Hippie-Himmel in Israel

Im israelischen Süden wurde vor zehn Jahren gegen wenig Widerstand und mit viel Enthusiasmus der erste und einzige Ashram des Landes gegründet. Inzwischen hat sich die kleine Gemeinde von einem spirituellen Dorf zu einem weltoffenen Ort für Meditation und Yoga entwickelt. Über tausend Menschen haben bereits für mindestens zehn Tage als „Womper“, Teilnehmer am englischsprachigen „Working & Meditation Program“, in der Wüste gearbeitet.

Der Tag in Israels Süden beginnt über dem jordanischen Bergrücken. Der Himmel färbt sich langsam vanillegelb, bevor die Sonne sich über den höchsten Gipfel schiebt und die Wüste malerisch aufglühen lässt. So früh am morgen liegt der Ashram Bamidbar noch in tiefem Schlaf. Nur der Wind lässt die Palmblätter rascheln. Der erste offizielle Termin im Ashram ist für sieben Uhr in der „Paula“ angesetzt, einem schlichten Flachbau mit Holzfußboden: Während der nächsten Stunde gibt Oshos „Dynamische Meditation“ den Ton an, sie besteht aus Atemübungen, Springen, Schreien, Tanzen und stiller Meditation. Der einzige Ashram in Israel liegt mitten im Nirgendwo aus Steinen, Felsen und Kasernen – zur nächsten Stadt nach Mizpe Ramon fährt man über eine Stunde durch die Wüste aus rostroten Steinen. Politik, Religion, Konflikt und Spannungen wirken hier wie eine Weltreise entfernt. Oder vielleicht doch nicht ganz: Rings um den Ashram üben Soldaten für den Kriegseinsatz, manchmal donnern mitten in der ruhigsten Meditationsminute Kampfflieger über das kleine Camp oder man hört in der Ferne Schüsse. Wenn es nahe des Wüsten-Ashrams knallt, zucken allerdings nur die neuen Womper zusammen. Sie kommen zwischen zehn Tage und zehn Wochen hierher, um zu meditieren und zu arbeiten. „Wir sind hier sicher, die üben nur“, lauten die beruhigenden Worte der Mitarbeiter. Das unschöne Gefühl der Unsicherheit verschwindet aber trotzdem nicht ganz. Doch es wird überlagert, denn wer ins Ashram kommt, ist meist auf der Suche nach etwas, oft nach sich selbst und einem Weg. Oder braucht einfach eine Auszeit von der „Real World“. Während unzählige Gurken für einen Salat geschnitten werden, kommt man sich selbst und den anderen nahe. Man kann wenig falsch machen in dieser Gemeinschaft. Wer mag, wird umarmt, wer nicht mag, bekommt genügend Freiraum, ohne schief angeschaut zu werden. Gearbeitet wird sechs Stunden am Tag – aufgeteilt in zwei Abschnitte. Vor und nach dem Mittagessen wird gekocht und geputzt, die Tiere werden betreut. Es werden Zäune gebaut, man rührt Zement und repariert kaputte Dinge. Das Mantra dabei: Bleib im Moment. Atme. Sei hier. Diese Meditation während der Arbeit gilt auch in Bezug auf einen Riesenberg aus Seilen, den sechs Womper in tagelanger Geduldsarbeit entwirren und Strick für Strick ordentlich zusammenbinden. „Den Anblick dieses Seilhaufens werde ich nie vergessen“, sagt Limor aus dem Norden Israels. „Er wirkte schlicht unüberwindbar.“ Die 35-Jährige hat ihre beiden Kinder bei ihrem Ehemann gelassen, um sich für zehn Tage in der Wüste auf sich zu besinnen. „Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viel gelacht und so viel geweint“, erzählt sie und strahlt. Normalerweise sei sie eher weniger für das Umarmen Fremder zu haben, doch hier habe sich das geändert. Die Zeit im Ashram wirkt auf die meisten Womper wie eine Ambulanzfahrt ins eigene Herz. Die wunden Punkte kriechen in den Meditationen aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche – und werden von den Mitbewohnern des Ashrams behutsam abgetupft und versorgt. Nach einigen Tagen Aufwärmphase liegt auch Limor nach den Meditationen noch minutenlang mit ihren neuen Freundinnen im Arm auf den Matten.

