Götter auf der Matte: Vishnu – Bedeutung, Annäherung & Symbolik im Yoga

In unserer Reihe “Götter auf der Matte” stellt uns Sybille Schlegel Göttinnen und Götter vor, die du vielleicht schon mit einem Mantra besungen hast, oder die als Deko dein Yogastudio zieren. Wir wollen wissen: Wo kommen sie her und was haben sie im modernen Yoga zu bedeuten? In diesem Teil geht es um Vishnu, einen der drei indischen Hauptgötter. Er gilt als eine Art Superheld, der in verschiedener Gestalt auftreten und die Ordnung des Universums wiederherstellen kann. Klingt, als ob wir einen wie ihn gut brauchen könnten …

Text: Sybille Schlegel / Titelbild: Anastasia Gold, Getty Images via Canva

Bestimmt kennst du seinen Namen: Vishnu. Ich nenne ihn den “007” im Götterhimmel. Denn meist ist es Vishnu, der die Welt vor dem Bösen retten soll. Doch dazu gleich mehr.

Die wichtigsten männlichen Gottheiten Indiens – Brahma, Vishnu und Shiva – werden oft als Dreiheit (Trimurti) gesehen, in der jeder der Herren eine besondere Aufgabe hat: Brahma ist der Schöpfer. Er initiiert die Dinge und schafft Existenz. Shiva gilt als Zerstörer. Er ist derjenige, der die Dinge aus ihrer Existenz wieder in das große Nichts überführt. Als dritter in dieser universellen Dynamik des Werdens und Vergehens ist Vishnu der Erhalter und Bewahrer, der Herr des Hier und Jetzt.

Die Ordnung des Universums

Aber was hat das mit Yoga zu tun? Warum ist dieser James Bond unter den indischen Göttern mit seiner Energie überhaupt wichtig für uns? Denn das ist ja die Idee und Fragestellung, die uns in dieser kleinen Artikelreihe begleitet. Also mal sehen: Als Erhalter der Existenz wird Vishnu immer dann gerufen, wenn die Ordnung und Harmonie des Universums bedroht ist. In den altindischen Geschichten geschieht das meist, sobald Dämonen im Spiel sind. Sie wenden List und Tücke an, um ihre Macht zu steigern und im besten Fall Unsterblichkeit zu erlangen. Da aber jeder Körper vergänglich ist, ist dieses Streben wider die Natur, die universelle Ordnung, das Dharma. So gesehen symbolisiert der Dämon, der diese Gesetze beugen will, Chaos, Widernatürlichkeit.

Im modernen Yoga deuten wir diese dämonischen Kräfte als das Ego, das ich-zentrierte Verlangen, oder auch als Avidya, die Unkenntnis über unsere eigentliche, wahre Unsterblichkeit. Es geht also darum, zu erkennen, dass wir nichts festhalten müssen, da wir in Wahrheit unsterbliches Bewusstsein (Atman) sind.

Foto: Manaku of Guler, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein Job, viele Formen

In den meisten dieser altindischen Legenden schafft es ein Dämon irgendwie, dass ihn niemand mehr töten kann. Doch dann erhält Vishnu den Auftrag, das Unmögliche möglich zu machen, den Dämon auszuschalten und die Ordnung wiederherzustellen. Das gelingt ihm auch zuverlässig, denn er hat die Fähigkeit, immer genau in der Form aufzutreten, die nötig ist, um den jeweiligen Dämon zu vernichten. Die Gestalten, die er annimmt, wenn er auf die Erde hinabsteigt, heißen Avatare, was nichts anderes bedeutet als “der, der hinabsteigt”. Mal ist er ein Fisch, mal eine Schildkröte, dann ein riesiger Eber oder ein Mischwesen aus Mann und Löwe. Im Epos Ramayana tritt er als Held Rama auf, in der Bhagavad Gita als Krishna.

Manches davon erinnert dich vielleicht direkt an die Yogapraxis, etwa Matsyasana (Fisch), Kurmasana (Schildkröte), oder Simhasana (Löwe). Auch Hanumanasana und Anjaneyasana beziehen sich auf Vishnu, denn der Halbgott Hanuman ist ein Mitstreiter Ramas und einer seiner Beinamen lautet Anjaneya (Sohn der Anjani). Vielleicht ist dir auch das Vishnu Mudra geläufig: eine der gebräuchlichen Handhaltungen für die Wechselatmung und andere Pranayama-Techniken.

Was all diese Yogatechniken zu Vishnu-Techniken macht, sind aber nicht so sehr ihre Namen, sondern ihre Fähigkeit, uns fest im Hier und Jetzt zu verankern, den Geist zu beruhigen und zu klären. Denn nur so bekommen wir eine Chance, das grundliegende Missverständnis (Avidya) über unsere wahre Natur zu überwinden und in Weisheit zu verwandeln.

Annäherungen an Vishnu

Vishnu ist der Gott des Hier und Jetzt. Seine Kraft ist die Verbundenheit im gegenwärtigen Moment. Sie macht unsere Yogapraxis tiefer, gibt ihr Klarheit und Fokus. Einer von Vishnus Avataren ist Krishna. Sein Name bedeutet “das, was nach innen zieht”. Zur Verbindung im Moment gehört die Verbindung nach innen, vor allem in der Versunkenheit der Meditation. Das ultimative Vishnu-Mantra besteht in der Anrufung Vishnus in drei Namen: Hari, Krishna und Rama:

OM.
Hare Krishna Hare Krishna
Krishna Krishna Hare Hare.
Hare Rama Hare Rama
Rama Rama Hare Hare.


Sybille Schlegel Autorin

Sybille Schlegel schreibt regelmäßig für uns über Yogaphilosophie. Mit ihrer Götter- und Göttinnen-Kolumne widmet sich unsere Autorin der Frage, was moderne Yogi*nis von indischen Göttersagen lernen können.

Nach vielen Jahren als Yogalehrerin und -ausbilderin konzentriert Sybille sich jetzt ganz aufs Üben und Schreiben. Du findest sie auf Instagram unter: @sybi_bille


Im letzten Teil ging es um die Göttin Sarasvati. Erfahre hier mehr über sie:

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