Umkehrhaltungen – Risiken und Nutzen

Was ist dran an der Wunderwirkung von Umkehrhaltungen, die in alten Quellentexten beschrieben wird? Ist zum Beispiel der Kopfstand wirklich ein Weg zur Verjüngung oder bringt er mehr Risiken als Nutzen mit sich? Das sagt die moderne Wissenschaft dazu.

Text: Dr. Ronald Steiner / Titelbild: South_agency von Getty Images Signature via Canva / Bilder: Superette von The Retha Ferguson Collection; Michiel, ROMAN ODINTSOV, von Pexels; via Canva

Die Praxis von Umkehrhaltungen wird seit Jahrhunderten mit ziemlich spektakulären gesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht. Dahinter steht allerdings ein Bild der menschlichen Physiologie, das aus heutiger Sicht mehr mit Magie als mit Anatomie zu tun hat. Zum Beispiel heißt es in der Überlieferung, dass sich im Kopf ein innerer Mond befindet und im Bauch eine innere Sonne. Vom Mond aus tropft demnach das Lebenselixier herab in die Sonne, wo es verbrannt wird. Mit einer Umkehrhaltung aus dem Hatha-Yoga, Viparita Karani Mudra, soll dieser verzehrende Prozess aufgehalten werden: Hebt man den Bauch regelmäßig und über längere Zeiträume hinweg über den Kopf, dann wird, so behauptet es der mittelalterliche Text Dattatreya Yoga Shastra, das Lebenselixier bewahrt und das Altern gestoppt. In den Quelltexten wird empfohlen, mit nur wenigen Minuten täglicher Praxis zu beginnen, um sich allmählich auf bis zu drei Stunden zu steigern. Nach drei Monaten, so heißt es, würden Falten und graues Haar verschwinden. Die Hatha Yoga Pradipika verspricht sogar, man könne bei täglicher Praxis der Umkehrhaltung Unsterblichkeit erlangen.

Was sagt die moderne Wissenschaft zu Umkehrhaltungen?

Natürlich blicken wir heute etwas nüchterner auf die Wirkung von Kopfstand, Handstand, Hund und Co. Dennoch blieben Umkehrhaltungen bis in unsere Zeit als Übungen zur Verjüngung, Vitalisierung und Förderung der kognitiven Gesundheit anerkannt. BKS Iyengar schreibt zum Beispiel 1966 in “Licht auf Yoga”: “Regelmäßiges Üben von Shirshasana lässt gesundes, reines Blut durch die Gehirnzellen strömen. Dies verjüngt sie, stärkt damit die Denkkraft und die Gedanken werden klarer.”

Unterarmstand, Superette von The Retha Ferguson Collection, Umkehrhaltungen

Eine moderne Fallstudie aus China scheint solche bemerkenswerten Vorteile einer langfristigen Praxis von Umkehrhaltungen zu bestätigen – und vor allem zu präzisieren.
Die Ärztinnen untersuchten 2022 einen damals 66-jährigen Mann, der 40 Jahre lang täglich den “passiven Handstand” praktiziert hatte, womit vermutlich eine Kopfstandvariante gemeint ist. Sie beschrieben in ihrer Studie drei positive Wirkungen: Gemessen am Alter war die Elastizität der Blutgefäße im Gehirn ausgesprochen gut, sie zeigten keine Anzeichen von Alterung.

Umkehrhaltung und der “Anti-Aging-Effekt”

Die Ärztinnen folgerten, dass die regelmäßige Praxis der Umkehrhaltung eine “Förderung der zerebrovaskulären Elastizität” bewirkt habe. Zweitens attestierten sie der Praxis eine lindernde Wirkung auf orthopädische Beschwerden: Eine frühere Degeneration der Halswirbel (der Fachbegriff lautet hier: zervikale Spondylose) hatte sich im Zusammenhang mit seiner Praxis nachhaltig gebessert. Der Mann war seit vielen Jahren schmerzfrei, was bei einer solchen Diagnose sehr untypisch ist. Aber auch klassische Anti-Aging-Effekte wurden von den Forscher*innen auf die Praxis der Umkehrhaltung zurückgeführt: Der Mann zeigte äußerlich kaum sichtbare Alterserscheinungen und auch seine kognitiven Funktionen waren im Verhältnis zu Gleichaltrigen ausgesprochen gut.

Ganz klar: Man kann solche Ergebnisse aus der Untersuchung eines einzelnen Menschen nicht verallgemeinern, denn natürlich können auch viele andere Faktoren für die Gesundheit dieses Mannes wichtig gewesen sein. Dennoch wirft die Untersuchung ein ziemlich präzises Bild auf die möglichen Vorteile einer langfristig geübten Praxis.

