Yoga und Schreiben – Barbara Immick und Milena Moser

Collage Schreiben und Yoga

Seinen individuellen Ausdruck finden, auf der Matte wie auf dem Papier – für Schriftstellerin Milena Moser („Schlampenyoga“) und Yoga-Lehrerin Barbara Immick eine selbstverständliche Kombination. In ihrem Schreibyoga-Workshop übertragen sie den Ansatz des Vini Yoga auf den Prozess des kreativen Schreibens. Dabei gilt: Beim Yoga und Schreiben sind Bedürfnisse des Einzelnen wichtiger als die Lehre.

Die Verbindung von Yoga und Schreiben

„Erst schreiben, dann denken!“ lautet Milena Mosers Methode, die sie zur Maxime des Schreibyoga-Workshops in der Yoga-Schule Hannover ausruft. „Die Putzfraueninsel“ machte sie zur Bestseller-Autorin und mit „Schlampenyoga oder Wo geht’s hier zur Erleuchtung?“ präsentierte sie ihre persönliche, höchst amüsante Auseinandersetzung mit der Yoga-Szene und Patanjalis Yoga-Sutra. Zu ihrem Workshop mit Barbara Immick sind Yoga-Anfänger, angehende Lehrer, professionelle Schreiber und Hobby-Autoren gekommen. Es schwirren Ideen für einen Roman, die Lust, Tagebuch zu führen oder ganz einfach der Wunsch, kreativ zu sein, durch den Raum. In den kommenden zwei Tagen werden die Schreib- und Yoga-Willigen jede Menge Texte verfassen, Yoga üben, Papier zusammenknüllen und zuweilen ratlos auf ihre Matten starren. Sie werden auf verblüffende Ideen stoßen, über wunderbare Textfragmente staunen und eine Ladung Inspiration und Motivation mitnehmen. Doch zunächst beginnt der Workshop mit einer Vini Yoga-Session.

YOGA JOURNAL: Was ist dein Ansatz beim Vini Yoga?

BARBARA IMMICK: Es geht darum, die passende Form zu finden und seine Grenzen zu erkennen. Es gibt kein „One size fits all“ und auch kein Gut oder Schlecht, weder im Yoga noch beim Schreiben. Zudem ist es schon viel wert, auf ein ­bestimmtes Ziel in sinnvollen Schritten hinzuarbeiten. Sei es eine bestimmte Asana…

MILENA MOSER: …oder eine Textidee.

Individuell an die Tagesform angepasst

Was genau ist mit „passender Form“ gemeint?

B. I.: Im Vini Yoga versuchen wir, das Herz der Asana zu finden, zu berühren und zu erspüren. Im nach unten ­schauenden Hund ist das beispielsweise der gerade ­Rücken, ­unabhängig davon, ob die Beine gestreckt sind oder nicht. Es gilt, die Fülle der Asana zu erkennen und daraus zu schöpfen, sie dabei aber konstant zu hinterfragen: „Was passt heute für mich? Wie weit kann ich gehen?“

M. M.: Dieser Ansatz lässt sich eins zu eins aufs Schreiben übertragen. Man kann an Grenzen stoßen, aber es gibt kein Richtig oder Falsch. Daran scheitern die meisten Schreibwilligen. Die primäre Hemmung ist die Angst, etwas Schlechtes zu schreiben. Dabei geht es vielmehr darum, seinen individuellen Ausdruck zu finden. Außerdem verrate ich dir etwas: Der erste Satz ist nie der erste Satz. In puncto Form gibt es beim Schreiben zahlreiche Möglichkeiten: Dem einen liegen eher Kurzgeschichten, dem anderen längere Texte. Auch hier gilt es herauszufinden, welche Form die passende ist.

Selbstreflexion durch Schreiben und Yoga

Milena Moser erklärt ihre Herangehensweise mit dem „Hä-Effekt“ – beim Schreiben geschieht etwas, das man sich vorher nicht ausdenken kann. Die praktische Umsetzung erleben die Teilnehmer augenblicklich, indem sie von ihr vier Fragen erhalten und spontan aufschreiben sollen, was ihnen dazu in den Sinn kommt. Dieses intuitive, freie Schreiben soll den Prozess des Sich-Beobachtens, ohne sich zu bewerten, in Gang bringen. Angelehnt an die Yoga-Praxis sollen die Übungen so ausgeführt werden, wie es jedem Einzelnen in diesem Moment möglich ist.

M. M.: Wenn man wirklich schreiben will, muss man in Kauf nehmen, auch mal aufs Gesicht zu fallen. Man muss mit dem arbeiten, was man hat. Chaturanga Dandasana gelingt auch nicht gleich beim ersten Mal. Als ich angefangen habe, Ashtanga Yoga zu praktizieren, war meine Ausgangssituation Couch Potato. Zu Beginn fiel es mir unheimlich schwer, mitzuhalten, aber mit genügend Praxis boten sich neue Möglichkeiten.

Kann man Schreiben „üben“?

M. M.: Durchaus! Nehmen wir Patanjalis Sutra „shtira sukham asanam“. Es geht darum, Ausgewogenheit zwischen Fokus und Leichtigkeit zu erreichen. Aufs Schreiben bezogen bedeutet das: In einer starren Struktur Freiheiten zu genießen. Daher empfehle ich meinen Teilnehmern, jeden Tag 20 Minuten zu schreiben. In dieser Zeit darf nichts anderes gemacht werden außer – und hier halte ich es wie der US-Schriftsteller Raymond Chandler – „sich in Verzweiflung am Boden zu schlängeln“. Dabei ist es egal, was in welcher Form geschrieben wird; das können Tagebucheinträge oder Alltagsbeobachtungen sein. Hauptsache, es etabliert sich eine gewisse Routine.

B. I.: Dieses Prinzip der Gegensätze begegnet uns beim Yoga als ständige Balance zwischen Kraft und Beweglichkeit oder Konzentration und Leichtigkeit. Das ist die Herausforderung beim Üben, wobei das Ziel nicht ein „endgültiges Ankommen“ ist. Vielmehr ist es ein ständiger Neuanfang den eigenen Zustand zu ergründen und der damit definierten Grenzen – abhängig von der Konstitution, die jeden Tag anders sein kann.

Schreiben ohne Leistungsdruck

Die zweite Schreibübung ist inspiriert durch die Surrealisten und ihre „Écriture automatique“. Moser stoppt die Zeit. Die Teilnehmer haben sieben Minuten und dürfen währenddessen dem Bleistift keine Pause gönnen. Es gilt, ohne Unterlass zu schreiben und offen zu sein für das, was ihnen in den Sinn kommt. Auf dem Papier geht es zuweilen fantastisch zu. Die Ideen sind nicht immer realitätskonform, müssen sie auch nicht.

In sieben Minuten entwickeln sich Love-Storys, wird der Fokus auf Erinnerungen gerichtet, werden detailgetreue Beobachtungen festgehalten und so manche Blockade gelöst. Wem nichts einfällt, der muss seinen Bleistift trotzdem beschäftigen. Aber genau darin liegt der Sinn: Orthografie, Grammatik, Interpunktion sind egal. Wortketten, Satzstücke und einzelne Wörter transportieren Bilder, Gefühle oder Zustände intuitiv und ohne kritische Selbstreflexion. Und schon sind die Teilnehmer im Free Flow der experimentellen Literatur. Moser hat sie geschickt hineinmanövriert.

Warum schreiben Sie?

M. M.: Meine Mutter hat einmal gesagt, wenn ich schreibe, bin ich am meisten ich selbst. Damit hatte sie Recht. Schreiben ist der Ausdruck von dem, was man ist. Im Grunde genommen ist es die Analogie zum Herz des Yoga – das Eigene zu finden und es mit Worten ausdrücken zu können. In seinem eigenen Stil und in der Form, die zu einem passt.

Sind damit auch Themen definiert?

M. M.: In gewisser Weise ja. Daher schreibe ich beispielsweise keine hochintellektuellen Abhandlungen, weil das nicht mein Material ist. Ich kann nicht über etwas schreiben, was ich nicht bin. Genauso wie ich im Yoga nur die Rückbeugen praktiziere, die mein Rücken aushält, kann ich nur über Themen schreiben, die ich als meine akzeptiere.

Unterschiede zwischen Yoga und Schreiben

Sie finden zahlreiche Parallelen und Analogien beim Yoga wie beim Schreiben – worin liegen jedoch die Unterschiede?

M. M.: Beim Yoga sucht man die Balance zwischen Shtira und Sukha und findet sie ab und an. Beim Schreiben bleiben stets Zweifel. Aber genau das ist es, was das Wesen eines kreativen Geistes ausmacht – diese Unausgeglichenheit. Das Potenzial für kreative Tätigkeiten liegt darin, nicht eins zu sein mit sich und der Welt.

