Yoga-Mythbuster: „Detox“ im Yoga

Detox im Yoga Mythbuster

Kennst du schon unsere neue Mythbuster-Kolumne? Yogalehrerin Eva wagt den Blick hinter die perfekte Yoga-Kulisse, wo neue Sichtweisen auch mal auf unbequeme Fragen und eine ordentliche Portion Humor treffen. Thema heute: Detox im Yoga.

Diesen Mythbuster-Beitrag möchte ich einem „Kunstbegriff“ der Yoga- und Gesundheitsszene widmen, nämlich soll es um Detox gehen. Wie immer wird dieses Thema von mir rein von der physiologischen Seite beleuchtet. 

Detox als Marketing-Tool

Denn vorab: Ich glaube an gesunde Ernährung, an das „Du bist, was Du isst“, und jeder von Euch wird bestätigen, dass man sich nach einer Schweinshaxe zum Abendbrot anders fühlt als nach der leichten Gemüsepfanne. Soll ich auch noch den morgendlichen Kater nach zu viel  Alkoholgenuss erwähnen…!? „Detox“-Tipps einzeln für sich genommen sind nicht per se schlecht, ganz im Gegenteil! Uralte Lehren wie Ayurveda haben meinen vollen Respekt und auch Fastenkuren sind nichts Neues. Gegen ein vernünftiges Innehalten ist wenig einzuwenden. Gegen die Vermarktung, die solche Kuren und zahlreiche, zumeist grüne Säfte erfahren haben, aber schon. 

Der Begriff Detox ist nicht geschützt und besitzt keine einheitliche Definition. Seit 2017 darf er nicht mehr für Produkte verwendet werden, die keine gesundheitsbezogene Wirkung haben (siehe entsprechendes Urteil vom Bundesgerichtshof). Und schon 2015 hat das Landgericht Düsseldorf festgelegt, dass eine Kräutertee-Mischung nicht länger mit dem Begriff „Detox“ werben darf, da hiermit eine gewisse Wirkung auf den Körper suggeriert werden würde. Da diese Wirkung wissenschaftlich nicht belegt werden konnte, war die gesundheitsbezogene Angabe ab sofort nicht mehr zulässig. 

Lies auch: Drehhaltungen im Yoga: So richtest du dein Becken aus

Das Problem mit Detox-Yoga

Aber zurück zum Thema, denn hier soll es um Yogastunden gehen, die in München meist  nach dem Oktoberfest oder den genussreichen Weihnachtsfeiertagen wie Pilze aus dem Boden sprießen und die dem Teilnehmer schon im Kursnamen „Detox“ oder „Entgiften“ versprechen oder zumindest suggerieren. Diese Yogastunden sind meist durch eine Vielzahl von Rotationshaltungen geprägt und tatsächlich kommt man bei Twists mehr ins Schwitzen als sonst (dies sind aber keine Entgiftungsprozesse, sondern die Tatsache ist ganz einfach muskulär erklärbar!). Hot-Yoga-Kurse werden von Haus aus mit dem Schlagwort Detox beworben, was bei der  genauen Untersuchung der Hauptbestandteile von Schweiß, der zu mehr als 99% aus Wasser besteht, allerdings gar nicht stimmen kann. 

Physiologisch ist es aber genau anders herum: Der Körper entgiftet uns, nicht wir unseren Körper! Natürlich können wir unseren Körper in seiner Funktion immer unterstützen und  entlasten, aber die Arbeit übernehmen bei einem gesunden Menschen die inneren Organe mit Hilfe ausgeklügelter Mechanismen: Unerwünschte Stoffe werden über Leber (im Team mit der Galle), Nieren, Darm, Haut und Atmung ausgeschieden. Die zentralste Rolle spielt definitiv die Leber, die am Stoffwechsel von Fetten, Kohlenhydraten und Eiweißen und an der Speicherung von Vitaminen und Spurenelementen maßgeblich beteiligt ist. Das Organ gilt daher als echte Chemie-Fabrik unseres Körpers. Giftige Stoffe werden hier aufgespalten und auf Ausscheidung programmiert. 

Ist der Körper in der Durchführung seiner Ausscheidungsprozesse nicht mehr selbstständig in der Lage, liegt eine Krankheit vor und der Körper braucht kein Detox-Yoga, sondern medizinische Hilfe. Die Dialyse ist hier ein sehr bekanntes Beispiel, oder im Fall von echten Vergiftungen ein Gegenmittel. Auch können sich Dioxine und toxische Schwermetalle wie Blei im Körper ansammeln, aber es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass  „Detox“ bei derartigen Vergiftungen helfen kann. Sie müssen professionell ausgeleitet werden. Während also die Variation an Detox-Diäten und -Produkten immer weiter zunimmt, hat die Wissenschaft bisher weder Schlacken im Körper nachweisen, noch einen Nutzen von Detox-Kuren belegen können. 

Lesetipp: Übungen für eine heilende Atmung von Roland Steiner

Der Mythos vom Entgiften durch Körperhaltungen

Um das Thema abzurunden, möchte ich zusammenfassen. Das Stundenbild „Rotation“ ist  auch fester Bestandteil meines Programms und begegnet Dir im gewohnten Sieben-Wochen Zyklus. Solche Kurse können Deinen Stoffwechsel und die Durchblutung der inneren Organe anregen. Außerdem wird gezielter als sonst Stress abgebaut, die Brustwirbelsäule wird mobilisiert und Blockaden werden gelöst. 

