Vastu – das indische Feng Shui

Vastu, das indische Feng-Shui, kann helfen, aus deinem Zuhause eine heilsame Zuflucht zu machen, in der die Energien harmonisch fließen.

Text: Amanda Tust, Titelbild: Mart Productions via Pexels

Bestimmt kennst du dieses befreiende Gefühl, wenn du in einen sauberen, schön geordneten Raum kommst. Die Möbel erfüllen ihren Zweck, aber es gibt auch genügend freien Platz. Vielleicht zieht ein schönes Bild oder eine üppige Pflanze deinen Blick an, während sanftes Sonnenlicht durch ein Fenster hineinströmt. Wenn sich alles einfach “richtig” anfühlt, dann entspricht dieser Raum vermutlich den Prinzipien eines alten indischen Systems für Architektur und Design: Vastu. Genauso wie die Yogapraxis Prana (Lebenskraft) in unserem Inneren, also in Körper und Geist, kultiviert, kann Vastu einen guten Energiefluss im Außen bewirken.

Dahinter stecken Richtlinien, anhand derer man in Indien seit jeher Tempel, Geschäfts- und Wohnhäuser errichtet, aber auch Möbel und dekorative Objekte entwirft und sie im Raum arrangiert – immer mit dem Ziel einer möglichst positiv schwingenden Energie. Der Grundgedanke dabei: Alle Strukturen sollten sich möglichst harmonisch in die Natur einfügen. Dazu ist es wichtig, dass man sowohl die vier Himmelsrichtungen als auch die fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) in ihrer jeweiligen Charakteristik und ihrem Zusammenspiel berücksichtigt. Die Idee, auf diese Weise Energien im Raum zu lenken und positiv zu beeinflussen, ähnelt sehr dem, was du vielleicht aus dem chinesischen Feng Shui kennst. Auch da geht es darum, Qi (universelle Energie) so zu kultivieren, dass mehr Harmonie zwischen Menschen und ihrer Umgebung entstehen kann. Manchen Schätzungen zufolge könnte Vastu als Schwester von Yoga, Ayurveda und der vedischen Astrologie Jyoti aber noch etliche Tausend Jahre älter sein als Feng Shui. Spuren davon finden sich schon in den über 3000 Jahre alten Texten der Veden. Natürlich liest man dort keine praktischen Einrichtungstipps, aber man kann die grundlegenden Prinzipien des Vastu im Kleinen wie im Großen auf die konkreten Gegebenheiten übertragen.

Die Veränderungen, die das auf energetischer Ebene bewirken kann, sind oftmals sofort und ganz deutlich spürbar. Manchmal genügt es schon, das Bett umzustellen oder auf Bio-Reiniger umzustellen, um einem Raum eine andere Qualität zu geben, um erholsamer zu schlafen oder sich ganz einfach besser in ihm zu fühlen.

Was zählt, ist die Intention: Ein Design auf der Basis von Vastu versucht immer, eine heilsame, gesunde Umgebung zu schaffen, in der du zur Ruhe kommen und auftanken kannst. Also kein schicker Showroom und keine auf die Grundfunktionen reduzierte Wohneinheit, sondern ein Zuhause, das dir hilft, inneren Frieden und Erfüllung zu finden. Einen Raum, der durch seine positive Schwingung dein eigenes Energiefeld verbessert – und dich dabei unterstützt, in Harmonie mit der Natur, deiner Umgebung und dir selbst zu leben.


Gut aufgestellt

Vastu Purusha Mandala ist das traditionelle geometrische Grundraster der Vastu-Lehre. Es besteht aus drei mal drei Quadraten, die jeweils weiter unterteilt sind, und symbolisiert samt der ihm eingeschriebenen menschlichen Figur den Kosmos. Wichtigster Bezugspunkt sind dabei die Himmelsrichtungen und die Energien der Elemente, die in diesem Raster diagonal in den Ecken angeordnet sind:

Nordost – Wasser: beruhigende Qualität, gut für die Meditation
Südwest – Erde: stabilisierend, gut zum Ausruhen und Schlafen
Südost – Feuer: der traditionelle Platz für Küche und Essplatz
Nordwest – Luft: anregend, ideal für den Austausch von Ideen
Zentrum – Äther: der heilige Raum in der Mitte, in dem alle Energien zusammenfließen

Egal wie die Dimensionen und Proportionen aussehen: Ein Vastu-Design ordnet die Räume mitsamt ihrer Einrichtung immer nach diesem Bauplan an. Indem es so die Ordnung des Kosmos nachahmt, soll Vastu einen positiven Energiefluss fördern. Man könnte es auch so formulieren: Die Geometrie wirkt wie eine Stimmgabel, die ein Gebäude auf die Schwingungen von Erde und Kosmos einstimmt, damit sich die Kräfte der Elemente möglichst gut entfalten können.