Das Leben im Ashram

Die fünfzehn festen Ashram-Mitarbeiter leben in selbst gebauten Häusern, die Womper schlafen zu siebt in Gemeinschaftsräumen. Privatsphäre gibt es nur in der Dusche und auf der Toilette, wer Zeit für sich braucht, legt sich in eine der vielen Hängematten oder geht in der Wüste spazieren. Endlosigkeit und der Horizont beginnen vor jedem der vier Eingänge. Die einzigen Regeln sind, dass man zu den Meditationen morgens und abends kommt und seine sechs Stunden pro Tag arbeitet. Insgesamt sind Raum und Zeit im Ashram aber relativ, stets gilt: Wer einen Kaffee möchte, hat immer Zeit, sich einen zu machen. Das gleiche betrifft Zigarettenpausen oder einen Plausch. Und natürlich Umarmungen – ohne sexuellen Kontext und Nacktheit versteht sich. Der Hippie-Himmel ist samt WiFi und warmen Duschen im 21. Jahrhundert angekommen. Etwas mehr als die Hälfte der Womper sind Israelis, der Rest kommt von überall her. Die Ashram-Sprache ist Englisch – auch in den Meditationen und Yogastunden. Als der Ashram vor zehn Jahren mit viel Idealismus und wenig Geld als spiritueller Ort auf dem Grundstück des Kibbuz Samar gegründet wurde, sah dieser Flecken Wüste noch anders aus. In einem Wort: karg. Nur die Bundesstraße 40 wand sich schon wie eine Schlange um die Felsen gen Süden. Die Kibbuz-Dorfgemeinschaft verpachtete das kleine Stück Land an sieben Gründungsoptimisten – und hoffte auf einen Geldregen auf das sonst wenig fruchtbare Wüstenstück. Die Idee klang gut: eine spirituelle Gemeinschaft, die meditiert, nachhaltig wirtschaftet, sich selbst ernährt und dem Ort „good vibrations“ gibt, was wiederum zahlende Gäste anlocken sollten. Dafür wurden kleine Holzhäuser mit Badezimmer gebaut. „Ein bisschen sollte es eine israelische Version des Osho-Ashrams in Pune werden“, erinnert sich Nirvana. Die 39-Jährige ist, wenn auch mit einer längeren Unterbrechung, von Anfang an dabei. Das Osho-Motto „Um Meditation zu unterrichten, braucht man nichts außer einer meditativen Atmosphäre“ war das Leitmotiv. Aber die offizielle Osho-Gemeinschaft wollte keinen Ashram in Israel, erzählt Nirvana. „So haben wir uns darauf geeinigt, dass unsere Grundhaltung auf Osho basiert, wir aber auch andere Meditationen anbieten.“ Dass ein Ashram inmitten des kriegsgebeutelten Landes aufblühen kann, hat mehrere Gründe: Spiritualität, Meditation und Yoga sind gerade angesichts der angespannten Lage längst hier angekommen. Selbst die israelische Armee hat ein Budget für Yogastunden. Die kanadische Yogalehrerin Rachel Adler staunte nicht schlecht, als sie gebucht wurde, um täglich Yogastunden in einer Kaserne in Ramat Gan bei Tel Aviv zu unterrichten. „Im ganzen Land schickt die Armee ihre Soldaten zu Yogastunden“, erzählt sie. Ein anderer Grund für die Akzeptanz des Ashrams ist, dass Indien mit das beliebteste Reiseland der Israelis ist. Dazu kommt, dass im Ashram alle Mitarbeiter jüdisch sind und den Sabbat feiern. Außerdem richtet der Ashram die größten Festivals und Raves in Israel aus. Die Kombination aus Religion und Ashram-Leben war kein Problem für die Gründungsmitglieder. Viel eher die endlosen Diskussionen. Keine Entscheidung durfte gegen den Willen von nur einer Person getroffen werden. „Wir haben so viel Zeit und Energie verbraucht, dass wir oft nicht mehr zu den wichtigen Punkten gekommen sind“, erzählt Nirvana. Der Ashram bugsierte sich in eine Sackgasse und drohte auseinanderzubrechen. Auch Nirvana war enttäuscht. „Ich wurde wieder zur Suchenden“, erinnert sich die ausgebildete Kundalini-Yogalehrerin. Sie verließ der Ashram, ging für drei Jahre nach Indien, für mehrere Jahre in die Schweiz und studierte bei der Kundalini-Meisterin Gurmukh Kaur Khalsa. Erst vor drei Jahren kehrte sie in den Ashram zurück. „Ich war des Reisens müde und habe die Wüste vermisst“, erinnert sich die gebürtige Tel Aviverin. In der Zwischenzeit hatte sich der Ashram geändert, man kann sagen, gemausert. Und nicht nur äußerlich. Es ist gewachsen, über zehn selbst gebaute Häuschen, ein palmenbedeckter „Smoking Temple“, ein Fischteich, Hennen, ein Esel und große, mit Schattennetzen bespannte Tanzflächen sind dazu gekommen. Auch innen ist alles völlig neu strukturiert: Shradha und Utsav entscheiden als Geschäftsführer, Nishant führt eine kleine Produktionsfirma vom Ashram aus und Nirvana verantwortet das Womp-Programm. Dazu gehört, dass sie mit jedem Womper am zweiten Tag über die jeweiligen Erwartungen spricht und erzählt, was der Ashram bieten kann. „Man verrichtet nicht die Arbeit, sondern wird selbst zur Arbeit.“ Während ihrer Gespräche mit den Wompern ist es Nirvanas ruhige, erfahrene Art, die es so leicht macht, sich ihr anzuvertrauen. Es wird nicht bewertet oder verglichen, sondern man wird akzeptiert. „Für mich ist es wunderbar, dass ich so vielen Leuten spirituell helfen kann“, sagt Nirvana. Dafür nimmt sie sich Zeit. Wer sich mit ihr in den Schatten einer Palme setzt, hat nicht das Gefühl, dass der Nächste bereits Schlange steht. Der Grat zwischen einer Auszeit in der Wüste und der Konfrontation mit den eigenen Untiefen kann jedoch riskant werden. Gerade dienstags nach der intensivsten aller Atem-Meditationstechniken, dem Re-Birthing, ist das Bedürfnis nach Gesprächen groß. Angst vor Tränen und Gefühlen habe man nicht, aber ein Ashram sei keine Alternative für psychisch Kranke, sagt Nirvana bestimmt.

Routine als Anker

Der Mindestaufenthalt für Womper, die zum ersten Mal kommen, sind zehn Tage. Manche bleiben viel länger. So wie Yael: Sie litt so lange an Bulimie, dass sie als therapieunfähig entlassen wurde. Im Ashram arbeitet sie seit vier Monaten in der Küche, hat ein gesundes Gewicht und strahlt. „Ich kann gar nicht sagen, wann es mir jemals so gut ging.“ Andere kommen immer wieder zurück in die Wüstenoase. „Es ist wie mein zweites Zuhause“, sagt Yaara. Hier fühlt sie sich verstanden und geborgen. Der strukturierte Tagesablauf aus Morgenmeditation, Frühstück, Morgenkreis, in dem man für die Arbeit eingeteilt wird, Mittagessen, Arbeit, Meditation und Abendessen gibt Stabilität. Die Mischung aus Struktur und Freiheit ist der perfekte Nährboden für Zukunftspläne. Yaara will sich mit Biokosmetik selbstständig machen und vorher nach Indien reisen, Anastasia hat ihren Job als Eisverkäuferin gekündigt. „Ich habe immerhin Mode- und Kommunikationsdesign studiert und weiß gar nicht, warum ich bei meinem Studentenjob hängen geblieben bin“, sinniert sie. Andere jobben ein paar Wochen in Tel Aviv oder Jerusalem, um sich neues Geld für ihre Zeit im Ashram zu verdienen. Der Ashram finanziert sich und das Womp-Programm praktisch ausschließlich durch Festivals. Israels größtes, das Zorba Buddha Festival mit über 2000 Besuchern, wird hier ausgerichtet. Es wurde im Laufe der Jahre immer kommerzieller: Anfangs war es kostenlos, die Ashram-Gründer führten das Büro, das Informationszentrum und die Küche alleine. Inzwischen findet es zweimal pro Jahr statt und mehrere Bühnen, Essensstände, Schmuckläden und Workshops bilden den Rahmen. Durch die Festivaleinnahmen kann das Womp-Programm so günstig gehalten werden, dass es sich praktisch jeder leisten kann. Pro Tag kostet es umgerechnet 10 Euro, inklusive Unterkunft, Meditationen, Yoga und vegetarischem Essen. Das ist in einem sehr teuren Land wie Israel so gut wie nichts. Hier sind die Preise wesentlich höher als in Deutschland: Shampoo kostet um die 10 Euro, eine Zahnbürste schon mal 6 Euro, eine Yogastunde ab 15 Euro. Nur eines ist in Israel definitiv günstiger als in Deutschland: Reisen. Mit dem Zug oder Bus vom Norden des Landes, etwa von Haifa, bis in den Süden zum Ashram dauert es vier Stunden und kostet weniger als 10 Euro – damit hat man das ganze Land mit sieben Millionen Einwohnern einmal komplett durchquert und sieht in der Ferne auf Jordanien. Dort spielt sich jeden Abend ein beeindruckendes Naturschauspiel ab: In den wenigen Minuten zwischen Sonnenuntergang und totaler Finsternis beginnt ein wildes Flimmern in der Ferne – Jordaniens Berge fangen an, optisch mit dem Himmel zu verschmelzen. Wenige Augenblicke später ist es vorbei. Israel und Jordanien grenzen sich mit klaren, orangefarbenen Lichtern voneinander ab. Während es unter dem endlosen Himmel schlagartig kühl wird, ist es Zeit für die Abendmeditation in der „Paula“. An diesem Tag bereitet Idam die Kundalini- Meditation vor. Nach einer Stunde glänzen die Augen der Womper und als sich alle in den Armen liegen, haben sie das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.

Auch Jennifer Bligh war für zehn Tage Womper in der Wüste – am liebsten panschte sie mit Zement und am wenigsten mochte sie es, die Hühner zu füttern. Weitere Informationen über den Ashram.

Zwischen den Welten

Das jüdische Ehepaar Rachel Yula und Avraham Dagan Kolberg bieten in einer ultraorthodoxen Stadt in Israel Yoga für gläubige Juden an. Einige Rabbis sehen darin Götzenanbetung. Die strenggläubigen Kolbergs aber sind überzeugt, dass man nur durch einen starken Körper Gott und sein Werk erkennen kann.

