtspezifische Schuld, doch sie erzählen uns einiges über Sünde, Karma und wie man Übertretungen vermeidet oder mit diesen umgeht. Auch wenn die meisten traditionellen Schriften toxische Schuld nicht zu den Hindernissen auf dem Yogaweg zählen, bietet die yogische Lehre dennoch Orientierung in dieser Frage.
Unverhältnismäßig negatives Selbstbild
Nicht nur wegen des Schmerzes, den die toxischen Schuldgefühle verursachen, müssen wir diese angehen. Auch, weil sich angestaute Schuldgefühle auftürmen und sich an die Fersen jedes noch so unbedeutenden Fehlers heften. Nehmen wir diesen Prozess nicht in Angriff, ist die Konsequenz eine negative Selbstbetrachtung, die nicht im Verhältnis zu dem steht, was wir getan haben. Die meisten erleben toxische Schuldgefühle auf zweierlei Weise. Einmal können diese einfach da sein, wie ein Beigeschmack unserer Persönlichkeit, ein unangenehmes Gefühl, dass sich in bestimmten Augenblicken bemerkbar macht und bewirkt, dass wir uns schlecht oder wertlos fühlen. Weiterhin können diese Schuldgefühle von außerhalb ausgelöst werden, beispielsweise durch einen Fehler, den wir gemacht haben, oder Misstrauen, dass uns entgegengebracht wurde. Bei denjenigen, die toxische Schuldgefühle mit sich schleppen, reicht der kleinste Anlass, um sie zu aktivieren: ein Fehltritt im Büro, ein Streit mit dem Partner oder ein Anruf der Mutter. Im Extremfall fühlen sich diese Menschen, als würden sie auf Eierschalen gehen, ständig in der Sorge, etwas zu tun, was ihre innere Schlechtigkeit ans Tageslicht bringt. Daher ist es wichtig, dass wir lernen, toxische Schuldgefühle zu erkennen, damit wir uns nicht mehr von ihnen steuern lassen.
Die Wurzeln der Schuldgefühle
Toxische Schuldgefühle haben ihre Wurzeln oft in der frühen Kindheit: ein Fehlverhalten beispielsweise, das von Eltern oder Lehrern unnötig negativ überhöht wurde. Auch unsere religiöse Sozialisation (besonders, wenn die Erbsünde darin ein wichtiger Bestandteil war) kann uns mit Schuldgefühlen belegen, die keine wirkliche Basis haben. Wer an Wiedergeburt glaubt – also die Vorstellung, dass unsere augenblickliche Situation das Ergebnis unserer früheren Leben ist – betrachtet toxische Schuldgefühle als einen karmischen Überrest seines Handelns in seinen Vorleben. Ein alter Text aus dem tibetischen Yoga, das „Rad der scharfen Waffen“, geht beispielsweise auf vergangene Verfehlungen ein, aus denen die heutigen Probleme entstanden sind, und zeigt Wege auf, diese Probleme anzugehen.
Wie der spirituelle Weg auf toxische Schuldgefühle wirkt
Chanten, das Rezitieren von Mantren, selbstloses Dienen und die Spende, werden als Heilmittel für diese Schuldgefühle betrachtet.
Viele der reinigenden Yogapraktiken, besonders tägliches Chanten und das Rezitieren von Mantren, selbstloses Dienen (Karma Yoga) und die Spende, werden als Heilmittel für diese Schuldgefühle betrachtet. Es steht außer Frage, dass toxische Schuldgefühle auch aus einer wachsenden Ansammlung eines spezifischen, ungelösten Schmerzes entstehen können, den wir in diesem Leben verursacht haben. Wenn sich schmerzliche Augenblicke des Selbstbetrugs häufen, wir einen oder zwei unserer Partner betrogen haben, sogar wenn wir regelmäßige Anrufe bei unseren Eltern vernachlässigen oder nicht auf ausreichend Bewegung achten, können sich schon diffuse Schuldgefühle bilden. Hierfür entwickeln alle, die sich ernsthaft mit Yoga beschäftigen, ein besonders sensibles Bewusstsein. Wenn wir einmal damit begonnen haben, uns den ethischen Standards des spirituellen Wegs verpflichtet zu fühlen, wird es schwieriger, unsensibel oder verletzend zu reagieren.