“Ein Design auf der Basis von Vastu versucht immer, eine heilsame, gesunde Umgebung zu schaffen.”

Nach Vastu-Prinzipien erbaute Häuser öffnen sich nach Norden und Osten und lassen dadurch ein sanftes Sonnenlicht herein. Durchgehende Sichtachsen erlauben es dem Licht und der kosmischen Energie, frei zu fließen. Diesen Fluss kannst du noch erhöhen, indem du dich bei den dekorativen Elementen auf einige wenige, größere Stücke beschränkst, die gut in den Raum passen und seine Weite und Offenheit erhalten.


Damit es sich möglichst harmonisch ins natürliche Energieraster der Erde einfügt, zeigen die Außenwände eines Vastu-Hauses in die vier Himmelsrichtungen. Darauf hat man oft keinen Einfluss, doch auch bei der Inneneinrichtung kann man sich noch an den Himmelsrichtungen und den Elementen ausrichten und so ihre Schwingungseinflüsse positiv nutzen. So sollte zum Beispiel dein Betthaupt nach Osten (Bewusstsein) oder Süden (Heilung) zeigen, damit du erholsam schläfst. Zum Arbeiten und Lernen richtet man sich dagegen am besten nach Nordosten aus, das schärft und klärt angeblich den Geist und fördert Konzentration und Kreativität.


© Dmitry Zvolskiy via Pexels

Im Südosten dominiert das Feuerelement – der traditionelle Platz für die Küche. Dabei zeigen Herd und Arbeitsplatten in Vastu-Häusern nach Osten, das erhöht die feurige, nähren- de Qualität noch zusätzlich. Vorsicht ist dagegen bei den Farben geboten: Leuchtendes Rot und Orange können etwas zu viel Hitze erzeugen. Besser ist ein dunkles Weinrot.


Eine minimalistische skandinavische Einrichtung wie diese ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber ganz egal, welcher Stil dir liegt: Achte beim Anordnen der Möbel auf deinen Instinkt, auf deine Atmung und deine intuitiven Reaktionen. Die meisten Menschen spüren genau, welche Einrichtung stimmig und harmonisch ist – und ihnen guttut.

Synthetische Materialien dampfen oft Giftstoffe aus. Dagegen schaffen Holzmöbel, Woll- oder Seidenteppiche und leichte Baumwoll-Stores eine harmonische Atmosphäre, Pflanzen reinigen zusätzlich die Luft. Auch Baumaterialien wie Ziegel, Backstein, Lehm oder ökologisches Linoleum helfen, dein Zuhause mit der Natur in Einklang zu bringen.


INSTANT-TIPPS

1. Die Mitte heiligen: Das geometrische Zentrum heißt im Vastu Brahmasthana (“Ganzheit herstellen”). Dort laufen alle Energielinien zusammen und wieder auseinander. Deshalb sollte diese kraftvollste Zone möglichst offen bleiben. Stelle hier keine Möbel hin, entferne Kabel und lade bewusst den Fluss von Prana (Lebensenergie) ein.

2. Eine Ruhezone schaffen: Die Nordostecke der Wohnung steht unter dem Einfluss des Wasser-Elements. Hier ist der ideale Ort für deinen Yoga- und Meditationsplatz. Vielleicht stellst du dort einen kleinen Altar mit Bildern und Gegenständen auf, die dir heilig sind. Lass außerdem möglichst viel Tageslicht herein.

3. Ausmisten: Weniger ist mehr. Zu viele Dinge binden nicht nur Energie, sie können sogar einen negativen Sog entwickeln, Stress erzeugen oder auf die Stimmung drücken. Auf freien, sauberen Oberflächen dagegen kann die positive Energie fließen.

4. Sanfte Farben: Gedeckte, erdige Töne wirken beruhigend und unterstützen die Anbindung an die Natur. Weiche, matte Oberflächen kaschieren dabei nicht nur kleine Macken und Flecken, sie verbreiten auch eine sanfte Stimmung.


Über die Autorin

Ayurveda, Selfcare, Mutterschaft, Mitgefühl – AMANDA TUST die Expertin, wenn es um ein gutes Leben geht. Ihre Lieblingspraxis? Restorative Yoga – na klar!


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