Interview | Elena Brower

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„Wir können mehr leisten, als wir jemals für möglich gehalten haben.“

Sie ist das, was man in den USA einen „tough cookie“ nennt: Elena Brower, Anusara-Yogalehrerin aus New York. Ihre Klassen sind eine Herausforderung, denn Brower möchte ihre Schüler aus der mentalen Couchzone herausholen. Über ihren eigenen Veränderungsprozess, ausgelöst durch Yoga, spricht sie mit erfrischender Offenheit. Dabei vermittelt sie das Gefühl: Ich weiß, wie es sich anfühlt, sich selbst im Weg zu stehen. YOGA JOURNAL-Autorin Diana Krebs traf die international bekannte Lehrerin in Paris zum Interview.

Elena Brower ist ein wenig müde. Sie unterrichtet hier an der Seine einen Wochenendworkshop. Zwischen den Mittagsklassen bleibt nicht viel Zeit zum Essen, also müssen Feigen und gesunde Cracker reichen, die sie gerne anbietet. Die Klassen finden in der American Church statt, einer im gotischen Stil errichteten Kirche. Es ist das erste sonnige Wochenende in Paris seit langem, die Sonne scheint durch die Verstrebungen und auf die Steinbank im Vorhof, auf der wir sitzen. Fehlt nur noch ein Mensch im Mönchsgewand, denke ich.

YOGA JOURNAL: Wie war dein Leben, bevor du mit Yoga angefangen hast?

Elena Brower: 1992 beendete ich die Uni und fing direkt im Anschluss als  Textildesignerin bei einer großen Firma in New York an. Vier Jahre später arbeitete ich ein Jahr lang für eine Modedesignerin, dann kam ein Jobangebot in Italien. Dort ging es mir gut, aber ich war nicht erfüllt. Es war an einem Sonntag, als ich in meiner kleinen Küche in Turin saß. Man hörte das Stimmengewirr der Familien, es war um die Mittagszeit. Ganz plötzlich war mir klar, dass ich weg musste. Ich wusste, dass ich unterrichten wollte. Mir war allerdings noch nicht klar, wie und was, vielleicht Kinder. Ich ging also zurück nach New York, machte eine einjährige Ausbildung zur Kunstlehrerin und unterrichtete in verschiedenen Schulen und Kindergärten. Zu dieser Zeit nahm ich Yogaunterricht bei Cindy Lee – in einem klassischen Fitnessstudio. Ich habe mich sofort in die Art ihres Unterrichts verliebt. Sie war so witzig und albern. Bei ihr absolvierte ich mein erstes Lehrertraining. Von da an habe ich Yoga unterrichtet, das war 1997.

YJ: Als du dich mehr und mehr mit Yoga befasst hast, war es teilweise ein emotional schmerzvoller Prozess für dich? Yoga lässt einen doch die Kluft zwischen Anspruch und Realität erkennen?

In diesem Augenblick erweist es sich, dass Elena Brower nichts gibt, ohne einzufordern. Statt brav zu antworten, fragt sie zurück und kommt direkt zur Sache.

Kam das bei dir erst mit Anusara-Yoga, oder hast du bei dir diese Kluft schon zuvor wahrgenommen?

YJ: Das kann ich jetzt nicht so genau sagen, aber Yoga hat sie definitiv offengelegt.

Weil du auf deiner Matte bist und realisiert, dass du dir selber dabei im Wege stehst, dieses strahlende, wunderbare Wesen zu sein, welches du bereits bist?

YJ: So ungefähr. Yoga ist eben nicht nur angenehm, sondern deckt auch die schmerzlichen Seiten des bisherigen Daseins auf. War es für dich anfangs manchmal ein schwieriger Prozess oder ausschließlich befreiend? Oder beides?

Für mich war es definitiv überhaupt nicht befreiend, als ich mit Yoga begann. Ich muss beispielsweise noch immer daran arbeiten, die Person, die ich auf der Yogamatte bin, mit der, die ich außerhalb des Yogastudios bin, zu vereinen. Langsam, aber stetig entwickelt es sich zur Beständigkeit, dass ich das, was ich auf Yogamatte erfahre, auch draußen in der Welt leben kann. Ich habe heute Morgen darüber gesprochen, wie wir das erreichen können: Kultiviere Dankbarkeit.

YJ: Sich dankbar öffnen meinst du?

Die Dankbarkeit, die du auf der Matte spürst, ist die Dankbarkeit, die du jenseits der Matte spüren willst. Beispielsweise unser Gespräch hier: Ich weiß, dass es nicht  einfach ist, aber ich werde mich hier und jetzt in Dankbarkeit üben.

YJ: Was mich an deinem Unterrichtsstil überrascht, ist deine oft beinahe schmerzhafte Offenheit, wie du über deinen eigenen Entwicklungsprozess sprichst. Hattest du die Befürchtung, dass diese Ehrlichkeit manche Menschen abschrecken würde?

