Reinhold Messner: Sinn fällt nicht vom Himmel

„Der Berg macht keine Fehler. Ich bin es, der Verantwortung tragen muss.“ 1970 will eine Gruppe internationaler Bergsteiger im Himalaya den 8.125 Meter hohen Nanga Parbat besteigen, unter ihnen die Brüder Reinhold und Günther Messner. An der höchsten Steilwand der Erde entwickelt sich die Expedition zur Tragödie, die bis heute Widersprüche birgt und nun für das Kino verfilmt wurde. Im YOGA JOURNAL-Interview spricht Reinhold Messner über seine Erfahrungen mit Selbstbestimmung, Anarchie und Meditation.

YOGA JOURNAL: Reinhold Messner, neben Ihren berühmten Expeditionen sind Sie als Buchautor, Vortragender und leidenschaftlicher Umwelt-Lobbyist bekannt. Ein Kinofilm widmet sich einem Wendepunkt Ihres Lebens. Sie selbst waren wichtigster Berater von Regisseur Joseph Vilsmaier. Was lag Ihnen bei der Entwicklung von „Nanga Parbat“ besonders am Herzen?
REINHOLD MESSNER: Weil es sich um meine eigene Geschichte handelt, hatte ich eine wesentliche Funktion bei Motivsuche und Casting. Ich wollte aber auch lernen, wie es funktioniert, im Film Geschichten zu erzählen. Grundsätzlich halte ich nichts von ­„Botschaften“, im Film oder anderswo. Ein Film soll eigentlich nur eine Geschichte erzählen. Die Geschichte in „Nanga Parbat“ ist genau so passiert. Trotzdem ist es weder eine Rekonstruktion oder Erklärung und erst recht keine Rechtfertigung – einfach eine starke Erzählform für das, was 1970 am Berg passiert ist.

Ein existentielles Drama, in dem Sie ihren Bruder verloren haben.
Ohne diese Erfahrung wäre ich heute nicht der, der ich bin. Das bin ich nicht durch Erfolge geworden, sondern durch häufiges Scheitern. Die Ereignisse am Nanga Parbat bleiben natürlich auch nach 40 Jahren Teil meiner Verantwortung und Erinnerung. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur ist immer eine Geschichte, die im Großen und Ganzen von der Natur diktiert wird. Der Mensch kann dabei nur reagieren – vielleicht richtig, vielleicht falsch. Wenn er sein Leben retten kann, hat er vielleicht Glück gehabt. Davon erzählt diese Geschichte. Der Film gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, die Situation und die Wucht dieser Erfahrung emotional ­nachzuempfinden. Ich möchte in Zukunft weitere Filme drehen.

Als Autor oder sogar als Regisseur?
Im Grunde wäre ich der klassische Autorenfilmer. Beim Film kauft man sich alles ein: Kameraleute, Visagisten, Schauspieler und so weiter. All das auszuwählen und festzulegen, wäre genau meine Sache.

Im Spielfilm und auf gewisse Weise auch im Dokumentarfilm geht es um Inszenierung. Man braucht eine Distanz zum Thema, um es neu ­präsentieren zu können. Im Yoga, aber auch auf Ihrem Weg – der ­unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Natur – spielt authentisches Erleben eine wesentliche Rolle. Ein Widerspruch?
Bei allem, was ich tue, geht es mir in erster Linie um ­Selbstbestimmung. Wir Menschen sollten Mut zur ­Selbstbestimmung haben. Dieser Mut ist uns abhanden ­gekommen, weil wir in großen Sicherheitsnetzen eingebettet sind und glauben, wir könnten viel Verantwortung abgeben. Wenn ich selbstbestimmt leben will, muss ich Verantwortung für mich und mein Umfeld übernehmen. Ich bin schon immer einen ganz geraden, selbstbestimmten Weg gegangen. Er findet beim Bergsteigen statt, bei den Wüstendurchquerungen, aber auch beim Aufbau meines Mountain Museums in Südtirol.

Sehen Sie sich dabei als Lernender?
Unbedingt. Bei keinem Projekt, das ich jemals angefangen habe, war ich Spezialist. Ich brauche etwa 15 Jahre, um eine Sparte zu
beherrschen. Wenn ich glaube, mich nicht mehr steigern zu können, wird mir langweilig, und ich beginne etwas Neues. Das Lernen hört nicht auf: Zum Beispiel kann ich bis heute nicht schwimmen.

Vor allem Ihr Weg als Bergsteiger wird oft als „extrem“ bezeichnet. Was bedeutet das für Sie?
Dieses Wort ist heute sehr negativ besetzt, wir sprechen vor allem im politischen Zusammenhang von „Extremisten“. Als ich anfing zu klettern, war das anders: Als junger Mensch war ich stolz, zu den „extremen Bergsteigern“ zu gehören. Das war damals eine eigene Clique, die weit über die alpine Szene hinaus bekannt war – die, die an der Grenze des Möglichen geklettert sind – und weder positiv noch negativ besetzt. Heute verstehe ich mich nicht mehr als extremer Bergsteiger, sondern als Grenzgänger, der zwischen „möglich“ und „unmöglich“ versucht, zurecht zu kommen. Alles Extreme empfinde ich als untragbar.

Derzeit hat Risiko in der Gesellschaft nicht den besten Ruf.
In der Tat. Dabei ist echtes Risiko nur dann vorhanden, wenn ich mich bewusst in eine Gefahrenzone begebe. Solange an der Eiger-Nordwand niemand klettert, gibt es dort nur Gefahr. Wenn ich hineingehe, werden die Gefahren zu Risiken. Bergsteigen ist der Widerstand gegen den herausgeforderten Tod. Dabei hängt es an mir, die Gefahren zu erkennen und zu entscheiden, ob ich mich ihnen stelle oder gar nicht erst einsteige. Man muss nicht immer höher, man kann. So verhält es sich auch mit den Risiken in der Finanzwelt. Was wir da erlebt haben, zeigt: Die Fachwelt hat gewisse Risiken nicht erkannt und kein Risiko-Management betrieben. Dadurch sind die Leute wie Schafe ins Verderben gestolpert.

Kann es helfen, die eigenen Grenzen zu kennen und radikal zu testen?
Ob ein Grenzgänger besser mit Finanzen umgehen kann, weiß ich nicht. Meine Form des Grenzgangs ist die Auseinandersetzung mit der Gefahrenzone Natur, der ungezähmten Welt ohne menschliche Infrastruktur. Dabei hat mich nie der bergsteigerische Erfolg interessiert. Mich interessiert, wie der Mensch auf die Natur reagiert. Wir gehen in eine archaische Welt ohne Gesetze. Dabei sind wir Anarchisten. Es gibt keine Regeln, wie ich die Rupal-Wand am Nanga Parbat besteige. Die entstehen erst im Laufe des Aufstiegs. Wenn wir ein Team sind, können wir das jederzeit abstimmen. Aber wir müssen das nicht.

Und doch scheinen Projekte wie die Besteigung des Nanga Parbat von Ehrgeiz getrieben…
Die Fragen, die ich mir dabei stelle, lauten: Wie funktioniert Ehrgeiz wirklich? Wie funktioniert die Selbsterhaltung, der stärkste Trieb, den wir haben? Wie funktioniert das Zusammenspiel in einer Seilschaft, die auf Leben und Tod miteinander verbunden ist? Hierfür gibt es tief in uns genetische Regeln. Ich bin überzeugt, dass sie nicht nur unsere menschliche Form mit Augen, Ohren, Nase und Verstand definieren, sondern auch einen Verhaltenskodex. Diesem habe ich immer versucht, auf den Grund zu gehen – mehr als dem, was die Menschen über die Religionen und Gesetze dazuerfunden haben. Mich interessiert eine kleine Gruppe von Menschen, die in der Wildnis unter archaischen Bedingungen anarchische Muster ausprobiert. Niemand hat dort das Recht, Macht auszuüben. Vielmehr muss abgestimmt werden, wie das Zusammenleben funktioniert – und vor allem das Überleben. Das entzieht sich jeder einfachen Moral von richtig oder falsch: In einer entscheidenden Situation am Berg braucht man keinen Schiedsrichter von außen.

Auf verschiedene Weisen bedeuten Yoga und Meditation die Öffnung von Raum, das Experiment mit neuen Territorien. Haben Sie eine ­Meditationspraxis?
Nein, ich habe meine eigene Vorstellung von Spiritualität. Generell bin ich der Meinung, dass Menschen aus dem Westen Probleme haben, sich in eine asiatische Lebenshaltung hineinzufinden. Wir sind Aktionsmenschen, die Asiaten eher meditativ. Ich persönlich finde Fokussierung in der absoluten Aktion. Aktion und Meditation sehe ich wie zwei Vektoren, die 180 Grad auseinanderlaufen. In der Mathematik ergibt das in der Unendlichkeit einen Kreis: Die vermeintlichen Gegenpole kommen wieder zusammen. Sie werden ein- und dasselbe.

Die absolute Konzentration beim Bergsteigen als Meditation?
Wenn ich beim Klettern hundertprozentig gefordert bin und allein zum Überleben jede Bewegung sitzen muss, ist das nichts anderes als Meditation. Es entsteht ein Flow-Zustand, ein aus der Zeit genommener, auf wenige Quadratmeter fokussierter Zustand, in dem das Außen und die Zeit nicht mehr existeren. Aus der ersten Phase meines Lebens, die komplett vom Bergsteigen dominiert war, habe ich mir die Fähigkeit geholt, eine Sache ganz konzentriert zu machen. Das übertrage ich auf alles, was ich tue.

Viele Menschen führt eine tiefe Suche nach Sinn zum Yoga – vielleicht auch zum Bergsteigen?
Sinn fällt nicht vom Himmel. Er entsteht dann, wenn ich für eine Sache Begeisterung aufbringe. Wir sind es selbst, die Sinn ­stiften, wenn wir uns eine Sache, eine Person oder ein Tun ­wichtig machen. Sinn entsteht, indem ich mich selbstbestimmt mit einem Tun identifiziere. Deswegen ärgere ich mich, wenn ich als reiner Egoist dargestellt werde. Warum darf ich nicht meiner Sache ­nachgehen? Warum muss ich das tun, was andere von mir ­erwarten? Das tue ich einfach nicht.

Auch der Yoga-Weg kann zu größerer Freiheit und Selbstbestimmung führen. Ein radikaler Weg?
Immerhin ein Weg, der bestimmt nicht zu totalitären Systemen führt. Ein Yogi oder Grenzgänger interessiert sich nicht für Macht. Er will nicht beherrscht sein, aber auch keine Macht ausüben.

Er will vor allem die Verbindung. In diesem Zusammenhang liest sich auch Ihre Biografie schlüssig: Aus Allein- und Grenzgängen entsteht große Verbundenheit und Bewusstsein für Natur, Ökologie und die Gesellschaft, bis hin zum politischen Engagement.
Meine Erfahrungen haben mich nachhaltiges Denken und Erkennen gelehrt. Nachhaltigkeit bedeutet nicht, viel Geld zu verdienen. Es ist nicht wichtig, was wir an Mitteln, sondern an Erfahrung haben.

Auf Ihren Grenzgängen haben Sie viele heilige Orte durchquert. ­Welche Inspirationen haben sie Ihnen gegeben?
Inzwischen habe ich verstanden, warum Berge wie der Kailash, der Fujiyama oder der Ayers Rock heilig sind. Es ist die Faszination des Überblicks, die die Höhe suggeriert. Von oben erkennt man mehr: Das ist geografisch ­natürlich richtig. Aber deswegen ist nicht die Erkenntnis nach innen größer. Insgesamt halte ich mich von Religionen oder menschengemachten Erkenntnisse fern, auch wenn sie von großartigen Sozialpolitikern wie Christus oder Mohammed ­formuliert wurden. Dennoch glaube ich, dass in den nächsten 1000 Jahren der Buddhismus zur bestimmenden Lebenshaltung werden wird. Er sieht sich nicht als gottgegeben, sondern von einem Philosophen gestiftet, in dessen Lehre Verzicht essenziell ist. In meinem Museum stelle ich die Berge als religionsstiftende Orte vor. Dabei spreche ich nicht vom Göttlichen, sondern vom Jenseitigen. Das ist für uns Menschen nicht zugänglich, da wir kein Instrumentarium jenseits des  Menschseins haben.

Können wir uns nicht zumindest eine Ahnung davon verschaffen, sei es in der Meditation oder auch in der Natur?
Die absolute Aktion oder Meditation kann eine Ahnung bereithalten: wenn ich mir keine Fragen mehr stellen muss, wenn ich als gesamtes Wesen die Antwort auf alles bin. Manche Religionen sagen: Gott ist die Antwort auf alles. Aber das erreiche ich auch, wenn ich ganz konzentriert klettere und mich nicht mehr frage, was ich da eigentlich tue. Dann gibt es nichts mehr, was mich aus dem Gleichgewicht bringen kann. Hierzu eine Geschichte: Als man in Australien den Ayers Rock zur erweiterten Touristenattraktion machen wollte, haben die Aborigines ihre Zustimmung zum Bau von Hotelkomplexen und weiteren Service-Einrichtungen ­verweigert. In einem juristischen Prozess verteidigten sie ihren heiligen Platz. Die Anwälte fragten sie: „Was ist daran so ­heilig?“ Die Aborigines antworteten: „Es ist der Sitz des Nichts.“ Die Anwälte: „Sehr gut, das Nichts muss doch gefüllt werden.“ Die Aborigines: „Nein. Die absolute Leere ist das Heiligste, was es gibt.“ Sie bekamen Recht. Durch Verzicht kann man den Wert des Lebens neu erkennen.


