“Die Seele hat keine Farbe” – Krishna Kaur

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Krishna Kaur Portrait

Im Musical „Sweet Charity“ hatte Krishna Kaur 1966 am Broadway ihren Durchbruch als Künstlerin. Als Kundalini-Yogalehrerin setzte sie in der Black- und Flower-Power-Ära auf eine friedliche „Revolution des Geistes“ – die sie heute besonders für Jugendliche und Menschen in Afrika fortführt.

Mittagspause bei der Yogalehrer-Fortbildung „Yoga für Jugendliche“ im Eine-Welt-Haus München. Zu ihrer Pasta bestellt sich Krishna Kaur eine kleine Schüssel frisch gepressten Knoblauch. Soeben hat die überaus charismatische Kundalini-Lehrerin eine Reihe von Teenagern aus deren Alltag erzählen lassen: Was sie bei den Erwachsenen vermissen, was sie bei ihnen nicht verstehen und dass ihnen echtes Zuhören fehlt.

Handfeste Aromen und intensive Lebensrealität statt Selbstzweck-Spiritualität: Auch sonst fällt die 75-Jährige aus Los Angeles nicht nur aus dem yogischen Rahmen. Als Künstlerin trat sie in den 1960er-Jahren am Broadway und in Hollywood-Filmen auf. Am Ende der aufgewühlten Dekade wurde sie zur Schülerin und engen Mitarbeiterin des Kundalini-Pioniers Yogi Bhajan. Von ihm erhielt sie 1971 den Auftrag, Yoga speziell in die vom Kampf um Bürgerrechte bewegte Black Community zu tragen. Unter ihrem neuen spirituellen Namen Krishna Kaur gründete die 1941 als Thelma Oliver geborene Kalifornierin ein großes Yogazentrum in South Central Los Angeles, einem bis heute von Drogenhandel und Bandenkriminalität dominierten Stadtteil. Lange bevor es offizielle Programme wie „Yoga im Gefängnis“ oder „Yoga für suchtgefährdete Jugendliche“ gab, brachte Krishna Kundalini Yoga den Randgruppen der amerikanischen Gesellschaft näher. 1993 etablierte sie die mittlerweile weltweit praxiserprobte Organisation „Y.O.G.A. For Youth“, die auch in Einrichtungen wie Jugendstrafanstalten, Zentren für schwangere Teenager und minderjährige Eltern sowie in Schulen unterrichtet. Als Gründungsmitglied der International Association of Black Yoga Teachers (IABYT), die unter anderem von Oscar-Preisträger und Yogi Forest Whitaker unterstützt wird, vermittelt sie seit 1998 Yoga an Menschen afrikanischer Abstammung – besonders in Hinblick auf das Potenzial für soziale Veränderung. Dank dieser Arbeit gibt es in Westafrika bereits zahlreiche Kundalini-Yogalehrer und dichte Netzwerke in Ghana, Togo und Gambia. Als begeisterte Musikerin hat Krishna Kaur zusätzlich mehrere Alben mit Mantra-Musik veröffentlicht – doch Halt: Es lohnt, diese beeindruckende Lebensgeschichte der Reihe nach und etwas genauer zu betrachten.

An ihre Zeit als zunächst brotlose Sängerin und Tänzerin in New York, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug, erinnert sich Krishna Kaur als „harte Lebensschule“, die sie nur dank ihrer Liebe zum Schauspielen überstand: „Shakespeare schrieb ‚Die Welt ist eine Bühne‘, auch ich sah alles als Theater. Ich ging völlig darin auf und glaube, dass ich beim Auftreten meine intensivsten spirituellen Erlebnisse hatte.“ Ihre Karriere startete mit dem Broadway-Hit „Sweet Charity“. Das Casting für diese Musical-Rolle absolvierte sie nur fünf Wochen nach einer Tumor-Operation. Dennoch schrieb das „Ebony Magazine“ 1966: „Thelma strahlt, singt und tobt wie ein Kobold durch die Show. Ihre Philosophie ist humorvoll, mitreißend und lässt der Tristesse des Alltags keine Chance.“ .

Spirituelle Aktivistin

Ein Part in Sidney Lumets Filmdrama „Der Pfandleiher“ mit der Musik von Quincy Jones hatte sie zwei Jahre zuvor bis nach Hollywood gebracht. Dennoch lag ihre Zukunft nicht im Showbiz. „Ich habe meine Karriere nicht gezielt aufgegeben, sondern eine Veränderung in mir bemerkt“, erinnert sich Krishna Kaur im Gespräch. „Damit ein Küken auf die Welt kommen kann, muss die Schale brechen. Ich wollte wissen, wer ich wirklich war. Meine Frage lautete: Wie kann ich meinen Mitmenschen besser dienen? Nach einem Bühnenauftritt fühlte ich mich ein paar Stunden lang gut. Danach kam immer die Ernüchterung. Also habe ich meine Prioritäten und Glaubenssätze überprüft und fand schließlich Rückhalt in der damals aufkommenden spirituellen Szene. Ich empfand mich nicht mehr als Künstlerin, sondern umfassender als spirituelles Wesen, und wollte wissen, was das konkret für mich bedeutet – auch als schwarze Frau in den USA. Meine baldige Erkenntnis: Diese Sicht ist zu eng, das sind wie auf der Bühne eher Rollen. Die Seele hat keine Definition, kein Geschlecht, keine Kultur und keine Farbe. Auch ich habe keine Grenzen, aber eine Aufgabe.“ Inspiriert war Kaur von den gesellschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit: In Vietnam tobte ein medial genau dokumentierter Krieg, die Frauen- und Bürgerrechtsbewegung befand sich auf ihrem Höhepunkt, viele Länder der Dritten Welt und Afrikas kämpften um ihre Unabhängigkeit. „Wir befanden uns in einer Art Dampfkochtopf“, so Krishna. Im Hochdruck des Civil Rights Movement sah sie sich jedoch nicht als klassische Aktivistin – zumal sie, wie sie erzählt, in ihrem eigenen Leben keine direkte Begegnung mit Rassismus hatte –, sondern bis heute vielmehr als Mitglied einer „Revolution des Geistes“: „Heute wie damals müssen Afro-Amerikaner erkennen, wo die Kraft wirklich liegt. Die Auseinandersetzung sollte nicht auf körperlicher, sondern mentaler Ebene stattfinden.“

