Interview: Tara Stiles

228

Yoga für Alle?

Sie ist jung, schön, humorvoll, professionell – und polarisiert die Yogawelt. Tara Stiles, eine der erfolgreichsten Yogalehrerinnen in den USA, begeistert mit ihrer leicht zugänglichen Art Menschen für Yoga, die es sonst vielleicht nie ausprobieren würden. YOGA JOURNAL sprach mit ihr über ihren ganz eigenen Weg, dem sie konsequent und mit Liebe folgt.

Zu ihren treuesten Schülern gehören Promis wie Jane Fonda und Deepak Chopra, der unter anderem das Vorwort zu ihrem eben auf Deutsch erschienenen Buch „Wie Yoga heilt“ geschrieben hat. Doch Tara Stiles ist nicht überall beliebt, unter anderem, weil sie den Großteil der Yogaszene im Big Apple als zu elitär ablehnt. Ihre Stunden können zu einem (für New Yorker Verhältnisse) Schnäppchenpreis besucht werden. In ihrem Unterricht wird nicht gechantet oder philosophiert und ihre Asanas klingen teilweise wie Fitnesshaltungen. Damit hebt sich das Ex-Model von der breiten Masse der amerikanischen Yogalehrer ab – kein Wunder, dass 2011 die New York Times ihr Yoga als „rebellisch“ bezeichnete. Vielleicht deshalb tragen ihre Bücher und Videos, die sich übrigens wie warme Brötchen verkaufen, für den gängigen Yogi-Geschmack eher ungewöhnliche Titel wie „Slim Calm Sexy“, „Yoga gegen den Kater“ oder „Couch Yoga“. So manchem ist sie mit ihrer Art zu oberflächlich, zu wenig spirituell. Menschen bräuchten zwar Yoga, „aber keine weiteren religiösen Führer“, kontert Tara. So weit sie sich auch in den Augen mancher vom traditionellen Yogaweg entfernt haben mag – Taras Erfolg ist unbestritten.

Tara, wie bist du zum ersten Mal mit Yoga in Kontakt gekommen und was hat dich daran derart fasziniert, dass es zu deinem Lebensweg geworden ist?
Meine erste Erinnerung ist, dass ich als Kind gerne in den Wald ging, um dort zu sitzen und mich mit allem zu verbinden. Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich davon überzeugt, dass ich damals meditierte, ohne dass ich es hätte benennen können. Als ich nach Hause kam und voller Freude verkündete „Mum, Dad, wir sind alle verbunden! Wir sind alle hier, um zu helfen und überall sind Farben, die das Universum verbinden“, haben meine Eltern darauf mit völligem Unverständnis reagiert. Also hörte ich auf, darüber zu sprechen und meditierte für mich alleine weiter. Natürlich wusste ich damals noch nicht, dass es etwas gab, das „Yoga“ hieß. Ich habe Ballett getanzt; und als ich ein paar Jahre später zum ersten Mal in eine Yogastunde gegangen bin und die Lehrerin still lächelnd dort saß, habe ich mich auf der Stelle verbunden gefühlt. Von diesem Moment an sog ich voller Freude alles zum Thema in mich auf. Meine Yogalehrerin gab mir die „Autobiografie eines Yogi” zu lesen, ich lernte weitere Lehrer kennen und ging eine Weile zur Self Realization Fellowship. Außerdem reiste ich viel herum, um noch mehr Yogastile kennen zu lernen. Ich fing mit Shiatsu und Reiki an, um so viel wie möglich zu lernen – dieses Mal von und mit Menschen statt alleine im Wald. Diese Verbindung und die Möglichkeit, sich auszutauschen, waren sehr schön.