„Wir haben uns auf eine schwierige Expedition begeben und sind eine ­Seilschaft geworden“, sagt Reinhold Messner über seine Zusammenarbeit mit Regisseur Joseph Vilsmaier („Herbstmilch“, „Schlafes Bruder“) für „Nanga Parbat“ (2010). Der Film erzählt vom verzweifelten Überlebenskampf zweier Brüder, die sich  gemeinsam einen Traum erfüllen wollten.

Foto: Markus Werner

Yoga Nidra in 10 Schritten

Tiefe Entspannung mit Yoga Nidra Meditationsanleitung in 10 Schritten

Vorbereitung für die Yoga Nidra Entspannung: Für ein entspanntes Liegen platziere einen Block flach unter das obere Ende eines Bolsters. Dann lege dich längs auf diese Schräge, die Sitzknochen sind auf dem Boden, vom unteren Rücken bis zum Kopf stützt dich das Bolster, eine gefaltete Decke dient als Kopfkissen. Nimm bewusst wahr, welche Geräusche, Gerüche, Farben und Lichtverhältnisse dich umgeben, was du schmeckst – und heiße all diese Wahrnehmungen willkommen. Lass im ganzen Körper los und spüre, wie sich ein Gefühl der Entspannung in Körper und Geist ausbreitet.

1. Verbindung mit dem Herzenswunsch
Bringe dir deinen tiefsten Wunsch zu Bewusstsein, etwas, das du dir mehr wünschst als alles andere im Leben. Das kann Ge­sundheit sein, Wohlbefinden, spirituelles Erwachen oder etwas anderes. Spüre diesen Wunsch im ganzen Körper, stell dir vor, er sei Wirklich­keit geworden und erlebe ihn in diesem Moment als wirklich.

2. Eine Intention festlegen
Denke darüber nach, was du dir für deine heutige Praxis vornimmst. Das könnte Ruhe und Entspannung sein, oder die Erforschung einer bestimmten Empfindung, eines Gefühls oder einer Überzeugung. Heiße die Intention willkommen und bejahe sie mit deinem gesamten Körper und Geist.

3. Die „innere Zuflucht“ finden
Lenke die Aufmerksamkeit auf deine „innere Zuflucht“, den sicheren Hafen in dir selbst, einen Ort, an dem du Geborgenheit, Wohlbefinden und Ruhe erfährst. Dazu kannst du dir einen Platz vorstellen, eine Person oder eine Erfahrung – etwas, mit dem du dich rundum sicher und wohl fühlst. Immer wenn du dann während der Praxis oder im Alltag das Gefühl hast, von einer Emotion, einem Gedanken oder einer Situation überwältigt zu werden, kehre an diesen beruhigenden Ort zurück.

4. Den Körper abtasten
Lenke die Aufmerksamkeit nach Innen und auf alle Teile deines Körpers: Spüre den Kiefer, den Mund, die Ohren, die Nase und die Augen. Dann nimm die Stirn wahr, den Schädel, den Hals und den Rachen. Anschließend „scannst“ du den linken Arm, die linke Handfläche, dann den rechten Arm und die rechte Handfläche und schließlich beide Arme und Hände zugleich. Nun spürst du den Rumpf, das Becken und das Kreuzbein. Nimm die Empfindungen der linken Hüfte, des linken Beins und des linken Fußes wahr, anschließend die rechte Hüfte, das rechte Bein und den rechten Fuß. Spüre den gesamten Körper als ein Feld von strahlenförmigen Empfindungen.

5. Atembewusstsein herstellen
Spüre, wie der Körper ganz von selbst atmet. Beobachte den natürlichen Fluss der Atemluft in den Nasenflügeln, in der Kehle und im Brustkorb. Nimm wahr, wie sich der Bauch bei jedem Atemzug hebt und senkt. Erlebe jeden Atemzug als einen Energiefluss, der durch den gesamten Körper strömt.

6. Empfindungen annehmen
Alle körperlichen Empfindungen (zum Beispiel Schwere, Anspannung oder Wärme) und alle Gefühle (wie Traurigkeit, Wut oder Sorge) nimmst du einfach so an, wie sie in deinem Körper und Geist anwesend sind. Nimm aber auch die entgegengesetzten Empfin­dungen wahr: Wenn du dich sorgst, rufe Gelassenheit in dir wach, wenn du angespannt bist, erfahre wohliges Lösen. Spüre jede Empfindung und ihr Gegenteil innerhalb deines Körpers.

7. Gedanken wahrnehmen
Beobachte die Gedanken, Erinnerungen und Bilder, die durch deinen Geist strömen und nimm auch diese an. Beobachte ohne zu urteilen und ohne zu versuchen, etwas zu verändern. Wenn du dabei auf Meinungen stößt, die du von dir selbst hast, dann rufe dir auch hier die Gegenteile ins Bewusstsein und nimm die Erfahrung so an, wie sie ist.

8. Freude erleben
Heiße Gefühle wie Freude, Wohl­behagen und Glück willkommen, die sich von deinem Herzen oder Bauch aus im Körper und im Raum um dich herum ausbreiten. Spüre, wie mit jeder Ausatmung Wärme, Freude und Behaglichkeit durch deinen Körper strahlt.

9. Sich selbst beobachten
Sei dir deiner „Ich­heit“, deiner Per­sönlichkeit bewusst. Nimm diese Identität wahr, wenn du sagst „Ich bin hungrig“, „Ich bin wütend“ oder „Ich bin glücklich“. Dann ziehe dich auf den Beobachterstandpunkt zurück und erlebe dich als Zeug*in, als das Bewusstsein, das all diese Empfindungen und Gedanken erkennen kann. Lass das Den­ken außen vor und verschmelze mit dem Bewusstsein – wach und im „bewussten Sein“ deiner selbst.

10. Die Praxis rekapitulieren
Um die Praxis abzuschließen, re­kapituliere noch einmal die Reise, die du unternommen hast. Versichere dich, dass das Gefühl reinen Daseins oder reinen Bewusstseins tief im Inneren immer da ist – ein unabänderlicher Frieden, der den Untergrund bildet für die sich ständig wandelnden Zustände. Stell dir vor, wie du dieses Gefühl in dein Alltagsleben integrierst: Sowohl in angenehmen als auch in schwierigen Momenten kannst du dich mit diesem Gleichmut verbinden.

Ausklang
Richte dich beim Übergang zurück ins wache Leben nach deinem eigenen Tempo. Orientiere dich langsam wieder in deiner Umgebung – aber bevor du allmählich ganz zurück ins Hier und Jetzt kommst, halte noch einen Moment inne und bedanken dich dafür, dass du dir diese Zeit für dich selbst genommen hast.

(Bildquelle: Pixabay)


Möchtest du mehr über Yoga Nidra Nidra erfahren? Dann höre dir gerne diese Folge des YogaWorld Podcast an:

Tiefer eintauchen mit dem Yoga-Sutra

Uns einer höheren Macht hingeben – eine Methode, die wir oftmals in ausweglosen Situationen nutzen. Im Yoga-Sutra hingegen transformiert Patanjali Ishvara pranidhana – die Hingabe an das Göttliche – von diesem „letzten Ausweg“ zu einer essenziellen Praxis. Sie beruhigt den Geist und schafft tiefe Verbundenheit.

Als Ashtanga-Schülerin in Pattabhi Jois Yoga-Shala, in Mysore, ging ich die wenigen Blocks zur Schule am liebsten zu Fuß. Die erste Klasse begann bereits um halb fünf Uhr morgens, und in der dunklen Stille vor Sonnenaufgang säumten bereits mit Saris bekleidete Frauen die Seitenstraßen der Nachbarschaft. Auf dem Boden vor ihren Häusern kniend, erschufen sie so genannte Rangoli, indem sie Reismehl durch ihre Finger rieseln ließen. Die so entstandenen heiligen Zeichen sind auch als Yantras bekannt. Einfach aber auch sehr detailreich gestaltet, strahlten diese Opfergaben an Lakshmi, die Göttin des Glücks und des Wohlstands, stets vor Lebendigkeit – um mit dem Einsetzen des morgendlichen Straßenverkehrs jedoch unweigerlich wieder zerstört zu werden. Die Hingabe, die Kreativität dieser Frauen und nicht zuletzt ihre Bereitschaft, die wunderschönen Werke loszulassen, inspirierte mich stark. Ich freundete mich mit einigen von ihnen an. Als sie mir ein paar einfache Rangoli beibrachten, begriff ich, dass diese Opfergaben nicht bloß eine Pflichtübung oder reine Dekoration darstellen. Vielmehr verbirgt sich dahinter eine kreative Art und Weise zu meditieren, eine Praxis, um sich mit dem Göttlichen in uns allen zu verbinden. Oder wie mir eine der Mütter mit einem Lächeln erklärte: „Diese Opfergaben erinnern mich an das große Ganze, was mir dabei hilft, mich um die kleinen Dinge zu kümmern.“ Wie so viele alltägliche Rituale in Indien, sind diese morgendlichen Opfergaben als Teil der Yogapraxis des Ishvara Pranidhana zu sehen – die Hingabe (Pranidhana) an eine höhere Macht (Ishvara). Ishvara pranidhana ist das Yoga des „Großen Ganzen“: Es stößt einen heiligen Perspektivenwechsel an, der uns hilft, uns der Anmut des reinen Daseins zu erinnern.

Auf moderne Westler mag diese Idee der Hingabe merkwürdig wirken. Uns einer höheren Macht hinzugeben, kennen wir in der Regel als allerletzten Ausweg. Wenn wir unüberwindbar erscheinenden Problemen gegenüberstehen oder wir die Grenzen unseres Willens und unserer Fähigkeiten aufgezeigt bekommen. Im Yoga-Sutra hingegen transformiert Patanjali Hingabe von diesem „letzten Ausweg“ zu einer essenziellen, fortwährenden Praxis. Er stellt Ishvara pranidhana immer wieder als eines der fünf Niyamas (Verhalten sich selbst gegenüber) des achtgliedrigen Pfades heraus (YS 2.32). Zusammen mit Tapas (Disziplin, Ausdauer) und Svadhyaya (Selbstreflexion) ist Hingabe ein Teil des Kriya Yoga (YS 2.1.). Für Patanjali stellt Ishvara pranidhana eine wirksame Methode dar, die ständige Unruhe des Geistes aufzulösen, und damit einen Weg zu Samadhi, einem Zustand der tiefen Verbundenheit. Wie ist das zu erklären? Ishvara pranidhana löst unseren Blickwinkel vom „Ich“. Es löst uns von all den engstirnigen Belangen und Ansichten, die oftmals die Quelle ständiger Ablenkung sind und dazu beitragen, dass wir uns vom Göttlichen abgeschnitten fühlen. Indem wir durch Ishvara pranidhana vom Ego abrücken und uns stattdessen auf die Heiligkeit des Seins konzentrieren, verbinden wir uns mit unserem wahren Selbst. „Durch die Hingabe wird das Ego des Übenden ausgelöscht, und Gnade ergießt sich wie ein Sturzbach auf ihn“, stellt B.K.S. Iyengar in „Licht auf Yoga“ fest. Genau wie das Absteigen durch verschiedene Phasen der Spannung bis zur Entspannung in Shavasana, bietet Ishvara pranidhana einen Weg durch die Hindernisse unseres Egos hin zu unserer göttlichen Natur. Dieser Weg führt schließlich zu Anmut, Frieden, bedingungsloser Liebe, Klarheit und Freiheit.

Verbindung schaffen
Um Ishvara pranidhana zu üben, müssen wir zunächst mit unserer eigenen Verbindung zum Universum beginnen. Im Yoga sprechen wir in diesem Zusammenhang von Ishta-Devata. Die yogische Vorstellung von Ishta-Devata geht davon aus, dass wir alle unsere eigene, persönliche Verbindung zum Göttlichen haben und diese einen mächtigen Weg zum Yoga, zur Einheit darstellt. In der indischen Tradition verehren viele Sadhus (Mönche) Shiva in seiner Funktion als Ur-Yogi. Andere verehren Vishnu, vor allem in seinen Inkarnationen Rama oder Krishna. Aber auch weibliche Göttinnen erfahren eine solche Verehrung, wie etwa Lakshmi, Kali oder Durga.
Der bedeutende Lehrer Sri T. Krishnamacharya war hingegen der Ansicht, dass Yogaübende aus dem Westen besser ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorstellungen vom Heiligen und Göttlichen verwenden sollten, um ihre Verbindung zu Ishvara zu vertiefen.
Ich fühlte mich schon immer zur indischer Kultur hingezogen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst meine katholische Großmutter und ihre Hingabe an die heilige Maria Einfluss auf mich hatten. Als junges Mädchen beobachtete ich meine Oma oft beim Beten. Sie lag dabei auf ihrem Bett unter einem Maria-Bildnis und betete den Rosenkranz. Ishta-Devata kann jedoch auch andere Formen annehmen: Mein Vater ist Künstler und er sieht beispielsweise im Licht das Göttliche, in der Natur, in den Augen der Menschen, in der Kunst. Im Yoga begreift man Ishvara jenseits bestimmter Formen, vielmehr drückt sich Ishvara in allen Erscheinungen aus. Dafür steht die heilige Silbe Om, Ishvara versteht man hier als reine Schwingung. Ishta-Devata ist die Form, die diese Schwingung im Herzen annimmt.