Gleichzeitig gibt es vielleicht noch alte Verhaltensmuster, die uns rücksichtslos und unbewusst handeln lassen. Trotz der guten Absichten tun wir daher manchmal Dinge, von denen wir genau wissen, dass sie uns oder anderen Menschen nicht gut tun – und fühlen uns schuldig. Wenn wir aber gewillt sind, genau hinzusehen, werden wir vermutlich feststellen, dass unsere toxischen Schuldgefühle kaum auf konkrete Handlungen zurückzuführen sind. Paradoxerweise macht genau dies die Gefühle toxisch. Wer an diesen Empfindungen leidet, für den wird jede aktuelle Verfehlung durch das Gewicht der angestauten Schuldgefühle so beängstigend erdrückend, dass sich angesichts dieser Masse an negativen Emotionen eine regelrechte Lähmung einstellt.
Existenzielle Schuldgefühle
Es ist nicht möglich, auf diesem Planeten zu leben, ohne dass wir dabei nicht einen negativen Einfluss auf das Leben anderer nehmen.
Unsere Schuldgefühle können auch sozialer oder politischer Natur sein. Das ist das Schuldgefühl, das wir spüren, wenn wir Bilder von eingesperrten Tieren sehen, über Hungerkatastrophen lesen oder erkennen, wie privilegiert unser Leben im Vergleich zu anderen ist. Ich nenne dies „existenzielle“ Schuld. Diese fühlt sich sehr real an und macht sogar Sinn. Warum? Weil es tatsächlich nicht möglich ist, auf diesem Planeten zu leben, ohne dass wir dabei nicht einen negativen Einfluss auf das Leben anderer nehmen. Oft bedeutet es, dass uns zwar Ressourcen für unseren Lebensstil selbstverständlich zur Verfügung stehen, andere aber keinen Zugang zu den gleichen Ressourcen haben.
Vor Jahren gestand eine attraktive, wohlhabende Frau einem meiner Lehrer, dass sie unter extremen Schuldgefühlen und Depressionen litt. Mein Lehrer ging darauf ein, indem er fragte: „Was haben Sie für dieses Leben getan? Haben Sie jemals einen Bagel an einen Baum gehängt und sind davongegangen?“ Diese zunächst kryptische, dann sehr einleuchtende Bemerkung meines Lehrers ist mir jahrelang im Gedächtnis geblieben. Der Schuldkomplex dieser Frau war teilweise existenziell – und existentielle Schuldgefühle können nur durch bedingungslose Angebote an das Leben geheilt werden. Wie diese Frau leben die meisten Menschen, die diese Webseite lesen in privilegierten Verhältnissen und nutzen Ressourcen, die 95 Prozent der Menschen auf diesem Planeten nicht zur Verfügung stehen. Es ist daher einfach nachzuvollziehen, warum jemand eventuell die Last der existenziellen Schuld spürt.
Fehlender Respekt gegenüber dem Leben
Die vedischen Gelehrten, deren Weisheit die Wurzel aller yogischen Traditionen bildet, formulierten, dass wir bestimmte Grundschulden haben – unseren Vorfahren gegenüber, der Erde, unseren Lehrern, Gott und jedem, der uns geholfen hat. Wenn wir diese „Schulden“ nicht zurückzahlen, dann leiden wir an existenziellen Schuldgefühlen. Die moderne liberale Gesellschaft mit ihrem intensiven Individualismus, zerbrochenen Familienstrukturen und einer konsumorientierten Haltung bezüglich Spiritualität lädt solche existenziellen Schuldgefühle geradezu ein. Der einfache Grund dafür ist, dass viele von uns keine respektvolle Grundhaltung gegenüber dem Leben und den Bedürfnissen aller Lebewesen mit auf den Weg bekommen haben. Darunter fallen nicht nur Umweltschutz und positiver Aktivismus, sondern auch „Herzenspraktiken“ wie das Teilen unserer Zeit und unserer Ressourcen. Jede Geste des Respekts für jene, die uns geholfen haben und die unsere Hilfe benötigen, lindert unsere existenzielle Schuld. Das war es, was meine Lehrerin gemeint hat, als sie der Frau antwortete. Sie fragte: „Hast du jemals etwas gegeben, ohne dabei eine Gegenleistung zu erwarten?“
Toxische plus existenzielle Schuldgefühle
Achtung: Es wird noch komplizierter. Wenn unsere toxischen Schuldgefühle sich mit unseren existenziellen mischen, leiden wir oft an einem Gefühl, für jedermanns Leid verantwortlich zu sein. Meine Freundin Ellen ist solch ein Beispiel. Ihre Mutter war eine jähzornige Frau, die ihren Ärger immer an Ellens Schwester ausließ. Ellen hatte tiefes Mitgefühl für ihre Schwester, doch fühlte sie sich machtlos, ihre Mutter davon abzuhalten, die Schwester zum Sündenbock zu machen. Ihre Hilflosigkeit und ihr Frust wandelten sich in ein überwältigendes Gefühl, für jeglichen Schmerz in der Welt verantwortlich zu sein – vergleichbar mit den Schuldgefühlen eines Überlebenden.
