Journey Home

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Von einem, der auszog, nach Hause zu finden

„Little Monk“ Richard, alias Radhanath Swami, bricht mit 19 Jahren zu einer Reise nach Europa auf, die ihn zu vielen spirituellen Lehrern und Weisen und schließlich über den abenteuerlichen, beschwerlichen und gefährlichen Landweg nach Indien führt. Seine Erfahrungen beschreibt der Mönch der Krishna- Bhakti-Linie (Vaishnava- Sanyasi), Bhakti-Yogalehrer und international gefragte Redner in seinem Buch „Journey Home: Autobiografie eines amerikanischen Yogi“.

YOGA JOURNAL: Im Jahr 1970 waren Sie ein langhaariger Anhänger der Gegenkultur auf der Suche nach Love, Peace & Happiness, die Sie auf Ihre Reise führte – mit vielen Fragen im Gepäck.
RADHANATH SWAMI: Am Anfang einer spirituellen Reise sind es die Fragen, die uns voranbringen: Warum gibt es so viel Leid, Wut, Neid und Eifersucht in der Welt – und wie lässt sich das ändern? Wer bin ich? Und wer ist eigentlich dieser „Gott“, über den alle reden? Wer solche Fragen ernsthaft stellt, spürt in sich das tiefe Bedürfnis, nach den Antworten zu suchen und sich durch nichts ablenken zu lassen. Wichtig ist, dass Verstand und Gefühl im Einklang sind – dann wird diese Suche zur erfüllenden Aufgabe. Der reine Intellekt, der von Liebe und Empathie abgekoppelt ist, bringt keine Erfüllung. Und andererseits besitzt ein liebendes und mitfühlendes Herz, das keine Verbindung zum Verstand herzustellen vermag, nicht die Stärke der Stabilität. Erst das Zusammenwirken von Hingabe und Philosophie ermöglicht den Prozess der Transformation.

Im Verlauf Ihrer Reise begannen Sie, immer öfter zu meditieren, während viele Reisegefährten die Erleuchtung mittels Sex, Drugs & Rock’n’Roll suchten. Führt der Weg zu Gott über die Stille?
Jede Erfahrung, die wir machen, enthält in sich eine tiefe Weisheit, aus der wir lernen und durch die wir wachsen können. Während ich in Stille bete, offenbaren mir all diese Erfahrungen ihr großartiges Potenzial. Meine persönliche Überzeugung ist, dass Gott selbst mir diesen Schatz enthüllt.

Ihre Reise wurde zur Pilgerfahrt mit herausfordernden Prüfungen und gefährlichen Situationen. Wie wichtig ist es, sich mit seinen persönlichen Ängsten und Zweifeln zu konfrontieren, um zu einem tieferen Bewusstsein zu gelangen?
In der Bibel heißt es: „Suche und du wirst finden.“ Wenn wir uns auf die Suche nach der Wahrheit begeben, wollen wir die Gnade Gottes erfahren. Wenn wir nach Möglichkeiten suchen, um uns tiefer in den Prozess liebender Hingabe und erkennender Bewusstwerdung einzulassen, dann birgt jede Situation eine Gelegenheit dafür in sich. Mein Ziel war es nie, mich der Gefahr auszusetzen: Die gefährlichen Situationen ereigneten sich einfach.

An welches Ereignis können Sie sich besonders gut erinnern?
Während eines Überseefluges vor einigen Jahren fielen plötzlich alle Kontrollsysteme des Flugzeugs aus, und wir mussten notlanden. Die Alarmsignale ertönten und die Passagiere gerieten in Panik. Wir hatten den Tod vor Augen. In dieser Situation gab es nur Gott und mich. Rückwirkend würde ich sagen, dass es trotz haarsträubender Notlandung die beste Flugreise war, die ich je gemacht habe – obwohl ich sie kein zweites Mal machen möchte. Gefahren und Schwierigkeiten tauchen auf, wir sollten sie daher nicht unnötig provozieren. Aber wenn sie sich ereignen, bieten sich großartige Chancen. Es ist nicht notwendig, in den Spiegel der persönlichen Ängste und Zweifel zu blicken, um darin die Wahrheit zu erkennen. Dennoch ist es wichtig, das Wesentliche dahinter zu ergründen. Die Todesangst ist der stärkste Antrieb auf der Suche nach Wahrheit, die in der Erkenntnis des ewigen Lebens begründet ist.