Aber solche Yogastunden und auch keine anderen äußerlich angewendeten Techniken können Einfluss auf die ausgeklügelte Autonomie der Vorgänge im Innern Deiner Organe nehmen. Dein Körper ist keine Zahnpastatube, die man willkürlich ausquetschen oder auswringen kann – und ich möchte auch anführen, dass ebenso die Ausschüttung von Hormonen nicht aufgrund einer vermehrten Durchblutung erfolgt, sondern dank neurovegetativer Prozesse, die sich zum Glück (!) durch keine Körperhaltung beeinflussen lassen.  Stammgäste kennen mein beliebtes Zitat bereits: Hast Du schon mal einen Oktoberfest Besucher gesehen, der sich die unerwünschten Promille erfolgreich aus der Leber rotiert hat? Eben…! Auf der Wiesn eingenommene, verdrehte Körperhaltungen kommen vor, haben aber nichts mit Yoga zu tun. 

Ein schönes Schlusswort hat Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner an der Universität  Hohenheim, formumiert: Bei der Detox-Idee handelt es sich um Halbwahrheiten,  zusammengerührt und mit haarsträubenden Begründungen zu einem Konzept erhoben, das keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand halten würde. 

Lies auch diesen Yoga-Mythbuster: „Practise and all is coming!?“

Unsere Mythbuster-Kolumnistin und Yogalehrerin Eva kommt ursprünglich aus dem Leistungssport. Aufgrund einer gesunden Neugier liebt sie es, sich mit anatomischen Fragen auseinanderzusetzen und so den eigenen Körper besser zu verstehen. Zusätzlich nutzt sie ihr Wissen, um die Yogawelt immer inklusiver zu machen. Mehr Infos auf Instagram: @yogacycle_by_eva. Porträtbild: Sonja Netzlaf www.sonjanetzlaf.com

Floras Rezept für vegane Cupcakes: Besser als Krapfen

Cupcakes vegan Marmelade

Egal ob du sie nun Berliner Pfannkuchen oder Krapfen nennst – im Moment kommen wir kaum an dem Saison-Gebäck vorbei. Oder doch? Heute verrät uns Flora, Yogalehrerin und Köchin aus Leidenschaft, warum sie keine Krapfen mag und jetzt lieber vegane Cupcakes mit Lieblingsmarmelade backt.

Ich frittiere eigentlich gerne, allerdings lieber Salziges. Während ich fast alles (tierleidfreie) Essen mag, bin ich mit Krapfen nie so recht warm geworden, vielleicht liegt es daran, dass ich schlimme Erinnerungen an ein Überessen im Kindergarten noch nicht überwunden habe: Hollerküchle, viele davon, waren der Grund. Und der Grund, viele zu essen, war der, dass ich ganz begeistert davon war, dass man Blumen essen kann. Heute freue ich mich jeden Tag, Pflanzen zu essen, und backe nicht nur zu Fasching gerne mit Marmelade gefüllte kleine Kuchen. Besser als alle Krapfen der Welt, finde ich.

Lesetipp: Floras Rezept für schnelle vegane Kekse

Rezept für 8 vegane Cupcakes

Je 3 Esslöffel (Vollrohr-)Zucker und (neutrales Brat-)Öl verrühren, mit etwas Salz und Zimt und ¾ Tasse (Oma-Kaffeetasse oder cup) Wasser glattrühren. 1 ¼ Tassen Mehl (z.B. Weizen 1050), ¼ Tasse geriebene Haselnüsse oder Kokosflocken und 1 gehäuften Esslöffel Kakao unterheben, nach Belieben 1 Teelöffel Backpulver dazu (mit werden sie fluffiger, ohne eher wie Brownies). Muffinformen vorbereiten und etwa zu 1/3 mit Teig füllen. Je 1 Teelöffel Marmelade in die Mitte und mit restlichem Teig bedecken. Bei 180 Grad etwa 20-25 min backen. Kurz abkühlen lassen, mit etwas Marmelade bestreichen und mit Kokosflocken statt Konfetti bestreuen. Essen und freuen!

Probiere doch auch mal diese goldenen Kekse von Flora!


Yogalehrerin Flora Fink

Flora Fink ist nicht nur Yin Yoga-Lehrerin und Ayurveda-Coach sondern auch leidenschaftliche Bäckerin. Für uns kreiert die Augsburgerin neue, vegane und himmlisch leckere Rezepte. Lust auf noch mehr kreative Rezeptideen? Dann folge Flora auf Instagram.

Yoga bei Ischias-Schmerzen

Yoga Ischias

Ischias-Schmerzen können verschiedene Gründe haben. Durch Yoga lässt sich herausfinden, welche dabei individuell eine Rolle spielen.

Jeder, der schon mal mit dem Ischias-Syndrom zu kämpfen hatte, weiß: Gereizte Ischias-Nerven sind nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, deine Aufmerksamkeit zu erregen. Diese Nervenbahnen, die sich vom unteren Rückgrat bis zur Rückseite deiner Beine erstrecken, lösen manchmal einen plötzlichen, stechenden Schmerz aus. Manchmal auch ein leichteres Kribbeln vom unteren Rücken abwärts zu den Waden, das sich durch ein banales Niesen verstärken kann. „Yoga ist dabei sehr hilfreich, denn der Übende lernt dadurch, auf seinen eigenen Körper zu hören,“ wie Dina Amsterdam, Gründerin von InnerYoga in San Francisco erklärt.

Hilfe bei Ischias Schmerzen

Die Ischias-Nerven sind die längsten Nerven in deinem Körper. Also kann es durchaus schwer fallen, die Quelle des Schmerzes genau zu lokalisieren. Die Muskeln rund um das Iliosakralgelenk – der Punkt, an dem das Kreuzbein und das Becken miteinander verbunden sind – kann eine tragende Rolle beim Ischias-Syndrom spielen, so Amsterdam. Der Schlüssel liegt darin, durch das Ausprobieren verschiedener Haltungen herauszufinden, welche die meiste Entlastung mit sich bringt.