Ist Yoga dann nicht eher kontraproduktiv?

M. M.: Keinesfalls. Den größten Gewinn erziele ich auf mentaler Ebene und das, obwohl ich nicht meditiere. Ich erinnere mich an einen Meditationstag, der für mich schlicht und einfach die Hölle war. Ich schaffe es nicht, meinen „Monkey Mind“, die Affenstimmen, abzuschalten oder auch nur zu beruhigen. Stattdessen praktiziere ich viel Pranayama. ­Außerdem spielt die yogische Philosophie eine große Rolle in meinem Leben. Das Sutra über Avidya, die falsche Wahrnehmung, hat mich beispielsweise inspiriert, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Der Einfluss vom Yoga auf das Schreiben

Inwiefern hat Yoga ihr Schreiben beeinflusst?

M. M.: Wie schon gesagt, war mein körperlicher Zustand zu Beginn meiner Yoga-Praxis nicht der beste. Die positiven Veränderungen haben mir gezeigt, dass es sich auszahlt, ­Herausforderungen anzunehmen. Logischerweise gab es auch schlechte Tage. Nach Übungserfolgen wurde ich hin und wieder zurück katapultiert, mit der Konsequenz, dranzubleiben und es weiter zu versuchen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

M. M.: „Schlampenyoga“ hätte ich ohne meine Yoga-Praxis so nicht geschrieben. Und ich meine hier nicht die inhaltliche Ebene, es ist vielmehr die Form, auf die ich anspiele. Das Buch kommt ohne besondere Kunstgriffe aus. Den Mut, es aber genau so zu machen, hätte ich vermutlich ohne Yoga nicht gehabt. Ich habe es geschafft, mich nicht ständig zu vergleichen und habe einfach mein Ding durchgezogen.

B. I.: Sich vom Vergleichen zu lösen, ist eine Kunst. Auf der Yoga-Matte schielen viele Schüler zum Nachbarn und checken, ob sie alles richtig machen, vielleicht sogar besser sind. Höher, schneller, weiter – diese Einstellung entfernt uns von uns selbst. So ist es schwierig, seinen eigenen Weg zu gehen und seine individuellen Grenzen zu erspüren.

Fantasie für groß und klein

Während der Vini Yoga-Session bietet Immick stets drei Varianten der jeweiligen Asana an. Jeder übt nach seinen Möglichkeiten und Gegebenheiten. Bei den Schreibübungen stehen Vergleiche auf dem Plan. So unerwünscht sie im Yoga sind, so elementar sind sie in der Literatur. Moser erzählt von Jugendlichen, die während des Projekts „Schulhausroman“ mit ihr zusammen eine Geschichte entwickelt haben. Mit ungeheurer viel Mut und Fantasie hätten die Schüler sich ins Schreiben gestürzt. Ihre Welt vermochten sie in Vergleiche wie „Ich fühle mich wie ein T-Shirt, das nicht gekauft worden war“ zu packen. Die Workshop-Teilnehmer versuchen es ebenfalls und bemerken, wie schwierig es sein kann. Danach dürfen sie den Blickwinkel wechseln und eine andere Perspektive einnehmen. Sie schlüpfen aus sich heraus und wahlweise in eine andere Person oder einen Gegenstand hinein.

M. M.: Schreiben bietet die Möglichkeit, andere Leben zu streifen. Dabei gilt es, seinen Figuren Freiheiten zu lassen. Ich weiß nie alles über meine Figuren und es bleiben immer gewisse Lücken. Genau wie im wahren Leben. Schließlich kenne ich meinen Mann, meine Söhne oder meine Mutter auch nicht in- und auswendig.

B. I.: Ich vermute, Vertrauen ins eigene Schreiben spielt eine große Rolle?

M. M.: Genau. In meinem letzten Roman gab es beispielsweise diese Figur, die eigentlich für eine Liebesgeschichte vorgesehen war. Aber plötzlich war sie tot. Obwohl wir sie schreiben, machen Menschen auf dem Papier, was sie wollen.

Schreibtipps von der Expertin

Frau Moser, Sie führen zusammen mit ihrer Kollegin Sybille Berg und der Literaturagentin Anne Wieser eine Schreibschule. Haben Sie zum Abschluss noch ein paar elementare Tipps?

M. M.: Schreiben muss Selbstzweck sein. Ich verfolge den Ansatz, mich nicht den Normen anzupassen. Schauen Sie nicht auf andere, finden Sie ihren eigenen Ausdruck. Ich halte es wie Desikachar: So wie Yoga dem Einzelnen dienen soll und nicht umgekehrt, so ist es mit dem Schreiben. Außerdem ist die Unterstützung Gleichgesinnter enorm wichtig. Finden sie einen Mittelweg zwischen Home Practice und Gruppenkurs. Man braucht immer mal wieder Leute, die einen antreiben. Und wie gesagt – kultivieren Sie ihre 20 Minuten tägliches Schreiben.


Milena Moser lebte acht Jahre in San Francisco und entdeckte dort Ashtanga Yoga für sich. Die Schriftstellerin ist mittlerweile in die Schweiz zurückgekehrt. Barbara Immick ist Yoga-Lehrerin und ­Mitbesitzerin der Yoga-Schule Hannover.


Illustration: Carla Schostek

Die 5 besten Yogaübungen vor dem Surfen

Die bekannte amerikanische Surf-Yogini Peggy Hall hat eine kurze Übungssequenz speziell für Surfer entwickelt, die sich ganz einfach am Strand üben lässt, bevor es ins Wasser geht. Die fünf Übungen erzeugen Hitze im Körper und wärmen die Muskelgruppen und Gelenke auf, die beim Surfen besonders beansprucht werden. Um zu verhindern, dass man später im Wasser schnell ermüdet, empfiehlt Hall, sich während der Übungen auf den Atem zu konzentrieren und die Stellungen nicht zu lange zu halten. „Bevor man rauspaddelt, sollte man sich geistig auf das Surfen vorbereiten und den Körper aufwärmen“, sagt sie. „Schließlich will man sich im Wasser nicht überanstrengen.“ Wir zeigen Ihnen hier die 5 besten Yogaübungen vor dem Surfen.

Bildschirmfoto 2014-07-23 um 14.20.15 1. Tai Chi-Kreise
Öffnen Sie Ihre Füße im Stand auf Hüftbreite. Die Zehen zeigen gerade nach vorne. Verschränken Sie die Finger und strecken Sie die Arme über den Kopf. Atmen Sie aus und dehnen Sie sich nach rechts, beugen Sie dann die Knie und bewegen Sie den Oberkörper weit nach vorne. Achten Sie darauf, dass dieser dabei parallel zum Boden ist. Kreisen Sie weiter nach links, bis Ihr Körper zur linken Seite gestreckt ist. Richten Sie den Oberkörper mit der Einatmung wieder auf und kommen Sie zurück in die Ausgangsposition. Kreisen Sie vier- bis fünfmal in eine Richtung. Verschränken Sie anschließend Ihre Finger andersherum, auch wenn es sich ungewohnt anfühlt, und wiederholen Sie die Übung auf der anderen Seite.

2. Rückendehnung in der Hocke

Sehen Sie in einer weiten Grätsche und drehen Sie die Zehen nach außen. Nehmen Sie wahr, wie dadurch die inneren Oberschenkelmuskeln gedehnt Bildschirmfoto 2014-07-23 um 14.20.50werden. Legen Sie die Hände auf die Oberschenkel und beugen Sie Ihre rechte Schulter nach unten zwischen die Knie. Blicken Sie dabei zu Ihrem linken Ellenbogen. Diese Übung dehnt Ihren Rücken, der beim vielen Sitzen auf dem Brett stark beansprucht werden kann. Halten Sie die Übungen für ein bis zwei Atemzüge. Richten Sie beim Einatmen den Oberkörper wieder auf und beugen Sie sich anschließend zur anderen Seite. Wiederholen Sie die Übung drei- bis viermal.

Bildschirmfoto 2014-07-23 um 14.20.303. Utthita Parshvakonasana (Gestreckte seitliche Winkelhaltung) mit Armkreisen
Beugen Sie sich nach rechts in die seitliche Winkelhaltung und platzieren Sie Ihren rechten Unterarm auf dem rechten Oberschenkel. Kreisen Sie Ihren linken Arm gegen den Uhrzeigersinn, als wollten Sie nach hinten rudern. Diese Bewegung ist dem Paddeln auf dem Surfbrett genau entgegengesetzt und dehnt dadurch die Muskeln zwischen den Rippen, wodurch die Lungenkapazität -vergrößert werden kann.