Ellen hatte ein Ohr für Freunde in Problemsituationen und überforderte sich an ihrer selbst gestellten Aufgabe, jeden, der ihr über den Weg lief, zu retten. Um den Unterschied zwischen ehrlichem Mitgefühl und unnützer Selbstaufopferung zu lernen, musste Ellen anfangen, sich ihre Schuldgefühle genau anzusehen. Sie musste sich fragen, ob es eine aktuell motivierte Empfindung war, ihr Schmerz aus der Vergangenheit resultierte oder auf Umständen basierte, die sie nicht weiter beeinflussen konnte. Im Zuge dieses Prozesses wurde ihr Einsatz, anderen zu helfen, ein ganzes Stück effektiver. Wie Ellen sind wir oft verwirrt darüber, welche Art von Schuldgefühlen wir gerade empfinden. Sind wir in der Lage, ein schmerzhaftes Gefühl als Schuldgefühl zu identifizieren und den Typ zu klassifizieren, so wird es einfacher, damit zu arbeiten. Einige Schuldgefühle benötigen keine wiedergutmachenden Maßnahmen, sie weisen uns einfach auf das Versäumnis hin, nicht das Beste aus unserem Leben machen. Andere Schuldgefühle hingegen lässt man einfach ziehen.
Die radikale Lösung
Und genau hier greift die Yoga-Philosophie und bietet uns eines ihrer wertvollsten Geschenke. Sie hält viele Wege für die Heilung von Schuldgefühlen bereit, darunter als wunderbarstes Mittel die kompromisslose Akzeptanz, dass wir in unserer Essenz gut sind. Besonders die tantrischen Traditionen sind dafür bekannt, die Welt aus einer Perspektive zu sehen, die alles Leben als fundamental göttlich betrachtet. Unsere Einstellung zur Schuld wird sich entscheidend ändern, wenn wir in diesem Sinne den Blick von unseren Fehlern abwenden und uns unserer tiefer liegenden Perfektion nähern – statt davon auszugehen, dass das menschliche Wesen mangelhaft ist.
Die negative Spirale der Schuldgefühle
Mein Lehrerin Swami Muktananda pflegte eine Geschichte zu erzählen, die meiner Meinung nach klar den Unterschied zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen aufzeigt. Einst gab es zwei Klöster, jedes nah an einer großen Stadt gelegen. In dem einen Kloster erzählte man den Schülern, dass die Menschen Sünder seien und dass nur äußerste Wachsamkeit und Buße die Schüler von sündigen Taten abhalten könnten. In dem anderen Kloster wurden die Schüler dazu ermutigt, daran zu glauben, dass sie von Natur aus gut waren, und ihrem Herz zu vertrauen. Eines Tages entschied sich in beiden Klöstern jeweils ein junger Mann dafür, dass Klosterleben für eine Weile aufzugeben. Heimlich entwischten die beiden Jungen aus dem Fenster des Schlafsaals, fuhren per Anhalter in die nächste Stadt, fanden eine Party und verbrachten die Nacht mit einer Prostituierten.
Am nächsten Morgen überkamen den Jungen aus dem Kloster, in dem die Sünde gepredigt wurde, schreckliche Schuldgefühle. Er dachte: „Ich bin unwiederbringlich vom Weg abgekommen. Es macht keinen Sinn, zurückzugehen.“ So ging er nicht zurück in sein Kloster und schloss sich bald darauf einer Straßengang an. Der zweite wachte ebenfalls mit einem Kater auf. Doch seine Reaktion auf die Vorfälle der letzten Nacht war anders. „Das war nicht so befriedigend, wie ich es mir ausgemalt hatte“, dachte er. „Ich glaube nicht, dass ich das irgendwann einmal wieder tun werde.“ Dann machte er sich auf den Weg zurück in sein Kloster, stieg wieder durch das Fenster ein und wurde dafür ermahnt, sich in besagter Nacht herausgeschlichen zu haben.