Wer sind deine Lehrer und wer oder was inspiriert dich heute?
Tao Porchon-Lynch [die älteste Yogalehrerin der Welt, Anm. d. Red.] inspiriert mich ungemein! Sie ist 94 Jahre alt und unterrichtet noch immer auf der ganzen Welt. Mit ihrer unfassbaren Energie galoppiert sie in den Raum und umarmt jeden einzelnen Schüler vor dem Unterricht. Und selbst wenn sie nicht unterrichtet, hilft sie Menschen. Sie ist ein lebendiges Vorbild, so bescheiden und mit viel Spaß dabei. Das Funkeln ihrer Augen springt einen einfach an, es ist unglaublich. Jeder, der sie je getroffen hat, hat sich für immer verändert. (lacht) Sie beeinflusst einen durch ihre ganz normale, geerdete und lustige Art nachhaltig. Ihre Philosophie ist es, immer in die Natur zu schauen und von ihr zu lernen. Denn so wie Bäume im Winter fast tot aussehen, tatsächlich aber nur darauf warten, sich zu erneuern, können wir selbst uns ihrer Meinung nach jeden Tag erneuern. Jeder Tag ist ein neuer Tag. Tao hat zahllose Metaphern für die Natur und uns in petto. Es ist mehr als inspirierend. Sie ist inzwischen eine meiner besten Freundinnen und Lehrerinnen.

Yoga ist eine Praxis, die auf allen Ebenen bewegt. Wie hat Yoga dir dabei geholfen, auf den Wellen des Lebens zu surfen?
Für mich war es wichtig zu verstehen, dass man ist, wie man ist. Ich bin sehr frei und offen aufgewachsen und erzogen worden. Als ich nach New York ging, zog es mich zunächst in viele verschiedene Richtungen. Nachdem ich begriffen hatte, dass mich meine Offenheit hier nicht viel weiter bringen würde, habe ich die viergliedrige Stockhaltung (Chaturanga Dandasana) und den Handstand geübt, um mehr Stärke, Kontrolle und Fokus zu lernen. Nachdem das gut funktionierte, begann ich als nächstes damit, mich zu öffnen und Rückbeugen zu üben. Es war sehr wertvoll für mich zu verstehen, dass ich durch meine körperliche Praxis mental und spirituell etwas bewegen kann. Und das Wissen, immer eine Übungsabfolge entwickeln zu können, die genau das bewirkt, was ich in dem Moment brauche, ist wunderbar. Unser Körper ist eine Landkarte von allem, was in unserem Leben passiert.

Du hast dir einen Traum verwirklicht – du tust, was du liebst. Du reist und triffst viele Menschen, bist die persönliche Yogalehrerin von Deepak Chopra, seiner Familie und von vielen berühmten Menschen. Gemeinsam mit deinem Mann betreibst du dein eigenes Studio „Strala Yoga“ in New York. Trotzdem bist du, wie das Video „Heartland Yogi“ zeigt, in dein heimatliches Bauerndorf zurückgegangen, um dort mit ganz normalen Leuten Yoga zu machen.
Oh, du hast das Video gesehen! (lacht) Das freut mich sehr. Ja, für mich war es ganz wichtig, nach Hause zu gehen und Yoga mit den Menschen zu teilen, die mir dort wichtig sind. Ich möchte nämlich unterrichten und mit Leuten zusammen sein, bis ich in Taos Alter oder älter bin. Ich glaube, es wäre komisch gewesen, wenn ich nicht dorthin zurückgegangen wäre, wo meine Wurzeln sind, um das Wichtigste in meinem Leben zu teilen. Die Zeit auf dem Land war mir im letzten Jahr die liebste. Es hat sehr viel Spaß gemacht, alle zusammenzubringen – meinen Onkel Norm, der auf seiner Farm Yoga macht und die Menschen aus der Stadt – das war ein großes Abenteuer.

Die „New York Times“ hat dir den Namen „Yoga-Rebellin“ gegeben – warum?
Als ich mein Studio gerade aufgemacht hatte, kam eine Journalistin zu mir. Zunächst dachte ich, sie würde mein Studio und mich mit ein paar kurzen Zeilen erwähnen – so, wie das in der „New York Times“ jede Woche mit einem anderen Studio der Fall war. Die Redakteurin folgte mir eine Weile und sagte dann: „Das hier ist wirklich anders als alles andere da draußen. Ich mag dich und dein Konzept und will dir gerne helfen, es zu verbreiten.“ Also erzählte ich ihr mehr, sie nahm an den Yogastunden teil und verbrachte zwei, drei Wochen mit mir. Am Sonntag schlug ich dann meine Zeitung auf und da stand: „Die Yoga-Rebellin!“ Ich konnte es kaum glauben – aber das ist eine gute Überschrift, schätze ich! Im Artikel ging es darum, dass viele traditionelle Yogastile auf eine sehr spezielle Weise funktionieren und bestimmte Systeme recht traditionelle Herangehensweisen haben, bei denen das Chanten, Dharma-Vorträge und spirituelle Elemente eine große Rolle spielen. Dagegen heißt es in meinem Unterricht: „Also, ich bin Tara. Verbindet euch mit eurem Herzschlag, eurem Atem und eurer Bewegung.“ Das war‘s. Das ist simpel, das ist kurz und das „Rebellische“ an mir, denke ich. Aber ich selbst fühlte mich noch nie wie eine Rebellin. Ich habe einfach weiterhin dasselbe gemacht wie damals als Kind alleine im Wald. Viele denken, in der Yogawelt wären die Leute freundlicher zueinander, weil sie bewusster leben. Aber Yogis sind auch nur Menschen und es gibt wie in jedem anderen Business auch Uneinigkeit und Neid.