Fotos: Pavel Wolberg

Wüsste mancher Rabbi, wie Rachel Yula Kolberg nach der Methode B. K. S. Iyengars an der Wand ihres Studios kopfüber in den Seilen hängt – er würde sie eine Götzenanbeterin schimpfen. Rachel hält die Arme verschränkt, ihre Fußsohlen berühren sich, die Knie sind nach außen gestreckt, sie atmet gleichmäßig. Ein paar Minuten baumelt sie so, schräg gegenüber an der Wand prangt seit einigen Monaten ihr neues Zertifikat: Rachel darf auf mittlerer Kursstufe Asanas und Anfängerkurse in Pranayama unterrichten. Dann löst sich Rachel, 39, aus ihrer Position, kommt zum Stehen und zupft ihr hellblaues Kopftuch zurecht. Sie ist bereit. In einer Viertelstunde werden die ersten Schülerinnen zur Abendklasse eintrudeln. Im Nebenraum schiebt sich Rachel noch schnell einen Keks in den Mund, setzt sich an ihren Arbeitsplatz, beantwortet noch eine E-Mail und erledigt einen Anruf. Während sie heute Abend unterrichten wird, hütet ihr Ehemann Avraham, 38, die fünf Kinder – an anderen Abenden ist es umgekehrt. Das strenggläubige Ehepaar hat Yoga zum Beruf und damit zu einem großen Teil des Lebens gemacht. Und das ausgerechnet in Beit Shemesh, einer Hochburg ultraorthodoxer Juden zwischen Tel Aviv und Jerusalem: Dort sollen Frauen in erster Linie Kinder gebären und Männer in den Talmudschulen das Wort Gottes lernen.

Die Stadt der Gläubigen
Die meisten Menschen hier in Beit Shemesh führen ein Leben mit und für Gott, sie folgen den Regeln der Thora und den Auslegungen der Rabbis. Alles, was davon ablenkt, ist verpönt. Daher ziehen die sogenannten Charedim, wie die ultraorthodoxen Juden genannt werden, oft in separate Städte und Stadtteile – wie eben Beit Shemesh. Draußen vor Rachels Haustür wuseln wie jeden Tag auch an diesem Mittwochabend Männer mit langen Bärten, schwarzen Mänteln und Schläfenlocken durch die Straßen, auf dem Weg zwischen Talmudschule und Zuhause. Die Mehrheit der ultraorthodoxen Männer lernen in den sogenannten Yeshivot. Einen Beruf haben sie nicht, das Geld für die Familie kommt meist vom Staat. Auch den Armeedienst, der in Israel Pflicht ist, müssen die Charedim nicht leisten. Die meisten verheirateten Frauen in Beit Shemesh tragen Perücken oder Kopfbedeckungen. Sie schieben Kinderwägen vor und ziehen kleine Kinder hinter sich her. Auch sie sind meist grau und schwarz gekleidet. Sie wollen und dürfen nicht auffallen, Körperrundungen nicht betonen, auf gar keinen Fall zu viel Haut zeigen. Denn das könnte die Blicke der Männer auf sie lenken. Männer und Frauen warten an den Bushaltestellen, manche wippen mit ihrem Oberkörper rhythmisch zu den Worten, die sie aus dem Gebetbuch leise vor sich hinmurmeln.

Skurrile Oase: Das Yog-Studio
Das Studio, das die Kolbergs im Obergeschoss ihrer Wohnung eingerichtet haben, wirkt da wie eine kleine Oase. Hier dürfen sich auch die Gottesfürchtigen für ein paar Stunden in der Woche ganz auf sich und ihren Körper konzentrieren. Einige kämen zunächst mit gesundheitlichen Problemen wie Rückenschmerzen, erklärt Avraham. Viele ihrer Kursteilnehmer seien Einwanderer aus den USA und Europa. „Sie kennen Yoga oft schon und sind daher nicht so misstrauisch.“ Doch ein Großteil bleibt Yoga fern, aus Angst, mit diesen fernöstlichen, spirituellen Leibesübungen „avoda sara“, also einen „Götzendienst“ zu leisten. Manche Rabbis sind gegen Yoga. „Weil sie es nicht kennen“, glaubt Rachel. Einige Interessenten erzählten ihr, sie würden gerne kommen, müssten aber noch auf die Zusage ihres Rabbis warten. Und dabei sei Yoga doch gerade für die Frauen hier so wichtig, meint Rachel. Rachel sitzt an diesem Abend vor ihrem Computer, die Teetasse in der einen, die Maus in der anderen Hand. Die Knie hat sie angezogen. Sie wirkt jugendlich, beinahe unbeschwert. Und doch verraten ihr Blick, ihre Haltung und ihre Worte, dass sie sich und ihren Platz im Leben gefunden hat. Als Bildschirmhintergrund hat sie ein Bild von B. K. S. Iyengar im Lotussitz. Seine rechte Fußsohle ist zu sehen und seine rechte Handinnenseite. „Die Füße sehen aus wie die eines Babys, die Hände wie die eines alten Mannes. Ist das nicht unglaublich?“ Nach ihrer ersten Iyengar-Stunde war für Rachel und Avraham klar, dass sie ihr Yoga gefunden hatten. Es folgten viele Unterrichtsstunden und Ausbildungskurse. Später hat Rachel bei B. K. S. Iyengar persönlich in Indien gelernt. Sie ist begeistert von seiner Person, seinem Unterricht und seinem Lebenswerk.