Im Yoga-Sutra beschreibt Patanjali diese innere Anwesenheit von Ishvara als unseren wichtigsten Lehrer (YS 1.26.). Indem wir aufmerksam unserer inneren Stimme lauschen, begeben wir uns in eine Beziehung mit ihr, die sämtliche Aspekte unseres Lebens betrifft. Denke ich an meine Lehrer, zu denen auch meine Eltern gehören, dann erkenne ich: Sie lehrten mich nicht nur die großen Lektionen des Lebens, sondern auch tausende kleine. Immer wieder zeigten sie mir, ob ich mich auf dem richtigen oder auf dem Holzweg befand. Sie öffneten mir die Augen für neue Perspektiven und ermahnten mich, wenn ich mich vor dem Leben verschloss. Ähnlich geht es mir mit meinem inneren Lehrer: Je mehr ich mit diesem Wegweiser übereinstimme, desto mehr leitet er mich in meinen Gedanken, Worten und Taten.

Die Idee der Opfergabe
Wenn Ishvara den inneren Kompass darstellt, dann bedeutet Pranidhana das Bewusstsein dafür, stets mit dieser Essenz verbunden zu bleiben – nicht nur hin und wieder, sondern den ganzen Tag. Eine Übersetzung für Ishvara pranidhana lautet: „die Früchte seiner Taten dem Göttlichen opfern“. Wollen wir Ishvara pranidhana zu einem vitalen Bestandteil unserer Yogapraxis machen, lohnt es sich, einen Blick nach Indien zu werfen. In ein Land, in dem die Idee der Opfergabe die gesamte Kultur durchdringt. Trotz all der damit verbundenen Herausforderungen half mir mein Aufenthalt dort zu verstehen, wie ich Ishvara pranidhana in den Alltag integrieren kann. In ganz Indien sind Darstellungen des Göttlichen zu finden. Menschen jeden Alters bringen dort regelmäßig Opfergaben wie Früchte und Weihrauch dar. Sie widmen den Gottheiten aber auch ihre Yogapraxis – etwa in Form des Anjali Mudra (die Handflächen werden dabei vor dem Herzen zusammengebracht) oder von Asanas, die sie vor den göttlichen Darstellungen praktizieren. Der Verkäufer am Obststand opfert den ersten Umsatz des Tages auf dem Altar seines Karrens. Der Riksha-Fahrer berührt die Füße einer Krishna-Darstellung, bevor er losdüst. Die Mutter aus der Nachbarschaft opfert den ersten Löffel des Mittagessens auf ihrem Küchenaltar. Wenn der Ashtanga-Yogameister Sri K. Patthabi Jois den Yogaraum betrat, trug er auf seiner Stirn stets sein Tilak – ein Zeichen, das seine morgendliche Puja (Opfergabe) darstellte. All diese Praktiken fördern eine grundlegende Verbindung mit dem Göttlichen. Das Ich bewegt sich dabei in den Hintergrund, das Spirituelle tritt in den Mittelpunkt.

Bewusstsein etablieren
Wir Westler, die in der Regel nicht mit solchen Ritualen aufgewachsen sind, benötigen für den Aufbau von Ishvara pranidhana wohl ein wenig mehr Aufmerksamkeit für unsere innere Stimme. Vergleichbar ist dieser Prozess mit dem Erlernen des langsamen und konstanten Atmens während der Asanapraxis. Weder der tiefe Atem, noch Ishvara pranidhana sollten sich seltsam oder unangenehm anfühlen. Obwohl dieser Ansatz bekannt ist, kann sich die Praxis zunächst ein wenig ungewohnt anfühlen. Jeder kann Ishvara pranidhana üben, jede Tat kann dadurch aufgewertet werden – und das unabhängig von der jeweiligen spirituellen Ausrichtung. Es gibt keinen inneren Zustand, kein Gefühl, kein Hindernis, das den positiven Einfluss von Ishvara pranidhana überragt. Unabhängig davon ob Sie ein hingebungsvoller Bhakti-Yogi oder ein völliger Skeptiker sind, ob Sie sich einer einfachen Aufgabe wie dem Kochen widmen oder ein kompliziertes Gespräch führen, ob Sie voller Freude oder verwirrt sind – Ishvara pranidhana erstreckt sich über das gesamte Mandala des Lebens.

Da Ishvara pranidhana sehr umfassend ist, erscheint es oftmals schwer einen Punkt zu finden, an dem man mit der Praxis beginnen kann. Mir persönlich hilft Ishvara pranidhana in schwierigen Situationen, um den Blickwinkel zu verändern. Es hilft mir als Methode, um die einfachen Alltagshandlungen bewusst zu erleben. Die Yogamatte eignet sich dabei bestens als „Sicherheitszone“, auf der man Ishvara pranidhana einem „Testlauf“ unterziehen kann. Der Beginn der Yogapraxis hat dabei entscheidenden Einfluss auf den Verlauf, den „Flow“. Innere Einkehr, die Intention, Chanting und Visualisierung stellen formale Möglichkeiten dar, Ishvara pranidhana einzuleiten. Ich beginne meine Praxis oft ausgestreckt auf dem Bauch liegend, völlig entspannt, und visualisiere vor mir die Lotus-Füße der Göttin – meiner Ishta-Devata. Ich atme tief, lasse den Ballast des Tages hinter mir und spüre schon bald ein Gefühl von Ausrichtung, Inspiration und Klarheit in mir aufsteigen. Das ist mein innerer Kompass, ein Lehrer, dessen Anwesenheit während der Übungen spürbar an Intensität gewinnt. Auch Sonnengrüße können Ishvara pranidhana einleiten: Schließlich waren sie ursprünglich in Bewegung ausgeführte Gebete. Mit jedem Atemzug gibt der Yogi seine Energie an die Sonne zurück.

Während Sie Asanas praktizieren, versuchen Sie herausfordernde Haltungen als Miniaturausgabe der Schwierigkeiten des Lebens zu begreifen. Dies ist eine gute Möglichkeit die Kunst der Hingabe zu üben. In meiner eigenen Praxis beginne ich mehr und mehr, Anspannung als ein Signal zu begreifen. Zwanghaftes Festhalten ist ein Zeichen dafür, dass meine Verbindung zu Ishvara pranidhana schwächer wird. Indem ich meine Anspannung dem Göttlichen opfere, mich leere und hingebe, spüre ich, wie meine Kraft zurückkehrt, mein Atem tiefer und mein Körper flexibler wird. Aber was noch viel bedeutender ist: Mein kleines, aufgewühltes Inneres verschmilzt mit dem großen Ganzen. Und genau wie bei den Frauen aus Mysore und ihren Reismehl-Opfergaben, bleibt dieses Bewusstsein und die Anmut über die eigentliche Haltung hinaus bestehen. Da Ishvara pranidhana jede Tat mit ihrer göttlichen Quelle verbindet, ist es laut Krishnamacharya die wichtigste Yogaübung in dieser Ära des Kaliyuga – dem „eisernen Zeitalter“, in dem die Menschheit ihren Anmut verloren hat. Im Gegensatz zur buddhistischen Praxis der bewussten Aufmerksamtkeit, ist Ishvara pranidhana eher eine Praxis des Herzens: Es erweckt konstante Hingabe an die Quelle des Lebens und öffnet unsere Herzen in jedem Augenblick für das Göttliche – was auch immer kommen mag.

(Bildquelle: Fotolia.com)


Shiva Rea begann im Alter von 14 Jahren, sich für Yoga zu interessieren. Seit über drei Jahrzehnten beschäftigt sie sich intensiv mit den Lehren Krishnamacharyas, Tantra, Ayurveda, Bhakti Yoga, Tanz sowie der Kampfkunst Kalarippayat. Sie entwickelte Prana Vinyasa Flow Yoga und Yoga Trance Dance – beides unterrichtet sie weltweit im Rahmen von Teacher Trainings, Workshops und Retreats. 

Sagenhafte Asanas

sagenhafte Asanas Pool Namaste
Foto von Gustavo Fring von Pexels

Kennen Sie die Legende, die sich um den Pflug, rankt? Wissen Sie, was der Elefantengott mit dem Halbmond, verbindet? Lassen Sie sich inspirieren von den Geschichten, die hinter den Asanas stecken und vertiefen Sie dadurch Ihre Yogapraxis.

Manchmal lässt sich der Name einer Asana ganz leicht von deren Form ableiten. So kann man etwa die sich aufbäumende Schlange in der Kobrastellung sehr gut erkennen. Bei anderen Haltungen ist das nicht ganz so einfach. Besonders dann, wenn sich der Name einer Asana von einer alten yogischen Sage, Gottheit oder einem heiligen Tieren ableitet, das uns nicht bekannt ist. Sich mit den Namen und Mythen der Yogahaltungen zu beschäftigen, kann die eigene Yogapraxis bereichern. Die Stellung bekommt eine stärkere Symbolkraft und damit auch eine tiefere, meditative Qualität. Außerdem eröffnet uns dieses Wissen eine neue Perspektive auf die Praxis. Es macht uns bewusst, dass die Erfahrungen auf der Matte Allgemeingültigkeit besitzen und auf unser alltägliches Leben übertragen werden können.

Es gibt viele Varianten und Interpretationen dieser Geschichten und alle mögen für unsere Yogapraxis hilfreich sein. Den Geschichten wohnt die Kraft inne, alte Verhaltensmuster zu durchbrechen. Außerdem liefern sie Einsichten, die uns näher zu unserem wahren Selbst führen. Und darum geht es schließlich beim Yoga. Yoga ist Sanskrit und bedeutet „vereinigen“ oder „verbinden“. Yoga kann mit dem Gefühl der Verbundenheit beschrieben werden. Wir erkennen, dass ein Teil von uns in allen Dingen besteht und umgekehrt. Um diese Verbindung tiefer zu verstehen, versuchen wir all das, was wir im Universum kennen und erleben, in der Asanapraxis wieder zu spiegeln. Wir nehmen die Form eines Baums, eines Fisches, eines Kriegers oder einer Schildkröte an und beginnen so zu begreifen, was das Wesen der Asanas ausmacht. Dadurch fühlen wir uns mit allen Lebewesen um uns herum sehr viel verbundener. Yoga gibt uns die Möglichkeit, das Trennende zu überwinden, das aus dem Ego resultiert. Ebenso wie aus Angst, Zynismus und der Isolation, die uns bisweilen in unserem täglichen Leben begleiten. Indem wir Freude daran finden, die Welt kennenzulernen, begeben wir uns auf die yogische Reise.


Matsyasana – die Fischstellung

In Matsyasana liegt der Übende auf dem Rücken. Die Beine sind ausgestreckt und berühren sich, die Ellenbogen sind unter den Körper gezogen. Mit der Einatmung wird die Brust in Richtung Decke angehoben, während der Kopf nach hinten sinkt und der Scheitel den Boden berührt. Ebenso wie es viele verschiedene Fische im Meer gibt, existieren zahlreiche Variationen dieser Stellung. In einer Variante sind die Beine entweder im Lotus verschränkt oder die Fußsohlen berühren sich (Baddha Konasana). In einer anderen Variante werden die Beine im 45-Grad-Winkel vom Boden gehoben und die Arme werden parallel zu den Füßen ausgestreckt. Die Handflächen pressen dabei gegeneinander. In der unterstützten Version dieser Stellung wird ein Block zwischen die Schulterblätter gelegt. Der Kopf liegt entspannt auf einer Decke.

Mythos: Der erste Yogaschüler
Nach 10.000 Jahren intensiver Meditation, verließ Shiva den Berg Kailash und begab sich auf die Suche nach seiner geliebten Parvati. Shiva verkündete, dass ihm der Schlüssel zum Universum, das Geheimnis zur Erlösung, gewährt worden sei. Er hatte Yoga entdeckt, den Weg zur absoluten Einheit zwischen dem individuellen Selbst und der Göttlichkeit. Während Shiva sprach, schwamm ein Fisch im nahen Fluss vorbei. Matsya (Sanskrit für „Fisch“) war ein außergewöhnlicher Fisch und konnte besonders gut zuhören. Als er an Shiva und Parvati vorbei schwamm, hörte er Shivas Worte und beschloss zu verweilen. Er hatte Shivas Rede über das natürliche Leben und das Universum noch nie zuvor gelauscht und seine Worte erschienen ihm wichtig. Als er zuhörte, geschah etwas Magisches mit ihm. Er spürte, wie das Wissen über Yoga, die Techniken und die Theorie, von seinem Körper und seiner Seele Besitz ergriffen. Während er Shivas Anweisungen aufmerksam zuhörte, wurde Matsya allein durch die Schlussfolgerungen aus Shivas Rede erleuchtet. In diesem Moment wurde Shiva zum ersten Guru („Lehrer“) und Matsya wurde zum ersten Chela („Schüler“). Damit begründeten die beiden die traditionsreiche Linie von Lehrern und Schülern, die die Yogalehren durch mündliche Überlieferung über tausende von Jahren weitergegeben haben.