Lesetipp: Verspannungen im Rücken lösen

Denjenigen, die an Ischiasschmerzen leiden oder zukünftige Probleme vermeiden wollen, empfiehlt Amsterdam die hier abgebildete Übungssequenz. Diese dehnt die hinteren Oberschenkelmuskeln und äußeren Hüftrotatoren und somit Raum im Iliosakralgelenk schafft. Besonderes Augenmerk sollte man dabei auf den Atem richten. Man sollte bewusst üben und sich selbst gegenüber Güte walten lassen. „Viele Probleme des unteren Rückens lassen sich auf Stress zurückführen“, sagt die Expertin. „Wenn sich der Stress löst, entspannt sich auch der untere Rücken.“

Zeit für Veränderungen

Beginne diese Praxis auf dem Rücken, die Waden auf dem Sitz eines Stuhles, die Hände auf deinem Bauch. Bleibe für einige Minuten in dieser Haltung und nimm ein paar tiefe, ruhige Atemzüge. Beobachte, wie sich dein unterer Rücken und deine Hüften anfühlen. Spürst du dabei Ischias-Schmerzen, dann tastest du dich vorsichtig an die Haltungen heran und gönnst dir Pausen, um wahrzunehmen, wie es dir geht. Übe die abgebildeten Haltungen für fünf bis zehn Atemzüge auf jeder Seite. Zum Schluss entspannst du wieder mit deinen Waden auf dem Stuhl. Beobachte, was sich durch die Praxis verändert hat.

Lesetipp: Dr. Ronald Steiner – Yoga gegen Rückenschmerzen

I. Apanasana (Knie-zur-Brust-Haltung)

Ischias Yoga

Für diese sanfte Yin Praxis kannst du gerne deine Matte mit einer Decke auspolstern. Komme zuerst in die Rückenlage und ziehe die Knie zur Brust. Richte dich von der Lendenwirbelsäule bis zum Nacken möglichst gerade aus, sodass möglichst viel vom Rücken auf der Matte aufliegt. Entweder du kommst in der Knie-zur-Brust-Haltung in die Stille oder du kreist sanft das Kniepaket. So massierst du den unteren Rücken.

II. Sucirandhrasana (Nadelöhr-Haltung)

Ischias Yoga

Lege dir einen Yogagurt oder ein Tuch als Hilfsmittel bereit. Stelle beide Füße hinter dem Gesäß auf. Ziehe zuerst das rechte Knie zur Brust. Dann öffnest mit den Händen sanft die Hüfte. Lege den rechten Knöchel auf dem linken aufgestellten Knie ab und hebe dann das gesamte Paket ab und ziehe es zur Brust. Geh nur so weit, wie noch der gesamte Rücken bequem auf der Matte aufliegen kann. Gehe direkt weiter zur nächsten Übung mit dem rechten Fuß. Die linke Seite üben wir im Anschluss.

III. Supta Padangusthasana (liegende Hand-zum-Zah-Haltung)

Ischias Yoga

Löse zuerst den rechten Knöchel vom linken Knie. Strecke das linke Bein zum Boden hin aus und lege die linke Hand auf der linken Hüfte ab und fixiere sie so am Boden. Befestige jetzt dein Hilfsmittel am rechten Fußballen und öffne das ganze Bein zur rechten Seite. Schau mal, wie weit du dein rechtes Bein strecken kannst, ohne dass sich deine linke Hüfte vom Boden abhebt. Wechsel nun die Seite und beginne bei Übung III auf der linken Seite.

IV. Eka Pada Rajakapotasana (einbeinige Taubenhaltung)

Ischias Yoga

Komme jetzt in den Vierfüßlerstand. Ziehe dein rechtes Knie zur Nase. Lege dann den Unterschenkel in Richtung der Hände ab. Strecke dabei sein hinteres linkes Bein am Boden aus. Nimm dir gerne einen Block oder ein Kissen unter die rechte Pobacke, damit die Hüfte neutral ausgerichtet wird. Finde für den Oberkörper die bequemste Position. Ob mit aufgestellten Händen, gebeugt über die aufgestellten Unterarme oder du die Stirn auf deine Hände gebettet. Über den Vierfüßlerstand wechselst du die Seite. Im Anschluss entspannst du dich noch eine Weile in Savasana. Nimm dir dafür besonders mit Ischias-Beschwerden ein Bolster oder eine gerollte Decke in die Kniekehlen, sodass dein unterer Rücken entlastet wird.

Entspanne dich mit Yoga gegen Stress: Asanas plus Playlist


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Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich lösen

Heute zeigt dir Yogalehrerin Ranja Weis, wie du mit wenigen einfachen Übungen in nur fünf Minuten deine Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich lösen kannst.

Wenn wir gestresst sind und viel um die Ohren haben, zeigt sich das auch in unserem Körper. Ganz unbewusst versteifen wir den Nacken und ziehen die Schultern hoch. Daraus können sich schnell unangenehme Verspannungen bilden – besonders wenn wir noch dazu lange im Sitzen arbeiten, ohne uns zu bewegen.

Yogalehrerin Ranja Weis kennt das Problem und hat zum Glück auch eine Lösung. In dieser Mini-Sequenz zeigt Ranja dir Step by Step, wie du ganz einfach die Verspannungen lockerst und so Schultern und Nacken sanft wieder in Bewegung bringst. Alles das du dazu brauchts ist eine Yogamatte und eine Decke (ein flaches Kissen geht auch) und fünf Minuten Zeit. Schalte Radio und Handy aus und – wenn möglich – ziehe dich ein wenig zurück, damit dein Kopf für diese Zeit zur Ruhe kommt.