Yoga und Religion
Und dabei sind Rachel und Avraham strenggläubig. Avraham trägt einen langen Bart und Schläfenlocken, Rachel ein Kopftuch und außerhalb des Yogastudios lange Röcke. Sie haben einen Weg für sich gefunden, Yoga und Religion zu verbinden: „Yoga ist ein Instrument, es kann dich auf das Gebet vorbereiten. Im Yoga kontrollieren wir uns und unseren Geist, schauen nach innen, beobachten uns. Jeder religiöse Mensch sucht genau das – es ist ein Segen für uns“, erklärt Avraham. Durch Yoga, sagt Rachel, findet sie nicht nur immer wieder erneut zu sich, sondern auch zu Gott. „Wie durch den Glauben lernen wir auch im Yoga, unseren Stolz loszulassen. Es ist ein Weg, völlig ehrlich mit uns zu sein.“ Rachel ist eine lebenslustige Frau, ihre Bewegungen sind energisch, ihre Blicke wechseln zwischen streng und fröhlich. Sie und Avraham sind chassidische Juden, eine besondere Form der ultraorthodoxen Glaubensgemeinschaft. Chassidische Juden befolgen Gottes Gebote emotional und mit Freude, die Gebete sind herzlich und warm. Die Gruppe entstand im 18. Jahrhundert in Osteuropa unter armen und ungebildeten Juden als Abgrenzung zu der eher strengen Glaubenspraxis der gelehrten Elite. Das Judentum ist stark fragmentiert und so gibt es auch innerhalb der chassidischen Gemeinschaft Untergruppen. Rachel und Avraham haben sich der um Rabbi Nachman aus Breslau angeschlossen: Sie zählen zu den besonders fröhlichen Gläubigen: Nicht selten sieht man in den Städten hebräisch beschriftete Kleinbusse mit lauter Musik, die immer mal wieder anhalten. Dann steigen Männer auf das Autodach und tanzen – eine Form der Glaubensausübung der Anhänger von Rabbi Nachman. Nach und nach steigen an diesem Mittwoch einige der Frauen von draußen die Treppen ins Studio hinauf, zwei Schwangere sind darunter, junge Mädchen mit langen Haaren und langen Röcken, Frauen mit Kopftüchern, weiten Shirts und Strickjacken. Yoga für gläubige Juden ist nach Geschlechtern getrennt, Avraham unterrichtet die Männer, Rachel die Frauen. Es wird nicht gesungen und Positionen, die die Namen von Göttern tragen, wurden umbenannt. Der Kurs an diesem Abend ist speziell für religiöse Frauen gedacht. Unter ihresgleichen dürfen die meisten Frauen ihre Röcke ablegen. Doch nicht alle schlüpfen wie Rachel in körperbetonende Leggins und enge T-Shirts, nicht alle ziehen die Strümpfe aus. Die 14-jährige Ester (Name von der Redaktion geändert) trägt über den Leggins einen fast knöchellangen Rock, darunter feine, durchsichtige Seidenstrümpfe. Das sind Vorgaben der Familie, sagt Rachel. Die Eltern ließen das pubertierende Mädchen nicht in ihren Unterricht, wenn sie sich nicht so züchtig kleiden würde. Manche der noch neuen Teilnehmerinnen sind steif und unbeweglich. Ihnen ist anzusehen, dass Sport nicht Teil ihres Lebens ist. Ester wirkt, als sei sie noch nicht ganz in der Yogastunde angekommen, als sei sie auf dem Sprung, als gehörte sie nicht hierher. Zwei andere junge Mädchen sind das erste Mal hier, sie schauen noch etwas erstaunt, kichern ab und an, Rachel ermahnt sie mit einem strengen Lächeln zur Aufmerksamkeit. Sie werden Rachel nach der Stunde fragen, wofür dieses Yoga eigentlich gut sei und was so eine Stunde denn koste. Hier und da biegt Rachel Beine zurecht und dreht Köpfe gerade, ihr Griff gleich dem einer russischen Gymnastiklehrerin und verrät ihre Herkunft. Rachel wurde in Russland geboren, als Kind war sie Turnerin, Sport war immer Teil ihres Lebens – anders als bei den meisten ihrer Teilnehmerinnen. Früher lebte sie ein anders Leben.

Der große Wandel
Rachel und Avraham hießen vor etwas mehr als einem Jahrzehnt noch Yula und Dagan. Sie waren ein säkulares, modernes junges Paar in Tel Aviv. Die beiden gingen in Bars und auf Partys, Yula trug enge Hosen, das Haar offen, Dagan keine Kippa. „In meinem Leben hat etwas gefehlt“, erzählt Avraham. „Vor allem meine Generation hat in dieser Schnelllebigkeit einen unruhigen Geist. Man fühlt eine große Traurigkeit, ohne zu wissen, warum.“ Avraham versuchte es mit Meditation. „Eine kraftvolle Erfahrung. Aber es hat mich eher verwirrt.“ Dann trat Iyengar Yoga in ihr Leben: Die beiden gingen zusammen in ihre erste Stunde. Es war der Beginn einer Liebe. Sie reisten später mit ihrem damals zweieinhalbjährigen Sohn nach Dheradun in Indien, um Yoga zu unterrichten und unterrichtet zu werden. „Das war keines dieser großen Zentren. Ein Ehepaar hat uns in kleinen Gruppen zuhause unterrichtet“, erzählt Rachel. Gut 40 Kilometer südöstlich fanden sie wenige Monate später zu ihren jüdischen Wurzeln, zu ihrer neuen Identität und zu ihrem neuen Glauben. In Rishikesh feierten rund 300 Juden das Passah-Fest. Die Kolbergs schlossen sich eine Woche lang an. Sie veränderte ihr Leben. „Ich kann gar nicht sagen, wie genau es passiert ist“, sagt Avraham heute. „Etwas in unseren Herzen hat sich verändert. Solche Dinge kannst du nicht erklären.“ Zurück in Israel suchten sie eine religiöse Schule für ihren Sohn. Sie schmissen einige unzüchtige Fotografien und Bücher über Hinduismus weg. Yula zog sich lange Röcke an, und verdeckte ihr Haar. Avraham trug die Kippa und suchte nach einer Synagoge. Sie gaben ihre Freiheit auf für die strengen Regeln des jüdischen Glaubens. „Das war ein großer Kampf mit uns selbst. Plötzlich mussten wir den Sabbat einhalten, 24 Stunden ohne Auto, ohne Fernseher, ohne Küchengeräte.“ Ein paar Jahre später entschieden sie sich für einen Umzug nach Beit Shemesh. Der jüdische Philosoph Rambam sagte: „Der Mensch kann im Leben nur seinen Wohnort wirklich wählen. Denn in dem Moment, in dem du in eine bestimmte Gegend ziehst, wirst du Teil davon.“ Und so wurde auch Avraham zunächst extrem: „Ich bin nicht mal mehr zu meiner Familie zum Essen gegangen“, erzählt er heute erstaunt über sich selbst. „Wir haben zwar Yoga gemacht und unterrichtet, sind der Yogagemeinde aber aus dem Weg gegangen. Nach und nach habe ich festgestellt, dass durch diese Strenge meine Spiritualität verloren ging.“ Es hat beide viel Zeit und Kraft gekostet, eine Einheit von Yoga und Religion zu finden. „Wir haben Yoga geliebt, es war im Grunde unsere Religion, unsere Lebensart“, sagt Rachel. Als strenggläubiger Jude aber müsse man alles andere ablegen, einfach nur noch Jude sein. „Knapp acht Jahre hat es gedauert, bis wir herausgefunden haben, was gut für uns ist und dass wir vor Yoga keine Angst haben müssen.“ Eine gesunde Seele könne eben nur in einem gesunden Körper leben. „Iyengar sagt: ‚Der Körper ist mein Tempel, die Übungen ein Gebet.‘ Du kannst eben nur durch einen starken Körper Gott und sein Werk erkennen.“ Und irgendwann ging Avraham auch wieder in sein säkulares Elternhaus.

Zwischen den Welten
Die Kolbergs bewegen sich seither zwischen zwei Welten: zwischen der religiösen, konservativen Gesellschaft in Beit Shemesh und der liberalen, körperbetonten, spirituellen Welt der Yogis. Und: Sie haben es geschafft, die Tore zur Welt des Yoga auch für andere orthodoxe Juden zu öffnen. Das Studio läuft gut, etwa fünf Kurse geben sie täglich, zusätzlich Privatstunden, sie haben um die 150 Schüler. Nach anderthalb Stunden packen die Schülerinnen an diesem Abend all die Matten, Blöcke, Gurte und Stühle weg. Sie ziehen sich wieder ihre langen Röcke über, überprüfen den Sitz des Kopftuches. Rachel weiß: Die Teilnehmerinnen ihres Kurses sind anders als in den Klassen der säkularen Yogahochburg Tel Aviv. „Viele der Frauen leben für Gott und befolgen die Regeln die Gesellschaft, sie gebären Kinder. Ester zum Beispiel wird in ein paar Jahren zwölf oder vierzehn Kinder zur Welt bringen und sich um sie kümmern“, sagt Rachel. „Diese Frauen vergessen über diese schwierige und Kräfte zehrende Arbeit oft ihren eigenen Körper, für den so viele Geburten natürlich anstrengend sind.“ Rachel möchte den Frauen in ihrem Yogastudio die Chance geben, wenigstens für ein paar Stunden in der Woche in sich hinein zu horchen. Rachel macht das Licht aus und die Tür hinter sich zu. Sie hat Feierabend und wird sich nun um ihre eigenen fünf Sprösslinge kümmern.