Lektion
Nichts ist beim Yoga wichtiger, als die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Durch gutes Zuhören kann jeder gute Schüler in die Fußstapfen Matsyas treten.


Arda Chandrasana – der Halbmond

Ardha Chandrasana (Der Halbmond) ist eine stehende Haltung, in der man das Gleichgewicht halten und sehr aufmerksam sein muss. Ausgehend von Krieger II, wird die hintere Hand in die Taille gelegt und der Blick zum vorderen Fuß gesenkt. Die andere Hand wird neben den vorderen Fuß gesetzt. Nun wird das Gewicht auf das vordere, gebeugte Bein verlagert, das hintere Bein gelöst und auf Hüfthöhe angehoben. Schließlich streckt der Übende das Standbein und öffnet den Brustkorb und die Schultern in Richtung Decke. Die freie Hand reckt sich zum Himmel. Wer kann, dreht den Kopf ebenfalls zur Decke und richtet den Blick nach oben.

Mythos: Ganesh und der Mond
Ganesh, der bezaubernde Gott mit dem Elefantenkopf, wird von vielen wegen seiner Großzügigkeit und seiner schlauen Possen verehrt. Außerdem ist er wegen seiner Vorliebe für Süßigkeiten bekannt. Auf Bildern wird er häufig mit einer Schale voller Prasad (gesegneten Süßspeisen) in der Hand dargestellt. Trotz seiner Liebe zu Süßigkeiten ist Ganesh ein Yogameister wie sein Vater Shiva. Ganesh weiß genau wie schwierig es ist, die Balance zwischen Genuss und Verzicht zu finden. Trotz seiner rundlichen Figur ist er sehr flexibel. Eine seiner Heldentaten geht auf einen Tag zurück, an dem Ganesh so viele süße Kuchen gegessen hatte, dass sein Bauch zu platzen drohte. Er beschloss deshalb, dass es Zeit sei, nach Hause zu gehen und seinem vollen Magen ein wenig Entspannung zu gönnen. Er sprang also auf sein treues „Ross“, eine winzige Maus. Weil die Maus ein solch kleines Reittier ist, brauchte Ganesh einen besonders guten Gleichgewichtssinn, um seinen wuchtigen Körper auf dem schwankenden Gefährt zu halten. Das ungleiche Paar fuhr grade gemütlich nach Hause, da schlängelte sich eine Kobra auf den Weg. Die Maus erschrak und suchte plötzlich das Weite, so dass Ganesh das Gleichgewicht verlor und von seinem winzigen Reittier fiel. Als er am Boden aufkam, explodierte sein übervoller Bauch und überall um ihn herum regnete es süße Kuchen. Ganesh war über die Unterbrechung seiner Fahrt und den Verlust der süßen Fülle in seinem Magen sehr betrübt. Er sammelte all die süßen Kuchen wieder ein und schob sie einen nach dem anderen zurück in seinen Bauch. Dann schnappte er sich die Kobra und band sie sich um die Hüften, um seinen aufgesprungenen Leib zu verschließen. Während er all dies tat, hatte ihm der Mond, Chandra, zugesehen. Chandra konnte nicht an sich halten und brach über Ganeshs verrückter Tat in Gelächter aus. Wer hätte da schon wiederstehen können?

Ganesh jedoch war sehr böse über das Gelächter des Mondes – schließlich ist er Shivas Sohn. Und in einem Anfall von Wut brach er seinen rechten Stoßzahn ab und schleuderte ihn dem Mond entgegen. Durchbohrt von Ganeshs Stoßzahn, erlosch Chandras Licht. Ganesh verfluchte den Mond, so dass er nie mehr scheinen und die Erde in ständigem Sonnenschein sein sollte. Doch ohne Nacht, ohne Sonnenauf- und untergang, ging die Liebe auf der Erde verloren. Es gab keinen Platz mehr für Romantik und Menschen und Götter wurden von der Sonne verbrannt und verloren alle Hoffnung auf der heißen Erde. Ganesh hatte sich in seinen Palast verkrochen, als ihn eine Gruppe von Göttern aufsuchte, um ihn zu bitten, er möge dem Mond wieder erlauben zu scheinen. Geschmeichelt durch diese Bitte stimmte Ganesh einem Kompromiss zu: Er würde dem Mond gestatten wieder zu scheinen. Jedoch müsse der Mond ab- und zunehmen und dürfe nur alle vier Wochen in seiner vollen Größe zu sehen sein. Dies, so beschloss er, sei eine dauerhafte Lektion für den Mond, so dass er es nie wieder wagen würde, über ihn zu lachen. Ganesh dagegen trug seit dem stets den abgebrochenen Stoßzahn bei sich, der seine Wut darüber symbolisiert, dass er für einen Moment das Gleichgewicht verloren hatte.

Lektion
Eine der wichtigsten Lektionen beim Yoga lautet: Alles, was wir erleben oder tun, trägt eine eigene Energie in sich – ebenso wie die Sonne und der Mond. In unserem Körper besetzen Sonne und Mond gegenüberliegende Hälften. Der Mond regiert über den linken Energiekanal (Ida Nadi) und die Sonne regiert über den rechten Energiekanal. Im Idealfall streben wir danach, ein Gleichgewicht zwischen den beiden Energien herzustellen. In der Sonne sollten wir ebenso schwelgen wie im Mond und beide Qualitäten gleichmäßig handhaben, während wir auf dem Pfad der Erleuchtung fortschreiten. Ganesh mag Chandra eine Lektion erteilt haben, doch die eigentliche Lehre dieser Geschichte ist folgende: Eine Welt ohne Mond, in der nur die Sonne scheint, ist ohne Liebe. In einer solchen Welt gibt es weder Sanftheit noch Schatten, um die Landschaft in unserem Herzen zu bestimmen. Ohne Sonnenauf- und untergänge gibt es keine dieser kurzen Phasen der perfekten Ausgewogenheit zwischen Tag und Nacht, in denen man sich davon stehlen kann. In unserer Yogapraxis lernen wir die Wahrheiten einer jahrhundertealten Weisheit, die besagt: „Wie oben, so auch unten. Wie ohne, so auch mit.“ Mit anderen Worten: So wie mit Sonne und Mond im Himmel, so auch in unserem Herzen. Wer diese Weisheit berücksichtigt, wird ebenso viel Freude an den Schatten und am lunaren Bereich seiner Existenz erleben, wie auch an den hellen, solaren Orten des Lebens.


Halasana – der Pflug

Halasana bedeutet „Pflugstellung” und bezieht sich auf den Pflug, der die tote Erde pflügt und damit zu neuem Leben erweckt. Im Pflug liegt der Übende auf dem Boden. Die Beine hat er über den Kopf gehoben. Die Zehen berühren den Boden hinter seinem Kopf. In Halasana werden die Wirbelsäule gestreckt und die inneren Organe sowie die Schilddrüse massiert. Darüber hinaus stimuliert diese Stellung das Kehlkopf-Chakra.

Mythos: Die Geschichte von Haladhara
Krishnas älterer Bruder, Balarama, wurde auch Haladhara genannt, weil er einen Pflug (hala) mit sich trug (dhara). Eines schönen Nachmittags beschloss Haladhara ein Bad im großen Yamunafluss zu nehmen. Angeheitert von seinem liebsten Honigwein, befahl er dem Fluss zu ihm zu kommen. Haladhara war es gewohnt, dass seine Befehle befolgt wurden. Und so war er sehr erstaunt, als der Yamunafluss nicht zu ihm kam. Statt jedoch zum Fluss zu gehen, nahm er seinen Pflug und grub das Flussbett um, bis das Wasser schließlich zu ihm floss.

Lektion Gemäß der Yogaphilosophie hinterlassen sämtliche Handlungen ihre Spur in unserem Bewusstsein. Dabei können sie entweder Spuren von der Landkarte unseres Bewusstseins löschen oder neue Abdrücke hinterlassen. Ebenso wie Haladhara den Fluss zu sich umlenkte, ist auch der Yogi bemüht, den Geist von negativen Gedanken weg und zu positiven hin zu leiten. Ein Abschnitt im vierten Kapitel der Yoga Sutren spricht von eben jener Art, „den Geist zu pflügen“:

Nimittam aprayojakam prakëtînâm varana-bhedas tu tatah kasetrikavat.
Yoga Sutra IV.3

Im Wesentlichen besagt dieses Sutra, dass wir Hindernisse auf unserem yogischen Lebensweg beseite schaffen sollen, um unseren Geist in die richtig Richtung zu lenken. Ähnlich wie der Bauer der sein Feld pflügt, um es bewässern zu können. In diesem Sinne befreit uns „das Pflügen unseres Geistes“ auf gedanklicher Ebene. In der Pflugstellung haben wir die Möglichkeit, das Feld unseres Geistes mit positiven Gefühlen zu pflügen.


Balasana – die Stellung des Kindes

Balasana ist die Stellung des Kindes (bala). In dieser Asana ist der Körper über die gefalteten Knie gebeugt, ähnlich wie ein Embryo im Bauch seiner Mutter. Diese Asana ist eine Stellung zum Ausruhen und wird oft nach herausfordernden Sequenzen geübt. Sie eignet sich auch, wenn Geist und Körper einige Zeit brauchen, um die Praxis aufnehmen zu können. Nur wenn unser Geist unschuldig und zur Aufnahme bereit ist, dann kann uns die Yogapraxis verändern.

Mythos: Krishnas Kinderspiele
Als Krishna und sein Bruder Balarama zusammen spielten, nahm Krishna einmal eine Hand voll Erde und aß sie. Als Balarama das sah, rannte er zu seiner Mutter Yashoda und sagte zu ihr: „Mutter, Krishna hat Erde gegessen. Er wird vielleicht daran ersticken!“ Unbeeindruckt von einem neuen Trick ihres Sohnes, ging Yashoda zu Krishna und fragte ihn: „Hast Du Erde gegessen?“ Obwohl Krishnas Gesicht voller Erde war, antwortete er: „Oh nein Mutter, Balarama lügt. Ich habe die Erde nicht angerührt.” Natürlich glaubte Yashoda ihm nicht und befahl Krishna den Mund zu öffnen. Als Yashoda hinein sah, konnte sie keine Erde sehen. Stattdessen sah sie das gesamte Universum mit allen Galaxien.

Obwohl Krishnas Eltern und Freunde wussten, dass er ein Gott war, ließ sie sein kindischer Charme diese Tatsache immer wieder vergessen. Dieses spielerische Vergessen der Göttlichkeit nennt man „lila“. Es ermöglicht die höchste Verbindung, die die Seele mit dem Göttlichen eingehen kann. Dieses Vergessen erlaubt Krishnas Freunden mit ihm zu lachen und zu spielen. Wären sie sich seiner Göttlichkeit ständig bewusst, ließen sie sich womöglich davon einschüchtern. Auf ganz ähnliche Weise muss auch ein Staatsoberhaupt seine offizielle Stellung vergessen, wenn er mit seinem Enkelsohn Pferdchen spielt und ihn auf seinem Rücken reiten lässt. Das ist eines der Paradoxa in der Yogaphilosophie: Zuerst müssen wir uns unserer göttlichen Natur bewusst werden. Wenn wir diese Qualität in unserem Leben jedoch etabliert haben, müssen wir sie wieder vergessen, um nicht den Kontakt zur Welt zu verlieren. Dabei handelt es sich um eben jene spielerische Art des Vergessens, in der wir nicht die Verbindung zu unserer Seele verlieren. Als Yashoda Krishna in den Mund blickte, sah sie die gesamte Schöpfung darin. In dieser Geschichte gibt es keine Dualität, nur das Spiel um des Spielens willen.

