Immer weiter wachsen: Interview mit Anna Trökes über das Älterwerden

Sie hat Dutzende Yogabücher geschrieben und Hunderte Yogalehrende ausgebildet. Inzwischen gilt Anna Trökes als die „Grande Dame“ des deutschen Yoga – was sie eher belustigt als beeindruckt. Altersweise? Die quirlige Berlinerin empfindet sich vor allem als ewige Lernende. Ein Leben auf dem Yogaweg hinterlässt eben doch ganz besondere Spuren – die Lebendigkeit und Weisheit von Yogi*nis wie Anna Trökes ist nicht nur Inspiration und Vorbild, sie zeigt auch: Das Älterwerden hält viele Schätze für uns bereit …

Interview: Stephanie Schauenburg / Bilder: Nela König

Liebe Anna. Du bist 1972, also vor über 50 Jahren so richtig in die Yogapraxis eingestiegen …

Ja, ich bin damals in einen der ersten Club Med nach Mallorca gefahren, weil ich mal jeden Tag Yoga üben wollte und so etwas in Berlin gar nicht möglich war. Was ich nicht wusste: Das war das Ausbildungscamp des französischen Yogalehrerverbands und die hatten fantastische Lehrer*innen. So hat es begonnen.

In der hinduistischen Tradition spricht man ja von vier Lebensabschnitten, den Ashramas. Du hast 2011 nach fast 30 Jahren dein Studio aufgegeben, dennoch unterrichtest und schreibst du weiterhin so viel, dass ein Ruhestand nicht erkennbar ist. In welcher der vier Phasen siehst du dich?

Bei mir hat sich das immer gemischt. Ich habe schon mit 22 Jahren angefangen zu unterrichten und mich früh im BDY in der Yogalehrerausbildung engagiert, gleichzeitig habe ich selber immer neue Ausbildungen absolviert und bin bis heute eine Schülerin geblieben. Ich liebe es zu lernen. Ich bin so begeisterungsfähig, ich springe immer wieder auf etwas an. Aber ich dehne mich in dem, was ich lerne, auch immer weiter in die Breite und Tiefe aus – und da bin ich dann schon im dritten oder vierten Ashrama.

Um nur ein paar Schlaglichter zu werfen: Du hast Yoga der Energie in Deutschland mitbegründet, übst selbst inzwischen Ashtanga, hast eine 10 ­jährige Body Mind Centering Ausbildung gemacht, über Yogadidaktik und Yogaphilosophie geschrieben und in letzter Zeit auch viel über Heilung mit Yoga. Mit was beschäftigst du dich zurzeit?

Yoga der Energie war immer meine Heimat, aber der große Grund dahinter, das ist Tantra. Ich merke immer mehr, wie stark mich das im Innersten berührt, diese ganze Shiva ­Shakti ­Thematik. Da beginne ich gerade noch mal ganz neu. Außerdem konzipiere ich gerade eine vierjährige Meditationsleiterausbildung, damit wir endlich in Deutschland ein paar richtig gute, sattelfeste Meditationslehrer*innen bekommen, die Yogameditation machen und nicht irgendwas.

Du kommst mir vor wie eine Art Yoga ­Superprozessor, der aus allen Richtungen Impulse und Informationen aufnimmt, verarbeitet, verbreitet. Spürst du mit zunehmendem Alter nicht auch eine Verdichtung hin auf etwas Essenzielles?

Nein, ich unterrichte nach wie vor genauso leidenschaftlich Anatomie wie Fachdidaktik oder Yogasutra. Für mich gehört das alles zusammen. Ich bewege mich da wie ein Fisch im Wasser – es ist das ganze Wasser.

Klingt nicht, als ob es dir jemals langweilig würde …

Zur Langeweile hab‘ ich kein Talent. Es gibt so viele Dinge, denen ich nachgehen und die ich noch erforschen kann!

Und wie nimmst du den Umgang mit dem Altern in unserer Gesellschaft wahr?

Na ja, wir gehen sehr ungnädig damit um: In einer Leistungsgesellschaft älter zu werden – geht gar nicht! Tu was, um es aufzuhalten! Dabei ist der Prozess unausweichlich und ich denke, man kann ihn unterschiedlich betrachten.