Die Wirkung der Vergebung
Wenn wir glauben, Sünder zu sein, so kann uns nur ein einziger unbedeutender Fehltritt in eine Spirale selbstzerstörerischen Verhaltens katapultieren, so die Meinung meiner Lehrerin. Wenn wir aber – wie es die Yoga-Gelehrten unterrichten – wissen, dass wir von unserem Wesen her göttlich sind, allesamt Buddhas, wird es wesentlich leichter, uns unsere schlechten und ungeschickten Taten zu vergeben und sie loslassen zu können. Der wichtigste Effekt jedoch ist, dass es uns leichter fällt, unser Verhalten zu ändern.
Sally Kempton ist eine international renommierte Meditations- und Philosophie-Lehrerin, Autorin („The Heart of Meditation“) sowie regelmäßige Kolumnistin des amerikanischen YOGA JOURNAL. www.sallykempton.com
Nach Covid kam der Krieg – und vielen von uns geht diese dauerhafte Krisenstimmung ganz schön an die Substanz. Wie können wir damit umgehen? Wie gelingt es, heil zu bleiben?Anna Trökes ist vermutlich Deutschlands renommierteste Yogalehrerin, das sagt sie zur Krisenstimmung:
Laut der indischen Kosmologie leben wir in einer dunklen Ära, dem Kali Yuga. Vielleicht ist das der Kreislauf der Dinge, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich in diesem Rad einerseits mittendrin bin, andererseits aber durch Yoga gelernt habe, dass es einen Standpunkt gibt, und zwar die Nabe dieses Rades, von wo ich das alles betrachte und versuche, mich nicht so sehr mitreißen zu lassen.
Denn ein Sich-mitreißen-Lassen von Emotionen hat noch nie zu etwas geführt! Yoga bietet uns an, Emotionen nicht zu kontrollieren, sie aber zu regulieren und zu modifizieren. Ich finde diesen Begriff bei Patanjali so hilfreich: Citta Prasadanam – den Geist so stabilisieren, dass er ein angenehmer Ort wird, wo ich mit meinem Problem hingehen kann. Dann muss ich mich nicht mehr von all seinen Gedanken und Befürchtungen überrennen lassen, sondern kann seine Mittel tatsächlich nutzen: nachdenken, analysieren, abwägen.
5 Tipps für inneren Halt
1 – Bleibe bei dir:
Du kannst nur heil bleiben und anderen helfen, wenn du gut in dir selbst gründest: Was fühlst du jetzt? Was brauchst du? Was kannst du schaffen – und was nicht?
2 – Suche Zuflucht:
Nimm dir extra viel Raum und Zeit für all das, was dich stärkt – deine Praxis, dein Zuhause, Rituale und Rhythmus, Gemeinschaft, Schönheit, Natur, die Ausrichtung auf Menschlichkeit und Frieden – und spüre deine Dankbarkeit dafür.
3 – Verbinde dich mit deiner Praxis:
Übe möglichst regelmäßig und lege dabei den Fokus auf Halt (Basis, Mittenkraft, Körperrückseite), zentrierenden Atem und Herzöffnung!
4 – Kontrolliere den Input:
Lass nicht zu, dass die Schrecken der Newsticker den Takt deines Denkens vorgeben. Einmal täglich informieren ist genug.
5 – Übe Akzeptanz:
„Man muss doch etwas tun!“ ist ein natürlicher Impuls, aber oft verleitet er auch zu aufreibendem und wenig hilfreichem Aktionismus. Frage dich lieber: Was kann ich konkret tun – und was müssen wir vielleicht einfach hinnehmen?
Podcast mit Anna Trökes zum Thema „Tantra“
Anna Trökes erklärt im Podcast „Was ist eigentlich Tantra?“
Ab Sonntag, den 28. August in der Podcast-Mediathek zu hören.
ANNA TRÖKES gilt nicht umsonst als die einflussreichste deutsche Yogalehrerin: Sie hat seit 1974 unzählige Menschen unterrichtet und über Jahrzehnte die Yogalehrerausbildung des BDY geprägt.
Ihre über 30 Bücher und CDs wurden in 13 Sprachen übersetzt und haben viel zur heutigen Beliebtheit und Verbreitung von Yoga beigetragen. prana-yogaschule.de
Anna Trökes erklärt, worum es im Tantra wirklich geht
Bis Susanne sich im Rahmen der Vorbereitung näher damit beschäftigt hat, war Tantra, für sie gar nicht mit Yoga verknüpft. In ihrem Kopf war dazu irgendwas in Verbindung mit Sexualität und Ritualen. Allerdings stehen sexuelle Aspekte im klassischen Tantra durchaus nicht im Mittelpunkt. Unter dem Begriff Tantra oder Tantrismus sind verschiedene Strömungen der indischen Philosophie und Religion vereint.