Lektion
Kinder sind oft die besten Lehrer. Man sagt, Yoga sei sehr einfach und sehr schwer zugleich. Es ist einfach, weil wir eigentlich nur lernen müssen, uns nicht zu sehr an unser Ego zu klammern. Aber genau das ist eine der schwierigsten Aufgaben. Denn unser Ego arbeitet sehr raffiniert und wir versuchen immer wieder auf vielfältige Weise es zu bewahren. Gemäß der Yoga-Sutren und der Bhagavad Gita besteht das letzte Ziel im Yoga darin, uns einer höheren Macht hinzugeben. Yoga wird für gewöhnlich als eine Praxis gesehen, die uns vom Ego befreit, uns aber gleichzeitig durch die Liebe an das Göttliche bindet. Und genau das symbolisiert die Haltung des Kindes. Es ist die kindliche Hingabe an das Göttliche, die uns den tugendhaften Weg ermöglicht. Alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen yogischen Sagen werden bestätigen, dass es eben diese Tugendhaftigkeit ist, die wir benötigen. Denn wir alle hängen von etwas ab, das größer ist als wir selbst. Oft nehmen wir diese Abhängigkeit nicht wahr und betrachten die Dinge als selbstverständlich – den Boden, auf dem wir stehen, die Luft, die wir atmen. Doch all das kann uns zu jedem Zeitpunkt genommen werden. Dann ist die Hingabe alles, was uns bleibt. In der ehrlichen Hingabe öffnen wir uns wahrhaftig, um zu nehmen und auch zu geben. Balasana lädt uns dazu ein, diese kindliche Fähigkeit zu erlernen.

(Illustration: Thorina Rose)


Mythos der Asanas Alanna KaivalyaAlanna Kaivalya ist eine international bekannte Yogalehrerein, Musikerin und Autorin. Arjuna van der Kooij ist Redakteur und Autor des Buches „Doorway to Eternity“. Der Text basiert auf Auszügen aus dem Buch „Als Vishnu eine Lotosblüte gebar: Legenden und Mythen aus dem Yoga” von Alanna Kaivalya und Arjuna van der Kooij (Mandala Publishing, 2010). Alle Rechte vorbehalten. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Style Guide: Iyengar Yoga

Iyengar Yoga

Iyengar Yoga steht für das umfangreiche Lebenswerk des 1918 in Bellur im südindischen Bundesstaat Karnataka geborenen Yogameisters Shri Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar, kurz B. K. S. Iyengar. Von seinen Schüler*innen wurde er auch liebevoll Guruji genannt. Ursprünglich ein Schüler Shri T. Krishnamacharyas, revolutionierte er Yoga durch seine unübertroffene Beobachtungsgabe und tiefgreifende Selbstanalyse, die er im Laufe seiner leidenschaftlichen Übungspraxis kontinuierlich weiterentwickelte. 

Ein überragender Beitrag B. K. S. Iyengars zum Sinngehalt des Hatha Yoga ist das Aufzeigen der direkten Verbindung zwischen der physischen Ebene der Asana-Praxis mit den Stufen geistiger und spiritueller Erkenntnis des achtgliedrigen Yogapfads Patanjalis. Demnach sind Geist und spirituelles Moment in der Asana-Praxis immer gegenwärtig und kommunizieren durch den Körper mit dem Kosmos. Körper und Geist stellen keine getrennten Yoga-Wege dar, sondern bilden in der Übungspraxis eine lebendige Einheit.

Auf der Basis einer universellen Kultur ethischer Grundprinzipien bettet B. K. S. Iyengar die yogischen Haltungen in den geistigen und spirituellen Bezug ein. Da sind Pratyahara – Rückzug der Sinne, Dharana – Konzentration, und Dhyana – meditatives Bewusstsein. Das macht den Körper, so seine eigenen Worte, zu einem Tempel für das Gebet der Asanas. Die Iyengar-Methode zeichnet sich durch eine präzise Ausführung der Asanas aus. Die exakte Ausrichtung des Körpers, das der jeweiligen Asana angemessene Timing und eine ausgewogene Übungssequenz sind wesentliche Bestandteile dieses Yogastils.

Mittels einer detaillierten Praxis bildet sich eine nach innen gerichtete Intelligenz heran, die die komplexen psycho-physiologischen und psycho-spirituellen Systeme des Körpers in immer tieferen Schichten durchdringt. Dieses lebendige Vernetzen der verschiedenen Körpersysteme, vom grobstofflichen über den feinstofflichen bis hin zum subtilen Körper, dient im Iyengar Yoga keinesfalls allein der Fitness des Übenden. Einerseits haben die Asanas praktischen Funktion, den Körper gesund, stark und rein zu erhalten. Andererseits entfacht die Ausführung der Asanas und Pranayamas letztendlich die dem Herzen innewohnende Weisheit, damit ihm Ananda, die Seligkeit, entspringt.

Wie unterscheidet sich das im Iyengar Yoga angestrebte Bewusstsein von unserer gewöhnlichen Wahrnehmung des Körpers? Obwohl unser Dasein untrennbar von unserer physischen Existenz, wissen wir nur wenig über den Körper. Wir nehmen sein Abbild zunächst von außen wahr. Wir schauen von oben herab auf die Körpervorderseite oder sehen unser Spiegelbild. Betrachten wir den Körper im Spiegel, richtet sich unsere Aufmerksamkeit weniger auf körperliche Details als auf das äußere Erscheinungs- oder Selbstbild. Unsere Füße sind uns fremder als unser Gesicht, weil weit entfernt. Schließen wir einmal die Augen und visualisieren unsere Füße in all ihren Feinheiten. Wie unterscheidet sich der rechte vom linken Fuß, wie (aus)geformt sind die einzelnen Zehen, wo berühren die Fußsohlen beim Stehen die Erde? Dies sind für die meisten von uns zunächst keine gewohnten Reflexionen über unseren Körper.

Ich erlebe das vor allem in meinen Basic-Kursen. Einmal im Schulterstand, fragen die Schüler nach der korrekten Ausrichtung der Füße, weil sie zum ersten Mal in dieser Haltung direkt auf ihre Füße schauen. Sie beginnen im Schulterstand, mit ihren Füßen Kontakt aufzunehmen. In den Stehhaltungen jedoch, wo die Ausrichtung der Füße und Beine das Fundament für den gesamten Aufbau der Haltung bildet, haben sie (noch) nicht an ihre Füße gedacht. Die Füße waren beim Stehen wie ausgeblendet. Körper und Geist waren nicht wirklich gegenwärtig.

In der Gegenwart verankert

Unser Geist eilt dem Körper voraus. Statt bewusst in einem Augenblick anzukommen, greifen wir atemlos nach dem nächsten Moment. Statt Körper und Geist aufrecht und wahrhaftig in der Gegenwart zu verankern, verlieren wir uns in der Vergangenheit oder Zukunft. Wir mögen eine Yogahaltung einnehmen. Aber bleiben wir während des Hereingehens, Verweilens und Auflösens der Haltung von Kopf bis Fuß gegenwärtig? Können wir die Asana mit unserem Gewahrsein ausfüllen? Oder spiegeln wir nur eine äußere Form? Haben wir den Mut und die Geduld, unsere Schwachstellen, die blinden Flecke auf der inneren Landkarte, aufzuspüren? Besitzen wir die Technik und körperbezogene Intelligenz, um unsere Schwachstellen so weit wie möglich in die Asana einzubinden? Denn es soll eine ganzheitliche Asana werden.

Um die Asanas richtig auszuführen, bedarf es der Präzision und Achtsamkeit. Präzision erfordert eine unvoreingenommene, direkte Wahrnehmung sowie höchste physische und mentale Konzentration. So werden Körper, Atem und Bewusstsein im Hier und Jetzt verankert. Mittels Präzision bricht der Kreislauf aus Unwissenheit, Konditionierung, Steifheit und energetischen Blockaden auf. Präzision steigert die Achtsamkeit. Und diese führt wiederum zu mehr Präzision, nicht nur beim Üben der Asanas, sondern auch in unserem Alltagsbewusstsein. Guruji sagt dazu schlicht: „Wenn ich in einer Asana bin, bin ich ganz und gar in dieser Asana.“ Sollte das nicht für all unser Tun gelten? Präzision ist das Licht, das den achtfach geschliffenen Diamanten des Yoga zum Strahlen bringt.

Die Methode: Präzision und Achtsamkeit

Die feine körperliche Ausrichtung beim Ausführen der Asanas ist für einen Anfänger nicht die gleiche wie für einen geübten Schüler. Der Lehrer demonstriert die anatomischen Details in einer Haltung entsprechend der Übungserfahrung des Schülers und korrigiert dann individuell. Dank dieser gezielten Anweisungen schult der Iyengar-Yogi sein Wahrnehmungsvermögen und kommt mit immer tieferen Schichten des Körpers in Kontakt. Diese Reise in den Mikrokosmos des Körpers beginnt bei der Körpervorderseite und dehnt sich bis zum Rücken aus. Sie umfasst das komplexe Zusammenspiel der Muskeln und Sehnen, die Regulierung der inneren Organe und Drüsen, die Beruhigung und Kräftigung des Nervensystems, die elastische Dehnung der Haut – bis hin zur Erweiterung des Intellekts und des Bewusstseins.

Nehmen wir wieder das Beispiel der Füße. Zunächst lernen wir, die Füße bewusst auf der Erde aufzusetzen, Länge und Weite auf der Fußsohle zu schaffen und die Verteilung des Körpergewichts wahrzunehmen. Wir erleben, wie eine ausgeglichene oder einseitige Belastung der Fußgewölbe die Streckung der Beine und die Position der Knie beeinflusst. Wir lernen das Zusammenspiel von Füßen, Knien und Hüften zu verstehen, damit sich die Wirbelsäule im Stand gut aufrichten kann und unser physischer Schwerpunkt im Becken ausgelotet bleibt. Dadurch entsteht eine solide Grundlage für die Aufrichtung des ganzen Körpers, von den Füßen bis zum Scheitel. Mit der Zeit steigt die Intelligenz des Kopfes tatsächlich zu den Füßen hinab. So lehren die Füße den Kopf Standhaftigkeit.

Diese Dynamik fließt in viele Asanas mit ein. In Salamba Shirsasana etwa, dem Kopfstand, unterstützt das bewusste Empordehnen der Füße und Beine die Aufrichtung der unteren Wirbelsäule. Und im Alltag bewahrt uns dieses neue Zentriert-Sein womöglich vor voreiligen Entscheidungen. Wir stehen aufrecht, sind in Kontakt mit der Erde und auch in stressigen Situationen mit uns selbst. Der aufrechte Stand in der Berghaltung, Tadasana, wird zum Lehrmeister unserer geistigen Präsenz.

Unsere Erfahrung in einer Asana sollte sich durch wiederholtes Üben einprägen und immer wieder neu gefiltert werden. Dadurch kann sich die Essenz der Asana herauskristallisieren und unser Körper zunehmend in der Lage ist, ihre Wirkung auf- und wahrzunehmen. Es geht also nicht nur darum, sich beim Üben irgendwie besser zu fühlen, sondern um den tiefen Kontakt mit dem Wesen oder der Dynamik einer yogischen Körperhaltung. Entwickeln wir mehr Ausdauer, Kraft, Zuversicht und technische Expertise, können wir umso mehr von der Tiefenwirkung einer Asana profitieren.

Die Asana wird vom Körper bei regelmäßigem Üben mit der Zeit mühelos absorbiert, ihre energetische Information sickert in jede einzelne Zelle ein. Deshalb werden Asanas in der Iyengar-Methode mit fortschreitender Praxis länger gehalten. Nach einer stimmigen Sequenz stellt sich während der Schlussentspannung in Savasana ein Zustand körperlicher Ausgeglichenheit und geistigen Friedens ein. Wie lange der Weg zur Vollkommenheit noch sein mag, in diesem einen Moment kommen wir an.

Sinnvolle Hilfsmittel

Unser Körper ist einzigartig. Er ist das weitaus beste und unvergleichlich kostbarste Hilfsmittel auf dem Weg zur Befreiung. Dafür gibt es B. K. S. Iyengar entworfenen Yoga-Props, wie Gurte, Kissenrollen für Asana und Pranayama, Yoga-Blocks und -Keile, Klappstühle, große und kleine Rückenbänke und Wandseile. Aber diese sind kein Ersatz für die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers. Denn sie sind neutrale Bausteine, mittels derer sich der Körper von Beginn an in eine optimale und heilende Haltung begeben kann. Oft berichten neue Kursteilnehmer, sie hätten bisher kein Iyengar Yoga geübt, weil sie die Verwendung von Hilfsmitteln als abschreckend empfanden.

Beim Einnehmen der Dreieckshaltung bringen diese Schüler einfach ihre Hand zum Boden, beugen auf dem Weg dorthin die Knie, kippen das Becken aus seiner Achse nach vorn, verkürzen die untere Flanke und sinken in den Schultern ein. Aus meiner Sicht haben sie damit eine gegen den eigenen Körper gewaltsame Haltung eingenommen. Durch einen einzelner Block zum Aufstützen der unteren Hand wirst du mit der Grundausrichtung der Haltung vertraut, schafft Raum für die Streckung der Beine, unterstützt das Anheben des Beckens und die Verlängerung der Wirbelsäule und ermöglicht dadurch die Drehung des Rumpfes und Schultergürtels. Der äußere Grundriss des Dreiecks wird so sichtbar, eine Grundvoraussetzung, die das anfängliche Dreieck mit fortschreitendem Üben zu einem den ganzen Körper ausfüllenden und reflektierenden Prisma heranreifen lässt.