Video-Tipp: Pranayama für den Abend – Runterkommen und entspannen

Wenn du möchtest, kannst du diese Übung als festes Ritual in deinen Tag einbauen und sie auch einfach mal zwischendurch im Homeoffice durchführen. So bleiben Schultern und Nacken geschmeidig und Verspannungen haben es schwerer sich breit zu machen.

Video: Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich lösen

Mehr zu Ranja findest du auf ranjaweis.com und auf Instagram.

Yoga-Mythbuster: „Practise and all is coming“?

Yoga Mythbuster Körper

In unserer neuen Mythbuster-Kolumne wagt Yogalehrerin Eva den Blick hinter die perfekte Yoga-Kulisse: Neue Sichtweisen treffen auf manchmal unbequeme Fragen und eine ordentliche Portion Humor. Heute geht Eva der Frage nach: Kann jeder Körper jede Asana schaffen? Und muss das überhaupt sein?

Bewusst wähle ich zum Einstieg das hochproblematische Zitat vom nicht minder hochproblematischen Pattabhi Jois, der für seine menschen- und frauenverachtenden Praktiken im Yoga inzwischen hoffentlich auch einer breiteren Masse bekannt sein sollte (könnt ihr also bitte aufhören, dieses Zitat zu posten?). Neben dieser Tatsache zeige ich heute aus einem physiologischen Blickwinkel auf, dass diese Aussage schlichtweg unwahr ist: Lasst uns über Knochen und das menschliche Skelett sprechen!

Ich möchte die Antwort vorwegnehmen und diesen Artikel dem Thema widmen, warum es tatsächlich sein kann, dass du einzelne Asanas nie (vollständig) einnehmen können wirst, und dass diese Tatsache nichts (!) mit Übung bzw. Trainingsfaulheit zu tun hat. Und es hat in einigen Fällen ebenfalls nichts mit deiner Kraft oder Beweglichkeit zu tun! Denn: Jeder Körper hat eine ganz eigene Knochenstruktur, Knochenlängen und Hebelverhältnisse, und diese sind durch Training nicht veränderbar. Ich möchte den Sachverhalt heute ansprechen, weil ich das Gefühl habe, dass dieses Wissen im deutschsprachigen Raum noch zu wenig Verbreitung gefunden hat. Pioniere in der Arbeit mit diesen Themen, zumindest im Yogabereich, sind definitiv Bernie Clark und Paul Grilley. Clark hat das Bewusstsein der individuellen Anatomie maßgeblich mit geprägt. Leider nur im Bereich des Yin Yoga arbeitet Paul Grilley.

Ungewöhnliche Knochenlängen

Mich begleiten ungewöhnliche Knochenlängen tatsächlich seit dem Tag meiner Geburt: Meiner Mutter fielen meine langen Daumen auf und sie fragte sogar bei einem Arzt im Krankenhaus nach, ob er so etwas schon mal gesehen hätte. Meine Musiklehrerin hingegen war entzückt und rief sogar bei uns zu Hause an und fragte, ob ich nicht Klavierstunden nehmen möchte. Die Spannweite zwischen meinem Daumen und kleinen Finger sei ungewöhnlich und ich hätte ergo perfekte Voraussetzungen, um auch weit voneinander entfernte Tasten gleichzeitig spielen zu können.

Postwendend kam die Absage meines Vaters (ein sehr erfolgreicher Leichtathlet), der mich wiederum quasi von Kopf bis Fuß vom Arzt seines Vereins vermessen ließ – und früh war klar, dass ich nie wie eigentlich erträumt eine Hochspringerin werden könnte: „Viel zu schwer und steif im Rücken. Lass sie rennen oder Diskus werfen!“ Schon hier sieht man: Ein Körper kann definitiv für gewisse Disziplinen besser oder schlechter geeignet sein…

Lesetipp: Warum Asanas im Yoga nicht alles sind

Jeder Körper hat andere Fähigkeiten

Nach der Pubertät hat das Skelett seine Grundform erreicht, wenn man davon ausgeht, dass ihm hoffentlich keine Deformationen durch äußere Einflüsse zugefügt werden und die degenerativen Prozesse, z.B. durch die Alterung, zunächst ausklammert. Und: Jede Person hat eine einzigartige Knochen- und Gelenkstruktur! Diese Tatsache ist sogar nicht nur (wie in meinem Beispiel) auf die Längenverhältnisse bezogen, sondern es haben auch die verschiedenen Intensitäten der wachstumsbedingten Torsionen einen Einfluss auf die Fähigkeiten des jeweiligen Körpers. 

Welches Bewusstsein sollten wir auf Basis dieser Erkenntnisse also entwickeln, egal ob wir Lehrer*innen, Trainer*innen oder Übende sind?

Gute Lehrer*innen verstehen deinen Körper

Einige Asanas werden für bestimmte Körpertypen nie zugänglich sein, unabhängig davon, wie viel Yoga sie machen. Und: Zu wirklich jeder Regel in der Anatomie gibt es Ausnahmen und Abweichungen. Suche dir Lehrer*innen, die genau hinschauen. Eine Person, die keinen Leistungsdruck aufbaut, sondern sieht, wenn dein Körper eine natürliche Grenze erreicht hat. Jemand der dir dabei hilft, Endpunkte deiner Flexibilität unterscheiden zu lernen und dich so befähigt, Kompression (Knochen zu Gewebe) und Muskelwiderstand zu erspüren. Ganz wichtig: Lass dir nicht von Instagram und Co. diktieren, wie eine Asana auszusehen hat.