Trotzdem ist Tantra von etwas Geheimnisvollen, Magischen umgeben. Und dem geht Susanne in dieser Folge von „Yogaworld“ auf den Grund. Dafür hat sie eine echte Topexpertin an ihrer Seite: Anna Trökes. Sie erklärt die Ursprünge der Tantralehre und beschreibt Tantra als Lebenskunst. Außerdem spricht sie über die Bedeutung von Polaritäten und Tabubrüchen. Zu guter Letzt enthüllt Anna dann aber doch noch das Geheimnis von gutem Sex. Es gibt da tatsächlich einen Zusammenhang mit einer tantrischen Lebenseinstellung.
Das neue YOGA JOURNAL ist ab sofort im Handel und als Online-Ausgabe erhältlich -ganz einfach, ohne Papier, ohne langes Warten und ohne Versandkosten. Diese Themen erwarten euch im neuen Heft…
Titelthema „Tantra“
Das Image von Tantra ist einseitig (irgendwas mit Sex und Massage?), die philosophische Tradition dagegen reicht tief in die Wurzeln des Yoga hinein – und kann uns zu einem besseren Verständnis der Praxis verhelfen. Wir werfen gemeinsam mit Anna Trökes ein paar Schlaglichter auf die Frage, was Tantra ausmacht und warum es so wichtig für unser Verständnis von Yoga ist.
Außerdem
Foto: Susanne Schramke
Wild & frei: Diese Sequenz von Sinah Diepold weckt ungebremste Lebensfreude
Wer bin ich? Finde es heraus mit der traditionellen Persönlichkeitsanalyse des tibetischen Mandala der 5 Buddhafamilien
Pimp your Karma! Unsere Praxis-Challenge hilft dir, die Yoga-Ethik der Yamas in dein Leben zu integrieren
ABC der Praxis-Tipps: Hier erfährst die 26 wichtigsten Essentials von A bis Z
… und vieles mehr
Podcast mit Anna Trökes zum Thema „Tantra“
Anna Trökes im Podcast über „Tantra“
Ab Sonntag, den 28. August in der Podcast-Mediathek zu hören.
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Kraftvolle Ausfallschritte und dynamische Squats für Po, Beine und Bauch helfen dir in dieser fordernden Vinyasa-Sequenz, gezielt deine untere Körperhälfte zu stärken und zu mehr Standkraft und Stabilität zu finden.
Sequenz: Irene Pappas / Fotos: Christopher Dougherty
Bevor du beginnst
Die Sequenz selbst ist ziemlich fordernd, vielleicht gelingen dir nicht alle Übungen auf Anhieb. Das macht nichts. Vor allem kommt es darauf an, dass du dich der Herausforderung des Kraftaufbaus stellst und kontinuierlich übst. Wärme dich einige Minuten lang mit leichten Cardio-Übungen auf, mobilisiere dabei auch deine Handgelenke. Alternativ kannst du einige Runden dynamisches Surya Namaskar (Sonnengruß) üben.
Stelle in Rückenlage die Füße parallel und hüftweit auf und klemme einen Block mit der schmalen Seite zwischen die Oberschenkel. Die Arme liegen längs vom Körper. Drücke die Beine fest gegen den Block, spanne den Po an, hebe das Becken und senke es gleich darauf wieder ab. Wiederhole diese Bewegung in zügigem Tempo 10 Mal. Anschließend senkst du das Becken nur ein bisschen und ziehst es gleich darauf wieder kraftvoll nach oben (10 Wiederholungen). Als nächstes hältst du das Becken oben und drückst die Oberschenkel in kleinen, pulsierenden Bewegungen gegen den Block (10 Sekunden). Zum Abschluss hebst du das Becken noch etwas höher, spannst deutlich den Po an und hältst diese Position (10 Sekunden.) Arme, Nacken und Gesicht bleiben während der ganzen Übung möglichst entspannt.
2. Vierfüssler-Kicks
Hebe im Vierfüßlerstand das linke Bein, bis der Oberschenkel waagerecht und der Unterschenkel senkrecht steht. Aus dieser Position kickst du in kleinen, kraftvollen Bewegungen mit der Ferse des gebeugten Fußes ruckartig nach oben. Achte dabei darauf, das Becken parallel zum Boden zu halten und etwa gleich viel Gewicht auf beiden Händen zu haben. Indem du den Nabel ansaugst, schützt du deinen unteren Rücken. (15 Wiederholungen, danach gleich weiter zu Übung 3).
