Freiheit – ein großes Wort. Spätestens seit Corona empfindet es unsere Autorin als überstrapaziert. Zumal Freiheit häufig so definiert wird, dass man machen kann, was man will. So leben, wie man will. Auch das Yogasutra beschreibt Freiheit als Ziel – aber ist das die gleiche Idee von Freiheit? Eher nicht.
Text: Sybille Schlegel / Titelbild: tjasam von Getty Images Signature via Canva
Wir sitzen im Auto. Meine Tochter verbindet ihr Smartphone mit dem Autoradio – Zeit für ihre Musik. “My love has got no money, he’s got his strong beliefs. My love has got no power, he’s got his strong beliefs. (…) Freedom and love is what he’s looking for. Freed from desire, mind and senses purified.” Ein Track der Gruppe Gala aus dem Jahr 1997. Nachdem das Kind darüber hinweg ist, dass ich den Song spontan mitsingen kann, versinken meine Gedanken. 1997 hatte ich noch rein gar nichts mit Yoga zu tun. Heute übe und studiere ich es seit mittlerweile 21 Jahren und stelle fest: “Freed from desire” beschreibt einen Yogi. Einen, dessen gesamtes Streben auf Freiheit und Liebe ausgerichtet ist. Dem Geld, Macht und Ruhm nichts bedeuten. Der sich von seinen Begehrlichkeiten befreit, Geist und Sinne reinigt. Ich muss schmunzeln. Wirkt fast, als hätte man Yogasutra oder Hatha Yoga Pradipika mit Disco-Beats unterlegt …
Freiheit im Yoga
Und damit wird klar: Freiheit im Yoga ist eigentlich das Gegenteil davon, das eigene Wollen ausleben zu können. Freiheit im Yoga ist die Abwesenheit von Wollen. Ein Geist, der von Verlangen befreit und damit klar und rein ist. Es ist die Freiheit von Getriebensein, die Freiheit von Angst. Wollen und Fürchten gehen nämlich oft Hand in Hand: Man will etwas haben, man fürchtet, es zu verlieren. Beides sind starke Treiber. Wollen ist unmittelbar. Im Moment des Wollens scheint das, was wir wollen, absolut, gültig und bindend zu sein. Aber wenn man sein Wollen über die Tage mal genauer betrachtet, muss man feststellen, dass man mal dies und mal jenes will. Gerne auch in Gegensatzpaaren: Ich will schlafen, ich will Action. Ich will meine Ruhe, ich will Kontakt. Ich will Geld, Macht und Ruhm, ich will meinen inneren Frieden …

Wollen oder nicht wollen?
Wollen hält den Geist im Spannungsfeld der Dualität gefangen, denn das Nicht-Wollen ist bei jedem Wollen auf der Gegenseite aktiv. Ich habe in einem meiner Artikel im YogaWorld Journal schon mal erzählt, wie meine Tochter als Kleinkind auf einer Marktstraße hin und her rannte und immer das wollte, was sie gerade sah. Am Ende der Straße hielt sie inne, drehte sich zu mir um und verkündete: “Jetzt will ich ein Eis.” Das war der Dreijährigen-Code für: “Ich fühle mich schrecklich getrieben. Ich leide, weil ich nichts von dem, was ich wollte, bekam. Jetzt möchte ich meinen Frieden.” Genau das lehren auch die yogischen Schriften: Wollen erzeugt Leid. Spätestens dann, wenn die Erfüllung des Wollens ausbleibt oder die Bedingungen des Lebens nicht mit unserem individuellen Wollen übereinstimmen. Der Wunsch, Leid zu vermeiden, führt meist zu Angst vor Leid – und damit zu neuen Formen von Leid.
Die Freiheit des Seins
Wie kommen wir da raus? Patanjali erklärt im Yogasutra, dass Wollen, Vermeiden und Angst allesamt darauf zurückzuführen sind, dass wir uns mit unserem sterblichen Körper identifizieren und nicht erkennen, dass wir eigentlich unsterbliches Bewusstsein sind. Wir haben einen menschlichen Körper und machen menschliche Erfahrungen – und das bindet uns in jedem Denken und Handeln. Ich hab‘ Hunger, ich bin müde, ich brauch‘ mehr Anerkennung, ich könnt‘ grad ausrasten, ich will mal wieder wegfahren … Bis du erkennst, dass du all das nicht bist. Die Essenz ist ganz etwas anderes. Von zukünftigem Leid können wir uns befreien, wenn wir uns von diesem Missverständnis befreien.
Wenn du nichts werden musst, nichts haben und nichts darstellen, weil das Leben sich im Leben erfüllt und das Bewusstsein auch ohne den Körper und die jetzige Persönlichkeit fortbesteht, dann lebt es sich befreiter. Im Maha Mrityunjaya Mantra wird das mit einem kuriosen Bild beschrieben: “Wir opfern dem Dreiäugigen (Shiva), dem Wohlduftenden, dem Wohlmeinenden. Auf dass wir dereinst wie eine reife Gurke vom Stiel abfallen können, vom Tod befreit, nicht von der Unsterblichkeit.“


Alles andere als “vergurkt” finden wir die lebensnahen Texte über die Yogaphilosophie, mit denen Sybille Schlegel uns seit vielen Jahren bereichert. Mehr über Sybille erfährst du auf ihrem Instagram-Account.
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