Der Lebensfluss der Wörter von Carmen Schnitzer

“Ich weiß, dass ich nichts weiß” – im Prinzip könnte dieses Sokrates-Zitat das Motto der Corona-Krise sein. Warum sich dennoch so viele im Besitz der absoluten Wahrheit glauben, und inwiefern das Einfluss auf ihre Lieblingswörter hat, darüber macht sich YOGA JOURNAL-Kolumnistin Carmen Schnitzer Gedanken.

Meist ist meine Kolumne der erste Text, den ich für das YOGA JOURNAL fertigstelle – ich muss nur ein wenig über den Schwerpunkt der jeweiligen Ausgabe nachdenken, schon sprudelt es in mir los. Aber diesmal … diesmal sträubte sich etwas in mir, ich verwarf Ideen und schreibe diese Seite nun auf den letzten Drücker. Es ist nicht so, dass mir das Thema Intuition (Titelthema der Ausgabe 02/2022) missfällt, ganz im Gegenteil! Ich finde es faszinierend, welch vernünftige Entscheidungen wir spontan “aus dem Bauch” heraus treffen können und wie oft unser vages Gefühl, das wir zum Beispiel beim ersten Aufeinandertreffen mit jemandem haben, sich im Nachhinein als berechtigt herausstellt. Als Partnerin eines Polizisten und Feuerwehrmannes ist mir außerdem nur zu bewusst, wie (lebens-)wichtig es sein kann, blitzschnell und ohne langes Abwägen zu handeln. Was also ist mein Problem?

Nun, vielleicht das: In den letzten zwei Jahren habe ich einige Wörter, die ich gern mochte, “verloren”. Ganz vorne mit dabei ist “Querdenken”. Ob ich das jemals wieder in dem Sinne benutzen werde, wie ich es einst tat? Momentan kann ich nur noch schwer daran glauben. Etwas mehr Hoffnung habe ich beim “intuitiven Wissen”, das ich eigentlich als etwas Wunderbares empfinde, das mir aber zuletzt des Öfteren in Zusammenhängen begegnet ist, die mir, um es vorsichtig auszudrücken, problematisch erscheinen. Dann nämlich, wenn besagtes Wissen als eine Art göttliche Eingebung verstanden wird, die über allem steht. Die die Welt unterteilt in Erleuchtete und Blinde, die die große Wahrheit nicht sehen (wollen). Ich möchte gar nicht ausschließen, dass manch spiritueller Mensch auch in der aktuellen Krise Dinge erkennen kann, die sich der rationalen Forschung (noch) nicht erschließen. Nicht einmal die Wissenschaft selbst behauptet schließlich, im Besitz der einzigen, endgültigen Wahrheit zu sein. Was mir in spirituellen Kreisen in letzter Zeit allerdings oft fehlt ist … Demut. Übrigens ein Wort, mit dem ich mich lange nicht anfreunden konnte und das ich seit einigen wenigen Jahren immer mehr liebgewinne (am Ende gar seit exakt zwei, so genau weiß ich das nicht mehr). Vielleicht soll es so sein: Ich verliere die einen Begriffe und gewinne dafür andere.

So wie seriöse Wissenschaftler*innen ihre Forschungsergebnisse stets hinterfragen, immer wieder neu einordnen und von Kolleg*innen gegenchecken lassen, sollten wir auch bereit sein, unsere Intuition auf den Prüfstand zu setzen. Wer nicht glaubt, dass diese uns manchmal in die Irre führen kann, der muss sich nur mal eine Quizshow im Fernsehen angucken, bei der manch Kandidat*in viel Geld verzockt. Oder sich an eine Liebschaft erinnern, derer wir uns so sicher waren, die sich im Nachhinein aber als Reinfall entpuppte. Es gibt einige Gründe, warum uns unser Bauchgefühl auch mal täuschen kann, und hier gilt es, sehr gut in sich hineinzuspüren und ehrlich zu sein: Macht uns unsere Unsicherheit, unser Nicht-Wissen vielleicht Angst, möchten wir uns beruhigen? Wollen wir lieber an einfache Erklärungen und scharf getrennte Gut-Böse-Muster glauben, weil uns die Komplexität der Wirklichkeit überfordert? Haben wir schlechte Erfahrungen mit der Schulmedizin gemacht und sehen in ihr mittlerweile ein Feindbild? Ist es eventuell der Reiz eines Überlegenheitsgefühls, der uns anspricht? Ein*e Eingeweihte*r zu sein, zu einer Gruppe heroischer Freiheitskämpfer*innen zu gehören, die den Durchblick haben, wo andere straucheln, das hat schließlich was.

Mein Ideal wäre eine Welt, in der rationales und spirituelles beziehungsweise intuitives Wissen nicht als Gegensätze (oder gar Gegner) betrachtet werden, sondern sich gegenseitig partnerschaftlich befruchten und letztlich eine Einheit bilden. Das schließt ein, dass wir mal mehr auf das eine, mal auf das andere hören, dabei aber nie aus den Augen verlieren, dass wir uns irren könnten. So viel am Schluss noch mal zum Thema Demut, dem neugewonnen Begriff in meinem persönlichen Lebensfluss der Wörter …


Jean-Marc Turmes

Carmen Schnitzer arbeitet als Journalistin und schreibt seit Jahren für das YOGA JOURNAL.

Titelbild: Luca Bravo via Unsplash

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