Lissy Kaufmann ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule in München und kam im Oktober 2011 im Rahmen eines Stipendiums nach Israel, um für Radio und Print zu arbeiten. Sie hat sich verliebt – in das Land – und genießt das Leben in der Yogahochburg Tel Aviv.

Provokant und polarisierend

DHARMA PUNX

Nach einem Selbstmordversuch erwacht Noah Levine in einer Gummizelle. Seine vorangegangene Sinnsuche führte ihn über Alkohol, Drogen und Gewalt direkt hinter Gitter.Dort beginnt Noah nach einem Telefonat mit seinem Vater halbherzig zu meditieren und dessen Lehren zu folgen. Trotz vieler Rückschläge fallen die Samen dieser Lehre auf fruchtbaren Boden – und eine spirituelle Entwicklung nimmt ihren Lauf. „Dharma Punx“ ist weniger ein Buch über einen Genesungsprozess oder den Buddhismus. Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich von einem jungen, unbedarften Skate-Punk zu einem gewalttätigen Heroinsüchtigen, zu einem buddhistischen Meditationsschüler und letztlich zum Lehrer entwickelt hat. Sympathisiert man mit dem Autor, ist das Buch sicher interessant zu lesen. Mir war es oft zu trotzig und sperrig geschrieben, außerdem teilweise nicht tiefgründig genug. „Dharma Punx“ ist mittlerweile übrigens eine Bewegung, die durch das Buch inspiriert wurde. In Deutschland finden regelmäßig Treffen der Dharma Punx Berlin statt.

Fazit : Der Titel klingt sehr verlockend, am Ende bekam ich allerdings mehr Punk als Dharma. Meine Prognose: Das Buch über den ehemals drogensüchtigen Punkrocker und inkarnierten Buddhisten wird polarisieren.

Laura Hirch

„Dharma Punx. Weg ins Leben“ von Noah Levine (Aurum Verlag, ca. 18 Euro)

Zurück ins Leben

YOGA IS

Suzannes Leben scheint perfekt. Bis sie nach dem Tod ihrer geliebten Mutter in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Um die Trauer zu verarbeiten, lässt sie ihren gesamten Alltag hinter sich, widmet sich intensiv der Yogapraxis und bricht gemeinsam mit einer Freundin nach Indien auf. Sie praktiziert bei diversen Lehrern, führt tiefgreifende Gespräche und als sie nach einem Unfall, der sie selbst beinahe das Leben gekostet hätte, neue Energie in sich aufsteigen fühlt, kehrt sie in ihre Heimat zurück, um zu erforschen, warum Yoga alles umkehren und neue Optionen im Leben eröffnen kann. Yogalehrer und bekannte Yogis wie Krishna Das, David Life, Seane Corn, Baron Baptiste oder Ana Forrest kommen zu Wort – und am Ende dieser wunderbaren Dokumentation steht die Erkenntnis, dass Yoga dabei helfen kann, Trauer zu verwandeln und inneren Frieden zu finden.

Fazit: Yoga is – ein Weg, Wahrheit, Glück, Transformation und vieles mehr; auf jeden Fall aber ein Film, der berührt.

„Yoga Is – A Transformational Journey. Ein lebensverändernder Film über die Kraft des
Yoga“ von Suzanne Bryant (Busch Media Group, ca. 15 Euro, ab 2.8.2013 auf DVD erhältlich)

Ramana Maharshi: Der Weise vom Berg

Die Inder verehren ihn als Heiligen und in der westlichen Welt gilt er als einer der größten Weisen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat: „Sei, was du bist“, lautet Ramana Maharshis klare und kraftvolle Botschaft. Seine Unterweisungen sind eine Einladung, den Pfad der Selbstergründung zu beschreiten – eine aufregende Reise ins eigene Herz.

Wie ein auf dem Rücken ruhender Hanuman hebt sich die Silhouette des Arunachala in der Morgendämmerung ab. Von Lichtfäden durchzogene Wolkenstränge ziehen über den langen Kamm hinauf zur Spitze, die in Nebel gehüllt ist. Shiva zeigt sich bedeckt. Der heilige Berg der Hindus, dessen Bedeutung die des Kailash noch übersteigt, gilt als Manifestation des Gottes Shiva. Der Legende nach soll er in Form einer Feuersäule den Göttern Brahma und Vishnu erschienen sein. Der „Hügel des Lichts“ oder „Hügel der Morgenröte“, was Arunachala übersetzt bedeutet, bezieht sich auf das göttliche Licht Shivas, das den Berg wie eine Aura umgibt. Angezogen von dieser besonderen Kraft machen sich alljährlich Millionen von Menschen auf den Weg, den heiligen Berg zu umrunden oder zu besteigen: als spirituelle Übung, als Bitt- und Bußgang unter Shivas Obhut. Wer sich auf den rot-weiß markierten Pfad begibt, darf hoffen, dass Sünden verziehen und Wünsche erfüllt werden, dass Karma gelöscht und Befreiung erlangt wird. Die Pilgerstadt Tiruvannamalai am Fuße dieses heiligen Berges befindet sich inmitten eines energetischen Zentrums: Seine drei Kraftkoordinaten sind der 980 Meter hohe Arunachala, die vor mehr als 1500 Jahren an seinen Ausläufern errichtete Anlage des Arunacalesvara-Tempels, der als eines der bedeutendsten Shiva-Heiligtümer Südindiens gilt, und Ramana Maharshi. Dieser große Seher lebte von 1879 bis 1950 und gilt als einer der bedeutendsten Weisen des 20. Jahrhunderts. Der von ihm gegründete Ashram ist mittlerweile ein Mekka für Sinnsucher aus der ganzen Welt.

DIE JUNGEN JAHRE
Venkataraman Iyer, der später als Ramana Maharshi bekannt werden soll, wird am 30. Dezember 1879 als zweites von vier Kindern in Tiruchulli in Südindien geboren. Sein Vater, ein kluger und großzügiger Mann, arbeitet am Gericht, seine Mutter ist eine tief spirituelle Frau. Als der Vater am 18. Februar 1892 stirbt, zieht die Familie zu verschiedenen Verwandten – Venkataraman und sein älterer Bruder kommen zum Onkel nach Madurei. Das, was später seine Erweckung genannt wird, vollzieht sich in mehreren Episoden: Als er zum ersten Mal vom Berg Arunachala hört, hat er so etwas wie eine Vorahnung, und als ihm bei seinem Onkel ein Buch mit den Lebensgeschichten der 63 Tamil-Heiligen in die Hände fällt, überkommt ihn eine überwältigende Freude. Die Erzählungen der Entsagung, die zur Vereinigung mit dem Göttlichen führt, inspirieren ihn zu Ehrfurcht und Nachahmung. In dieser Zeit erwacht in ihm jener Bewusstseinsstrom, den er und seine Schüler später als ‚Meditation’ bezeichnen. Nur wenige Monate später, mit etwa 16 Jahren, führt dieser Bewusstseinsstrom zur Selbstverwirklichung. Wieder geschieht es im Haus seines Onkels: eine plötzliche Todesangst überkommt ihn. Doch statt sich ihr auszuliefern, fragt er sich, was genau dabei ist, zu sterben, während er fühlt: „Ich sterbe.“ Ist dieser Körper das „Ich“? Um dies zu ergründen, macht er sich steif wie eine Leiche und hört auf zu atmen. Dabei nimmt er keine Todesangst wahr, sondern unabhängig vom Körper die ganze Kraft des „Ich“ als universales, unsterbliches Selbst. Diese Erkenntnis des Selbst als unsterbliches Bewusstsein wird zum Kern seiner Lehre. „Das ‚Ich’-Empfinden gehört zur Person, zum Körper und Verstand. Wenn ein Mensch zum ersten Mal sein wahres Ich erkennt, erhebt sich etwas anderes aus der Tiefe seines Seins und nimmt von ihm Besitz. Dieses Etwas ist hinter dem Geist. Es ist unendlich, göttlich und ewig. Solange ein Mensch sich nicht auf diese Frage nach dem wahren Selbst einlässt, werden ihn Zweifel und Ungewissheit ein Leben lang begleiten. Was nützt es, über alles Bescheid zu wissen, wenn du nicht weißt, wer du selbst bist?“ (Aus: Gespräche mit Paul Brunton).