Du bist schön und erfolgreich – wie gehst du mit Neid und Projektionen um?
Ich schätze, das kommt darauf an. Alles, was ich tue, tue ich in allerbester Absicht. Eine großartige Sache, die ich von Deepak Chopra und seiner Tochter Mallika gelernt habe, ist, mich auf meine Intentionen zu fokussieren, mich wirklich mit mir zu verbinden, mich zu erden und dann ganz weit zu öffnen. Ich glaube nicht, dass die Leute in der Yogawelt bewusster leben. Aber in meinem Alltag habe ich auch wenig damit zu tun, da ich die ganze Zeit von Leuten umgeben bin, die es lieben, ins „Strala“ zu kommen. Ich bekomme positives Feedback, signiere Bücher und bin mit Menschen zusammen, die sich ehrlich dafür interessieren, was ich tue. Wenn ich höre, dass mich jemand nicht mag oder etwas Böses über mich gesagt hat, erinnert mich das an die Zeit in der High School. Die Leute sehen die unterschiedlichsten Dinge auf sehr subjektive Art und Weise. Ich habe keine Ahnung, was ihre Erfahrung ist, meine ist es jedenfalls nicht. Ich versuche einfach, nett zu sein. Wenn jemand reinkommt, der sagt, er mag mich nicht, sage ich: Okay, ich mag dich und umarme dich, vielleicht magst du mich dann. (lacht) Je mehr du machst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass andere nicht alles davon mögen. Das gilt für jeden. Wenn du einmal eine gewisse Reichweite hast, wirst du es nicht hundert Prozent der Bevölkerung rechtmachen können – und das ist auch okay. Ich denke, die Weisheit liegt darin, das zu akzeptieren und mit genau dieser Tatsache im Reinen zu sein. Ich bin okay, du bist okay und alles ist, wie es ist. (lacht)

Auf die Kritik, du seist zu oberflächlich oder im yogischen Sinne zu wenig spirituell, reagierst du gerne mit der Gegenfrage, wer denn bestimme, dass „man“ so sein müsse. Was meinst du, wer hat denn nun diese Regeln aufgestellt?
Ich weiß es nicht. (lacht) Ich denke, es ist wichtig, sich diese Fragen zu stellen. Vielleicht nicht so sehr, warum andere Menschen bestimmte Regeln aufgestellt haben. Viel wichtiger ist doch, welche Regeln wir uns selbst auferlegt haben, die uns von uns selbst oder etwas anderem abhalten. Ich finde, dass das für die Selbstbeobachtung im Yoga eine sehr schöne Frage ist. Zum Beispiel bei der Meditation: Nehmen wir an, es taucht der Gedanke auf, dass du dich zu sehr oder zu wenig anstrengst beim Meditieren. Dann fühlst du dich schlecht, weil überhaupt solche Gedanken aufkommen. Anstatt dich zu ärgern, frage dich doch einfach mal, warum du dich deshalb schlecht fühlst. Wer hat denn diese Regeln für dich aufgestellt? Für mich ist das eine sehr ermutigende und stärkende Frage, die wir in unsere Yogapraxis und in unser Leben mitnehmen können. Außerdem macht es Spaß – und Yoga ist am allerschönsten, wenn es Spaß macht! ✤

Julia Pritzel lebt in Berlin und hat sich auf Personal und Business Yoga spezialisiert. Ihr Motto für Erfüllung auf der Matte und im Leben lautet: „Shine your light!“