Asana in neuem Licht

Neben der Haltungsoptimierung haben Yoga-Props noch andere Funktionen: Eine Asana kann durch den gezielten Einsatz von Hilfsmitteln vorbereitet und, auch für weit fortgeschrittene Schüler, vertieft werden. Die Berührung etwa durch einen gezielt gelagerten Yoga-Block längs der Brustwirbelsäule oder unter dem Kreuzbein initiiert ein bewussteres Erleben der Haltung, die Erfahrung prägt sich dem Körper deutlicher ein, so dass er sie beim Üben ohne Props leichter reproduzieren kann. Mit Hilfe von Wand- oder Deckenseilen kann die Wirbelsäule z.B. im Kopfstand passiv aushängen. In der dem Schulterstand verwandten Umkehrhaltung Viparita Karani können Körper und Geist durch das lange entspannte Verweilen unvergleichlich viel Nutzen ziehen. Denn das Becken wird auf einer Kissenrolle hoch gelagert und die Beine werden längs der Wand hochgestreckt. Menschen, die auf Grund physischer Beschwerden nicht am allgemeinen Unterricht teilnehmen können, ermöglichen die Hilfsmittel ein therapeutisch orientiertes Üben. Dieses betont zusätzlich die heilende Wirkung der Asanas und Pranayamas.

Ich erinnere mich, als mein Atem zum ersten Mal frei durch den Körper strömte. Es war ein erhebendes Gefühl. Statt die Asana über Dehnung und Kontraktion der Muskeln einzunehmen, leitete mich mein Atem sanft durch Körper zur Asana hin. Ich bewegte mich in Einklang mit einem inneren Rhythmus, dessen Quelle der befreite Atem war. Plötzlich öffneten sich alle Ventile meines Körpers, der Atemwind strömte durch mich hindurch. Meine bisher so festen Muskeln schienen entspannter und durchlässiger. Ich war innerlich in einem Flow- Zustand. Das natürliche Einsetzen der rhythmischen Atembewegung ist eine der Indikationen dafür, dass mit dem Üben von Pranayama begonnen werden kann.

Um den Atem zu lenken und die Lebenskraft im Körper zu verteilen oder zu halten, sollte der Körper gleich einem Tongefäß im Feuer der Asanas gekräftigt sein. Denn was nützt ein tiefer, bewusster Atemzug, wenn der Brustkorb und die Lungen eingesunken sind? Was bewirkt eine normale Ein- und Ausatmung, wenn die vitale Kraft des Atems dabei nicht auch unsere Schwachstellen berührt? Was kann eine tiefe Ein- oder Ausatmung bewirken, wenn unser Nervenkostüm schwach ist und wir nicht mit unseren aufwirbelnden Emotionen umgehen können?

Vollste Konzentration

Es bedarf schon einiger Übung in den Asanas, um den Atem zu regulieren oder gar bewusst anzuhalten. Die Achtsamkeit und scharfe Beobachtungsgabe, die wir beim Üben der Asanas entwickelt haben, muss sich im Pranayama noch einmal verfeinern. Damit das geschieht, richten wir die Sinne zunehmend nach innen, weg von den äußeren Sinnesobjekten (Pratyahara), halten die Aufmerksamkeit auf die Atembewegung möglichst ununterbrochen aufrecht (Dharana) und begeben uns in einen Zustand ruhiger Selbst-Absorption (Dhyana). Der Geist sollte den feinen Atem passiv und differenziert begleiten, so dass der Energiehaushalt des Körpers gezielt gesteuert und pranisch angereichert werden kann. Auf diesem Wege befreit sich der Geist von hinderlichen Emotionen und Unwissenheit und erlangt mit fortschreitendem Üben einen ersten Geschmack für das Eingehen in seine Grundnatur.

Yoga impliziert einen vielschichtigen Prozess der Integration des Individuums in das kosmische Geschehen. Es ist eine fundamentale Rückbesinnung auf unseren Ursprung. Durch das Eingehen in die Quelle der durch uns hindurch fließenden Lebenskraft offenbart sich unsere innerste Natur. Der subtile Körper unbeschreiblicher Freude, das aus sich selbst heraus erstrahlende Licht der Seele. Die im Westen so gängige und hierarchische Trennung von Körper und Geist hat in diesem Yoga-System keinen Platz. Wer kann schon definieren, wo der Körper endet und wo der Geist beginnt? Die Trennung von Ich und anderen, von Individuum und Schöpfung, sind die Ursache endlosen Leidens und eine wackelige Basis für Vollkommenheit und Befreiung. Auf dem 8-gliedrigen Pfad Patanjalis verschiebt sich lediglich der Schwerpunkt beim Üben. Und jede dieser einzelnen Stufen ist in all den anderen Stufen potenziell vorhanden.

Diese direkte Verbindung der Lehre Patanjalis mit der Asana-Praxis beschreibt B. K. S. Iyengar im „Baum des Yoga“. Haben wir diese allumfassende Sichtweise entwickelt, dann ist eine Asana keineswegs nur physisch und Konzentration und Meditation sind nicht rein geistig. Wir üben nicht mehr den einen oder anderen namentlichen Yogastil, sondern tauchen tief in die umfassende Weisheit des Yoga ein.


Der Meister: B. K. S. Iyengar

Yogacharya B. K. S. Iyengar, geb. 1918 in Bellur, lernt von 1934 bis 1936 bei seinem Schwager T. Krishna­macharya Ashtanga Yoga. Dann wird er von seinem Meister beauftragt, nach Puna zu gehen und zu unterrichten. 1943 heiratet er Ramamani, sie bekommen fünf Töchter und einen Sohn. 1975, zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau, eröffnet das Ramamani Iyengar Memorial Yoga institute (RIMYI). In den folgenden Jahrzehnten gewinnt er weltweite Anerkennung als größter Yogameister unserer Zeit. Seine Kinder Dr. Geeta Iyengar und Prashant Iyengar sind ebenfalls Größen des Yoga. Seit 14 Jahren trainiert er seine Nichte Abhijata Sridhar Iyengar, damit sie sein Vermächtnis weiterführt. Er schrieb viele Bücher, seine Hauptwerke sind „Licht auf Yoga“ und „Licht auf Pranayama“.


  • Um Iyengar-Stunden in deiner Nähe zu finden, geh einfach auf die Iyengar-Website – dort findest du eine Liste von Lehrern:  www.iyengar-yoga-deutschland.de 
  • Weitere Infos zu Iyengar Yoga finden Sie in der YOGA JOURNAL Ausgabe 05/2012, die du versandkostenfrei, schnell und einfach in unserem Wellmedia-Shop nachbestellen kannst.
  • Amrit Stein absolvierte eine klassische Tanzausbildung in Indien, wo sie ihrem Meister Shri B. K. S. Iyengar begegnete. Sie ist Co-Direktorin des I-Yoga-Instituts München. Neben ihrer Arbeit als zertifizierte Iyengar-Lehrerin entwickelte sie eine innovative Kombination von Atem-und Yogatechniken zur Entfaltung des natürlichen Stimmpotenzials. 2011 erschien ihre dritte CD „Weisheitsgesänge von Liebe und Mitgefühl“ bei Windpferd. www.yoga-amritstein.de

Stadt, Land, Yoga

Ist Yoga in der Stadt eigentlich genau so wie Yoga auf dem Land? Oder ist eines gar yogischer als das andere? Unsere Mitarbeiterin Stephanie Schönberger kennt beides – lange lebte sie in München, wo sie auch erstmals mit Yoga in Kontakt kam. Als sie mitten ins Allgäu zog, lernte sie Yoga ganz neu kennen

Kurz vor der Geburt meiner Tochter bin ich von der Stadt aufs Land in ein Dorf gezogen. Ein Dorf-Dorf, aus dem der Bus dreimal am Tag in die eine Richtung und dreimal in die andere fährt. Freitags geht man hier in den Schützenverein, sonntags in den Gottesdienst, die einzige Gastwirtschaft hat im Winter geschlossen, zum Einkaufen muss man in die zehn Kilometer entfernte Kleinstadt fahren. Ideale Vorraussetzungen für pratyahara, den Rückzug der Sinne, svadhyaya, das Selbststudium, und isvarapranidhana, das Gottvertrauen. Eigentlich.

Damals war ich allerdings vor allem am dritten von Patanjalis achtgliedrigem Yoga-Weg interessiert: den Asana. In München, der Stadt, die ich gegen das Dorf tauschte, hatte ich meine ersten Erfahrungen mit den Asana gemacht. Eine Kollegin, die ebenfalls schwanger war, überredete mich, mit ihr zu einem Yoga-Kurs für werdende Mütter zu gehen. Eigentlich wollte ich nicht mit. Das Bild, das ich zu dieser Zeit von Yoga hatte, war nämlich nicht das beste. Madonna machte das und schlimmer noch Sting, dessen Musik bei mir immer Erinnerungen an schlechte Jugendküsse weckt. In meiner Redaktion schrieb man über „coole Yoga-Moves für einen sexy Body“ und machte sich Gedanken über das passende Übungs-Outfit. Yoga war für mich „Sex & The City“ und „Der Teufel trägt Prada“ in einem, Lifestyle aber nicht Lebensweg, oberflächlich und alles andere als tief, Glamour und kein bisschen Einfachheit.

Ich ging trotzdem mit. Natürlich. Und landete in dem schönen Raum einer Hebammenpraxis inmitten von angehenden Müttern, die eine harte Zero-Tolerance-Linie gegenüber dem bösen K wie Kaiserschnitt-Wort fuhren. Egal. Ich verließ die Praxis mit einem Gefühl, das, wie ich einige Jahre später in Patanjalis Yoga Sutra nachlesen sollte, dem Zustand von citta prasadanam entsprach, was manchmal mit „heiterer Gelassenheit“ übersetzt wird. Davon wollte ich mehr. Auch auf dem Land, in dem Dorf. Es wurde schwierig. Als Schwangere besuchte man hier, auch mangels anderer Angebote, den Geburtsvorbereitungskurs. Ein bisschen Arme und Beine bewegen, Atmen üben, blutige Wassergeburtsvideos anschauen. Entspannen ging danach nicht mehr. Natürlich hätte ich mich jetzt in santosa, der Zufriedenheit und Genügsamkeit mit dem, was da ist, üben können. Tat ich aber nicht. Denn ich wollte Yoga-Unterricht, wenigstens nach der Geburt.

Yoga im Pfarrhof
Doch auf dem Land einen oder eine gute(n), geschweige denn überhaupt eine(n) Yoga-LehrerIn zu finden, ist gar nicht so einfach. Eine Bekannte von mir, die in einem verschlafenem Kaff an der bayerisch-österreichischen Grenze lebt und kein Auto hat, übt Asana ausschließlich mit DVDs und Büchern und wundert sich regelmäßig, warum ihr oft so „kotzübel ist“, wenn sie unaufgewärmt in Matsyasana geht. Meine Freundin Katja, die von Berlin in die Nähe von Augsburg gezogen ist, sagt: „In Berlin wurde ich schon sehr verwöhnt, weil ich aus einem großen Angebot auswählen konnte. Hier habe ich nach einem Lehrer gegoogelt und war froh, dass es überhaupt Yogaunterricht in meiner Nähe gab.“ Santosa.
Die Flyer-Kultur, die einen in großen Städten mit attraktiven Angeboten fast erschlägt, ist auf dem Land nicht so verbreitet. Yoga-Lehrende findet man, zumindest in der Region, in der ich gerade lebe, hauptsächlich durch Empfehlung und Hörensagen. Die Lehrer „verstecken“ sich in den Dörfern und Kleinstädten der Umgebung, bieten ihren Unterricht in Pfarrhöfen, Turnhallen, Kellerräumen oder unter dem ausgebauten Dach des eigenen Hauses an. Fast ausschließlich in Zehner-Blöcken, was einerseits natürlich zu einer Regelmäßigkeit diszipliniert, denn nicht wahrgenommene Stunden bedeuten verlorenes Geld. Andererseits nimmt es Menschen, denen auf Grund ihres Berufs oder ihrer Familien eine weniger starre Form entgegen käme, die Möglichkeit zum regelmäßigen Üben. Natürlich gibt es auch das übliche VHS-Programm, aber das verband ich, vorurteilsfrei wie ich selbstverständlich bin, mit älteren Hausfrauen, unpersönlichen Räumen, sanften Gymnastik-Übungen und Zehner-Kursen. Ob das tatsächlich so zutrifft, weiß ich aber nicht – ich habe nie einen Kurs besucht.