Der junge Erleuchtete eckt an. Ihn interessieren weder die Schule noch seine Freunde, das frühere Ego ist verschwunden. Stattdessen meditiert er und hält sich mit Hingabe im Tempel auf, um seiner Seele neuen Halt zu schenken. Den Erwartungen an einen heranwachsenden Sohn aus bürgerlicher Familie entspricht dieses Verhalten natürlich nicht. Als sein älterer Bruder ihn schimpft, er führe sich wie ein Sadhu auf, genieße jedoch die Annehmlichkeiten eines häuslichen Lebens, weiß Venkataraman, dass er sich nun auch äußerlich lösen muss. Er entledigt sich jeden Besitzes und macht sich auf den Weg zum heiligen Berg Arunachala. Später wird er diesen Berg in Anlehnung an Sri Shankara, der ihn als Berg Meru bezeichnete, das Herz der Erde und den spirituellen Mittelpunkt der Welt nennen.

AM BERG ARUNACHALA
In den Hallen und an den Schreinen des Arunacalesvara-Tempels beginnt die zweite Phase seiner Selbstverwirklichung: der vollkommene Rückzug von der äußeren Welt. Monatelang verbringt er in meditativer Versenkung, in Samadhi. Dabei nimmt er weder das Ungeziefer wahr, dass sich ihm in die Haut frisst, noch den Wechsel von Tag und Nacht. Während dieser Zeit muss ihm ein junger Swami Nahrung in den Mund legen, da er nicht darauf reagiert, wenn man etwas vor ihn stellt. Später wohnt er in verschiedenen Höhlen am Arunachala und immer mehr Menschen suchen seine stille Gegenwart. Damit beginnt allmählich die dritte Phase, die ein halbes Jahrhundert dauern soll und in der er für „alle, die zu ihm kamen, ein strahlend helles Licht“ ist. (Arthur Osborne)

Als Ramana Maharshi die Erfahrung des reinen Seins, der Identität mit dem Absoluten im Alter von 16 machte, wusste er noch nichts von den heiligen Schriften der Hinduisten. In Tiruvannamalai kommt er jedoch mit der Lehre des Advaita- Vedanta in Kontakt. Da erkennt er, dass er das Gelesene wie die alten Rishis [die Seher der Veden, Anm. d. Red.] bereits intuitiv immer schon wusste. Advaita bedeutet Nicht-Zweiheit und meint, dass nur das Absolute existiert. Es ist die einfachste und zugleich tiefste Lehre, die letzte Wahrheit jenseits der Komplexität der Kosmologie. Was wir für unser „Ich“ halten, ist nichts als ein Konstrukt unseres Egos – unterschiedliche Rollen, die wir spielen und die wir für die Wirklichkeit halten. Mit diesen Rollen erschaffen wir unsere persönliche Wirklichkeit und unser Leid. Das, was wir für Individualität halten, ist Maya, Illusion. „Das Wirkliche ist immer, was es ist. Wir müssen nur damit aufhören, das Unwirkliche für wirklich zu halten.“ Finde das „Selbst“ hinter der „Ich-Konstruktion“ und du findest Stille, Frieden, Glück. „Deine Aufgabe ist es, zu sein – und nicht dieses oder jenes zu sein.“ Um diese Bewusstseinsebene zu erreichen, empfiehlt er die Methode der Selbstergründung. „Erforsche unaufhörlich die Frage ‚Wer bin ich?’“, lehrt Ramana Maharshi. „Das wirkliche Ich oder das Selbst ist nicht der Körper noch einer der fünf Sinne, noch die Sinnesobjekte, noch die Handlungsorgane, weder Prana, noch der Geist und nicht einmal der Zustand des Tiefschlafs, in dem dies alles nicht erkannt werden kann. Wenn du alles zurückgewiesen hast, indem du dir sagst: ‚Das bin ich nicht’, ist das, was übrig bleibt, das Ich, und das ist Bewusstsein.“

BHAGAVAN SRI RAMANA MAHARSHI
Etwa zehn Jahre, nachdem er seine Familie verlassen hat, um 1907, erklärt einer der glühendsten Anhänger, Ganapati, dass Swami Venkataraman künftig als Bhagavan Sri Ramana Maharshi bekannt sein soll. Maha-Rishi bedeutet: der große Seher, der Weise. Von 1916 bis zu ihrem Tod im Jahr 1922 lebt auch Ramana Maharshis Mutter etwas oberhalb der Höhle am Arunachala, im Skanda-Ashram. Der Schrein, den der große Weise seiner Mutter nach ihrem Tod bauen lässt, bildet den Mittelpunkt des heutigen Ashram-Geländes. Dass Ramana Maharshi im Westen bekannt wurde, verdanken wir einem Engländer namens Paul Brunton (1898-1981). Der Journalist und Buchhändler, der seinem eigenen Bekenntnis nach aus einer Welt kommt, „in der die Tragödien des Lebens weit stärker empfunden werden als in dieser friedlichen Dschungeleinsamkeit“, trifft im Januar 1931 als erster Westler auf den weisen Mann. Neugierig und skeptisch zugleich betrachtet er Ramana Maharshi, wie dieser auf seinem Bett liegt, nur mit einem weißen Lendentuch bekleidet und umgeben von Jüngern. Er fragt sich, ob da einer vielleicht nur Guru spielt. Je länger er der schweigenden Vorstellung beiwohnt, um so mehr spürt er eine magnetische Anziehungskraft, die all seine Fragen, die er sich bei der Reise zu Ramana Maharshi ausgedacht hat, hinfällig werden lässt: „Es scheint jetzt keine Rolle mehr zu spielen, ob sie gestellt werden oder nicht, wie es auch keine Rolle mehr zu spielen scheint, ob ich die Probleme, die mich bisher beschäftigt haben, löse oder nicht. Ich weiß nur, dass nahe bei mir ein steter Strom der Ruhe fließt, dass ein tiefer Friede mein Innerstes erfüllt und mein von Grübeleien zermartertes Gehirn anfängt, zur Ruhe zu kommen. (…) Mit plötzlicher Klarheit erkenne ich, dass der Verstand sich seine eigenen Probleme schafft, die er dann zu lösen versucht. Für jemanden, der wie ich so hohen Wert auf den Verstand gelegt hat, ist dies eine wahrhaft überraschende Erkenntnis.“ (Paul Brunton: Von Yogis, Magiern und Fakiren).