Glauben Sie, dass sich die grundsätzlichen Ängste und Zweifel nur in einem tiefen Glauben auflösen?
Nur durch den Glauben können wir Ängste und Zweifel überwinden und uns mit der Essenz verbinden, die unsere wahre Persönlichkeit ist. Krieger können beispielsweise aus der Leidenschaft ei- ner Kampfsituation heraus ihre Ängste in Kraft umwandeln und mobilisieren. Um uns mit dieser heiligen Essenz zu verbinden, ist der Glaube die Grundlage. Jeder hat einen Glauben. Selbst der Atheist glaubt an den Atheismus. Ein Leben ohne Glauben ist unvorstellbar. Jeden Tag vertrauen wir darauf, dass die Sonne aufgeht, dass wir Luft zum Atmen haben und Nahrung zum Essen. Yoga bedeutet, herauszufinden, was sich jenseits der eigenen Konzepte und Wahrnehmung befindet. Was hinter all dem Leid steckt. Deshalb ist Satsang so wichtig, denn dabei entsteht die Verbindung zu Menschen, die in ihrem Glauben gefestigt sind und andere dazu inspirieren, sich mit ihrer ewigen und göttlichen Natur zu verbinden.

Welchen „Reise-Tipp“ würden Sie einem spirituell Suchenden geben?
Selbst in den dunkelsten Stunden existiert die grenzenlose Hoffnung, Gott zu finden. Wer aufrichtig nach der Wahrheit sucht, findet in der äußeren Form die innere Entsprechung. Wenn wir im äußeren Raum einen Altar errichten, bringen wir den inneren Zustand von Andacht und Anbetung zum Ausdruck. Indem wir anderen dienen, erwecken wir Werte wie Empathie, Menschlichkeit, Demut und Hingabe. Bhakti ist die Kunst, sich von allem, was sich im Äußeren zeigt, zu einer tiefen Liebe im Inneren inspirieren zu lassen. Unser gesamtes Inneres kommt durch die Art, wie wir sprechen und handeln, zum Ausdruck.

Rückblickend wirkt Ihre Reise nahezu himmlisch arrangiert: Bereits zu Beginn drückte Ihnen ein Unbekannter einen Flyer in die Hand, der das Ziel Ihrer Reise enthielt. Glauben Sie, dass unsere Seelen uns zuverlässig „nach Hause“ navigieren?
Es ist Gottes – Krishnas – Gnade, die außerhalb unseres eigenen Handlungsvermögens wirkt. Gnade ist die stärkste Energie innerhalb der gesamten Schöpfung und jenseits des Materiellen – die Umschreibung für Radha: die personifizierte Gnade. Dieser Zustand ist eine erweiterte Form des Göttlichen, das in allem wirkt und mit unseren Seelen in Resonanz ist. Wenn wir die Wahl treffen, uns mit dieser Gnade zu verbinden, werden wir befreit. Auf dem Flyer, den jemand auf einem Festival verteilte, war mein späterer Guru Srila Prabhupada an jenem Ort abgebildet, an dem ich nach meiner Rückkehr aus Indien als Pujari leben sollte. Krishna hat mir bereits zu Anfang offenbart, wohin mein Weg führt und wer mein Lehrer sein wird.

Ist derjenige am Ziel seiner persönlichen Reise angekommen, der den inneren Frieden gefunden hat, und ist dies das Merkmal eines gefestigten Glaubens?
Der tiefe Friede ist ein Zustand der Liebe: Liebe beinhaltet Frieden. Aber Frieden beinhaltet nicht notwendiger- weise Liebe. Bhakti befasst sich mit der Dynamik von Krishnas Liebe, um das Elend der Welt in Frieden umzuwandeln – frei von Leid, Krankheit, Wut und Schmerz. Ein Frieden, durch den die Liebe wirkt. In anderen Worten: Der Frieden ist in der Liebe integriert als Ausdruck ihrer höchsten Stufe.

Wie geht Ihre Reise weiter?
Das Ende meiner Reise „nach Hause“ war der Anfang einer neuen Reise. Ich ging los, und Gott führte mich auf seinen Pfad. Wenn dieser Pfad dem Suchenden offenbart wird, dann ist der Weg dafür geebnet, Gott unbegrenzt und ewig zu lieben, zu dienen und in allem zu erkennen. Und das ist eine andere, unendliche Reise.

Barbara Decker lebt und arbeitet als freie Journalistin und Yogalehrerin in München.