Der Wunsch nach Freiheit

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Wunschlosigkeit ist laut Patanjali eine der Voraussetzungen für Erfolg im Yoga. Warum scheinen unsere Wünsche und Bedürfnisse dann manchmal eher größer zu werden, nachdem wir mit der Praxis begonnen haben?

Wann haben Sie das letzte Mal innerlich die Fäuste zum Himmel gereckt und genervt gerufen: „Oh nein, nicht schon wieder!“ oder „Irgendwann muss doch mal Schluss sein…“? Noch gar nicht so lange her? Das ist ein gutes Zeichen; möglicherweise sind Sie schon auf dem richtigen Weg! Manchmal wundern sich Yogis, dass sich – auch wenn die Lebensqualität durch Yoga allgemein zunimmt – bestimmte Dinge nicht ändern, oder sogar schlimmer zu werden scheinen. „Ich habe früher nie so viel Schokolade gegessen“ ist nur ein kleines harmloses Beispiel dafür. Es gibt Yogalehrer, die ganz andere Substanzen zu sich nehmen und auch ich habe meine persönlichen Muster, um mich vor meinen Gefühlen zurückzuziehen. Die gute Nachricht ist: Langfristig wird uns die Flucht nicht gelingen. Wenn wir tief in uns wirklich den Wunsch nach Befreiung haben, wird das Leben auch dafür sorgen, dass wir ausreichend Gelegenheit bekommen, diese zu erfahren. Auch wenn das heißt, dass wir dazu liebgewordene Dinge loslassen müssen.

Obwohl Krishna in den alten Geschichten aus Indien meist für die reine und ungezügelte Lebensfreude steht, gibt es eine Begebenheit, bei der sich sein Segen auf sehr eigenartige Weise zeigte: Am Ende eines ausgedehnten Spaziergangs mit Arjuna kamen sie eines Abends etwas hungrig in einem kleinen Dorf an. Im Haus eines reichen Händlers wurde gerade ein großes Fest gefeiert und so fragte Krishna nach etwas zu essen für sich und seinen Freund. „Verschwindet, arbeitsscheues Gesindel!“, war die einzige Antwort. „Ist nicht vielleicht ein kleiner Bissen übrig?“, fragte Krishna nochmals; aber schon flogen die ersten Steine. Sie erkannten, dass es besser war, schnell zu verschwinden. Sie liefen ein kurzes Stück und Krishna rief: „Möge sich der Reichtum dieses Mannes verzehnfachen! Möge er statt zehntausend hunderttausend Goldstücke sein Eigen nennen!“ Arjuna wunderte sich. Sie gingen einige Meter weiter und kamen zum Haus eines armen Mannes. Die Tür öffnete sich und die beiden wurden herzlich hereingebeten. Als Arjuna sich umsah, erkannte er, dass der Mann nur eine einzige Kuh besaß, deren Milch er nutzte, um Käse zu machen. „Könnten wir vielleicht etwas zu essen bekommen?“, fragte Krishna höflich. Der Mann gab ihnen alles, was er an Käse hatte. „Wunderbar!“, freute sich der schwarze Gott. Arjuna war es sehr peinlich, dass sein Freund wirklich alles aufaß, was der arme Mann besaß. „Ist denn auch noch etwas zu trinken da, guter Freund?“, fragte Krishna nun. Arjuna sah, dass der Mann zur Vorratskammer ging, wo er die Milch aufbewahrte, die er am nächsten Tag verarbeiten wollte. Er zögerte kurz, gab Krishna dann aber alles, was er hatte. Arjuna wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken, weil sein Freund die ganzen Vorräte des armen Mannes verzehrte und sich dann nur mit einem kurzen „Leben Sie wohl, guter Herr!“ verabschiedete. Nach nur wenigen Schritten rief Krishna plötzlich laut aus: „Möge die Kuh dieses Mannes heute Nacht sterben.“ Jetzt reichte es Arjuna. „Du bist mein Freund gewesen! Ich verstehe nicht, wie du so herzlos sein kannst.“

Wann ist bei Ihnen das letzte Mal etwas zu Bruch gegangen, an dem Sie sehr gehangen haben? Waren Sie in der Lage, das als Segen zu sehen? Rings um uns herum sehen wir Menschen, die „Bestellungen beim Universum“ aufgeben und prompt bekommen, was sie wollen – wie der reiche Händler in der Geschichte, der eigentlich gar nichts Ehrbares getan hat. Warum funktioniert das bei anderen und nicht bei uns? Nun, wie schon gesagt: Vielleicht sind Sie näher „dran“, als Sie denken. Je mehr wir uns der Praxis des Yoga widmen, desto größer wird in der Regel der Wunsch nach Freiheit. Und bei der Verwirklichung dieser Wünsche hilft uns unser (inneres) Universum. Krishna erklärte seinem Freund: „Der reiche Mann wünschte sich so sehr Gold und Geld. Solange das sein größter Wunsch ist, schenke ich es ihm, bis er endlich von selbst merkt, dass er es eigentlich gar nicht braucht. Der arme Kerl mit der Kuh wünschte sich nichts sehnlicher, als zu mir zu kommen. Aber er hatte noch Angst, seinen letzten Besitz zu verlieren. Also tat ich ihm den Gefallen, ihn darum zu erleichtern.“ Was wie ein Fluch aussah, war tatsächlich ein Segen. Aber bevor Sie jetzt all Ihr Hab und Gut weggeben und ins Kloster gehen: „Loslassen“ heißt nicht „abschneiden“. Die wenigsten Menschen kommen in den Himmel, nur weil sie ihren Besitz verschenken oder sagen: „Ich hab es so oft mit einer Beziehung versucht, das ist einfach nichts mehr für mich.“ Ich halte es für ein sehr verkürztes Verständnis von „Gott“, wenn man denkt, man würde in irgendeiner Weise durch Verzicht erlöst. Vielmehr scheint es mir so zu sein, dass wir uns wirklich damit auseinandersetzen müssen, was in unserer Seele vorgeht, wenn wir bemerken, dass uns etwas „fehlt“. Weder ist „Entsagung“ durch das Abschneiden der Wünsche eine Lösung, noch ihnen immer wieder aufs Neue nachzugeben. In diese Falle tappen gerade Yogis leicht. „Ich muss jetzt auch mal etwas für mich tun“, oder „Ich muss gut für mich selbst sorgen“. Und schwupp! ist die nächste Tafel Schokolade aufgerissen oder ein anderes altes, wohlbekanntes Muster reaktiviert …

Was uns wirklich Frieden bringt, ist: tiefer zu schauen, woher diese Wünsche eigentlich kommen. Dadurch dringen wir zu den Anteilen von uns selbst vor, die uns manchmal schon früh verloren gegangen sind und die tatsächlich große Wünsche nach Zuwendung haben. Diesen Teilen unserer Seele zuliebe können wir mit destruktiven Verhaltensmustern aufhören. „Loslassen“ allein ist kein Ticket zur Erleuchtung. Wenn wir aber die Gründe erkennen, warum wir bestimmte Situationen immer wieder erleben, uns den dahinter verborgenen Gefühlen stellen und diese aushalten, wird es leichter, den Erlebnissen mit einem neuen, reifen Verhalten zu begegnen. Dann können wir wirklich „loslassen“. Dann sind wir im Himmel.