Meine Yoga-erfahrene Kollegin Anke aus München hatte nämlich Erbarmen mit mir und suchte im BDY-Verzeichnis (dem Bund Deutscher Yogalehrer) einen Lehrer in meiner Umgebung. Der, den sie fand, war auch der, der mir fast gleichzeitig von anderen Bekannten empfohlen worden war. Als unglaublich charismatisch, begeisternd und faszinierend wurde er mir beschrieben. Mein Frauenzeitschriften konditioniertes Hirn assoziierte damit umgehend: Durchtrainiert, stylisch, jung. Citta Vritti in reinster Form eben. Mit meiner Gymnastikmatte unterm Arm und im sorgfältig zusammengestellten Yoga-Outfit machte ich mich auf den Weg zu meiner ersten Stunde – und erlebte, wie mich die Bewegungen meines Geistes mal wieder in die falsche Erwartung geführt hatten. In dem wunderbaren und ganz und gar unstylishem Raum saßen die ebenfalls ungestylten Schülerinnen auf Schaffellmatten im Halbkreis um den mitteljungen Lehrer – der charismatisch und gänzlich uneitel in einer verbeulten Jogging-Hose vor ihnen Platz genommen hatte. Was folgte, war Satsang pur mit einer anschließenden kurzen Yoga-Praxis, deren Ziel das Wahrnehmen der Ruhe im eigenen Körper war.

So kannte ich Yoga nicht, so hatte ich es mir nicht vorgestellt, aber es hätte schöner nicht sein können. Ich fuhr dreimal die Woche in den Unterricht, bald auch in verbeulten Jogginghosen, denn das Äußere zählt hier, was für ein befreiendes Gefühl, überhaupt nicht. „Um das Outfit mache ich mir wirklich keine Gedanken“, sagte mir später, als ich bereits selbst unterrichtete, meine Stundenteilnehmerin Uschi. „Hauptsache, es zwickt nicht.“ Dieser pragmatische Ansatz ist typisch für Yoga auf dem Land. „Die Kleidung muss gemütlich sein“, erklärt etwa meine Nachbarin Marion, die lange in Frankfurt gelebt hat. Ihr sei das Outfit egal, sagt auch meine Münchner Kollegin Anke. „Aber wenn ich hier um mich sehe, dann ist die Bekleidung schon sehr wichtig. Lifestyle eben.“ Und Katja, die Frau, die Berlin den Rücken gekehrt hat, erzählt: „Da sieht man den Unterschied zwischen Stadt und Land. Auf dem Land wird nach Zweckmäßigkeit geschaut, in Berlin gab es regelrechte Yogafashion.“

Viele Styles in hippen Studios
Diese scheinbare Fokussierung auf Lifestyle hat, wie sie zugibt, meine alte Jobbegleiterin Astrid, ein kreatives Wunderwesen mit punkesker Vergangenheit, lange davon abgehalten, im stylishen München mit Yoga zu beginnen. „Wenn ich diese aufgepimpten Tussen sehe, die in die ach so hippen Studios hier latschen, hab ich doch schon keine Lust mehr“, sagte sie. Erst als sie im Rahmen einer Pressereise in ein Yoga-Retreat geschickt wurde, änderte sie ihre Yoga-Meinung. Denn: „Dort ging es um die Philosophie und Spiritualität.“

So gemütlich und bequem das Land bei der Kleidung ist – wenn es um Philosophie und Spiritualität geht, ist hier schnell mal Schluss mit lustig. Es gibt nur einen Gott und der ist der Vater von Jesus Christus, unserem Herrn, Amen. Die Volkshochschulen sind von vornherein dazu angehalten, alles „Esoterische“ aus ihrem Angebot fernzuhalten. Dadurch wird die „Bedeutung der sportlichen Aktivität und gesundheitsbewussten Einstellung“ betont, weiß Christine, eine Betriebswirtin, die Yoga als ihren „beständig unsteten Lebensbegleiter“ bezeichnet. Und meine eigene Mutter, die schon viel länger Yoga übt als ich, dachte tatsächlich noch bis vor kurzem, dass Yoga eine Gymnastik-Art ist. Ihre ehemalige Lehrerin erzählte mir, dass sie sich nicht getraut habe, ihre Schüler mit der Yoga-Philosophie zu „überfordern“.

Damit hat sie recht und unrecht. Iris, die Teilnehmerin eines Yoga-Kurses, der in einem Dorf in der Umgebung angeboten wird, erzählt: „Wenn unsere Lehrerin am Anfang der Stunde „OM“ singt, dann haben die meisten Probleme damit. Und mit Meditation können sie gar nichts anfangen. Viele Frauen sind von der Stallarbeit so müde, dass sie nach zwei Minuten laut schnarchend einschlafen.“

Spiritualität – Lifestyle oder Verbundenheit?
Zu „meinem“ Yoga-Lehrer kommen die Schüler dagegen vor allem, weil sie an der Philosophie interessiert sind. Caro, eine Bekannte, die gerade erst mit Yoga begonnen hat, geht es im Yoga neben „Ruhe und Bewegung im Atemfluss“ auch darum, „alte Weisheiten“ kennenzulernen. Und meine Freundin Tina, die in München in einem großen Yoga-Center unterrichtet, aber auch schon auf dem Land Stunden gegeben hat, sagt: „Auf dem Land erlebe ich eine tiefere Spiritualität in dem Sinn, dass Spiritualität Gewahrsein und Verbundensein bedeutet. In der Stadt wird Spiritualität oft eher im Sinn von Lifestyle gelebt.“

Dafür wiederum gibt es in der Stadt ein größeres Angebot verschiedener Stile und Traditionen. Hier auf dem Land macht man Yoga und dieses Yoga hat, von Iyengar mal abgesehen, keinen Vornamen. Moderne Formen wie beispielsweise Jivamukti-Yoga sind, kennt man es nicht aus den Medien oder aus Berlin und München, ziemliches Neuland. Als ich meine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin in der bayerischen Landeshauptstadt begann, war ich nicht nur überrascht, dass hier nicht auf Schaffellmatten geübt wurde, sondern dass die Asana tatsächlich Sanskrit-Namen haben, die ich zuvor noch nie gehört hatte und die Praxis, zu meiner großen Freude, durchaus auch sehr fordernd sein kann. So haben wir im Unterricht meines Lehrers nie geübt. Für meinen Freund Armin war das ein guter Grund, sich dem Yoga lange und hartnäckig zu verweigern. Seine Begründung: „Das ist mir zu soft und zu esoterisch.“ Mit dieser Einstellung stand er nicht alleine. Hier, auf dem Land, ist Yoga noch stärker von Frauen dominiert als es in den Großstädten schon der Fall ist. Und so brachte erst eine Jivamukti-Stunde meinen Freund auf den Geschmack. Einen Geschmack, den er nicht mehr missen will: Jetzt ist Yoga für ihn „eine Lebenseinstellung“, die ihm „Anstrengung, Entspannung und geistige Ruhe“ bringt.

Dennoch: Armin übt trotzdem lieber in einem Yoga-Studio in unserer näheren Umgebung als in der Stadt. Denn hier hat er einen Kurs mit „vertrauten Teilnehmern“. Das ist ein Kriterium, das die „Landyogi(ni)s“ aber auch viele Städter immer wieder an den Stunden auf dem Land schätzen: „Die Schüler sind mehr an sich und am Lehrer interessiert. Es ist authentischer“, fasst es Tina, die Yoga-Lehrerin, in Worte. „Man trifft die anderen Frauen aus dem Dorf und erzählt sich, was es Neues gibt. In Frankfurt hat man sich nicht näher kennengelernt, auch über Jahre nicht“, sagt meine Nachbarin Marion.

Hier auf dem Land geht man – ganz im Gegensatz zur großen Stadt – nach dem Unterricht gerne noch gemeinsam etwas Trinken, lernt sich besser kennen, tauscht sich aus, teilt seine Sorgen, seine Nöte und natürlich auch das Glück; man lacht miteinander, hilft sich, schließt Freundschaften. Und (er)lebt dadurch ganz natürlich das, was Patanjali im YogaSutra 1.33 mit maitri, karuna, mudita und upeksa meint und was von T.K.V. Desikachar so übersetzt wird: „Wenn es uns gelingt, ein liebevolles Gefühl den Menschen gegenüber zu hegen, die glücklicher sind als wir, Mitgefühl mit denjenigen zu haben, die unglücklich sind, uns zusammen mit denen zu freuen, die etwas Wertvolles tun, und uns nicht durch Irrtümer anderer Menschen aus dem Gleichgewicht bringen lassen, wird in unserem Geist Ruhe einkehren.“

Im Pfarrhaus meines Dorfes wird jetzt auch Yoga angeboten. Marion, meine Nachbarin, war schon dort. Sie hat erzählt, dass ihr Blick jedes Mal wenn sie in den Drehsitz geht, auf die Getränkekarte des letzten Faschingballs fällt und sie „daran erinnert, dass man von der Caipi-Bohle mindestens drei Glässer zuviel hatte.“ Ich habe fest vor, demnächst einmal mitzugehen.

Endlich im Kopfstand – er kann vieles richtig stellen…

Endlich im Kopfstand

Ich war ein sehr ängstliches Kind. Man konnte mich nicht alleine zum Brot kaufen schicken oder erwarten, dass mehr als ein kleiner Arm von mir unter dem Bett hervorlugte, wenn Fremde zu Besuch waren. Aber am allermeisten hatte ich Angst davor, „über Kopf zu sein“. Andere Kinder machten Purzelbäume, ich machte mir fast in die Hose. Andere Kinder produzierten einen Felgaufschwung nach dem anderen, ich produzierte Panikschweiß. Meine Mutter nahm mich mit zum Mama-Kind-Yoga und musste feststellen, dass ihre Tochter schon beim Opening Chant heimlich zur Tür robbte, sobald alle die Augen schlossen. Heute bin ich auch endlich im Kopfstand.

Schweiß und Panik

So war es keine große Überraschung, dass ich relativ nervös wurde, als 25 Jahre später in einer Yogastunde zum ersten Mal Kopfstand geübt wurde. Ja genau, Shirshasana, die 180 Grad Umkehrhaltung. Durchblutet das Gehirn und regt die Nasen- und Augenfunktion an. macht sogar wach, entlastet das Herz, beugt Krampfadern vor und wirkt angeblich sogar Falten reduzierend. Und nicht zuletzt ist auch der psychologische Effekt hervorzuheben. Endlich im Kopfstand sehen wir die Welt verkehrt herum. Alles, woran wir glaubten, ist plötzlich ganz anders. Dies soll für größere Gelassenheit und spontane Erheiterung sorgen. Bei mir sorgte es natürlich – wir ahnen es schon – nur für das absolute Gegenteil: blanke Panik. Ich fürchtete mich immer noch davor, umzukippen. Aber noch mehr, ins Nichts zu stürzen wie in einem bösen Traum, in dem man fällt und fällt und fällt… Horror!

Und so versteckte ich mich beharrlich im Delfin, der mir noch harmlos erscheinenden Vorübung. Meine Mutter klappt sich daheim währenddessen akkurat wie ein Zollstock aufklappt. Während sie die Beine zur Abwechslung anzieht und genüsslich wieder ausstreckt, drückte ich meinen schweißnassen Hintern an die Berliner Studiowand und hopse hilflos und mit hochroter Birne auf der Stelle. Meine Mutter kauft sich ein rundes kleines Plüschkissen, das sie in einem Tierladen gefunden hat und welches ihr perfekt für längere Aufenthalte down under erscheint. Und ich, ich kaufte mir entschlossen ein Bahnticket nach Hause, um endlich Shirshasana von meiner persönlichen Meisterin zu lernen.

Ein Hund in Festivalstimmung

Und dann hocken wir da, im elterlichen Wohnzimmer auf einer Schafwollmatte, während der Hund aufgeregt um uns herumturnt und auf jeden Fall mitmachen will bei dem, was auch immer wir da machen. Meine Mutter zeigt auf einen unbestimmten Fleck auf dem Fußboden. Da, da kommt der Kopf hin, auf die Erde. Die andere Hand hält sie mir entgegen. Und damit, mein Kind, stütze ich deinen Rücken, damit du nicht umfällst. Ich kann vor den Augen des immer enthusiastischer werdenden Hundes nicht kneifen und platziere mit dem ersten Taubheitsgefühl der aufsteigenden Dosis Adrenalin in den Nervenenden meinen Kopf auf dem Boden. Dann merke ich ihre Hand in meinem Rücken. Fühle, wie sie mich hält. Warm und stark. Und ich trau mich und kippe leicht zu ihr.. und etwas mehr… und plötzlich stehe ich tatsächlich kopfüber. Endlich im Kopfstand!

Herz über Kopf, noch mit angezogenen Beinen, aber da bin ich und es ist überhaupt nicht so, wie ich dachte. Es ist… irre, wahnwitzig, lustig! Übermütig will ich die Beine nach oben strecken, zapple dabei aus der sicheren Hand heraus – und falle. Instinktiv mache ich mich rund und rolle über meinen Rücken, meine Mutter und einen mittlerweile in reinster Festivalstimmung befindenden Hund. Wir liegen auf der Matte, kugeln durcheinander, einige von uns bellen sogar, und ich bin atemlos, stolz und baff in einem. Weil die Erde mich nicht in die Unendlichkeit hat fallen lassen. Sie hat mich getragen, wie sie es immer schon tat und immer tun wird, egal ob Fuß oder Kopf auf ihr steht. Selbst wenn man das Gleichgewicht verliert, fängt sie einen auf und lässt einen nicht in der ewigen Kälte des Weltalls davontrudeln.

