Wir sind erst am Ziel, wenn wir keinen Weltfrauentag mehr brauchen!

Frauen steht auf! Feiert euch und eure Weiblichkeit. Stärken und Schwächen. Siege und Niederlagen. Reicht euch die Hände und macht euch breit. Denn heute ist unser Tag. Heute ist Weltfrauentag! Aber: Wir haben noch einen langen Weg vor uns …

Heute feiern die Medien den Weltfrauentag. Nur ein paar Tage nachdem die letzte weibliche Kandidatin im US-Wahlkampf, Demokratin Elizabeth Warren, ihren Rückzug verkündet hat – in einem Staat, in dem die Männer einiger Bundesländer Abtreibung WIEDER unter absurde Strafen stellen, hat eine Frau keine Chance auf das Amt des Staatsoberhaupts. Es ist Weltfrauentag und gleichzeitig kämpfen tausende Mädchen, Frauen und Mütter mit ihren Kindern und Männern irgendwo zwischen der Türkei und Griechenland ums Überleben – abhängig von der politischen Agenda männlicher Machthaber. Es ist Weltfrauentag und obwohl Artikel 26 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt, dass jeder Mensch ein Recht auf Bildung hat, ist es für 264 Millionen Kinder zwischen 6 und 17 Jahren nicht möglich in ihrem Heimatland eine Schule zu besuchen. Von den weltweit rund 750 Millionen Analphabeten, sind zwei Drittel Frauen, so die UNESCO.

Hinsehen: Dahin wo es weh tut

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Ich könnte Seiten füllen mit Beispielen wie diesen, aber das ist an einem Tag wie diesem gar nicht so gerne gesehen. Eigentlich wollen wir heute hören und lesen, was wir Frauen alles erreicht haben. Welche Frauen sich in Führungspositionen hervortun und um wie viel besser die Chancen auf eine freie und selbstbestimmte Zukunft für junge Mädchen geworden sind. Wir wollen in der Fußgängerzone eine Rose geschenkt bekommen und in den sozialen Medien Zitate lesen, die das Frausein feiern: “Weiblichkeit ist Kraft“. Okay, einverstanden. ABER: Sollten wir an einem Tag wie heute nicht lieber in offenen Wunden bohren, Ungerechtigkeiten aufspüren und Ungleichheiten beleuchten? Sollten wir nicht wütend schreien, gemeinsam auf die Straße gehen und kämpfen für eine Welt, in der wir keinen Weltfrauentag mehr brauchen, weil wir das Thema Gleichberechtigung nicht mehr herausstellen müssen? Weil wir einfach gleichberechtigt sind?

Ein Irrsinn, dass die Hälfte der Weltbevölkerung immer noch für ihre Rechte kämpfen muss.

You go girl!

Nicht falsch verstehen: Wir MÜSSEN die erfolgreichen, mächtigen Frauen feiern. Sie sind Vorbilder für alle heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen, an sich zu glauben, nicht aufzugeben. Mach was aus deinem Leben! “YESSS!” zu all den arbeitenden Müttern, zu den Frauen in den Chefetagen, in der Politik, auf dem Bau und in der Armee; zu den Arbeiterinnen an den Kassen, in den Cafés, zu den Zimmermädchen, zu den Lehrerinnen, Betreuerinnen – ganz egal, was ihr macht – You go girls! Was mich stört, ist der Unterton. Dieses: Du bist nur dann eine emanzipierte oder starke Frau wenn du einen tollen Job hast und dich in der “Männerwelt” behauptest. Wenn du finanziell unabhängig bist.

Ist die Hausfrau weniger stark?

Was ist aber mit den Frauen, die eben genau das nicht WOLLEN. Die sich für ein Leben als Clan-Chef zuhause entscheiden. Sind sie wirklich weniger emanzipiert? Ist es nicht das, was unsere Selbständigkeit und Gleichheit ausmacht, nämlich FREI zu entscheiden, was wir wollen? Natürlich setzt es voraus, dass wir auch frei entscheiden können. Das unser soziales Umfeld mit freiem Zugang zu Bildung, den gleichen Chancen im Job, fairer Bezahlung und einem gesicherten Betreuungsnetz für Kinder, uns überhaupt erst die Möglichkeit gibt frei zu wählen. Doch auch wenn die äußeren Umstände optimal sind – warum fällt es uns immer noch so schwer unsere Träume und Ideen im Dschungel der Erwartungen und im Dickicht der “Eigentlich solltest du-Tiraden” offen und frei zu kommunizieren?