3. Hüft-Warm-up
Als nächstes hebst du das gebeugte linke Bein zur Seite und senkst es wieder ab. Auch hier achtest du darauf, den Rumpf stabil und das Becken parallel zum Boden zu halten. (10–15 Wiederholungen, anschließend wiederholst du Übung 2 und 3 mit dem rechten Bein).
4. Adho Mukha Shvanasana – Herabschauender Hund
Stelle im Vierfüßler die Zehen auf, schiebe die Hände fest gegen die Matte und hebe das Becken in den Hund. Vertrete dir einen Moment lang die Beine und dehne dabei Po und Beinrückseiten. Zusätzlich kannst du auch hier das linke Bein heben und mit der lang nach hinten gestreckten Ferse pulsierend gerade nach oben kicken. (10 Wiederholungen, dann Seitenwechsel, anschließend nochmals dehnen)
5. Hoher Ausfallschritt – dynamische Variation
Hebe im Vierfüßler das linke Bein und ziehe den Fuß dann nach vorne zwischen die Hände. Stabilisiere dich durch beide Füße und Beine, bevor du die Hände vom Boden löst und den Oberkörper aufrichtest in den hohen Ausfallschritt. Dabei streckst du die Arme lang nach oben. Aus dieser Haltung beginnst du, das hintere Bein in jeder Ausatmung dynamisch zu beugen und es einatmend wieder zu strecken. Bei jedem Beugen ziehst du außerdem die Hände dabei zu Fäusten geballt vor die Brust. (8-10 Wiederholungen, anschließend Seitenwechsel)
6. Bretthaltung
Die folgenden 4 Übungen kannst du einzeln üben und einige Atemzüge lang halten, oder du verbindest sie zu einer geschmeidigen Abfolge, die du 3-5 Mal wiederholst. Du beginnst, indem du aus dem Vierfüßler die Beine nach hinten streckst, dabei stehen die Schultern senkrecht über den Händen, du stehst auf deinen Zehenballen und aktivierst kraftvoll den Bauch. Deine Ausrichtung, stabilisiere das Becken und hebe die Brust (5 Atemzüge).
Aus dem Brett beugst du die Arme und senkst den gestreckten Körper, bis er auf Höhe der Ellenbogen über der Matte schwebt. Dabei hältst du die Ellenbogen dicht am Rumpf. Wenn die Kraft in Armen und Bauch dafür nicht ausreicht, setzt du die Knie auf dem Boden ab.
8. Urdhva Mukha Shvanasana – Aufschauender Hund
Ziehe die Brust aus Chaturanga nach vorne und oben, während du zugleich über die Zehen auf die Fußoberseite rollst und die Arme streckst. Bilde dabei eine Spannungslinie durch den gesamten Körper und hebe dich kraftvoll aus den Schultern heraus.
9. Adho Mukha Shvanasana – Herabschauender Hund
Hebe das Becken, rolle die über die Zehen wieder zurück auf die Ballen und schiebe dich von den Händen ausgehend durch Schultern und Rücken bis zu den Sitzknochen nach hinten in den herabschauenden Hund. Auch hier achtest du darauf, dich kraftvoll aus den Schultern zu heben, statt dich in die Haltung hinein hängen zu lassen.
10. Hoher Ausfallschritt – dynamische Variation
Wiederhole die bei Übung 5 beschriebene dynamische Bewegung aus dem hohen Ausfallschritt. (8- 10 Wiederholungen) Wenn deine Kraft es erlaubt, wechselst du im Anschluss nicht zum rechten Bein, sondern machst gleich weiter mit Übung 11. Alternativ kannst du aber auch wechseln und einige Dehnungs- und Entspannungsübungen zwischenschalten.
11. Virabhadrasana 3 – Heldenhaltung 3, dynamisch
Verlagere aus dem hohen Ausfallschritt das Gewicht auf den vorderen, linken Fuß, stoße dich mit dem hinteren sanft ab, strecke das Standbein und kippe den Oberkörper nach vorn, so dass er mit dem hinteren, rechten Bein in einer Linie steht, entweder diagonal oder maximal waagerecht. Drehe die hintere Ferse etwas nach außen, das hilft dir, das Becken parallel zum Boden auszurichten. Lege die linke Hand an die Hüfte und strecke den rechten Arm senkrecht nach unten. Dann richtest du dich wieder auf, setzt die Zehenspitzen des freien Beins sacht hinter dir auf und kehrst gleich wieder zurück in die Heldenhaltung. (3–5 Wiederholungen, dann Seitenwechsel).