Yoga Communities

Eine der Parallelbewegungen ging von den Hippies aus. Nicht nur unter ihnen fand Yoga immer mehr Verbreitung. Vorreiterinnen des populären amerikanischen Yoga waren weiße Hausfrauen aus der Mittelschicht, darunter die TV-Yogini Lilias Folan, die Yoga als Mittel gegen Depression gefunden hatten. Neben ihnen steht die schwarze Künstlerin und Sozialaktivistin Krishna Kaur wie ein Paradiesvogel.
Ihre Begegnung mit Yogi Bhajan bezeichnet sie als „Wendepunkt ihres Lebens“. Von ihm erhielt sie ihren spirituellen Namen („Göttliche Prinzessin“) und einen besonderen Wirkungsauftrag für die Black Community. Im „Ebony Magazine“ sagte der Guru 1975: „Wir müssen erkennen, dass die Black Community benachteiligt ist. Ich persönlich empfehle, dass ihre Mitglieder Yoga ausprobieren. Hilfe von außen nutzt Benachteiligten wenig. Der Impuls muss von innen kommen.“

In South Central etablierte Krishna Kaur ein ­Yogazentrum mit Zimmervermietung, Kindergarten, Schule, kostenlosen Mahlzeiten und der Band „Sat Nam Street Players“, die spirituelle Musik ins unterprivilegierte Ghetto brachte. Sie selbst erinnert sich folgendermaßen an die drängenden Fragen der Zeit: „Wie wird es Yoga schaffen, Essen auf meinen Tisch zu stellen oder die Polizei abhalten, mich zu behelligen? Das fragten mich die Menschen in den 1970er-Jahren in diesen Vierteln. Aber wir waren überzeugt, dass Yoga den jungen Leuten helfen könnte, die Realität zu erkennen, sie zu leben und ihre eigene Kraft zu finden – statt immer nur zu reagieren.“

Offene Systeme

Von L.A. South Central zu den Ursprüngen: Krishna Kaurs Beschäftigung mit Kundalini Yoga und die Sikh-Tradition ihres Meisters brachte sie 1970 erstmals zum Goldenen Tempel nach Amritsar. 1980 war sie – durch eine Verkettung von „Zufällen“ – die erste und einzige Frau, die im streng patriarchalischen Umfeld des Tempels Sikh-Mantren rezitieren durfte.

Angesichts eines spirituellen Werdegangs in derart bewegten Zeiten können sich die Probleme der modernen Yogaklientel geradezu banal anfühlen. Hier stimmt Krishna ganz und gar nicht zu: „Unser von ständiger Kommunikation und Erreichbarkeit geprägtes Leben, das noch nie so schnellen Veränderungen unterworfen war wie heute, birgt ganz andere Herausforderungen als in den 1960er-Jahren. Auf allen Ebenen herrscht ständiger Erfolgsdruck, der sich auch auf die Strukturen von Familie und Gemeinschaft auswirkt. Die vielen Möglichkeiten, die es heute gibt, stehen allerdings nur wenigen offen. Wann immer ein solcher Druck entsteht, muss die Community lernen, damit umzugehen. Alles und alle hängen voneinander ab, und das Universum schafft immer eine neue Balance. Die Zeiten ändern sich, aber die Lehre des Yoga bleibt.“

In München haben sich die jugendlichen Gäste verabschiedet, und die Teilnehmer des Workshops ziehen ihr persönliches Resümee. Was sie zu Teen-Yoga und Krishna Kaur gebracht hat, ist der Wunsch, Yoga nicht nur an Erwachsene, die sich „freiwillig“ für die Praxis entscheiden, zu vermitteln, sondern auch an ­Jugendliche – auch aufgrund eigener zwiespältiger Erfahrungen als Heranwachsende. „Teenager funktionieren völlig anders als Erwachsene“, bestätigt Krishna Kaur. „Sie wachsen allmählich in ihre Identität herein, entwickeln erst eine Vorstellung von ihrem Platz im Leben. Alles ist noch im Aufbau, die Hormone rasen. Jugendliche verfügen noch über wesentlich mehr Gehirnzellen als Erwachsene und sind gierig darauf, sie zu benutzen. Wir haben das Privileg, in ihrem Leben aufzutauchen, wenn viele Themen noch nicht abgeschlossen sind – und hier wirkt Yoga als offenes System.“ Man könnte auch sagen: Als „Sweet Charity“. Oder erneute Revolution des Geistes.

 

Portrait Krishna Kaur

KRISHNA KAUR unterrichtet weltweit regelmäßig Workshops sowie Aus- und Fortbildungen. Alle Termine finden sich auf www.krishnakaur.org. Informationen zu ihrem Programm für Jugendliche gibt es unter www.yogaforyouth.org

 

 


Fotos: Gurusurya Khalsa

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