4. Hoher Ausfallschritt, Variation
Verschränken Sie die Finger hinter dem Rücken und ziehen Sie die Schulterblätter zueinander. Machen Sie mit dem linken Fuß einen Schritt nach hinten und heben Sie die linke Ferse an. Beugen Sie beide Knie. Strecken Sie die Hände vom Körper weg und nach unten. Ihr linker Oberschenkel sollte dabei senkrecht zum Boden sein. Ziehen Sie das Steißbein in Richtung Boden, bis Sie eine Dehnung in Ihrem linken Oberschenkel spüren.

Bildschirmfoto 2014-07-23 um 14.21.125. Parivrtta Utkatasana (Gedrehte Stuhlhaltung), Variation
Stehen Sie mit hüftbreit geöffneten Füßen. Die Zehen zeigen gerade nach vorne. Bringen Sie Ihren rechten Arm über die Schienbeine und halten Sie das linke Schienbein. Strecken Sie den linken Arm nach oben. Verlängern Sie die Wirbelsäule und drehen Sie Brustkorb und Schultern auf. Blicken Sie nach unten zu Ihren Füßen. Halten Sie die Stellung für einige Atemzüge und drehen Sie sich dann zur anderen Seite.

(Fotos: Titelbild: Norden Surfboards. Übungsstrecke: David Martinez)

Gelebte Utopien

In ihrer Fotoarbeit „Holon“ porträtiert die Kölner Fotografin Malwine Rafalski radikale Individualisten, die jedoch eines verbindet: die Sehnsucht nach größerer Verbundenheit mit dem Leben.

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“
(Henry David Thoreau, Walden)

Tief leben und alles, was nicht Leben ist, in die Flucht schlagen: Das wollen auch die Protagonisten der Foto-Serie „Holon“ von Malwine Rafalski. Sie widerstehen den Verlockungen der Gesellschaft und des Wohlstands – ein verbreiteter Traum, den aber nur wenige konsequent verwirklichen. Der Titel ihrer an der Fachhochschule Bielefeld entstandenen Diplomarbeit ist ein Begriff aus der Philosophie und beschreibt ein einzelnes Ganzes, das Teil eines anderen, umfassenderen Ganzen ist. Die wesentliche ­Eigenschaft ist jedoch, dass jedes Holon einerseits seine Individualität wahrt und andererseits als integraler ­Bestandteil einer größeren Einheit funktioniert.
In „Holon“ beschäftigt sich die Kölner Fotografin mit gelebten Utopien in Deutschland. Die Menschen auf den Fotos verstehen sich als Individuen, die als Teil der Umwelt für deren Erhalt verantwortlich sind und die physische wie geistige Nähe mit der Natur leben. Damit sind sie in Zeiten der Globalisierung und Technisierung Einzelgänger. Ihr Verständnis von Natur ist von einer diffusen, zutiefst romantischen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit geprägt. Ihre tiefe Überzeugung, dass Verbesserung möglich ist, realisieren sie in ökologischen und sozialen Experimenten. Viele dieser Utopien sind zwar denkbar und in vielen Fällen wünschenswert, angesichts der momentanen Realität aber (noch) nicht oder nicht mehr realisierbar. Im Zentrum von Malwine Rafalskis Arbeit stehen demnach besondere Mikrokosmen, deren Bewohner sich dem konventionellen Leben fast vollständig entziehen. Viele von ihnen leben komplett autark, versorgen sich selbst durch den Anbau von Lebensmitteln oder leben ohne Geld, Strom und fließendes Wasser. Sie sind eng mit der Natur verbunden und achten auf sich und ihre Umwelt: Ausgewogene Ernährung, Yoga und Nachhaltigkeit bestimmen ihren Alltag. Damit bieten die außergewöhnlichen Menschen, die sich nicht nur für ihre Umwelt, sondern auch für kreative Heilmethoden einsetzen, ein faszinierendes Lebensmodell. Sie sind im wahrsten Sinne alternativ.


Die Fotografin Malwine Rafalski wurde 1982 im polnischen Tczew geboren. Sie lebt und arbeitet in Köln. „Holon“ und weitere Projekte der Künstlerin finden sich unter www.malwinerafalski.com.

VERLOSUNG: 4 Tickets für das Yoga.Wasser.Klang Festival

Vom 29.- 31. August findet bereits zum dritten Mal das Yoga.Wasser.Klang Festival in Hamburg statt, das sich selbst als „modernes, urbanes Yoga-Festival mit viel Spirit jenseits von Esoterik-Klischees“ bezeichnet.

In den Vorjahren noch auf der Elbinsel Kaltehofe direkt am Wasser gelegen, zieht das Yoga.Wasser.Klang dieses Jahr gen Stadtmitte in den Park Planten und Blomen, der trotz seiner zentralen Lage und guten Verkehrsanbindung eine Oase der Ruhe ist.

Wasser gibt es aber auch im Park – und so wird der See gleich fürs SUP Yoga genutzt. Viele weitere Yogastile von AcroYoga bis hin zu Yin Yoga werden zwischen betörend duftenden Blumen von den Yogaschulen Hamburgs präsentiert. Auf einem kleinen Markt, der übrigens auch für Parkflaneure geöffnet hat, gibt es zahlreiche Stände mit urbaner und lokaler Handwerkskunst sowie Projektvorstellungen, Yoga-Ausstattung und gesunde Snacks.

Aber nicht nur Yogis werden hier ein fabelhaftes Wochenende verbringen können! So darf neben Yoga und Wasser der Klang nicht zu kurz kommen: Musikliebhaber können sich auf Chillout-Beats von DJ Marc Deal freuen, der eigens für das Festival ein eigens Set komponiert. Außerdem werden viele weitere Klangkünstler das Festival bereichern, wie etwa der Vorreiter der europäischen Chillout-Szene, Patrick Marionneau, oder Singer-Songwriterin Hanna Leess.

VERLOSUNG: Wir verlosen gemeinsam mit Yoga.Wasser.Klang vier Einlassbändchen (Tagestickets) für einen Tag Ihrer Wahl (Samstag oder Sonntag). Schicken Sie uns einfach bis zum 4. August eine E-Mail mit dem Betreff „YogaWasserKlang“ und dem gewünschten Tag an verlosung@yogajournal.de. Viel Glück!

(Bildquelle: Monkey Mind Yoga)


YogaWasserKlangYoga.Wasser.Klang
Planten un Blomen, Eingang Glacischaussee 13 (neben Minigolfanlage), 20359 Hamburg
Freitag, 29.8.: 17-22 Uhr, Samstag, 30.08.: 10-22 Uhr, Sonntag, 31.08.: 10-21 Uhr
www.yogawasserklang.de

Yoga-Verletzungen und die Praxis nach einem Bandscheibenvorfall

„Was glauben Sie, wie viele Bandscheibenvorfälle ich schon behandelt habe?“ Anatomie-Expertin Julie Gudmestad kombiniert Yoga mit Physiotherapie – seit mittlerweile 32 Jahren. Über die häufigsten Yoga-Verletzungen und die Praxis nach einem Bandscheibenvorfall sprach YOGA JOURNAL mit der 59-jährigen Lehrerin.

YOGA JOURNAL: Julie, Hand aufs Herz: Bist du tatsächlich so fit und gesund wie du aussiehst?
JULIE GUDMESTAT: Oh, danke für das Kompliment. Aber das ist Yoga. Ich ­praktiziere Yoga seit meiner Teenagerzeit – mittlerweile seit über 40 Jahren. Und das ist es, was du siehst. Zu diesem Thema gibt es übrigens eine schöne Krankenhausgeschichte: In meinen 30ern wurde mir mein Blindarmwurmfortsatz entfernt. Nach der Operation kam der Arzt zu mir und meinte, er hätte noch nie eine so muskulöse Bauchdecke aufgeschnitten bei einer Frau meines Alters. Dann wollte er wissen, welchen ­Leistungssport ich betreiben würde. Als ich erzählte, dass ich Yoga übe, dachte er, ich mache einen Witz und ist lachend aus dem ­Zimmer gegangen.

Yoga wurde damals noch belächelt?
Ja, absolut. So eine Szene gäbe es heute sicher nicht mehr.

Einer deiner Workshops heißt „Stabilizing the core“. Was genau ist mit „the core“ gemeint?
Seit einiger Zeit ist der Begriff im Yoga sehr beliebt geworden. Meiner Meinung nach ist er zu einem regelrechten Modewort avanciert. Gemeint sind damit die Muskeln, die das Becken, den Bauch und den unteren Rücken stützen. Aber eigentlich hat sich die Aufmerksamkeit dieser Körperregion gegenüber nicht verstärkt. Im Yoga hat dieser Bereich schon immer eine wesentliche Rolle gespielt. Er ist die die Grundlage für eine gute Asana-Praxis.