Interessierte Lehrer*innen wollen Übungen finden und Anleitungen geben, die für jedes Individuum innerhalb einer Klasse funktionieren – anstatt universeller Hinweise trotz der einzigartigen Anatomien. Denn während man in Personal-Yoga-Stunden nur eine Person vor sich hat (ebenso wie im traditionellen Yoga), ist der Personenanzahl in Gruppenkursen, je nach Gegebenheiten, scheinbar kein Limit nach oben gesetzt. 

Lesetipp: 10 Maximen für Yogalehrer von Mark Stephens

Jagd nach dem Unerreichbaren

Immer wieder wird mir berichtet, dass Übende sich schlecht und nicht spirituell genug fühlen, weil sie diese und jene Asana noch nicht beherrschen, und sich daraufhin auferlegen, „noch härter arbeiten zu müssen“. Die Jagd nach dem Unerreichbaren hat begonnen. In einer (Yoga-)Welt, die uns glauben macht, dass man lediglich härter und länger trainieren muss um „besser“ zu werden, zeigt die Wissenschaft, dass nicht jeder Körper in der Lage ist, jede Asana zu erreichen. Einfach aufgrund einzigartiger anatomischer Unterschiede. Das Festhalten an dogmatischen Ausrichtungsregeln, die für alle Menschen gelten sollen, ist ergo ein Missverständnis, das gegen wissenschaftliche Erkenntnisse verstößt. Es gibt tatsächlich keine universelle Ausrichtung, die für jede Asana gilt, und es gibt auch keine perfekte Ausführung, die für jede Person gilt. Jeder Körper hat unterschiedliche Fähigkeiten, von denen einige eben verändert bzw. trainiert werden können, und andere eben nicht.

Mein Schlusswort bringt es hoffentlich auf den Punkt: Es gibt keine einzige (!) Asana, die jeder menschliche Körper erreichen kann. Denk mal drüber nach!


Unsere Mythbuster-Kolumnistin und Yogalehrerin Eva kommt ursprünglich aus dem Leistungssport. Aufgrund einer gesunden Neugier liebt sie es, sich mit anatomischen Fragen auseinanderzusetzen und so den eigenen Körper besser zu verstehen. Zusätzlich nutzt sie ihr Wissen, um die Yogawelt immer inklusiver zu machen. Mehr Infos auf Instagram: @yogacycle_by_eva. Porträtbild: Sonja Netzlaf www.sonjanetzlaf.com

Titelbild: Photo by Liveology on Unsplash

30 Minuten: „Yoga für Anfänger“

Du möchtest Yoga üben, weißt aber nicht so Recht wie du damit anfangen sollst? Kein Problem. Yogalehrerin Sinah Diepold zeigt dir in diesem Video, wie du auch als Yoga-Anfänger ganz entspannt in deine ersten Yoga-Posen kommst. Also Matte ausrollen und losgeht’s mit dem Beginner Yoga Flow.

„Dieses Video eignet sich zum Einstieg für Yoga. Eine einfache Basic Sequenz, genau erklärt, mit einem kleinen Intro zum Ablauf einer Yogastunde. Schön, dass du dir Zeit für dich nimmst und dir etwas Gutes tust. Danke für dein Vertrauen und viel Spaß. Du brauchst kein Equipment außer einer Yogamatte und vielleicht einem Kissen für den Anfang. Ich freue mich sehr über dein Feedback. Deine Sinah“

Video gedreht und geschnitten von Susanne Schramke.

Was bedeutet Ahimsa?

Was ist Ahimsa

a.him.sa / əˋhim,sa / Substantiv – Respekt für alle Lebewesen; Vermeidung von Verletzung und Gewalt – Ahimsa, der konsequente Verzicht auf Gewalt, ist das wichtigste ethische Prinzip des Yoga. Doch was bedeutet das konkret? Und wie können wir das in unser tägliches Leben hineintragen?

Wenn von Gewaltlosigkeit die Rede ist, dann geht es häufig um Gandhi oder Martin Luther King – um Menschen also, die im Angesicht von Unterdrückung bewiesen haben, welche ungeheuren Kräfte von einer friedlichen Bewegung ausgehen können. Gandhi wird sogar als „Vater der Gewaltlosigkeit“ bezeichnet, dabei hat er eigentlich im Zeichen einer viel älteren spirituellen Tradition Indiens gehandelt, als er gegenüber den britischen Kolonialherren die kulturelle und politische Identität des Landes forderte: Ahimsa. Für gewöhnlich wird dieser Sanskrit-Begriff mit „Gewaltlosigkeit“ übersetzt. Wörtlicher übertragen müsste es eher „Abwesenheit von Verletzung“ oder „Nicht-Verletzen“ heißen.

Ahimsa als ethisches Prinzip?

Als ethisches Prinzip finden wir Ahimsa schon in den Veden, den beinahe 4000 Jahre alten philosophischen und spirituellen Überlieferungen des alten Indien. Auch der legendäre Yogaweise Patanjali hat diese Schriften angeblich studiert und daraus das Yogasutra entwickelt. In diesem bis
heute ständig zitierten Quellentext gehört Ahimsa zum erstem der acht Glieder des Yoga: Yamas. Die Yamas sind Prinzipien der Selbstregulierung. Mit ihrer Hilfe sollen wir uns von Impulsen befreien, die uns immer wieder zu Opfern unseres eigenen Handelns machen. Man kann sich die Yamas als eine Art Reinigungstechnik für Körper, Geist und Persönlichkeit vorstellen. Ihre Praxis soll es uns ermöglichen, ein bewussteres, freieres Leben zu führen.