Wie erlebst du ihn denn bei dir selbst?

Ich muss natürlich auch feststellen, dass manches nicht mehr so gut geht wie früher, aber manches geht auch deutlich besser.

Bild: Nela König

Nämlich?

Mich selbst beruhigen, meine Emotionen regulieren, Dinge nicht mehr so persönlich nehmen. Gelingt nicht immer, aber immer öfter. Mein Selbstvertrauen ist durch die Lebenserfahrung deutlich gewachsen. Ich kann auf viele Dinge zurückblicken, die auch gelungen sind. Auch darauf, wie viel ich aus meinen Fehlern gelernt habe und welche grandiosen Erfahrungsfelder das Scheitern eröffnet hat.

Du hast mal gesagt, du wüsstest oft gar nicht, wie alt du eigentlich bist. Warum?

Ich habe Mühe, mich in meinem Alter zu erfahren, weil ich von meiner Natur her so extrem neugierig bin. Eine meiner Lehrerinnen, Ursula Lyon, ist schon weit über 90 – und auch sie ist immer noch wie ein Fisch im Wasser: ein quicklebendiges, herumsausendes, offenes, interessiertes Fischlein. Sie ist extrem rege – und da ist sie mir ein Beispiel.

Weil es diese geistige Regheit ist, die uns lebendig hält?

Ja, aber nicht nur. Ich denke da an meine zweite Schwiegermutter, die irgendwann pflegebedürftig wurde und dann war auf einmal nichts mehr da, womit sie sich hätte retten können. Sie hat sich verloren gefühlt, weil sie sich selber nicht hatte. Sie hatte nie eine Intimität mit sich selber entwickeln können. Das ist bei uns hoffentlich anders: Durch Yoga stecken wir jeden Tag in dem Prozess, die Beziehung zu uns selbst immer wieder neu zu begründen.

Aber ich erlebe da – gerade in der Yogawelt – auch einen unguten Druck: Sogar im Alter sollen wir noch hellwach, wunderschön und einfach perfekt sein …

Klar, wenn du Yoga machst, darfst du nicht krank werden, du darfst dich nie ärgern, nicht aufbrausend sein, nie wütend sein, nie aggressiv sein, du musst vegan leben, egal ob es dir bekommt oder nicht, und du sollst auch im Alter noch gertenschlank, gelenkig und strahlend aussehen – das alles ist natürlich eine Projektion. Man wünscht sich das so, damit man sich nicht so hoffnungslos fühlen muss. Aber ich muss auch sagen: Meine älteren Kolleginnen sind von diesen Erwartungen erstaunlich wenig angefasst. Man weiß, dass man älter wird, aber es macht nix. Das Einzige, was da manchmal zappelt und zuckt und es irgendwie ernst nimmt, ist doch das Ego – und na ja, okay, das kennt man ja so langsam: Wir brauchen dieses Ego draußen in der Welt, aber ansonsten ist es doch ein gigantischer Störfaktor.

Und um diese Souveränität geht es, nicht wahr?

Ja. Aber das kriegt man, glaube ich, erst mit, wenn man bewusst viele Lebenserfahrungen machen durfte und auch die Zeit hatte, darüber zu reflektieren – nicht darüber, was geschehen ist, sondern wie man sich darin erlebt hat und wie man damit umgegangen ist.


ANNA TRÖKES gilt nicht umsonst als die einflussreichste deutsche Yogalehrerin: Sie hat seit 1974 unzählige Menschen unterrichtet und über Jahrzehnte die Yogalehrerausbildung des BDY geprägt. Ihre über 30 Bücher und CDs wurden in 13 Sprachen übersetzt und haben viel zur heutigen Beliebtheit und Verbreitung von Yoga beigetragen. Mehr Info auf prana-yogaschule.de


Zum Weiterlesen: Im YOGAWORLD JOURNAL 05/2025 haben wir mit Anna Trökes darüber gesprochen, welche Bedeutung Zeit in der Yogaphilosophie hat. Die Ausgabe kannst du dir hier bestellen:

https://yogaworld.de/produkt/yogaworld-journal-nr-101-05-25-print-ausgabe/

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