Ramana Maharshi verlässt in den 54 Jahren, die er bis zu seinem Tod am 14. April 1950 in Tiruvannamalai lebt, den Ort niemals. Er wechselt die Tempel, die Höhlen, doch niemals mehr entfernt er sich vom Arunachala. In dem 1922 erbauten Ashram besitzt er bis zu seiner Krebserkrankung nie ein eigenes Zimmer oder eine abgeschlossene Wohnung. Die Menschen strömen in Scharen zu ihm – mit intellektuellen oder existenziellen Problemen, mit Wünschen und Hoffnungen. Jeder kann jederzeit zu ihm in die Halle kommen. Die alles durchdringende und transformierende Kraft der schweigenden Belehrung [Upadesa, Anm. d. Redaktion] ist sein Markenzeichen und er beeindruckt durch seine innere Stille, Bescheidenheit und Freundlichkeit. Mit seinen mündlichen Unterweisungen, die er in späteren Jahren einführt, beschreitet er methodisch den Weg der Erkenntnis [Jnana, Anm. d. Red.]: Allein durch Konzentration auf die Selbstergründung sei das Ego zu überwinden und das Selbst zu verwirklichen.

SEI, WAS DU BIST
Bücher hat Ramana Maharshi allerdings nie geschrieben. Es existieren jedoch zahlreiche Niederschriften seiner Schüler, erschienen als „Gespräche des Weisen vom Berge Arunachala“. Als Hauptwerk gilt indes das von seinem Bibliothekar David Godman herausgegebene Kompendium seiner Unterweisungen: „Sei, was du bist!“ Vor dieser Aufforderung des großen Weisheitslehrers zerbröseln die Wellness-Botschaften unserer heutigen Zeit – „Das gönne ich mir“, „Das bin ich mir schuldig“ – zu dem, was sie sind: Plattitüden einer Konsumwelt und Ausdruck eines unreflektierten Selbstbewusstseins. Wer hingegen den Schlüssel zum Glücklichsein sucht, dem sei die Lehre von Ramana Maharshi ans Herz gelegt. Ihr zu folgen, erfordert Übung, jahrelang. Selbstverwirklichung gibt es nicht zum Nulltarif. Allerdings weist Ramana Maharshi ausdrücklich darauf hin, dass „zwischen Arbeit und Weisheit kein Gegensatz besteht, im Gegenteil: Wer in der richtigen Weise meditiert, dessen dadurch hervorgerufener Geistesstrom wird in das Tagwerk einfließen.“ Die Dämmerung bricht in Indien schnell und unvermittelt herein. Shiva, der sich in der Form des Berges sichtbar gemacht hat, bleibt auch in der Dunkelheit zu erkennen. Sein Licht erhellt jede Finsternis. „Arunachala“, so Ramana Maharshi, „ist das Herz der Welt, ist Shiva selbst. So wie wir uns mit dem Körper identifizieren, so identifiziert sich Shiva, die Höchste Wahrheit, mit dem Berg. Es geschieht aus Liebe zu denjenigen, die ihn zu erkennen suchen, dass Shiva sich in der Form eines Berges sichtbar macht. Der Sucher findet Rat und Trost in seiner Nähe.“ ✤

Irene Nießen besuchte Tiruvannamalai 2007 und 2010. Sie arbeitet als Journalistin und Yogalehrerin in Frankfurt am Main.

Yogasequenz zum Podcast #90 Yogapraxis mit Kindern: Entdeckt gemeinsam die Zauberinsel der Tiere – mit Leila Oostendorp

kinderyoga mit leila oostendorp zauberinsel titelbild

Jeden zweiten Sonntag im Monat gibt es bei uns im YogaWorld Podcast die Praxisreihe, in der ausgewählte Yogalehrende dich durch eine Asana-, Meditations- oder Pranayama-Praxis führen. In Folge #90 hatten wir Leila Oostendorp mit einer ganz besonderen Praxis zu Gast, nämlich Kinderyoga. Die Folge ist geeignet für alle Kinder egal welcher Altersgruppe. Auch die Eltern, Geschwister oder Freunde sind herzlich eingeladen, mitzuüben und sie auf eine Reise zur „Zauberinsel der Tiere“ zu begleiten. Wir wünschen euch viel Spaß und eine tolle gemeinsame Zeit!

Dieser Artikel ersetzt natürlich nicht das Hören des Podcasts. Aber hier zeigen wir dir zur Veranschaulichung Leilas Yogasequenz in Bildern:

Dein Lieblingstier hilft beim Schneidersitz

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Der Hund

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller
© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Der Affe

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Der Löwe

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Der Esel

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Das Tigerbaby

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Partnermassage

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Models: alle Yogis und Yoginis des © Kinder Yoga Welt Institut


© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Leila Kadri Oostendorp ist die Gründerin des Kinder Yoga Welt Instituts und bietet seit 2008 gemeinsam mit ihrem Team Kindern und Teenies durch Yoga einen Ort, sich selbst zu entfalten, zu wachsen und sich sowohl körperlich als auch geistig zu entwickeln. Mit diesen Gedanken hat sie 2013 eine neue Lernmethode für den Yogaunterricht mit Kindern entwickelt und mit dem Kinder Yoga Musik Verlag KiYoMaMu veröffentlicht. Seitdem folgt Leila dem Ruf ihres Herzens, als Yoga- und Entspannungspädagogin, sowie als Ausbilderin für Kinder- und Teenies-Yogalehrer*innen einen Beitrag zu leisten, die Erde etwas friedlicher, freundlicher und schöner zu gestalten.

„Ganz wichtig für mich ist, dass die Kinder am Yoga Spaß haben und ganz spielerisch und ohne Leistungsdruck die Übungen ausführen.“

Ihre Erfahrung und ihr Wissen im Kinder-, Teenies- und Familien-Yoga teilt Leila auch als vierfache Autorin in mehrsprachigen Yogabüchern sowie seit 2012 als Leiterin einer (kostenlosen) Kinder-, Teenies- und Familien-Yoga Lehrer*innen Online Community.

Mehr zu Leila Oostendorp und ihrer Arbeit unter www.kinderyogawelt.de (KYWI), www.kinderyoga-musik.de (KiYoMaMu Verlag) und auf Instagram @kinderyogaweltinstitut

Was kann Yoga wirklich?

The Science Of Yoga

Dieser Frage geht der Journalist William J. Broad in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „The Science of Yoga“ nach, das in den USA 2012 eine heftige Kontroverse ausgelöst hat, weil es unter anderem auf die Gefahren des Yoga hinweist. Dieses Werk bringt aber vor allem auf unterhaltsame und lehrreiche Weise Ordnung in die beinah unüberschaubare Anzahl von Theorien über Yoga und seine Wirkungen. Anhand kleiner Anekdoten wird die teils graue Theorie zum leichten und lebendigen Lesevergnügen. Dabei verliert der Autor, der selbst seit Über 40 Jahren regelmäßig Yoga übt, aber nie die Forschung und deren Erkenntnisstand aus dem Blick. Er klärt fundiert über die Vor- und Nachteile auf, wobei die positiven Effekte definitiv Überwiegen. Aber ja, Yoga birgt auch Risiken in sich, die Broad neutral unter die Lupe nimmt. Warum er sich diese Arbeit gemacht hat, für die er so stark kritisiert wird? Weil Yoga „eine zu große Unternehmung ist, um Unachtsamkeit und versehentliche Fehler hinzunehmen.“

Fazit : Ein wichtiges Buch, das viel erklärt und die Augen öffnet – ein Muss für alle wissbegierigen Yogis.