Du empfiehlst eine Art „Pre-Yoga“ für absolute Anfänger, warum?
Ich finde, dass es Anfängern oftmals hilft, mit leichteren Übungen und Bewegungen Muskeln und Flexibilität aufzubauen, wenn sie nicht ausreichend vorhanden sind. Das ist eine gute Basis für herausfordernde Asanas und verhindert Verletzungen. Es nützt niemandem, einen Handstand zu üben, wenn die Flexibilität der Schultern noch nicht ausreicht. Es ist wichtig, dass Anfänger ihre Grenzen ernst nehmen. Yoga-Schüler sollten prinzipiell nicht bis an den Schmerzpunkt kommen, sondern im Idealfall vorher aufhören und zur Unterstützung Hilfsmittel benutzen.

Was hat es mit der 48-Stunden-Regel auf sich?
Damit sich Muskeln aufbauen können, benötigen sie eine Erholungspause von 48 Stunden. Nach diesem Zeitraum sollten die Muskeln wieder beansprucht werden. Das wirkt im Körper wie eine Art „Erinnerungsstütze“.

Einmal pro Woche Yoga üben bringt also wenig?
Dieser Turnus reicht zumindest nicht aus, um Muskeln aufzubauen. Der Körper ist ein paar Tage nach der Stunde darauf eingestellt, die Muskeln nicht wieder in besonderem Maße zu gebrauchen. Beim Thema Flexibilität ist es ähnlich: Stretching ist erst effizient, wenn die Dehnung mindestens 90 bis 120 ­Sekunden gehalten wird.

Oftmals versuchen Lehrer in Basic-Stunden ihre Schüler anzuspornen, auch anspruchsvollere Übungen auszuprobieren.
Ich finde, Anfänger sollten allmählich aufgebaut werden. Während meiner Arbeit als Yoga-Lehrerin und Physiotherapeutin habe ich schon so oft Menschen gesehen, die trotz Einschränkungen ihre Körper so herausgefordert haben, als wären sie topfit. Diese Grenze zu überschreiten birgt Gefahren. Außerdem sollte man bedenken, dass die Körper der Yoga-Anfänger im Westen ganz anders konstituiert sind, als die von Anfängern aus Asien, in denen die Menschen nicht so viel sitzen. Die Flexibilität ihrer Hüften und Knie ist eine komplett andere, da sie oftmals hocken anstatt zu sitzen. Generell laufen und stehen sie mehr als wir, wodurch sich ihre Körper von amerikanischen oder europäischen stark unterscheiden.

Welche Yoga-Verletzungen sind dir in den letzten Jahren am häufigsten begegnet?
An erster Stelle stehen Probleme mit dem unteren Rücken. Hauptverantwortlich dafür sind Bürojobs und damit verbunden das viele Sitzen. Verkürzungen der hinteren Beinmuskeln sind somit an der Tagesordnung. Im Yoga kommt es zu Verletzungen, wenn Menschen mit verkürzten, hinteren Oberschenkelmuskeln zu aggressiv in Vorwärtsbeugen gehen. Ein konkretes Beispiel ist Utthita-Hasta-Padangushthasana – frei stehend ein Bein haltend in die Vorwärtsbeuge gehen. Dabei wirken enorme Kräfte auf die Bandscheiben. Wenn die hinteren Oberschenkelmuskeln verkürzt sind und eine Vorwärtsbeuge geübt wird, egal ob im Sitzen oder im Stehen, sind Bandscheibenprobleme oder Beinverletzungen vorprogrammiert.

Mit welchen Problemen kommen deine Patienten noch zu dir?
Mit Halsverletzungen, die bei Sethu Bandhasana (Brücke) oder Sarvangasana (Schulterstand) entstehen können. Um diese zu vermeiden, gibt es beim Iyengar Yoga und einigen anderen Yoga-Richtungen Hilfsmittel. Decken oder Platten unter den Schultern helfen dabei, die Halswirbelsäule zu unterstützen. Aber selbst dann können Verletzungen auftreten, da diese Beugung des Halses über die normale Flexibilität hinausgeht. Der Halsbereich ist bei den Menschen heutzutage prinzipiell ein sensibler Bereich, da vermehrt ein nach vorne geneigter Kopf und ein flacher Hals auftritt (der Wirbelsäule fehlt im Halsbereich die natürliche Rundung) – womit wir wieder bei der PC-Arbeit sind.

Kopfstand ist dann ebenfalls mit Vorsicht zu genießen, oder?
Richtig. Wenn die Nacken- und Schultermuskulatur nicht stark genug ausgebildet ist, birgt diese Asana einige Gefahren. Wenn zu viel Gewicht auf der Halswirbelsäule lastet, ist der Druck auf die Bandscheiben unheimlich hoch. Diese Verletzungen könnten verhindert werden, wenn die Yoga-Schüler und -Lehrer sich genügend Zeit nehmen würden, Muskeln und Flexibilität allmählich aufzubauen und eine Sensibilität dafür zu schaffen.

Wie sieht es mit Knieverletzungen aus?
Die kommen an dritter Stelle. Ursache sind Sitzpositionen mit gekreuzten Beinen. Wenn die Hüften noch nicht offen genug sind und die Yoga-Übenden trotzdem versuchen, mit aller Kraft in dieser Position zu sitzen.

Du übst Yoga mit verletzten oder chronisch kranken Menschen. Meistens ist ja die Ansage vom Orthopäden nach einer Verletzung: mindestens sechs Wochen Sportverbot.
Nun, durch meine Kombination von Yoga und Physiotherapie bin ich auf die Behandlung mit Yoga nach ­Verletzungen ­spezialisiert.

Du sagst also: Nur mit dem Hintergrund einer therapeutischen ­Ausbildung ist Yoga eine gute Rehabilitations-Maßnahme?
Das hängt davon ab, wie schwer die Verletzung ist. Wenn ­jemand stark eingeschränkt ist, benötigt diese Person spezielle oder abgewandelte Übungen. So wie sie im Iyengar Yoga zu finden sind – mit all den Hilfsmitteln wie etwa Klötzen oder Stühlen.

Ist eine normale Yoga-Praxis je wieder möglich oder gilt es, beispielsweise nach einem Bandscheibenvorfall, eine Art „gentle Yoga“ zu etablieren?
Yoga soll meinen Patienten helfen, wieder in Form zu kommen. Sehr viele von ihnen mit orthopädischen Verletzungen sind in der Lage, nach sechs Monaten oder einem Jahr wieder ein normales Leben zu führen und eine normale Yoga-Praxis zu haben. Was glauben sie, wie viele Bandscheibenvorfälle ich schon behandelt habe? Natürlich mussten diese Menschen über einen längeren Zeitraum sehr sensibel mit ihrem Körper umgehen und abgewandelte Übungen praktizieren. Aber nach ­spätestens fünf Jahren konnten sie wieder ihre alten Yoga-Klassen ­besuchen und ohne Einschränkungen üben.

Das ist beruhigend.
Ja, definitiv.

Welche Aspekte spielen während des Heilungsprozesses eine Rolle?
Da gibt es einige. Yoga trägt dazu bei, den Menschen zu helfen, aufmerksamer zu werden. Sie gehen achtsamer mit ihren Körpern um und entscheiden sich, nicht mehr über ihre Grenzen zu gehen und sich damit nicht erneut zu verletzen. Yoga hilft den Menschen, einen Gang runter zu schalten, in sich hinein zu hören und präsent zu sein. Auch Entspannung spielt eine wesentliche Rolle während des Heilungsprozesses. Ich konnte das bei vielen Leistungssportlern beobachten. Sobald sie es geschafft hatten, mehr Zeit für ruhigere, entspannende Übungen zu investieren, verlief die Genesung schneller.

Was bedeutet das auf der körperlichen Ebene konkret?
Das heißt, an den Stellen, an denen der Schmerz sitzt, sollten weder Anspannung noch Verhärtungen vorhanden sein. Wenn die Muskeln an den betreffenden Stellen zu fest angespannt sind, ist die normale Blutzirkulation behindert. Das verlang­samt den Heilungsprozess, weil die Sauerstoffversorgung nicht optimal eingestellt ist. Wenn die Patienten lernen zu ­entspannen und es schaffen loszulassen, fördert das den Heilungs­prozess enorm.