12. Krabben-Squat
Lege im Stand deine Hände auf die Hüften und hebe dein rechtes Knie. Dann führst du das gehobene Bein hinter dich, beugst gleichzeitig das Standbein und kommst in einen tiefen Ausfallschritt mit abgelegtem Schienbein und Fußrücken. Aus dieser Haltung bringst du wieder Druck auf den vorderen Fuß und kehrst zurück in die Ausgangsposition. (5-8 Wiederholungen, dann Seitenwechsel)
13. Pistolen-Squat
Strecke aus dem Stand den linken Fuß nach vorn und hebe die Hände waagerecht nach vorn. Dann beugst du langsam das Standbein und kommst in eine einbeinige Hocke, bei der die Ferse des Standbeins möglichst am Boden bleiben sollte. Du kannst dich stabilisieren, indem du die Hände auf zwei Blocks aufstützt. Vielleicht gehst du zu Beginn nur in die halbe Hocke und arbeitest dann daran, das Becken allmählich bis zum Sitzen abzusenken. (5-8 Wiederholungen, dann Seitenwechsel)
Tipp: Wenn du schon ziemlich kraftvoll bist, verbindest du Übung 11-13 ohne Seitenwechsel.
14. Upavishtha Konasana – Vorwärtsbeuge aus der sitzenden Grätsche
Nachdem du dich etwas in der Stellung des Kindes entspannt hast, setzt du dich mit gegrätschten Beinen auf die Matte und richtest Becken und Wirbelsäule auf, dabei hilft dir evtl. eine unter die Sitzknochen geschobene gefaltete Decke. Beuge dich zunächst locker über das eine Bein, dann das andere, bevor du schließlich langsam und mittig nach vorne gehst. Genieße die Dehnung, halte Rumpf und Beine aber aktiv. (5-10 Atemzüge)
15. Hüftbeuger-Lift
Richte dich wieder auf, wende dich in der Grätsche zum linken Bein und setze die Fingerspitzen beidseits von Oberschenkeln oder Knien auf die Matte. Hebe das gestreckte linke Bein jetzt in kleinen pulsierenden Bewegungen 10 Mal an. Wiederhole das selbe mit dem rechten Bein, dann lockere beide Beine durch Ausschütteln oder eine kleine Massage. Beim zweiten Durchgang kannst du, wenn möglich, die flachen Hände aufsetzen. Beim dritten versuchst du, die Hände mittig vor dem Körper aufzusetzen und beide Beine gleichzeitig zu heben.
IRENE PAPPAS kommt vom Ashtanga und Rocket Yoga, hat sich aber auch ausgiebig mit anderen Formen funktioneller Bewegung beschäftigt, etwa Pilates, Akrobatik und Training mit Gewichten. Der Name ihrer Website ist daher Programm: fitqueenirene.com
In diesen bewegten Zeiten hat sich unsere Asana-Kolumnistin auf eine klassische Haltung besonnen, die wie kaum eine andere ein Gefühl von Verbundenheit, Stabilität und Zentrierung vermittelt: den Baum. Aber Jelena wäre nicht Jelena, würde sie nicht auch hier einen innovativen Dreh finden …
Im Baum (Vrikshasana) kannst du im gesamten Körper ein Gefühl von Standhaftigkeit entwickeln. Wir verwurzeln uns in dieser klassischen einbeinigen Balance über das Standbein nach unten und fühlen uns so mit der Erde und unserer Welt friedvoll verbunden. Genau wie ein Baum es tut, wenn eine leichte Brise oder auch ein stärkerer Wind durch seine Blätter und Zweige rauscht, stehen auch wir dabei nicht starr: Unsere Stabilität und Widerstandskraft entsteht im Gegenteil erst dadurch, dass wir uns lebendig bewegen lassen, dabei aber in unserer Mitte bleiben und auf unsere Wurzeln vertrauen können.
Hier kombiniere ich den Baum mit hinter dem Rücken aneinander gelegten Händen (Namaskarasana). Die betende Geste verstärkt noch die Wirkung des Baums: innehalten und einkehren, um sich der Verbundenheit bewusst zu werden – ganz konkret, indem du spürst, wie du jetzt hier an diesem Ort des Übens bist, aber auch sinnbildlich im Gefühl der liebevollen Verbundenheit mit allen Menschen und Wesen. Indem wir die Hände hier nicht vor dem Herzen, sondern hinter dem Körper aneinander legen, bringen wir den Fokus weg von der im Alltag vorherrschenden Ausrichtung nach vorn, wo wir aktiv und im Handeln sind. Wir spüren unsere Rückseite, dürfen uns selbst eine Stütze sein und uns daran erinnern, was uns im Leben im wahrsten Sinn des Wortes „Rückhalt“ gibt.