Sich der eigenen Furcht aussetzen

Ich kann nicht behaupten, dass ich nach dieser Begebenheit schlagartig zum Shirshasana-Meister wurde. Tatsächlich brauche ich immer noch oft eine Hand im Rücken. Aber die Angst, die ist tatsächlich weg. Wie schreibt noch B.K.S Iyengar? „Die beste Weise, Furcht zu überwinden, ist, sich mit Gleichmut dem auszusetzen, was wir fürchten.“ So bin ich auch endlich im Kopfstand.


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Frauen müssen selbstbewusster werden!

Eine der zentralen Thesen von Kundalini-Yogalehrerin Guru Rattana lautet: „Frauen sind lebende Gottheiten.“ In ihren „Empowerment“-Workshops lehrt sie, wie Frauen (und Männer) ihr Bewusstsein auf eine höhere Eben bringen können – und wie wichtig die spirituelle Arbeit jedes Einzelnen dafür ist.

Die erfolgreiche Buchautorin gilt als Spezialistin für Energiearbeit und Chakren und ist nach 30 Jahren Yoga-Erfahrung mittlerweile eine der bekanntesten Lehrerinnen für Kundalini Yoga weltweit. Ihre Vision: eine Welt zu schaffen, die geprägt ist von Liebe und Klarheit. Im Rahmen einer Europatournee besuchte sie dieses Jahr zum ersten Mal Deutschland. Klar, dass sich YOGA JOURNAL die Chance nicht entgehen ließ, Guru Rattana ein paar Fragen zu stellen.

YOGA JOURNAL: In Ihren Zwanzigern und Dreißigern waren Sie als Akademikerin erfolgreich und lehrten an verschiedenen Universitäten. Damals beschäftigten Sie sich mit Fragen des Umweltschutzes und der Entwicklung. Glauben Sie also, dass die globalen Probleme auf politischer Ebene gelöst werden können?
GURU RATTANA: Probleme müssen auf politischer Ebene gelöst werden, aber die Menschen müssen sich ihrer bewusst sein. Wir versuchen uns oft an Teillösungen für unsere globalen Herausforderungen. Um an den Kern der Sache vorzudringen, müssen wir unsere Wahrnehmung der Realität erweitern. Wir glauben oft, dass unsere Probleme “äußere” Gründe haben und “äußere” Lösungen bedingen. Wir sind uns nicht der “inneren” Gründe für globale Probleme bewusst. Jedes Problem hat eine innere, spirituelle Komponente. Das müssen wir begreifen und angehen. Im Idealfall sind die Leute, die politische Entscheidungen treffen, verbunden mit ihrer höheren Wahrnehmungsebene und haben Zugriff darauf. Sie müssen mit ihrem neutralen, meditativen Bewusstsein verbunden sein, das sie wiederum mit dem universellen Bewusstsein verbindet. Dann wüssten sie, was richtig und ehrlich ist, was Integrität ist, und sie würden für das Allgemeinwohl von uns allen arbeiten. Aber im Moment ist das nicht der Fall. Diesen Menschen geht es nur um Ego und Gier, und sie denken nur an Profit und Macht. Mit dieser Einstellung kann die richtige Lösung nicht gefunden werden. Was passieren muss, ist eine Erweiterung des Bewusstseins. Die Menschen sind sehr oft überwältigt von den globalen Herausforderungen und fragen sich, was sie tun können. Man kann sich da schon mal machtlos fühlen und glauben, dass man als Individuum keinen Einfluss hat. Es ist daher äußerst wichtig, zu begreifen, dass jede Person, die ihr Bewusstsein erweitert, auch das Bewusstsein der Masse verändert. Wenn Sie zu Hause sitzen und meditieren und mit diesem erweiterten Bewusstsein in die Arbeit gehen, Ihr Herz öffnen und den Menschen freundlich begegnen, machen Sie die Welt schon ein bisschen besser. Wenn Sie Ihr Leben so leben, verstärken Sie die positive Vibration des Planeten. Je mehr Menschen das also tun und sich anderen in diesem Raum der Güte anschließen, desto mehr kann jeder Einzelne dazu beitragen, ein Bewusstsein der Liebe statt der Angst zu erschaffen. Sie müssen niemandem sagen, dass Sie meditieren, niemand muss Ihren Namen wissen, niemand muss wissen, dass Sie spirituell praktizieren, aber man wird spüren, dass Sie gütig sind, wodurch Sie schon etwas bewirken.

Glauben Sie, dass mittlerweile mehr Menschen durch ihre Praxis sich diesem höheren Bewusstsein anschließen und es unterstützen?
Das Energielevel des Planeten ist im Moment wirklich hoch. Da passiert gerade eine Energieverschiebung. Wir sind gerade viel empfänglicher für diese Frequenzen. Wenn Sie diese Energien in Ihrem Körper verankern, wirken Sie auch wie ein Anker dafür. Vor zehn Jahren war das noch anders: Wir mussten etwa sechs Stunden pro Tag meditieren, denn nach zwei Stunden war man ausgelaugt. Es war zu dunkel, man musste meditieren, um zu überleben.

Wie bleiben Sie sich ihre Offenheit? Wenn man sich öffnet, riskiert man, verletzt zu werden.
Offenheit ist falsch, das muss auch eingeschränkt werden. Offenheit ist gefährlich, vor allem für Frauen. Man wird benutzt, ausgesaugt. Man muss dem Grenzen setzen. Fühlen Sie Ihre Haut, fühlen Sie die Energie in Ihrem Körper, lassen Sie Ihren strahlenden Körper wachsen und halten Sie ihn wieder zurück. Je mehr Sie in Ihrem Körper sind, in Ihren unteren Chakras, in Ihren Beinen und Füßen, desto mehr tragen Sie das Licht in sich. Sie können durch die Welt gehen und fühlen, dass niemand Ihnen etwas anhaben kann. Es ist von größter Bedeutung, dass Sie Ihren Raum behaupten, denn dann können Sie die Sicherheit in sich selbst finden und brauchen nichts von außen. Sie können einfach Sie selbst sein, Ihre Frau, Ihr göttliches Selbst, und Ihr Leben genießen.

Worüber müssen sich Frauen Ihrer Meinung nach bewusst werden?
Das größte Problem ist, dass Frauen glauben, Sie seien Personen. Sie sind keine Personen, sie sind Frauen. Wenn sie von sich selbst als Person denkt, weiß sie nicht, was sie ist. Frauen haben zu viele Rollen. Sie fragen sich: Bin ich eine Frau, bin ich eine Mutter, habe ich ein Berufsleben, bin ich für diese oder jenes verantwortlich…? Sie sind wie ein Roboter. Das ist der Keim der Katastrophe für Frauen. Wenn eine Frau sich als Frau begreift, kann sie Kraft in sich selbst finden und authentisch sein. Frauen müssen verstehen, wer sie sind. Seien Sie in Ihrer Welt, machen Sie Ihre Arbeit, was immer es sein mag, aber Ihre Realität muss in Ihnen selbst sein, nicht außerhalb. Frauen sind ein lebendes Gebet. Wenn Sie sich dem öffnen, befreien Sie Ihre Kreativität. Sie können Ihre Träume ausleben und das Frausein feiern.

Also ist es für Frauen am wichtigsten, nach innen zu blicken?
Frauen müssen ihre innere Sicherheit, Vollständigkeit und Ganzheit finden. Sonst glauben sie, sie seien unvollständig und unterlegen. Es gibt zwei Polaritäten im Universum, eine stabile und eine bewegliche. Männer haben mehr von der stabilen, Frauen mehr von der fließenden Energie. Aber Frauen brauchen beides, sie brauchen ein Gleichgewicht aus beiden Polaritäten in sich selbst. Es ist ein archetypische Wunde von Frauen, zu glauben, sie bräuchten etwas von außerhalb. Frauen brauchen ihre eigene männliche Polarität in ihrer eigenen Psyche. Sie brauchen ihre eigene innere Stabilität ebenso wie den Fluss. Dann fühlen Sie sich vollständig, ganz und glücklich. Dann BRAUCHEN sie keinen Mann oder keine Beziehung, aber können aus einer Stellung der Ganzheit beschließen, eine Beziehung zu führen und diese genießen, ohne diese zu benötigen. Frauen müssen selbstbewusster werden.

Welche Rolle spielt der feminine Aspekt auf universeller Ebene?
Unsere innere spirituelle Reise besteht darin, mit dem Femininen in uns in Kontakt zu treten. Wir müssen innerlich erwachen, um uns des entwerteten Status und der gering geschätzten Rolle der Frau und des femininen Prinzips bewusst zu werden. Das Feminine ist die Quelle der Schöpfung. Und diese Schöpfung muss von einem Ort der Kraft, Sicherheit und Liebe als Geschenk an die Menschheit kommen. Wenn wir die Essenz und den femininen Aspekt des Göttlichen – das jeder Frau und jedem Mann innewohnt – ehren, werden wir die Heiligkeit alles Lebens sehen. Wenn wir und für Liebe, Akzeptanz, Frieden und Einssein öffnen, werden wir aufhören, Mutter Erde auszubeuten und unsere Realität für persönliche Integrität und Kraft öffnen.

Was können wir alle in unserem täglichen Leben als regelmäßige Praxis tun?
Ein meditatives Bewusstsein erschaffen. Meditieren Sie täglich zusätzlich zum Atmen und Singen. Sehen und hören Sie ins Innere und verbinden Sie sich mit den guten Eigenschaften, die Sie finden: Stabilität, Friede, Raum und Ruhe. Meditieren Sie über Raum und Dunkelheit, denn das sind die Eigenschaften des Universums. Machen Sie es präsent für sich, fühlen Sie es selbst, verbinden Sie sich damit und machen es wirklich und echt. Sie müssen es in sich fühlen, in Ihrer eigenen Haut. Fühlen Sie die Vibration, dann sind Sie auch in der Lage, Sie zu beherrschen. Wenn es nur in Ihrem Kopf passiert, ist es verschwendet. Sie müssen es spüren. Man kann das nicht einfach überspringen, das ist genau das Feminine.

Was ist Ihre Vision für die nächsten 50 bis 100 Jahre? Welche Zukunft sehen Sie für den Planeten?
Das hängt davon ab, ob die Menschen bereit sind, für eine höheres Bewusstsein zu arbeiten. Im Idealfall werden mehr Menschen auf ihr Herz hören. Es ist gerade so viel Energie da, dass mehr Menschen bereit sind, ihr Herz zu öffnen. Ich sehe also eine große Chance, dass wir mehr von unseren Herzen bestimmt werden, aber nicht, ohne uns mit den Problemen der dunklen Seite auseinanderzusetzen. Wenn die herzbestimmten Menschen ihre Arbeit machen können, wird der Übergang weniger schmerzvoll sein. Das Problem ist, dass die Vibrationen auf dem Planeten so stark sind, dass die Leute es schwierig finden, damit umzugehen. Wenn Ihr Nervensystem nicht stark genug ist, Sie den Raum nicht behaupten können und ihn nicht in Ihrem Körper spüren, dann können Sie nicht damit umgehen. Dann verlieren sich die Leute und tun seltsame und destruktive Dinge. Sie sind keine schlechten Menschen, sie können nur nicht auf andere Art und Weise mit dieser Energie umgehen. Die Herausforderung liegt jetzt darin, zu lernen, wie man mit diesen jetzt verfügbaren höheren Frequenzen umgeht. Deshalb ist es extrem wichtig, dass jeder Einzelne von uns nun seine spirituelle Arbeit erledigt. Behaupten Sie den Raum, spüren Sie ihn in sich und arbeiten Sie mit den Chakras. Wenn die oberen Chakras frei und die unteren Chakras im Fluss sind, öffnet sich die Mitte des Herzens. Es ist eine Kombination der oberen und unteren Chakras. Die meisten Leute denken, das sei eine Abfolge, aber das ist nicht so. Es ist ein Wachsen, das da passiert. Die unteren und oberen Chakras, das Stabile und das Fließende, das Männliche und Weibliche arbeiten alle zusammen und unterstützen ein höheres Bewusstsein. Dann kann das Herz sich öffnen und wir können erwachen.

Gibt es so etwas wie eine “einfache Formel” dafür, die Sie empfehlen können?
Die Praxis muss neutral und gütig sein. Am wichtigsten ist, dass man es lebt. Gute Ideen nur im Kopf zu haben, ist wertlos. Leben Sie es. Üben Sie, neutral zu sein, nicht zu urteilen. Das ist harte Arbeit. So lange man sich in seinem rationalen Verstand befindet, ist man nicht in der Lage, das Nicht-Urteilen praktizieren, denn das gehört zum rationalen Verstand. Seine Aufgabe ist es, zu bewerten, analysieren und beurteilen. Verschaffen Sie sich Zugang zu Ihrem neutralen Geist, seien Sie damit verbunden, dann wird es möglich sein, nicht zu urteilen. Sehen Sie nach innen, gehen Sie nach innen. Die Menschen glauben, es sei schwer, zu meditieren – nun, das ist es nicht. Schließen Sie Ihre Augen und sehen Sie den Raum und das, was sich darin befindet. Sie müssen einfach nur üben.