Spielt Spiritualität eine Rolle bei deiner therapeutischen Arbeit?
Ja, aber nicht im Sinne von philosophischen Lektionen. Eher insofern, als dass ich versuche, meinen Schülern mitzugeben, wie sie üben sollen. Das ist meiner Meinung nach auch ein spiritueller Aspekt – präsent und achtsam gegenüber sich selbst zu sein. Über die Anatomie gelingt das auf eine besondere Art und Weise. Indem ich beispielsweise erkläre, wo genau die Oberschenkelmuskeln beginnen und enden, bekommen meine Schüler und Patienten die Chance, den Zugang zu ihrem eigenen Körper auf eine neue Art und Weise zu erleben. Dazu gehört auch mit alten Mustern zu brechen – seien es psychische, physische oder emotionale Muster. Diese Arbeit mit uns selbst kann sehr spirituell sein.

Wie passen die Jahrtausende alte Yoga-Tradition und die westlichen Therapieansätze zusammen?
Ich finde die Kombination äußerst spannend. Ich denke beide Teile bedingen sich im Wachstum gegenseitig. Die Aufmerksamkeit für westliche Medizin hilft dabei, Yoga besser in unsere Gesellschaft zu integrieren. Ich bin davon überzeugt, dass Yoga eine entscheidende Rolle im Heilungsprozess spielt. Sie ergänzen sich gegenseitig.

Inwiefern beeinflusst dein vermitteltes Anatomie-Wissen die Yoga­Praxis deiner Schüler?
Meinst du in meinen regulären Klassen zu Hause?

Generell.
Es beeinflusst die Art und Weise, wie ich Asanas unterrichte und wie ich Anfänger aufbaue. Mein Team und ich haben ein System entwickelt, bei dem zuerst einmal das Bewusstsein für den Beckenbereich, beziehungsweise „the core“, geschaffen wird. Ebenso wichtig ist es, zu zeigen, wie die ideale Ausrichtung für die Knie aussehen sollte. All das ist jedoch Teil meiner Asana-Klassen. Anatomie-Workshops, wie hier auf dem Trans­atlantic Yoga Festival in Köln, unterrichte ich normalerweise zu Hause nicht. Während meiner regulären Klassen richte ich zusätzlich den Fokus auf ein Körperteil und arbeite verstärkt mit Wiederholungen. Bestimmte Alignments werden in verschiedenen Positionen wiederholt, so dass am Ende der Stunde wirklich jeder verstanden hat, worauf es ankommt. Meiner ­Erfahrung nach hilft der anatomische Background, die Asanas und speziell die Ausrichtung der Asanas leichter zu erlernen. Und ich habe das Gefühl, die Schüler können ausgewählte Themen besser vertiefen.

Wie gelingt es dir, deine Anatomie-Workshops so anschaulich und ­spannend zu gestalten?
Ich kenne viele Yoga-Lehrer, die von straubtrockenen Anatomie-Stunden während des Teacher Trainings berichten. Es fällt ihnen schwer, sich an den vermittelten Stoff zu erinnern und es gelingt ihnen nicht, ihn in Verbindung mit den Asanas zu bringen. Genau da setze ich an. Ich verknüpfe die Anatomie direkt mit den Übungen, um den inneren Körper spürbar zu machen. Meine Schüler studieren nicht nur Fachliteratur und schauen die Muskelgruppen darin an, sondern sie lernen, sie während der Praxis explizit zu lokalisieren und zu spüren.

Julie, wie sieht es mit deiner persönlichen Yoga-Praxis aus? Übst du jeden Tag?
Nein, aber an den meisten Tagen. Wenn ich müde bin oder mich gerade etwas Wichtiges beschäftigt, gestatte ich mir durchaus Tage ohne Yoga. Außerdem ist es schwierig auf Reisen. Die Hotelzimmer sind meistens nicht geräumig genug, um die Yoga-Matte auszurollen.

Apropos Reisen, bitte erzähl doch noch kurz, weshalb bei dir immer eine Gepäckkontrolle am Flughafen stattfindet?
Ah, du spielst auf meine Leichenteile im Koffer an. (lacht) Für meine Anatomie-Workshops habe ich natürlich Anschauungsmaterial dabei. Die Flughafenmitarbeiter am Check-In sehen auf ihren Monitoren also Oberarmknochen, Lendenwirbel oder ein Schultergelenk. Es ist immer das Gleiche: Ich öffne meinen Koffer. Ich erkläre, dass ich Anatomie unterrichte und werde leicht komisch angeschaut.


Die 59-jährige Physiotherapeutin und Iyengar Yoga-Lehrerin Julie Gudmestad lebt und unterrichtet in Portland/Oregon, USA. Sieben Jahre lang hat sie regelmäßig die Anatomie-Kolumne für das amerikanische YOGA JOURNAL geschrieben.

Fotos: Peter Rose

In 7 Schritten zum Yoga-Revival

Yoga Revival – So halten Sie Ihre Praxis fresh!

Klingt Ihre erste Begeisterung für Yoga ab? Entfachen Sie das Feuer neu! YOGA JOURNAL präsentiert sieben Ideen, um die Leidenschaft für die Praxis weiter brennen zu lassen.

Erinnern Sie sich noch, wie leidenschaftlich Ihre Beziehung zu Yoga begann? Die ersten Wellen des Verliebtseins, ekstatische Hingabe und das Gefühl, immer mehr zu wollen? Es war saftig, köstlich, vielversprechend. Dieses intime Verhältnis kann sich dauerhaft vertiefen, wenn Sie mehr über die Philosophie und die Haltungen im Yoga lernen.

Alles ist gut… bis Sie plötzlich feststellen, dass Sie sich langweilen. Sie haben die „Wartungsphase“ erreicht, in der sich Ihre tägliche Yoga-Routine ähnlich aufregend anfühlt wie der Abwasch. Die regelmäßige Mittwochs-Stunde ist nur ein weiterer Termin in Ihrem hektischen Wochenplan, der absolviert werden muss. Die Frage lautet: Was kann man dagegen tun? „Eine Yoga-Praxis funktioniert wie eine Ehe oder jede andere lange Beziehung“, erklärt die 46-jährige Yogini Mebbie Jackson. „Wenn der Alltag hektisch ist und man dem Yoga nicht genug Aufmerksamkeit widmet, läuft man Gefahr, stecken zu bleiben. Es erfordert Arbeit, neue Energie und ein paar Tricks, damit die Sache interessant bleibt.“

Mebbie Jackson sucht regelmäßig neue Wege, ihre Leidenschaft für Yoga frisch zu halten. Einer davon führte sie eines Abends in einen Anusara Workshop bei dem Lehrer Martin Kirk. In seinem Unterricht spielt die Leidenschaft eine zentrale Rolle. „Lassen Sie das Üben nicht zur Routine werden und hüten Sie sich davor, in Dogmen zu verfallen“, lautet sein Ratschlag. „Benennnen Sie die Dinge, die Sie am Yoga wirklich lieben, und erforschen Sie sie tiefer. Lassen Sie diese Liebe Ihre Praxis inspirieren, so dass sie wiederum Ihr Leben bereichert.“

Genau das waren die Worte, die Jackson dringend brauchte. „Ich habe den Workshop gebucht, um mich neu zu meinem Yogaweg bekennen zu können. Dazu war neue Herausforderung notwendig“, erzählt sie. „Ich praktiziere seit 19 Jahren und versuche, die Übungen in meinen täglichen Ablauf zu integrieren. Aber wenn man anfängt, Yoga als Pflichtprogramm zu verstehen, neigt man dazu, die genussreichen, ideellen Aspekte der Praxis zu vergessen. Auf sie musste ich wieder hingewiesen werden.“ Wäre es auch für Sie hilfreich, wenn Sie sich wieder daran erinnerten? Falls ja, können die folgenden sieben Ideen Vorschläge für eine Neubelebung Ihrer Praxis sein. Lassen Sie sie auf sich wirken, probieren Sie sie aus oder finden Sie mit ihrer Unterstützung Ihren eigenen Weg. Vielleicht bieten Ihnen diese Tipps genau die richtigen Hinweise, um die Flammen Ihrer Yoga-Leidenschaft neu zu entzünden.