Wenn ich könnte, würde ich zuhause bleiben.

Um nicht zu verallgemeinern nehme ich mich als Beispiel: Nach dem Abitur habe ich studiert, ein Volontariat gemacht, irgendwann geheiratet, zwei Kinder bekommen. Ich war vier Jahre in Elternzeit und habe anschließend wieder begonnen, halbtags zu arbeiten. Ich liebe meinen Job. Ich kann schreiben, kreativ sein, treffe viele interessante Menschen und höre spannende Geschichten. ABER: Wäre es finanziell machbar, würde ich im Moment lieber ganztags zu Hause sein, als mich halbtags zu zerreißen und trotzdem immer ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich hätte für meine Kinder ausreichend Zeit, könnte ehrenamtlich in Kindergarten, Schule und Gemeinde helfen und meinem Mann daheim den Rücken frei halten. Und ja, ich schreibe das absichtlich genau so, muss aber dazu sagen, dass ich einen Mann habe, der mich in wirklich allem unterstützt und frei wählen lässt. Deswegen würde ich mich auch nicht weniger gleichberechtigt, stark oder unausgefüllt fühlen. Es wäre mein Wunsch. Und ich höre schon von überall her: WIE KANNST DU NUR?

Lies dazu auch: Mann, Frau & Ayurveda – Sehnsucht nach dem Urweiblichen

Wir können es niemandem recht machen

Ich höre wie meine Freundinnen und die Frauen aus meinem Umkreis reagieren, wenn ich davon erzähle. Die Reaktionen reichen von einem ungläubigen Lächeln, über “du olle Hausfrau, wie im Mittelalter”, bis zu einem entsetzten “Wie kannst du nur so etwas sagen, nachdem wir Frauen so lange gegen das Heimchen am Herd-Image gekämpft haben?”. Schon sind wir beim nächsten Problem und es ist noch dazu ein hausgemachtes. Wir Frauen halten nicht zusammen. Wir bekämpfen uns, zicken uns an und ziehen übereinander her, als wäre es eine olympische Disziplin: Sie ist zu dick, zu dünn, zu oberflächlich, zu naseweis, zu eitel, zu schmuddelig, zu faul, zu ambitioniert, zu lange Single, zu anhänglich, zu wenig bei den Kindern oder will womöglich keine … Wir können es niemandem recht machen, am wenigsten uns selbst.

Reicht euch die Hände und macht euch breit!

Wir sind unserer eigenes Netz: Gemeinsam sind wir stark!

Beschreibe doch einmal, was du an dir gut findest. Lobe dich so richtig. Feiere dich. Du musst überlegen oder? Sicher fällt es dir leichter, deine Fehler zu sehen. Und genau das müssen wir ändern. Heute am Weltfrauentag hören wir einfach mal auf über unsere Fehler und die vermeintlichen Macken der anderen nachzudenken. Wir beginnen damit uns anzuhören, füreinander da zu sein. Wir sind unserer eigenes Netz. Wir müssen uns nichts beweisen, denn wir sind stark IN UNS und gemeinsam noch stärker. Wir hören auf uns klein zu machen und wachsen über uns hinaus. Wir sind laut, sagen unsere Meinung und zucken mit Schultern, wenn sie jemandem nicht gefällt. Egal ob wir Hausfrau, Politikerin, Handwerkerin, Friseurin, Mutter, Single, kinderlos, verheiratet, dick, dünn, Veganer oder Fleischereifachverkäuferin sind. Wir sind Frauen. Wir begegnen uns mit Liebe und entgegnen uns Respekt. Wir kämpfen gemeinsam für unsere Ziele, unseren Körper und das Recht auf Selbstbestimmung. Wir reichen uns die Hände und wir machen uns breit! So lange, bis wir den Weltfrauentag nicht mehr brauchen.

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