Das Magazin // Mai + Juni 2012

Shavasana

„Die meisten Menschen sind jemand anderes. Ihre Gedanken sind die Meinungen anderer, ihr Leben ist Nachahmung, ihre Leidenschaften sind Zitate“, sagt Oscar Wilde. (Um gleich zu Anfang jemand anderen zu zitieren und dessen Gedanken zur eigenen Meinung zu machen.) Im Yoga dagegen werden wir für Momente authentisch. Beim Atmen kann uns niemand vertreten. Beim Umfallen aus dem Kopfstand auch nicht. Die Entspannung am Ende gehört uns selbst – oder es ist eben keine Entspannung. Das alles kann sehr befreiend sein. Aus dem gleichen Grund wollen die Tibeter das Sterben üben. Im Moment unserer Todes sind wir auf uns allein gestellt, wir können uns nicht mehr vertreten lassen oder ausweichen. Die Buddhisten üben deswegen ein bewusstes und vor allem angstfreies Sterben. Im Yoga eröffnet Shavasana, die „Totenstellung“, zumindest eine Perspektive auf einen körperlosen Zustand. Obwohl wir „tot“ sind und der Körper sich für einige Augenblicke auflöst, ist unser Bewusstsein weiter da. Tulku Lobsang nennt diesen Zustand in unserem Interview Schlaf- oder Traum-Yoga. Die Lehre aus solchen Übungen oder auch tiefer Meditation ist: körperlos = todlos. Wir machen dabei unter Umständen eine ganz direkte Erfahrung. Die Beschäftigung mit dem Tod und dem eigenen Sterben hat viele Aspekte. Wir wollen das Thema niemandem aufdrängen. Wir teilen jedoch die Meinung vieler Philosophen und spiritueller Lehrer, dass die Beschäftigung mit dem Sterben, dem Leben eine besondere Qualität geben kann. Unser Seinsbewusstsein (Karl Jaspers) verändert sich, unsere Lebendigkeit nimmt zu, die Dankbarkeit für das Leben und die Fähigkeit zu lieben.

Om Shanti,
Michi Kern und die YOGA JOURNAL-Redaktion

TITELTHEMEN
– SPECIAL: Loslassen. Yogaphilosophie / Vom Umgang mit dem Sterben / Alles rund um Shavasana
– 3 schmerzfreie Herzöffner
– Interviews: Schauspielerin Hannah Herzsprung, Tibetischer Meister Tulku Lobsang
– Stilserie: Iyengar Yoga
– Reinigungskur – Ayurvedisch entschlacken
– City Trip: Stuttgart
– Gesunde Frühlingsküche statt Diätenwahn

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