Liebevolle Widmung
„Manchmal entstehen im Yoga Langeweile oder der Eindruck, mit der Praxis in einer Sackgasse angekommen zu sein. Das kann passieren, wenn eine bestimmte Haltung nicht gemeistert werden kann, wie etwa der Handstand“, sagt Adi Carter, eine US-amerikanische Lehrerin, die Anusara, Ashtanga, Iyengar und Jivamukti Yoga mit Pilates kombiniert. „Es kann unglaublich viel bewirken, wenn man seine Praxis einem Gefühl der Dankbarkeit widmet – dafür, was der eigene Körper leisten kann, oder einfach für die Schönheit des Atems.“ Carter rät ihren Schülern, die Stunde mit Dankbarkeit für den momentanen Stand der Dinge zu beginnen. Von dort aus können sie ihren Fokus nach außen richten. „Jedes Mal, wenn wir auf die Matte kommen, erhalten wir die Gelegenheit, uns zu fragen: „Wovon wollen wir in unserem Leben mehr haben?“, so Carter. „Es ist nicht die leichteste Frage, aber es lohnt sich, sie zu stellen. Wenn wir unsere Antwort gefunden haben, können wir die Intention fassen, die Energie unserer Praxis auf die Verwirklichung dieser Antwort zu richten.“

Vielleicht möchten Sie mit Ihrer Praxis mehr Flexibilität in Körper und Geist erreichen und setzen sich dieses Ziel als Intention. Oder Sie widmen sich dem Vorhaben, Frieden in ihren Beziehungen zu schaffen. Sie können auch etwas Praktisches wählen, etwa die Menge an Müll zu reduzieren, die Sie verursachen. „Jede Intention wird durch die Yoga-Praxis aufgewertet – also wählen Sie eine gute“, rät Carter.

Jodie Vicenta Jacobson, 32, hilft es, in Carters Stunden liebevoll an die Kinder dieser Welt zu denken. „Wenn ich innehalte, still werde und ruhig einatme, erinnere ich mich daran, dass Yoga viel größer ist als ich“, berichtet sie. „Ich glaube, dass Yoga dazu beiträgt, meine Intention nach zu außen zu senden und sie gleichzeitig für mich zu versiegeln. Davon bin ich jedes Mal überwältigt.“

Präzision und Gefühl
Wenn Sie Ihren herabschauenden Hund üben, konzentrieren Sie sich womöglich auf die wichtigen Details: Sie belasten Ihre Handflächen gleichmäßig, aktivieren die innere Spirale der Beine und beachten die Ausrichtung der Ellenbogenfalten. Aber sind Sie wirklich und wahrhaftig in der Haltung? „Viele erfahrene Übende sind so damit beschäftigt, ihre Arme und Beine korrekt einzusetzen, dass sie vergessen, die Asana zu fühlen“, so Susi Hately, eine Kinesiologin, die in den USA und Kanada Anatomie- und Asana-Workshops unterrichtet. „Ich möchte, dass die Schüler verstehen, wie sich ihr Armknochen in seinem Gelenk bewegt oder wie der Beckengürtel funktioniert. Wenn wir einmal verstanden haben, wie unser Körper tatsächlich funktioniert, kommt automatisch eine viel umfassendere Ausrichtung.“

Hately ist ein großer Fan von Yoga-orientierten Anatomie-Workshops und Einführungskursen an Volkshochschulen und Massage-Instituten. „Ein guter Grundkurs in Anatomie gibt wesentliche Informationen: Dieser Muskel hängt an diesem Knochen und bewegt das Gelenk in die folgende Richtung, und so weiter. Das ist der Schlüssel zum grundlegenden Verständnis für den Körper und kann uns sehr aufschlussreichen Einblick in die Funktion unserer Yogapraxis geben.“

Mit einem soliden Grundwissen in Anatomie verstehen Sie, was Ihr Lehrer wirklich meint, wenn er vom „inneren Rotieren der Arme“ spricht, oder warum es eine verengte Brustmuskulatur erschwert, die Arme über den Kopf zu strecken. Mit etwas Übung werden Sie sich die Ursache-Wirkung-Kette vorstellen können, die jede Aktion der Muskeln in Bewegung setzt. Dieses Wissen kann frische Neugier in Ihre Praxis bringen. „Wenn wir den Körper und die Art seiner Bewegungen kennen, werden wir fähig, die Haltungen von innen heraus auszuführen – und sie nicht von außen an uns heranzuholen“, so Hatelys Überzeugung.

Teamwork
Eine traditionelle Ashtanga Praxis wird im Mysore Stil geübt: Schüler kommen zusammen, um gemeinsam zu praktizieren, aber führen nicht notwendigerweise die gleichen Haltungen aus. Falls es in Ihrer Stadt kein Mysore Studio gibt, schließen Sie sich mit anderen Ashtanga Yogis zusammen. Wie etwa die Yogalehrerin Ann Austin. Ihre Lösung: Mit ihrer Freundin Lucky Jamison suchte sie sich einen eigenen Raum. „Wir richten uns, egal wo wir sind, einen kleinen Mysore-Raum ein – zur Zeit in meiner Scheune“, erzählt Austin. „Wir treffen uns vier Mal die Woche um sechs Uhr früh und praktizieren. Dann gehen wir nach Hause, machen die Kinder für die Schule fertig und gehen voller Energie durch unseren Alltag.“

In der gemeinsamen Übungszeit inspirieren, motivieren und korrigieren sich die beiden Yoginis. „Dadurch behalten wir einen ehrlichen Blickwinkel“, berichtet Austin. „Wenn man allein übt, neigt man eher dazu, nur das zu machen, was man möchte oder mag. Trotzdem sind wir nicht streng, denn wir lieben diese Praxis. Vor allem das ist es, woran wir uns gegenseitig erinnern.“ Ann und Lucky haben auch schon gemeinsam Retreats besucht und auf die Kinder der Freundin aufpasst, damit diese zu Workshops gehen konnte. Seit einiger Zeit studieren sie gemeinsam die Yoga Sutren. „Alles, was man braucht, sind eine Freundin, die die eigene Begeisterung teilt, und ein Raum zum Üben, der vom restlichen Leben etwas abgegrenzt ist“, lautet Austins Erfahrung. „In der Lage zu sein, seine eigenen Übungszeiten und seine eigene Praxis zu haben – aber nicht gezwungen zu sein, den Weg alleine zu gehen – ist von unschätzbarem Wert.“

Audiovisuelle Hilfe
Wenn Kimberly Greeff, 29, Lust auf eine Yogastunde hat, kann sie dieser nicht so einfach nachgeben. Sie ist eine viel beschäftigte Künstlerin, Mutter und die Mitbesitzerin eines Yogastudios. Also macht Greeff das, was alle technikaffinen, unter Zeitmangel leidenden und etwas entlegen wohnenden Yogis tun: Sie laden sich einen inspirierenden Podcast herunter. „Sie sind ideal, um meine Studien zu vertiefen“, erklärt sie. „Ich liebe Begegnungen und Workshops mit Yogameistern, aber leider machen die meisten von ihnen selten in meiner Heimatstadt Station.“

Kimberly Greeff unterrichtet Forrest Yoga und bildet sich über Ana Forrests Podcasts weiter. Darüber hinaus ist sie ein großer Fan von Alanna Kaivalya, eine Jivamukti Meisterin aus New York, die auf Ihrer Website www.jivadiva.com ein Podcast-Abo anbietet. Deutsche qualitativ hochwertige Yoga Podcasts sind etwa auf www.yogamour.de, www.yogaya.de oder www.yogaeasy.de zu finden.

Auch DVDs können als kraftvolles Heilmittel gegen Yoga Burnout eingesetzt werden, empfiehlt Richard Rosen, Mitarbeiter beim amerikanischen YOGA JOURNAL. „Es gibt einige Titel, die ich aufgrund ihrer Ästhetik, ihres Ansatzes und neuen Ideen für die individuelle Praxis immer wieder zu Rate ziehe“, erzählt er. Die folgende Übersicht empfiehlt eine Auswahl an Titeln, die nach Meinung der YOGA JOURNAL Redaktion neue Begeisterung für die Praxis wecken können.