Es gibt wirklich Menschen, die ich verloren habe. Aber die Leute, die wiederkommen, wollen die Dinge, über die ich spreche, in ihr eigenes Leben integrieren. Angst hat man dann, wenn man noch nicht bereit ist. Das ist ok. Denn seien wir ehrlich: Das, was ich sage, ist nicht leicht zu ertragen. Natürlich ist das nicht in jeder Klasse der Fall, aber wenn ich solche Fragen stelle wie „Wie läuft deine Ehe?“ und „Habt ihr Sex?“, dann erschreckt das viele Leute. Denn die eigentliche Frage lautet: Erzählst du wirklich die Wahrheit über dein Leben? Die Konsequenz ist, dass die Hälfte der Leute nicht wieder kommt. Wenn ich in meinen Klassen oder in meinem Blog über die wirklich schwierigen Dinge im Leben spreche, gehen mir definitiv ein paar Leute verloren. Diejenigen, die bleiben, setzen sich in einer Art und Weise für ihr Wohlergehen ein, die mich mit Stolz erfüllt.

YJ: Deine Art und Weise, Menschen in deinem Unterricht zu motivieren, spricht mich besonders als Frau an.

Der Grund dafür ist wahrscheinlich deine persönliche Erfahrung, dass du an irgendeiner Stelle deine Weiblichkeit noch nicht leben kannst.

Und wieder wird es persönlich. Ich muss das Aufnahmegerät ausschalten. Denn es folgt ein längeres Gespräch über Paarprobleme und eine ganz persönliche Empfehlung Browers, damit umzugehen. Ganze fünf Minuten dauert diese lieb gemeinte Standpauke. Eine Woche später kann ich feststellen: keine schlechte Idee eigentlich.

YJ: Ist es deine Erfahrung, dass Frauen und Männer verschiedene Formen von „empowerment“, also Selbstermächtigung, benötigen?

Natürlich ist das völlig unterschiedlich. Aber es gibt auch Bereiche, die sich überschneiden. Es geht ja letztendlich darum, den Menschen zu helfen, sich selbst zu helfen. Frauen haben häufig eine bestimmte Erwartungshaltung, wie sie behandelt werden wollen. Gleichzeitig behandeln sie oft ihr Umfeld selbst nicht so. Das führt zu großen Enttäuschungen. In Partnerschaften beschweren sich dann viele Frauen: Warum ist er nicht netter zu mir? Er ist so gemein, er will mich noch nicht einmal berühren? Warum nur? Die Antwort ist einfach: Weil du nicht lächelst. Du bist wunderschön, nur: Du lächelst nicht. Warum also sollte überhaupt irgendjemand in deiner Nähe sein wollen?  Lächle, fühle deine innere Schönheit und die Welt wird ganz anders auf dich reagieren. Im Grunde ist es sehr einfach, Frauen zu stärken.

YJ: In deiner Klasse gestern sagtest du: Wir benutzen unsere Zweifel als Ausrede, nicht zu handeln. Wie kann uns Yoga dabei helfen, diese Zweifel zu überwinden und zu handeln?

Der Grund für dieses Nicht-Handeln ist, dass wir uns schlecht fühlen. „Es geht mir nicht gut“, „Ich weiß nicht, ob ich das tun kann, also lasse ich es lieber bleiben“. Yoga zeigt uns die Möglichkeiten, die uns begreifen lassen, dass wir viel mehr leisten können, als wir jemals für möglich gehalten haben. Wenn man eine Asana in ihre einzelne Teile zerlegt und dann atmet, so entdeckt man eine Kompetenz, von der man gar nicht wusste, dass man sie besitzt. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Die physische Praxis hilft uns dabei, das Gefühl zu entwickeln: Du kannst alles tun. Wenn wir eine Asana üben, schaffen wir es, für drei ganze Atemzüge präsent zu sein? Und nicht nach dem zweiten Atemzug gedanklich abzuschweifen? Das ist der Prozess, der die Zweifel auflöst. Im Coaching gibt es ebenfalls diese vielen kleinen Parameter, die uns dabei helfen zu erkennen: Oh nein, ich habe schon wieder Zweifel! Dagegen muss ich vorgehen. Zum Beispiel könnte man einfach bei jedem Zweifel einen Euro auf die Straße werfen. Wirklich: Für jeden Zweifel einen Euro! Ich gehe also die Zweifel von zwei Seiten aus an: von der Yoga- und der Coaching-Seite. Letztere ist sehr pragmatisch und handlungsorientiert. Ich bin nicht an der Vergangenheit interessiert, sondern daran, dass wir uns als heilende Einheit nach vorne bewegen, um uns selbst und diesen Planeten zu heilen.

Wanderlust in The City, June 2011 Photo- Michael MalandraYJ: Wenn du davon sprichst, den Planeten zu heilen, kommt mir eine Sache in den Sinn, die für mich nicht zu dieser Einstellung passt: Du warst Global Yoga Ambassador für adidas. Adidas steht jedoch – wie viele andere großen Sportausrüster auch – immer wieder in der Kritik, sich nicht genügend für die sozialen Rechte der Arbeiter in den Produktionsländern einzusetzen. Wie gehst du mit diesen Vorwürfen um?

Ich war 2010 tatsächlich ein Jahr lang Global Yoga Ambassador für adidas. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass meine Reisen und mein Unterricht in dieser Funktion gut waren, sowohl für meine Schüler als auch für mich. Doch es war Zeit, weiter zu gehen. Ich bin gegen jegliche unfairen Arbeitspraktiken in jedem Unternehmen.

YJ: Nach außen zu gehen, ist jedoch weiterhin ein großes Thema bei Dir. Beispielsweise hast du mehrere Events organisiert, in denen sich Yogis in Museen zum gemeinsamen Praktizieren getroffen haben. Unter anderem im Museum of Modern Art in New York – in einem Raum mit einer Pipilotti Rist-Installation. Wie kam es dazu?

Die Pipilotti Rist-Ausstellung war der erste Event dieser Art, die zweite Yogaklasse war im Garten des Museum of Modern Art und der dritte Event war eine Yogaklasse unter Gabriel Orozcos 10 Meter langem Walskelett im Museum of Modern Art. Das Skelett hing über unseren Köpfen und darunter praktizierten wir Yoga.

Als sie das erzählt, springt sie begeistert auf und streckt ihre Arme hoch in die Luft, so als wolle sie die Magie dieses Events direkt hier in unsere gotische Kapelle übertragen. Das Walskelett ist heute in der neu gebauten Bibliothek in Mexico City untergebracht.

Das Thema dieser Yogaklassen war jedoch ein anderes als etwa das in unserer heutigen Klasse. Es ging nicht um Dankbarkeit, sondern darum, dass unsere Praxis uns einen Rahmen oder ein Gerüst gibt, unter dem wir genau das erschaffen können, was wir wollen. Vielen ist im Unterricht nicht klar,  dass diese Möglichkeit gegeben ist. Sie besuchen eine Yogaklasse und der Lehrer sagt: Ok, wenn ihr das tut, dann fühlt ihr euch so oder so. Einige denken dann: So habe ich mich aber gar nicht gefühlt. Unsere Praxis ist dazu da, um das zu erschaffen, was gerade für uns wichtig ist. Wir sind nicht gezwungen, dass zu tun, was andere uns sagen. Ich kann nur Vorschläge auf Basis meiner Erfahrung geben – wie es für mich funktioniert.

YJ: Spiegelt die Kunst sozusagen die Yoga-Praxis?

Genau. Im Grunde ist Ansuara Yoga – so sieht es auch John Friend – Kunst. Aber eben auch eine Wissenschaft: Die Technik bezüglich der Ausrichtungsprinzipien ist eine echte Wissenschaft. Und wenn man diese Wissenschaft präzisiert, wird Kunst daraus. In der Gegenwart großer Kunst Yoga zu praktizieren und gleichzeitig mit dem eigenen Körper Kunst zu produzieren, ist schon eine besondere Erfahrung.

YJ: Du scheinst eine Vorliebe für ungewöhnliche Unterrichtsorte zu haben. Anfang Oktober hast du vor dem Paris Sep 2011Platz am Eiffelturm 2.000 Yogis angeleitet. Anlass war Mahatma Gandhis Geburtstag. Wie kam es zu diesem Event?

Ich habe schon viele Jahre lang davon geträumt, unter dem Eiffelturm Yoga zu machen. Viele Menschen, die hier in Paris leben, haben mich bei der Verwirklichung dieses Traums unterstützt. Ich hatte schon einmal zwischen 10.000 und 12.000 Menschen im Central Park in New York unterrichtet, das hat auch meine Möglichkeiten hier in Paris erhöht. Es dauerte ein ganzes Jahr, um die Gemeinde von Paris von dem Vorhaben zu überzeugen. Wir wollten ja bis zu 2.000 Menschen mobilisieren, die auf dem Champ de Mars vor dem Eiffelturm Yoga machen. Meine Mission ist, so viele Menschen wie möglich zusammenzubringen, die miteinander praktizieren. Die Welt braucht mehr von diesen kollektiven Momenten der reinen Absicht und Heilung. Und danach gehen diese Menschen nach Hause und verbreiten automatisch eine gute Stimmung in ihren Familien. Sie hören ihren Partnern und Kindern besser zu, haben mehr Geduld und sind freundlicher – das ist alles, was wir brauchen. Wir benötigen solche Erinnerungshilfen immer und immer wieder.

von Diana Krebs

Elena Brower ist zertifizierte Anusara-Yogalehrerin und Gründerin von  Virayoga New York. Auf der Onlineplattform yogaglow.com gehört sie zum festen Bestandteil der Lehrer. Sie schreibt regelmäßig Beiträge für die Huffington Post, hat einen  Blog und den wöchentlich Vlog „Mindful Smack“.

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