„The Science of Yoga. Was es verspricht – und was es kann“ von William J. Broad (Herder, ca. 22 Euro)

Gute Beziehungen

Für gesunde Beziehungen ist ein direktes Feedback durch das Gegenüber entscheidend,
da man sich selbst meist nicht unvoreingenommen genug sieht.

Der andere muss dabei nicht unbedingt ein Mensch sein – die Götter helfen allerdings nur bedingt weiter, denn die sind entweder ohnehin perfekt und fehlerfrei oder sie antworten nicht. Außerdem taugen sie nicht als Beziehungsvorbild, weil sie unsterblich sind und daher viel zu viel Zeit haben, ihre Angelegenheiten zu klären oder sich ewig zu streiten (wie man von den griechischen und indischen Göttern weiß). Wir Menschen müssen dagagen in relativ kurzer Zeit zu einem guten Ende kommen. Auch unsere beschränkten Kräfte zwingen uns dazu, unsere Beziehungen zur Mitwelt halbwegs in Ordnung zu halten. Aus yogischer Sicht leben wir nicht nur zu unseren Mitmenschen in Beziehung, sondern zur gesamten belebten und unbelebten Natur. Deswegen muss man nicht gleich pauschal behaupten, alles hinge mit allem zusammen, aber wir können beim genauen Hinsehen die Folgen unserer Handlungen (und Unterlassungen) sowie bestimmte Wechselwirkungen beobachten. Unsere Wahrnehmung für die gesamte Mitwelt zu verfeinern, sich zu sensibilisieren und aufnahmefähig für (neue) Erkenntnisse zu werden, ist im Yoga Programm. Aus dem Mehr-Sehen und dem Sich-in-Bezug- Setzen entsteht fast zwangsläufig der Wunsch, etwas leiser aufzutreten, einfacher und behutsamer zu leben. Das Begreifen der Zerstörung unserer natürlichen Umwelt durch die menschliche Zivilisation lehrt Demut. Wer nicht altmodisch von „Demut“ oder „Behutsamkeit“ sprechen möchte, kann diese Idee auch modern „Postwachstumsökonomie“ oder „Sharing Economy“ nennen. Oder man betreibt gleich „Transformationsdesign“ statt die Dinge einfach zu ändern … In jedem Fall ist klar, dass der Mensch in ständiger und enger Beziehung zur Erde steht, egal, ob er das will und weiß.

Mitgefühl und Verantwortung
Was viele von uns offenbar vergessen haben, ist zum Beispiel die schlichte Tatsache, dass menschliches Leben zu hundert Prozent von Pflanzen abhängt. Eine Ecke weiter sieht es nicht besser aus: Unsere Beziehungen zu Tieren sind kaputt. Wir finden nach wie vor bestimmte Tiere süß und haustiertauglich, während andere Tiere mit großer Selbstverständlichkeit gegessen, gejagt oder gequält werden. Die Massentierhaltung ist sicherlich eines der größten Verbrechen, das wir Menschen täglich begehen – von einer guten Beziehung mit Tieren kann jedenfalls nicht die Rede sein. Aus Sicht des Yoga ist eine vegane Lebensweise hier der einfachste und schnellste Ausweg. Dem hilfesuchenden Einspruch, dass das doch nirgends wörtlich in den gängigen Yogaschriften steht – als ob es nur dadurch ein gutes Argument wäre – möchte ich mit der Anregung begegnen, über solch zentrale Yogabegriffe wie Ahimsa (Nichtverletzen), Maitri (Freundlichkeit) und Karuna (Mitgefühl) nachzudenken. Mitgefühl bedeutet nicht, nur manchmal etwas zu fühlen, sondern ist ein Gefühl stetiger Verbundenheit. Das verlangt Verantwortung und die Sensibilität, sich in andere Wesen hineinversetzen zu können. Wer Yoga ernst nimmt, kommt daran nicht vorbei.

Die Pointe der Beziehungsidee im Yoga ist ja gerade, gesunde Beziehungen nicht nur auf Menschen und den engsten Umkreis von Freunden und Familie zu beschränken, sondern umfassend zu verstehen. Aber wie können gesunde Beziehungen zwischen Menschen funktionieren? Wie gesagt, die Kompetenz der Götter ist in dieser Frage begrenzt. Die yogische Tradition kennt dagegen gleich zwei gegensätzliche Wege, sich in Beziehung zu setzen: den Weg des Asketen, des Einsiedlers, auf der einen und den des Haushälters und Familienvaters auf der anderen Seite.

Mitten im Leben
Traditionell wird Yoga eher mit dem keuschen Asketen in Verbindung gebracht. Interessant ist aber, dass praktisch alle wichtigen Lehrer des neuzeitlichen Yoga Familienväter waren oder sind – Rama Mohan Brahmacharya, T. Krishnamacharya, B. K. S. Iyengar, Sri Pattabhi Jois, T. K. V. Desikachar. Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass das Leben und die Beziehungen in der Familie und unter Freunden den Yogi auf seinem Weg nicht behindern. R. Sriram lehrt zum Beispiel, dass die Qualität unserer Beziehungen immer auch die Fortschritte auf dem Yogaweg zeigt. Oder umgekehrt gesagt: Unsere Beziehungen sind Prüfsteine für die Qualität der Yogapraxis. Körper- und Atemübungen sind eben nicht alles im Yoga. Dagegen müssen sich hier die oft zitierten Yamas aus den Yoga-Sutren wirklich bewähren: rücksichtsvoller Umgang mit allen Geschöpfen (Ahimsa), Freisein von Habgier (Asteya), richtige Kommunikation und Aufrichtigkeit (Satya), Mäßigung in all unseren Handlungen (Brahmacharya) sowie Genügsamkeit (Aparigraha). Diese Prinzipien meinen nicht nur das Zwischenmenschliche im kleinen Umfeld; sie haben auch eine gesellschaftliche Dimension.

Die passende Übersetzung auf diese Stufe lautet dann zum Beispiel Toleranz, Kooperation und Solidarität. Besonders beeindruckend lehrte dies der schweigende Eremit Swami Nirmalananda (1925-1997). Obwohl er abgeschieden von der Welt an der südlichen Spitze Indiens in den Bergen unter einem Schweigegelübde lebte, stand er in regem Kontakt zur Außenwelt und schrieb täglich mehrere Stunden Aufrufe zur Gewaltlosigkeit an Politiker aller möglichen Länder oder diskutierte schriftlich mit seinen Schülern. Mit den Tieren und Pflanzen um seinen Ashram herum lebte er sowieso in Frieden, wie David Life in dem Buch „Yoga der Befreiung“ beschreibt: „Swamiji hatte Ahimsa in einem solchen Ausmaß verinnerlicht, dass alle Wesen in seiner Gegenwart sanft und freundlich waren. Die Tiere des Waldes waren seine hingebungsvollen Gefährten. Jeden Tag seines Lebens bezog er reine Freude daraus, die vielen Wildvögel zu füttern, die regelmäßig seinen Ashram besuchten.“