Foto: Sofia Gomez Fonzo
Macht das Spaß?
Auf jeden Fall. Die kleine Veränderung, die Hände nicht wie üblich vor dem Herzen aneinander zu legen, sondern hinter dem Rücken, bringt eine neue Herausforderungen für die Balance, die aber für alle Level zugänglich ist. Gleichzeitig dehnt sieSchultern und Unterarme und weitet den Herzraum.
Muss ich das können?
Natürlich nicht. Aber wenn du gerne experimentierst, dann bietet diese Variante dir eine schöne Gelegenheit deine Praxis (oder auch zwischendurch mal schnell deinen trockenen Büroalltag) aufzulockern, deine Balance zu testen und deine Mitte zu stärken.
Was muss ich dafür tun?
Sehr feste Schultern werden sich für ein kleines Warm-up bedanken: Lasse Schultern und Arme locker kreisen und schwingen und übe die Armhaltung vorab im Stehen in den vorbereitenden Varianten (Fäuste gegeneinander drücken, Unterarme oder Ellenbogen umfassen). Zusätzlich mobilisierend wirken Gomukhasana-Arme (eine Hand greift hinter dem Rücken von unten die andere Hand, die von oben kommt – eventuell überbrückst du die Distanz mit einem Gurt).
Step by step in den betenden Baum
1 Beginne im hüftbreiten Stand. Falls du weißt, dass die Balance dir (heute) eher schwer fällt, stellst du dich mit einer Armlänge Abstand und dem Gesicht zur Wand und fixierst dort einen festen Punkt (Drishti) auf Augenhöhe.
2 Verlagere das Gewicht auf dein linkes Bein, verwurzle dich durch den Fuß nach unten und zentriere dich. Dann legst du den rechten Fuß an die Innenseite des linken Oberschenkels (mit oder ohne Zuhilfenahme deiner Hände) und drehst das gebeugte Knie nach außen. Schiebe die Ferse fest gegen den Schenkel und den Schenkel gegen den Fuß, um dich zu stabilisieren und den Fuß nicht abrutschen zu lassen. Falls das zu wackelig ist oder deine Hüften es nicht erlauben, kannst du den Fußballen am Boden lassen und die Ferse locker ans Fußgelenk des Standbeins legen. Fortgeschrittene können den rechten Unterschenkel auch in den halben Lotus legen.
3 Hebe nun beide Arme auf Schulterhöhe zu den Seiten, drehe die Handflächen nach hinten und führe die Hände zueinander. Wenn möglich, legst du die Handflächen vorsichtig und ohne ruckartige Bewegungen aneinander. Wenn das nicht geht, schiebst du die geballten Fäuste gegeneinander oder umfasst deine Ellenbogen.
4 Stabilisiere den Bauch, um nicht ins Hohlkreuz gezogen zu werden. Dann wachse in beide Richtungen: Über das Standbein schickst du deine Wurzeln in die Erde, gleichzeitig entfaltest du dich über deine Kopfkrone hinaus in den Himmel. Atme dabei möglichst so ruhig, als würdest du ganz einfach in Tadasana, der Berghaltung stehen. Wenn du sehr stabil und leicht stehst, kannst du damit experimentieren, vorsichtig die Augen zu schließen. Nach 5-15 Atemzügen löst du die Haltung behutsam auf und wechselst zum anderen Bein.
Andrea Helten übt mit Kindern spielerisch die Achtsamkeit
Zehn Dreijährige sitzen mit geschlossenen Augen in Reih und Glied im kreuzbeinigen Sitz und atmen in ihren Bauch? – Not gonna happen! Trotzdem können auch Kinder schon viel von den Wirkungen des Yoga profitieren. In einigen Yogastudios, Kindergärten und Schulen wird mittlerweile Yoga für Kinder angeboten.
Kinderyogalehrerin und Buchautorin Andrea Helten unterrichtet seit 10 Jahren Kinderyoga und weiß genau worauf es ankommt, wenn man spielerisch yogische Werte vermitteln will. Sie erklärt, warum der Spaß im Kinderyoga immer an erster Stelle steht und teilt berührende und lustige Geschichten aus ihrem Alltag als Kinderyogalehrerin. Willst du wissen was sich hinter ihrem Motto „Kinderyoga rockt“ verbirgt?