Aber nicht nur im Yoga spielt Ahimsa eine wichtige Rolle. Wir finden dieses Gebot auch in den religiösen Traditionen von Hinduismus, Buddhismus und Jainismus. Persönlichkeiten wie Gandhi lebten sogar nach der Devise Ahimsa Parama Dharma: „Gewaltlosigkeit ist das wichtigste aller Lebensprinzipien.“ Doch was bedeutet das für unser modernes Leben mit all seinen Pflichten und Zwängen? Wie konsequent können oder wollen wir uns zum Gewaltverzicht verpflichten? Und wie können wir Ahimsa ganz konkret im Alltag praktizieren – und erkennen, was es bewirkt?

Alltägliche Gewalt

Die Tatsache, dass Ahimsa im Yogasutra als eine der Praktiken von Yamas aufgeführt wird, deutet schon darauf hin: Konsequente Gewaltlosigkeit ist mit Arbeit verbunden, sie zu verwirklichen braucht Zeit und ein beständiges Üben, Überprüfen und Verbessern des Erreichten. Dabei klingt es erst mal ja ganz logisch und simpel: Ich will in einer friedlichen Umgebung leben und auch selbst niemandem Leid zufügen – und entsprechend sollte ich mich verhalten. Zum Beispiel sollte ich nicht gleich explodieren, wenn es mal nicht nach meinen Vorstellungen läuft. Genauso wenig sollte ich jemanden hintergehen, um zu bekommen, was ich mir sehnlich wünsche oder dringend brauche. Die meisten von uns finden es wohl auch falsch, sich im Supermarkt vorzudrängeln oder zu lügen. Aber sobald man versucht, sich wirklich konsequent daran zu halten, merkt man leider: Es ist in der Theorie viel einfacher als in der Praxis – und genau deshalb braucht es Übung.

Erst kürzlich habe ich im Café eine Szene beobachtet: Drei Frauen saßen während ihrer Mittagspause am Nachbartisch. Sie plauderten freundlich miteinander, tauschten sich über ihre Jobs aus und erzählten von anstehenden Reisen. Nach einer Weile verabschiedete sich eine von ihnen, weil sie zu einem Termin musste. Kaum war sie aus der Tür, begannen die anderen beiden über sie zu lästern. Es begann mit ein paar geflüsterten Kommentaren, aber im Nullkommanichts waren sie bei ziemlich deftiger Kritik und Spott angelangt. Was sie nicht bemerkt hatten: Ihre Kollegin hatte ihr Handy auf dem Tisch vergessen und kam noch mal zurück. Als klar wurde, dass sie ungewollt die Bosheiten gehört hatte, war das für alle drei sehr unangenehm. Sogar als Außenstehende konnte ich den durchdie verletzenden Worte verursachten Schmerz sehen und spüren.

Wenn Worte sich in Waffen verwandeln

Das zeigt: Verletzungen sind bei Weitem nicht nur das Resultat von körperlicher Gewalt. Worte, ein gewisser Ton, bestimmte Verhaltensweisen und sogar unausgesprochene Gedanken können sich in Waffen verwandeln. In den Veden wird daher zwischen drei verschiedenen Arten des Verletzens unterschieden:

  • kayaka („mit der Hand“, also physisch),
  • vacaka („ausgedrückt“, also verbal) und
  • manasika („im Geist“, also gedanklich).

Zwar wurde bei der Szene im Café niemandem körperlich wehgetan, aber die bösen Worte führten doch zu einem Schmerz, der auch körperlich spürbar war. Die geröteten Wangen der Frau sahen beinahe aus, als hätte jemand ihr ins Gesicht geschlagen. Sogar das flaue Gefühl in meinem eigenen Bauch fühlte
sich an, als hätte ich einen Hieb hinein bekommen. Die Blicke der drei Frauen zeigten auch, dass jeder von ihnen schmerzhafte Gedanken durch den Kopf schossen. Es war also auch geistig Leid entstanden. Mit anderen Worten: Man kann die drei Arten des Verletzens zwar theoretisch unterscheiden, dennoch sind sie untrennbar miteinander verwoben.

Wir leiden wenn wir anderen Schmerz zufügen

Und noch etwas hat mir dieses Erlebnis deutlich gemacht: Auch wenn man äußerlich betrachtet unterscheiden konnte zwischen jener, die verletzt wurde, und jenen, die ihr Schmerz zugefügt haben:
Im Grunde haben alle gelitten – und das nicht erst, als die Kollegin überraschend ins Café zurückkam. Anzunehmen, dass der Schmerz nur entstand, weil die Frau wider Willen Zeugin der bösen Worte
wurde, wäre zu einfach. Zwar hätte sie vermutlich nie von dem Gespräch erfahren und ihre Kolleginnen hätten sich nicht ertappt fühlen müssen, aber auf einer tieferen Ebene leiden wir immer auch selbst, wenn wir anderen bewusst oder unbewusst Schmerz zufügen. Das hängt damit zusammen, dass wir einen Kreislauf der Verletzung fortschreiben.

Wenn wir lächelnd das eine sagen und uns dann abwenden, um genau das Gegenteil zu sagen oder zu tun, dann gehen wir ziemlich wahrscheinlich davon aus, dass andere uns dasselbe antun. So tragen wir dazu bei, dass wir alle gegenüber unseren Mitmenschen ständig unsicher und in der Defensive sind. Ahimsa zu praktizieren bedeutet innezuhalten, genau hinzuschauen, mitzufühlen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Indem wir das tun, ermöglichen wir uns als Individuen aber auch als Menschheit ein stressfreieres, friedlicheres Leben. Wenn wir nichts zu verheimlichen oder zu bedauern haben, leben wir einfacher und freier – und genau darin besteht Yoga.