Stilwechsel
Es kann ohne Ironie gesagt werden, dass jede Phase des Zweifelns und der Erschöpfung eine Chance für Selbstreflexion ist. Auch Yoga gibt diesem Prozess Bedeutung: Eines der Niyamas (Beobachtungen) ist Svadhyaya oder „Selbststudium“, eines der Elemente auf dem achtgliedrigen Yogapfad. Svadhyaya kann auch durch das Ausprobieren verschiedener Stile geübt werden, sagt Shannon Paige Schneider, Gründerin mehrere Yogastudios. „Erstellen Sie eine Liste aller Stile, die Sie in Ihrer Nähe testen können, und nehmen Sie diese Stunden systematisch wahr“, rät sie. „Lassen Sie sich alle paar Wochen auf eine neue Richtung ein und erkunden Sie, was Sie daran mochten oder nicht. „Wenn Sie normalerweise in einer Tradition mit Fokus auf präzise Ausrichtung üben, wird Ihnen womöglich etwas mehr Fluss in den Übungen gefallen. Wenn Sie Vinyasa gewohnt sind, könnten Sie neue Kraft durch die Ruhe einer Iyengar Klasse finden. Und Menschen, die eine regenerierende Yogastunde besuchen, sind oft erstaunt, dass man auch auf dem Boden liegen und Yoga die Arbeit machen lassen kann“, so Paige Schneider. Ihr zufolge ist der Eindruck, eine eingefahrene Praxis zu haben, ein Zeichen, dass man sich nach Neuem sehnt: „Aus einer ungewohnten Übungsfolge entsteht eine frische Perspektive auf die eigene Routine – allein dadurch, dass Sie Ihren Körper neu einsetzen. Eine spannende Gelegenheit, mehr über sich selbst zu erfahren!“ Hierzu muss die Erfahrung nicht einmal positiv sein. „Was man nicht mag, ist ebenso relevant wie das, was einem gefällt“, fügt Paige Schneider hinzu. „Wenn Sie sich in der Hot Yoga Stunde nicht wohl fühlen, wissen Sie, dass Sie eher eine kühlende, beruhigende Praxis brauchen. Zündende Einsichten ergeben sich sowohl aus guten wie aus unangenehmen Erfahrungen.“

Ganz privat
Manchmal ist die beste Möglichkeit, eine Yoga-Talsohle zu überwinden, noch tiefer zu gehen – indem man eine Privatstunde nimmt. „Wenn Sie sich in einer Sackgasse befinden, sollten Sie Ihr Geld besser in eine Privatstunde als eine Fünferkarte investieren“, rät Paige Schneider. „Vielleicht frustriert Sie eine bestimmte Haltung, oder Sie wissen nicht, auf welche Weise Sie in Ihrer Praxis vorankommen können. Vielleicht brauchen Sie Anleitung für neue Sequenzen, die Sie neu für Yoga begeistern können.“ In einer Privatstunde können Fragen diskutiert werden, für die im normalen Unterricht kein Raum ist. „Sie können jahrelang unter Aufsicht eines Lehrers mit 40 anderen Schülern praktizieren und niemals bemerken, dass im Ausfallschritt Ihr innerer Oberschenkel einknickt“, erklärt Paige Schneider. „In konzentrierterer Atmosphäre stellt der Lehrer sicher, dass Sie die Bewegung korrekt ausführen. Am Ende erkennen Sie, dass das Anheben Ihres inneren Oberschenkels der Schlüssel zur Verbesserung all Ihrer stehenden Haltungen ist.“

Privatstunden sind kein billiges Vergnügen und variieren je nach Lehrer zwischen etwa 50 und 100 Euro. Doch das Investment in Ihre Yogazukunft lohnt sich. Bevor Sie Ihren Termin vereinbaren, können drei Fragen an den Lehrer nützlich sein: Geben Sie viele Privatstunden? Geben Sie gerne Privatstunden? Wieviel Zeit nehmen Sie sich für Privatstunden? „Dies alles ist wichtiger als die Frage: Wieviel kostet es?“ so Paige Schneider.

Dem Lehrer folgen
Ein fundamentaler Lehrsatz im Yoga lautet, dass sich alle Antworten auf unsere Fragen – darunter auch die nach der Auflösung von Niedergeschlagenheit – in unserem Inneren finden lassen können. Das Problem dabei ist, dass es Übung braucht, die entscheidenden Fragen zu erkennen – und ihre Antworten zu hören. Paradoxerweise profitieren wir beim Schärfen der Selbsterfahrung am meisten von den Ratschlägen eines weisen Lehrers, dem Guru.

„Ein echter Guru erkennt, was der Schüler braucht, und bietet zum richtigen Zeitpunkt entsprechende Übungen an“, sagt Yogiraj Alan Finger, der mit seinem Vater Kavi Yogi Swarananda Mani Finger das New Yorker Ishta Yoga Studio gegründet hat. „Ernsthaft interessierte Schüler sollten sich einen Lehrer suchen, der ihnen verstehen hilft, wie alles zusammenhängt – das Verhältnis von Asanas zu Gunas, Doshas, Chakras und dem subtilen Körper. Mit diesem tiefem Verständnis, wird man die Yoga-Haltungen nie mehr langweilig finden. Man wird sie nie mehr aufgeben wollen.“

Wir kennen den Hinweis „Der Lehrer kommt, wenn der Schüler bereit ist“. Dennoch schadet es nichts, das Schicksal etwas zu steuern. Also machen Sie sich auf die Suche nach Büchern, DVDs, im Internet. Besuchen Sie Workshops und Konferenzen. Wenn Sie einen Lehrer entdecken, dessen Methode etwas in Ihnen auslöst, setzen Sie alles daran, so viel wie möglich von ihm zu lernen. Nehmen Sie sich einen bestimmten Zeitraum vor, etwa ein Jahr, und widmen Sie es ihm und diesem Ziel. Ein einziger Grund reicht aus: Es verändert

Illustration: Annick Poirier

Yoga als Lebenskunst

In vielen Bereichen unseres Lebens herrschen krisenhafte Zustände. Es geht uns so gut wie nie zuvor – und doch haben sich diverse Glaubens-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstrukturen so verfestigt, dass die Notwendigkeit eines Wandels zwar von allen bestätigt wird, aber von den Entscheidungsträgern nicht verwirklicht werden kann oder möchte. Brauchen wir also einen Paradigmenwechsel, damit eine Veränderung zum Guten möglich wird? In seinem Buch „Yoga – Die Kunst des Wandels“ bejaht dies der Autor Friedel Marksteiner ganz ausdrücklich.

YOGA JOURNAL: Herr Marksteiner, Sie sind vor 25 Jahren nach ­einigen Erfahrungen mit Hatha Yoga geistigem Yoga, dem Raja Yoga ­begegnet. Hatte dieser damals neue Weg positive Auswirkungen auf Ihr Leben?
FRIEDEL MARKSTEINER: Eigentlich in allen Bereichen – beruflich, familiär, sozial. Ich wurde entspannter und zufriedener. Kollegen bezeichneten mich als „verträglicher“, nachdem ich mit der Yoga-Praxis begonnen hatte. Woher das kam, das war ihnen meist nicht klar, und ich habe darüber auch nicht groß geredet. Bald begann ich, Meditation bewusst für kreative Prozesse und die Lösung von Problemen einzusetzen.

Das heißt, sie haben in der Meditation an praktischen Themen gearbeitet?
Ja, vor der Meditation habe ich alle Komponenten des Problems vor mein geistiges Auge gestellt, dann dieses losgelassen und darüber meditiert. Die Ergebnisse waren oft verblüffend und immer besser als diejenigen, die sich durch bloßes Nachdenken ergaben.

Bald schon wollten Sie nach Indien. Warum?
Zur damaligen Zeit fand ich in Deutschland weder einen geeigneten Ansprechpartner, noch hilfreiche Literatur über die Yoga-Philosophie. So besuchte ich in Indien einen Yoga-Meister. Ich war mit einer ganzen Liste von Fragen gekommen, die ich ihm nach und nach stellte. Nachdem wir eine ganze Woche lang mit ihm zusammen sein konnten, hat er am letzten Tag plötzlich weitere Fragen beantwortet – Fragen, die ich gar nicht gestellt hatte, die aber noch auf meiner Liste waren!

Ist ein spiritueller Lehrer wichtig für den inneren Weg?
Wer ernsthaft das Ziel des Yoga anstrebt, muss jemanden treffen, der dieses Ziel erreicht hat.

„Ziel des Yoga“ – wie würden Sie das definieren?
Einssein mit dem Göttlichen – so würde es ein indischer Meister sagen. Wir würden sagen: Verschmelzen mit unserem Wesenskern, Einssein mit dem Absoluten, der Liebe. Die Theorie des Yoga sagt, Gott ist nicht definierbar, aber im eigenen Inneren erfahrbar. Und dieser Ort der Erfahrung ist das eigene Herz. Jedes Wesen auf der Welt hat Anteil am Göttlichen, jeder kann dies erfahren. Dieses Ziel wirklich zu erreichen, setzt jedoch voraus, dass das Herz ohne Barrieren mit dem Göttlichen kommunizieren kann. Diese Barrieren sind unsere Muster, Projektionen und Vorstellungen. Jedes Muster ist wie ein Filter, der nach außen und nach innen wirkt. Im Yoga geht es darum, diesen Filter durchlässig zu machen.

Was war für Sie der Auslöser, dieses Buch zu ­schreiben?
Eigentlich ist es die Antwort auf eigene Fragen. Ich wollte wissen: Was ist Yoga wirklich? Und gibt es Entsprechungen dazu in unserer Kultur? Allmählich wurde mir klar, dass ­geistiger Yoga nicht nur eine Meditationslehre ist, sondern eine Entwicklungsmethode. Es geht um die Entwicklung des ­Menschen im ganzheitlichen Sinne – also Gefühle, Intuition, Denken, Logik, Spiritualität. Yoga ist ein System der Entwicklung der Geistigkeit durch die Methode der Meditation und der Reinigung – und die Arbeit am eigenen Charakter, indem wir dasjenige auch im täglichen Leben beherzigen, was wir in der inneren Erfahrung wahrnehmen. In unserer westlichen Psychologie geht es vor allem um die Entwicklung eines guten Lebens. Das interessiert den Inder wenig bis gar nicht – zumindest nicht den Yogi. Für ihn ist nur relevant: Wie komme ich mit dem Göttlichen in Kontakt?

Spannend finde ich ihren Vergleich mit Erkenntnissen der Quantenphysik, die aufzeigen, dass die kleinsten Teilchen der Materie, je genauer wir sie betrachten, nichts als Energie zu sein scheinen.
Max Planck oder Carl Friedrich von Weizsäcker würden sagen: Auf dieser Ebene sprechen wir nicht mehr von Materie, sondern von Geist. Das ist ganz Yoga-Philosophie: Alles im Kosmos wird vom Geist getragen und ist aus ihm entstanden.

Viele Pioniere der neuen Wissenschaft sprechen von einem dringend ­nötigen Paradigmenwechsel. Wie sehen Sie das?
Die Naturwissenschaft muss das Geistige wieder in die Natur einführen. Im Moment beschäftigt sich die traditionelle Naturwissenschaft mit den materiellen Aspekten unserer Welt. Es wird aber immer deutlicher, dass bereits Elementarteilchen – zum Beispiel Photonen – auch geistige Eigenschaften haben, wie etwa in der Biophotonenforschung oder in den Arbeiten von Burkhard Heim, Paul Dirac und David Bohm gezeigt wurde.

Zum Glück kommen diese Themen auch immer mehr ins Bewusstsein unserer Gesellschaft. Dan Browns Freimaurer-Thriller „Das verlorene Symbol“ beispielsweise zitiert mehrmals Lynne McTaggart, die sich mit genau diesen Verbindungen von Geist und Materie beschäftigt. Auch über das Herz gibt es neue Erkenntnisse…
Ja, die Neurowissenschaften kommen immer mehr zur Schlussfolgerung, dass das Herz auch als Geistorgan zu verstehen ist. Es ist Impulsgeber und Rhythmusgeber für die gesamte Geistigkeit. Es hat auch eigene Neurotransmitter, über die es mit den ­Organen, mit dem Gehirn kommuniziert. Wieder eine Parallele zum ­geistigen Yoga, der das Herz als unser geistig-spirituelles Zentrum sieht.

Was mir gut gefällt, ist ihr Rat, sich immer wieder bewusst mit dem ­Herzen zu verbinden. Haben Sie noch zwei, drei Empfehlungen für ­Menschen auf dem spirituellen Weg?
Der Yoga-Weg ist ein Weg der ständigen, täglichen Übung. Erkennen, die Einsicht allein genügt nicht. Erst, was wir tun, bestimmt unser zukünftiges Verhalten. Den dringend erforderlichen Paradigmenwandel können wir mit einer Methode wie dem Yoga flexibel auffangen und steuern. Ohne solch ein Werkzeug werde ich vom Wandel überrollt. Durch Yoga klinken wir uns nicht mehr ein in übliche Denkmuster oder eigene Ängste, sondern es gelingt uns zunehmend, das zu tun, was in der Situation angemessen ist.


Thomas Schmelzer beschäftigt sich seit 20 Jahren als Autor, Redakteur und Moderator mit ganzheitlichen Themen. 

Yoga und Sprache

Der Turmbau zu Nabel: Über das babylonische Sprachgewirr in der Yogastunde und seine fast biblischen Ausmaße

Als die Babylonier ihrerzeit einen Turm bauen wollten, hatten sie die fixe Idee, Gott näher zu kommen als ihm damals lieb war. Wenn ich mich auf der Yogamatte mit dem Kopf nach unten und dem Hintern nach oben ausrichte, habe ich ebenfalls ein hochgestecktes Ziel: dem eigenen Nabel etwas näher zu kommen. Und zwar in jeder Hinsicht.

Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten von Nebukadnezar und meiner Yogapraxis. Denn was Gott dem Zweistromland als Strafe für seine Überheblichkeit aufbürdete, hat Yoga längst erfolgreich in den Unterricht integriert: die Multilingualität. In jeder Stunde vermischen sich problemlos mindestens drei Sprachen zu einem harmonischen Sprachgewirr, das trotzdem Hand und Fuß hat. Und zwar nicht nur im „Adho Mukha Svanasana“.

Und damit sind wir schon bei der ersten, wichtigsten yogischen Sprache: Sanskrit. Schon in den Upanishaden werden 700 v. Chr. Atemübungen beschrieben. Und zwar in einer Schrift, die für uns wie ein komplexes Teppichmuster aussieht und teilweise genauso kompliziert klingt. Yoga-Neulinge ziehen bei der Ansage, jetzt doch bitte in „Astavakrasana“ zu gehen, entweder fragend die Augenbrauen hoch oder rollen sich schutzsuchend wie ein Igel in der Kindhaltung zusammen („Balasana“).

Aber je häufiger Schweiß und Ujjayi-Atem fließen, desto flüssiger wird auch die heilige Sprache für die tapferen Yogis und Yoginis. Und plötzlich fällt einem auf, dass „Parivritta“ nur „gedreht“ heißen kann. Schließlich wird beim einfachen „Parshvakonasana“ die Leber nicht halb so ausgewrungen. Stückchen für Stückchen tastet man sich so in einer uralten Sprache voran. Bis man reflexartig und ohne viel nachzudenken das Bein hoch in die Hand wirft, sobald der Lehrer lauthals ein „Utthita Hasta Padangusthasana“ einfordert.

Warrior, Tree & Co.
So wie sich seit jeher zahlreiche Mysterien um Indien und Sanskrit ranken, überrumpelten einst ambinitionierte Engländer nicht nur das Land sondern mittlerweile auch die Sprache. Das Ergebnis: In den 1990ern wurde sie ebenfalls kolonialisiert. Seitdem marschieren freshe, hippe Teacher in Workshops ein, bewaffnet mit jeder Menge Spirit, Flow und, oh Schreck, dem allmächtigen Power Yoga. Nun lässt uns der „Warrior“ vom Oberschenkel an aufwärts erzittern, während der ohnehin schon wacklige „Tree“ keine Chance gegen den rabiaten „Downward-Facing Dog“ hat. Egal wie oft man „Shanti“ ruft und um „Ahimsa“ bettelt: Der Siegeszug der Anglizismen ist nicht zu stoppen. Warum auch? Schließlich braucht der geneigte Schüler doch manchmal einen gänzlich unspirituellen Tritt in den eher westlichen Teil seines Körpers.

Merke also: Sanskrit wird für die traditionellen, ehrwürdigen Aspekte verwendet („Kirtan“ mit „Gruppengesang“ übersetzen? Bitte nicht!) und Englisch für Dynamik sowie Modernität („Streeeeetch forward! Reach out“). Aber wo bleibt die deutsche Sprache? Tja, machen wir uns nichts vor. Deutsch ist und bleibt einfach die beste Wahl für Befehle – so auch im Yoga:„Aaaalle aufstehen, an das Kopfende der Matte treten, Füße hüftbreit geöffnet, Wirbelsäule gerade, Fingerspitzen nach unten, Kopf nach oben, Blick nach vorne…“. Kommt Ihnen bekannt vor? Unsere gute alte Muttersprache schafft es mal wieder, auch in der größten Sprach- und Körperteilverwirrung mit völliger Abwesenheit von Schnörkeln und Hipness ganz einfach die Richtung zu weisen. Sie verschafft uns mit strengen, aber verständlichen Sätzen nicht nur Halt, sondern auch Haltung.

Tatsächlich ist Yoga nicht nur eine Verbindung von Körper und Geist oder vom Selbst mit dem Ganzen. Yoga verbindet darüber hinaus alte, neue, bekannte und unbekannte Sprachen. Dabei lässt es doch jeder einzelnen ihre ureigenen Eigenschaften und individuellen Wesenszüge – in jeder Asana, jeder Class und jedem Kurs. In der Bibel wird die Sprachverwirrung schließlich nach der versöhnlichen Rückkehr des Heiligen Geistes an Pfingsten aufgehoben. Auch ich rolle mich am Ende der multilingualen Yogastunde wieder vereint mit mir zusammen. In der Happy Babylonic Pose.