Risiken von Umkehrhaltungen

Aber wie sieht es nun mit den Risiken aus? Als besonders bedenklich wird meistens die Wirkung auf den Augeninnendruck (IOD) beschrieben. Studien liefern dazu allerdings gemischte Ergebnisse: Dass sich während des Kopfstands der Augeninnendruck bei gesunden Personen verdoppelt, haben britische Augenärzte schon 2007 gemessen. Sie warnten daher im Zusammenhang mit Glaukom (Grüner Star) ausdrücklich vor dem Kopfstand, da der erhöhte Druck im Auge den Sehnerv schädigen kann. Nach dem Auflösen der Haltung kehrt er jedoch schnell, nämlich innerhalb von einer Minute, zu den Normalwerten zurück.

Handstand, Umkehrhaltungen, Michiel von Pexels

2015 haben Forscher an einer New Yorker Augenklinik dann verschiedene Yoga-Umkehrhaltungen miteinander verglichen. Sie kamen zu dem überraschenden Ergebnis, dass der Herabschauende Hund eine stärkere Erhöhung des Augeninnendrucks verursacht als der Kopfstand. Es nützt im Fall von Glaukom also nichts, den Kopfstand wegzulassen, man sollte generell Umkehrhaltungen vermeiden. Auch zum Thema Augeninnendruck noch ein Fallbeispiel aus der britischen Studie von 2007: Eine 46-jährige Frau mit schon in ihrer Jugend aufgetretenem Offenwinkel-Glaukom erlebte nach einjähriger regelmäßiger Kopfstand-Praxis eine Verschlechterung ihres Sehvermögens. Nach einer dreimonatigen Pause verbesserten sich ihre Symptome jedoch wieder.

Kopfstand in der Yogapraxis

Allerdings werden zunehmend auch andere Risiken im Zusammenhang mit Umkehrhaltungen diskutiert: Gerade der Kopfstand kann die Halswirbelsäule stark beanspruchen, besonders bei schlechter Technik oder mangelnder Vorbereitung. Auch der erhöhte Blutdruck im Kopf oder je nach Haltung eine eingeschränkte Durchblutung des Gehirns können bei bestimmten Vorerkrankungen problematisch sein. All das führte dazu, dass viele Yogalehrer*innen ihren Unterrichtsansatz überdachten. Der Kopfstand gilt nicht mehr als “eine der wichtigsten Asanas”, wie Iyengar noch meinte. Stattdessen werden für ihn und viele andere Umkehrhaltungen heute Alternativen oder Anpassungen angeboten.

Kopfstand, ROMAN ODINTSOV von Pexels

Fazit: Umkehrhaltungen im Yoga

Aus meiner Sicht als Arzt und Yogalehrer birgt der Kopfstand ohne Frage kurzfristig Risiken. Besonders Personen mit bestehenden Erkrankungen wie dem Glaukom oder zervikalen Beschwerden rate ich daher zur Vorsicht. Langfristig jedoch könnten Kopfstände und andere Umkehrhaltungen meiner Ansicht nach bei sorgfältigem Aufbau und korrekter Technik erhebliche Vorteile bieten: Die regelmäßige schonende Belastung von Strukturen bewirkt mit der Zeit deren Kräftigung – der klassische Trainingseffekt. Angewandt auf unser Thema hieße das: Die zerebrovaskuläre Elastizität sinkt während der Übung zwar, sie lässt sich langfristig durch das Üben aber verbessern.

Das würde dann tatsächlich einer Verlangsamung der Alterungsprozesse entsprechen – genau wie es die alten Hatha-Yogis beschrieben haben. Der Schlüssel zu einer sicheren Praxis liegt in schrittweisem Herangehen, individuellen Anpassungen und achtsamem Üben. So können Umkehrhaltungen ein wertvolles Werkzeug für Gesundheit und Wohlbefinden sein – und der Kopfstand verdient weiterhin seinen Platz im Yoga.


Unser Autor Dr. RONALD STEINER ist Sportmediziner, Wissenschaftler und einer der bekanntesten Ashtanga Yogis. Die von ihm begründete AYI-Methode steht für traditionelles Ashtanga-Yoga und innovative Yogatherapie. Sein Ziel: Körper und Geist zueinander in eine harmonische Balance führen. Mehr Infos unter AshtangaYoga.info


Du möchtest Umkehrhaltungen für dich ausprobieren? Lies hier die Alignment Cues für Kopfstand und Unterarmstand von Dr. Ronald Steiner:

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