Lies auch die spannende Geschichte von Sophie: Yoga und Selbstliebe – „Ich wollte nicht mehr mit mir kämpfen“

Die Grundlage von Ahimsa

Gandhi soll gesagt haben: „Wenn man Gewaltlosigkeit nicht zuallererst in seinen persönlichen Beziehungen praktiziert, hat man sie völlig falsch verstanden. Genau wie Güte und Barmherzigkeit muss auch Gewaltlosigkeit zu Hause beginnen.“ Was allerdings nicht heißt, dass dieses Zuhause und unsere Interpretation von Ahimsa nicht von Mensch zu Mensch recht verschieden sein können. Die Veden ermutigen uns ausdrücklich dazu, das eigene Dharma, also den persönlichen Lebensweg, zu würdigen, während wir Ahimsa und andere ethische und spirituelle Prinzipien praktizieren.

Dabei ist die zwischenmenschliche Ebene für die meisten von uns sicher das naheliegendste und konfliktreichste Feld, um Gewaltlosigkeit zu üben. Doch ich selbst habe Ahimsa erst einmal anders kennengelernt: Meine Eltern haben meiner Schwester und mir immer vorgelebt, dass wir mit allen Lebewesen verbunden sind, sogar mit den scheinbar unbedeutendsten: Insekten bestäuben die Pflanzen, die wir essen, Vögel ernähren sich von Insekten, wir tragen zur Gesundheit unseres Planeten bei. Wenn wir Ahimsa praktizieren, indem wir liebevoll auch mit den kleinsten Kreaturen umgehen – zum Beispiel, indem wir eine Fliege aus der Wohnung ins Freie befördern, statt sie totzuklatschen –, dann beginnen wir mit der Zeit, die Welt anders wahrzunehmen: Wir sehen durch eine viel weitere Linse. Aber das ist nur meine persönliche Interpretation beziehungsweise die, mit der ich aufgewachsen bin. Andere Yogis setzen andere Schwerpunkte – und die Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Ansätzen ist bereichernd.

Was bedeutet Ahimsa für dich? Wo liegt dein Schwerpunkt? Hinterlasse uns gerne einen Kommentar.


Autorin Rina Deshpande unterrichtet, schreibt und forscht über Yoga und Achtsamkeit. Sie hat indische Wurzeln, ist in Florida aufgewachsen und lebt heute in New York. Mehr Info: rinathepoet.com

Titelbild: Sunyu vias unsplash

Achtsamkeit im Familienalltag mit Kindern

Achtsamkeit Familie

Erwartungen loslassen und Präsenz fühlen: Jon und Myla Kabat-Zinn sind Experten in Sachen Achtsamkeit. Sie beschreiben den achtsamen Umgang mit sich selbst und der Umwelt auch als Kompass durch den Familienalltag. Hier erfährst du, wohin er dich führen sollte.   

Text: Christina Raftery / Titelbild: Benjamin Manley via Unsplash

Verklärte Blicke aus dem Auditorium, aufgeregte Erwartung, denn der Superstar der Anti-Stress Bewegung gibt sich die Ehre: Über eine solche Formulierung würde Jon Kabat-Zinn allerdings milde lächeln oder vielleicht etwas skeptisch über seine randlose Brille schauen. In Begleitung seiner Ehefrau Myla ist er auf Einladung von Arbor-Seminare zu einem seiner seltenen Workshops im deutschsprachigen Raum gekommen. Gemeinsam leitet das Ehepaar ein Seminar zum Thema „Mit Kindern wachsen“. Rührend umständlich – und ja, achtsam – helfen sie einander, die Mikrofone anzulegen. Um freiwillig oder unfreiwillig ihre Nähe zum Thema zu demonstrieren, haben einige Teilnehmer ihre Kleinkinder mitgebracht. Beim Großteil des Publikums, denen über 40, ist diese Phase des Familienlebens vermutlich eher am Ausklingen. Der Gesamteindruck ist lässig-alternativ, viele bewusst nicht gefärbte graue Haare: Die „Achtsamkeitsszene“ (wieder so eine Formulierung) hat, von diesem Workshop aus zu urteilen, keine so glänzende Oberfläche wie die urbanen Trend-Yogis – eine irgendwie erleichternde Beobachtung.

Der Achtsamkeits-Guru des Silicon Valley

Genau darum geht es Jon und Myla Kabat-Zinn, weißhaarige Eminenzen der Entspannung und lebende Verkörperung dessen, was sie nicht nur heute in die Familien tragen wollen: Urteilt nicht, entspannt euch, seid präsent, feiert den Augenblick und hört auf mit den Erwartungen. „Never mind“ – „Lasst gut sein“.  Meditiert, aber hütet euch vor dem Selbstzweck und macht keinen Kult daraus. Welchen Nutzen das wertfreie Verweilen im Moment hat und wie man es ins eigene Leben integriert, hat der Molekular-Biologe, Medizin-Professor und Urvater der „achtsamsbasierten Stressreduktions-Therapie“ (MBSR) zunächst durch buddhistische Meditation gelernt und dann eindrucksvoll für den Westen übersetzt. Zunächst war das eine Begleitmaßnahme für die Behandlung von körperlichen Erkrankungen, dann wurde eine breite, von ihrem so genannten „Alltag“ gestresste Masse auf die Methode aufmerksam. Der Erfolg machte Kabat-Zinn unter anderem zum Guru des Silicon Valley, und ein wenig erinnert der schlaksige Visionär auch an Steve Jobs.

