Erfolgreiche Kombination: Yoga und Coaching

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Yoga und Coaching: Das scheint eine erfolgreiche Kombination zu sein. Unsere Autorin Melanie Oetting hat in einem Workshop gelernt, was man aus yogischer Sicht tun kann, um glücklich und zufrieden zu leben. Ein Erfahrungsbericht.

Knapp zwanzig Frauen sitzen mit Notizbüchern auf ihren Matten im Züricher Studio AirYoga und sind darin vertieft, ihre persönlichen Erkenntnisse und Impulse festzuhalten. Heute geht es um Gedanken und Gefühle – der zweite Part der dreiteiligen Workshopreihe „Yoga und das Glück im Leben“ von Yogalehrerin und Coach Marie Licht. Die 28-jährige Lana nimmt teil, weil ihr Yoga in einer Lebenskrise dabei geholfen hat, sich wieder besser zu fühlen. Viele kennen dieses Gefühl nach einer guten Yogastunde: Man ist sich selbst ganz nah, gelöst, ruhig, geerdet und mit klarem Geist. Wäre es nicht atemberaubend schön, dieses Gefühl lebendig halten zu können? Auch fern von Studio und Matte? Mitten im Alltag?

In einer der wichtigsten Überlieferungen der Yogatradition, dem Yogasutra, macht ein Vers auf diese Chance aufmerksam: „Samskara sakshat karanat purvajati jnanam“ (3.18). Kate Holcombe, Gründerin der Healing Yoga Foundation, interpretiert Patanjalis Worte so: „Durch das Beobachten unseres Verhaltens und unserer Muster gewinnen wir Verständnis für unsere Vergangenheit und Wissen darüber, wie wir Verhaltensmuster ändern können, die uns daran hindern, frei und in Fülle zu leben.“ Für Marie Licht ist dieses Erkennen der eigenen Muster und Denkweisen ein zentraler Punkt auf dem Weg zu mehr Glück. In ihren Workshops lässt sie ihr Wissen aus Coaching und Positiver Psychologie mit Yoga zusammenfließen. Sie betont: „Auf vieles, was uns im Leben passiert, haben wir keinen Einfluss. Wohl aber darauf, wie wir darüber denken und fühlen.“

Zwischen Reiz und Reaktion liegt Freiheit
Diese Freiheit, diese Selbstbestimmtheit in der Reaktion auf das, was einem im Leben begegnet, möchte Marie Licht vermitteln: „Stellt euch vor, ich unterrichte Yoga und eine Schülerin gähnt. Ich kann jetzt denken, sie sei gelangweilt und mag meinen Unterricht nicht. Dieser Gedanke löst bei mir eine Kette negativer Gefühle aus“, erzählt sie. „Oder aber ich denke, sie sei überarbeitet oder hat ein Baby zu Hause und deshalb wenig geschlafen. Dann freue ich mich einfach darüber, dass sie jetzt da ist und ich ihr etwas Gutes tun kann.“ Zwei Wege – der eine macht etwas unglücklicher, der andere etwas glücklicher. Welchen Weg wir einschlagen, steht uns theoretisch frei. Wahr ist aber auch: Es ist gar nicht so einfach, jene Denk- und Verhaltensmuster aufzuspüren, die das eigene Glück sabotieren.

Die Yogaphilosophie spricht von „Samskaras“, von tiefen, emotionalen Eindrücken, die das Leben und die darin gemachten Erfahrungen hinterlassen. Sie verankern sich im Unbewussten und wirken direkt auf das weitere Denken und Handeln ein. Darauf, wie man über sich selbst denkt. Über die Welt. Was man sich zutraut und was nicht. Was man sich erlaubt. Und was nicht. Die Folge: Ohne dass man sich dessen bewusst ist, spult sich das Denken und Verhalten häufig ganz automatisch ab. Das zeigt sich etwa in einer Scheu, nein zu sagen, in der Tendenz, Dinge zu beginnen und nicht zu Ende zu bringen oder darin, sich selbst als weniger wertvoll zu erleben als andere. Beim Aufspüren eines solchen Eindrucks, der auch noch Jahre nach dem eigentlichen Ereignis im Unbewussten feststeckt und wirkt, setzt auch das Coaching an. Denn Bewusstsein ist der erste Schritt dahin, konditioniertes Verhalten abzulegen und durch solches zu ersetzen, das gut tut.

Achtsamkeit ist unsere Haut
Verschiedene Techniken helfen, zu einem solchen Bewusstsein zu finden. Im Workshop haben die Teilnehmer zum Beispiel Raum und Zeit, sich wichtigen Lebensfragen zuzuwenden, für die der Alltag oft keinen Platz lässt. Was sind meine Stärken? Wie richte ich mein Leben nach meinen Wünschen aus? Wie schaffe ich mir mehr Freiraum für mich selbst? Und was ist wirklich wichtig in meinem Leben? „Wenn Glück unser Ziel ist, dann kann Achtsamkeit als Weg dort hin gesehen werden“, so Marie Licht. Damit ist eine innere Haltung von größtmöglicher Bewusstheit und Aufmerksamkeit gemeint, die versucht, das automatische Werten jeder Situation zu durchbrechen. Marie Licht erklärt: „Zufriedenheit ist nur zu einem geringen Prozentsatz von äußeren Umständen abhängig und viel mehr von der inneren Haltung.“

Die Teilnehmer lernen einfache Achtsamkeitsübungen für den Alltag kennen. Zum Beispiel den positiven Tagesrückblick: Dabei werden am Abend drei Dinge aufgeschrieben, die am Tag schön waren. Außerdem notiert man, was man selbst dazu beigetragen hat. Diese Technik lenkt die Wahrnehmung auf das Positive. So schläft man nicht nur besser – man erinnert sich auch an das, was einem wichtig und wertvoll ist und kann sein Leben wie einen Kompass danach ausrichten. Lana hat sich den positiven Tagesrückblick schon nach dem ersten Workshop-Teil zur festen Gewohnheit gemacht. Dadurch hat sich einiges für sie verändert: „Ich habe erkannt, dass für mich weniger mehr ist. Und dass ich bisher gar nicht genug genossen habe. Mein Fokus liegt jetzt auf Genuss. Ich esse zum Beispiel langsamer und schmecke jeden Bissen ganz deutlich. Mein Leben ist ruhiger und auch zufriedener geworden.“

Die Achtsamkeitspraxis soll zu einem bewussteren und zugleich liebevolleren Blick auf sich selbst ermuntern. „Ganz selbstverständlich schauen wir den Wetterbericht und kleiden uns entsprechend”, so Marie Licht. „Genauso können wir morgens mit einer kurzen Meditation unseren ‚inneren Wetterbericht‘ anschauen und den Tag so gut es geht nach ihm gestalten.“ Ohne dieses Bewusstsein für die eigenen Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Prägungen fischt man oft im Trüben. Man bekommt nicht, was man eigentlich bräuchte. Im dümmsten Fall bekommt man sogar das Gegenteil: „Ohne Achtsamkeit nehmen wir Dinge in uns auf, die wir eigentlich gar nicht haben wollen und die uns schaden”, so der Achtsamkeitslehrer Thich Nhat Hanh. Er vergleicht Achtsamkeit mit der menschlichen Haut, der natürlichen Barriere zwischen innen und außen. Während aber bei der Haut festgelegt ist, für welche Stoffe sie in welcher Richtung durchlässig ist, können wir bei einer achtsamen Lebensführung selbst bestimmen, was wir aufnehmen – und was eben nicht. Eine weitere klassische Übung aus der Achtsamkeitspraxis ist die Arbeit mit dem inneren Beobachter: Wie vom Gipfel eines Berges herab betrachten die Teilnehmer des Workshops ihre eigene Welt einmal von oben. Sie üben, Gedanken als Gedanken zu sehen und Gefühle als Gefühle – ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Denn nicht WAS wir denken ist das Problem, sondern wie wir unsere Gedanken bewerten.

Wie Träume wahr werden
Heute weiß man aus verschiedenen Forschungen: Je detaillierter und konkreter man sich seinen Traum ausmalt, desto größer ist die Chance, dass er in irgendeiner Form wahr wird. Der Grund: Sobald ein Ziel feststeht, richtet man sein Handeln und seine Entscheidungen auch auf unbewusster Ebene danach aus. Die Technik „My Best Possible Self“ spielt daher im Leben von Marie Licht eine Schlüsselrolle: „Als ich vor fünf Jahren meinen Job in München kündigte und nach Zürich zog, war völlig unklar, was ich machen würde. Nur eins stand fest: Ich wollte weg von meinem getakteten 9-bis-18-Uhr-Job, wo ich in einem Büro saß und wenig mit Menschen zu tun hatte.“ In einem Buch stieß sie damals auf folgende Übung: Ohne viel nachzudenken, schreibt man nieder, wie das eigene Leben in der Zukunft aussehen wird, falls alles bestens gelaufen ist – ohne Rücksicht auf die Realität oder auf mögliche Hürden. Das Leben so, wie man es sich erträumt. „Ich setzte mich auf meinen Balkon und träumte vor mich hin. Mein optimaler Alltag? Ein schönes Büro mit einem Baum vor dem Fenster. Viele nette Menschen. Ich arbeite mit Bewegung, bin kreativ und kann meinen Tag flexibel gestalten … Im letzten Frühjahr fiel mir das Buch wieder in die Hände und heraus rutschte der Zettel mit meinem Traum. Da bekam ich eine Gänsehaut. Denn da stand genau beschrieben, wie mein Leben heute ist”, erzählt Marie Licht. So märchenhaft läuft es sicher nicht immer. Vieles, was man in modernen Ratgeberbüchern nach der Methode „Heute gewünscht, morgen geliefert“ liest, erscheint klischeehaft. Dennoch sollte man die Kraft der wahren Wünsche nicht unterschätzen.

Die Matte als Ort der Selbstbegegnung
Im Workshop wird die Yogamatte zu einer Art Spielwiese fürs Leben: Während der Asanapraxis dürfen die Teilnehmer die neuen Erkenntnisse einsinken lassen und sich ausprobieren. Sie üben, ihre Bedürfnisse und ihre Grenzen besser wahrzunehmen und zu respektieren, versuchen einen nachsichtigen Umgang mit sich selbst und probieren, eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen. Am Ende der drei Nachmittage sind sich die Teilnehmer einig: Was unser Glück angeht, so haben wir viel mehr selbst in der Hand, als wir denken. Was nun folgt, ist gar nicht so einfach: Im Alltag dranbleiben. Wie das geht? „Indem man die Übungen, die einem gut tun und gefallen, ritualisiert“, rät Marie Licht. „So werden sie zur Gewohnheit. Ich hinterfrage ja auch nicht, ob ich mir morgens die Zähne putze.“ Sie vergleicht ihre Arbeit mit dem Einsetzen eines Samens. Dieser Samen ist für jeden einzelnen Teilnehmer nun in der Erde. Dann kommt das Leben und weht mit all seinen Winden und Wettern darüber. Vielleicht wird der zarte Spross hin und wieder vernachlässigt. Aber er ist gesät.

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