Die Rolle des Lernenden

Gemeinsam mit Myla beschäftigt er sich seit einigen Jahren damit, die Achtsamkeitspraxis im Familienkontext zu verankern. „Alles, was ich heute weiß, habe ich durch die Elternrolle gelernt“, gibt Kabat-Zinn zu Beginn seines Vortrags zu. Das Leben, das er als „Labor“, als Raum für Experimentierfreude, sieht, werde durch Kinder nochmal interessanter. Im Gegensatz zur Wissenschaft gelten hier jedoch keine verbindlichen Formeln:

„Achtsames Elternsein ist kein Konzept, sondern Einstellung, Geisteshaltung und Praxis.“

Kabat-Zinns Statthalter in Deutschland ist der Achtsamkeitslehrer Lienhard Valentin, der in Freiburg den Arbor Verlag und die gleichnamige Seminarreihe begründet hat. „Wenn man sicher sein will, dass man von nichts eine Ahnung hat, sollte man sich Kinder zulegen“, so Valentin bei seiner Begrüßung. Als junger Vater fühlte er sich mit seiner Erfahrung in Meditation und Gestaltpädagogik bestens vorbereitet, außerdem kannte er alle einschlägigen Standardwerke: „Wie sich herausstellte, hatte mein Sohn aber keines dieser Bücher gelesen“.

Familienleben als Meditation

Zur entscheidenden Meditationspraxis wurde also das Familienleben, auch für die Kabat-Zinns, selbst Eltern dreier Kinder. Besonders Myla – die übrigens keinesfalls im Schatten ihres berühmten Mannes stehen sollte – setzt nicht auf die formale Meditationspraxis, sondern auf Intimität mit dem gegenwärtigen Moment und auf Resonanz mit dem eigenen Wesen und dem des Gegenübers. Sprich: Nicht nur stille Einkehr bei sich selbst, sondern bewusstes Erleben, gerne auch des Karottenschälens, Bauklötze-Aufräumens und Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spielens. „Uns steht so viel mehr Intelligenz zur Verfügung als nur das Denken“, bringt die langjährige Geburtsbegleiterin die Idee der Empathie ins Spiel, in der sich Verbindung und Menschlichkeit manifestierten.

Also Mitgefühl – aber bitte auch mit sich selbst: Achtsamkeit sei die „Vollkommenheit im Unvollkommenen“, keine Lösung der Dinge, sondern ein Weg, sie zu betrachten. Eine Praxis, keine gute Idee, sondern die Anregung zum neuen Umgehen mit alten Mustern. Das könne wie ein Muskeln trainiert werden, aber im Kontakt mit Kindern niemals als Mittel, „sie auf Spur zu bringen“. Eher als ständige Erinnerung, „dass wir okay sind“. „Anderenfalls werden sie Achtsamkeit den Rest ihres Lebens lang hassen“, warnt Kabat-Zinn humorvoll. Der überzeugte Yogi, der seit 20 Jahren regelmäßig übt, beschwört das Lernen durch Wiederholung, denn „jeder Moment ist frisch“.

Das Große und Ganze betrachten

Elternsein werde durch die eigenen Erfahrungen des Kindseins beeinflusst. Der Schlüssel zur Unabhängigkeit von diesen Ideen und den damit verbundenen Erwartungen liege darin, Urteile mitfühlend zu betrachten, sie von „Unterscheidungsvermögen“ abzugrenzen – und auch dies nicht zu beurteilen. Mit der entsprechenden inneren Einstellung seien – direktes Beispiel aus dem Salzburger Seminarsaal – störende Geräusche nur Geräusche, die zur jeweiligen Umgebung gehören. „Störend ist, was wir aus ihnen machen.“ Welch ein Kompass für den Kindergeburtstag und das Fußballspiel im Hinterhof!

„Im Kontakt mit unseren Kindern müssen wir vor allem in Kontakt mit uns selbst sein“, so die Kabat-Zinns. Achtsamkeit sollte kein Ziel sein, kein weiteres Soll, sondern ein sich langsam entfaltender Prozess. „Eine spirituelle Praxis, die aus der Idee von Unzulänglichkeit betrieben wird, kann starr werden. Man sollte die Methode nicht idealisieren, aber regelmäßig anwenden – wenn die Intuition sagt, dass dieses Instrumentenstimmen wichtig ist.“ Beim bewussten Familienleben gehe es nämlich nicht nur um Kinder und Eltern, sondern um das Große und Ganze: die Gemeinschaft, letztlich die ganze Welt.

Dabei ist Wirrwarr inklusive: „Chaos bedeutet nicht, unachtsam zu sein, sondern einfach menschlich.“ Noch so ein Lieblingssatz! Dieses Verständnis von Achtsamkeit bringt mehr Raum und Weite in Beziehung – genau so, wie Kinder die unschätzbare Gelegenheit bieten, sich selbst besser kennen zu lernen. Komplett verwerfen die Kabat-Zinns an diesem Wochenende die Idee der achtsamen Supereltern. Authentische Hinwendung statt Perfektion:

„Perfekte Eltern wären sehr schwierig für ein Kind“.

Dieser Artikel stammt aus dem YOGA JOURNAL 03/2017.


Jon und Myla Kabat-Zinns Standardwerk zum Thema heißt „Mit Kindern wachsen: Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie“ (Arbor Verlag).

Mehr Info auf jonkabat-zinn.com

Wenn Yoga eine wichtige Rolle in deinem Leben spielt, ist es nur natürlich, dass du diese Begeisterung mit deinen Kindern teilst und ihnen Yoga mit auf den Weg geben möchtest. Hier geben wir dir ein paar wertvolle Tipps, wie gemeinsames Üben ihr Interesse wecken kann: