Weiße Kraftquelle – Milch aus ayurvedischer Sicht

7073

Für Yogis, die eine tierleidfreie, vegane Lebensweise anstreben, ist Milch indiskutabel. Interessanterweise wird Milch jedoch im Ayurveda als besonders wertvoll angesehen. Annette Sand hat auf dem 2. Europäischen Ayurveda-Kongress in Bad Ems herausgefunden, warum das so ist, was es dabei zu beachten gibt und wieso immer mehr Menschen mit einer Laktose-Unverträglichkeit zu kämpfen haben.

Bevor ich mich hingesetzt habe, um Ihnen über das Thema Milch im Ayurveda zu berichten, habe ich mir eine Tasse Milch eingeschenkt. Aber nicht etwa einfach kalte Milch aus dem Kühlschrank, das ist ayurvedisch gesehen ein absolutes No-Go. Wie ich sie zubereitet habe? Nach den Anweisungen eines Ayurveda-Arztes. Wie genau, verrate ich Ihnen später.

Milch als Anti-Aging-Produkt
Während ich also an meiner Milch nippe, fällt mir der Werbespruch „Die Milch macht’s“ ein, der in den 1980er Jahren aufkam und den meisten noch gut in Erinnerung sein dürfte. Die Werbemacher blieben uns aber damals konkrete Informationen über die Vorzüge von Milch schuldig. Vielleicht war der Spruch auch deshalb so erfolgreich, weil jeder für sich selbst eine positive Wirkung hineinprojizieren konnte. Aber was macht sie nun wirklich, die Milch? Und ist Milch tatsächlich so gesundheitsförderlich, wo doch immer mehr Menschen unter Laktose-Intoleranz leiden und auf eine vegane Ernährung umstellen?
Das uralte Wissen des Ayurveda kann uns Antworten auf diese Fragen geben. In den überlieferten vedischen Schriften findet sich zunächst eine Aufzählung der Milcharten, die man zu sich nehmen kann, von der Kuh- über die Schafs-, Ziegen-, Büffel-, Pferde- und Kamelmilch bis hin zur Elefantenmilch mit den entsprechenden Eigenschaften dieser Milcharten.
Als besonders wertvoll gilt die Kuhmilch. Wir im Westen wissen vielleicht gerade noch, dass Milch reich an Proteinen, Kalzium und anderen Mineralstoffen, Vitaminen und Fetten ist. Die Eigenschaften, die in den ayurvedischen Texten aufgezählt werden, sind jedoch wesentlich beeindruckender und machen sie zu einem der reichhaltigsten Nahrungsmittel überhaupt. Neben Honig und Ghee (geklärte Butter) zählt Milch nämlich zu den drei natürlichen Rasayanas. Diese drei nehmen als reine Nahrungsmittel eine Sonderstellung unter den Rasayanas ein, besonders gesundheitsfördernde und stärkende Mittel, die normalerweise aus Kräuterkombinationen bestehen. Rasayanas sagt man eine verjüngende Wirkung nach. In diesem Sinne kann man Milch auch als Anti-Aging-Produkt bezeichnen.

„Das Gesündeste, was man zu sich nehmen kann.“
Die Liste der weiteren Vorteile von Milch ist lang. Hier die wichtigsten: Sie vitalisiert und gibt Energie, indem sie Prana, den Lebensatem bzw. die Lebensenergie, fördert. Ferner gilt Milch als entgiftend, appetit- und verdauungsanregend sowie regenerierend bei einem überstrapazierten Nervensystem. Sie ist erfrischend und nahrhaft. Sie fördert die Intelligenz, beugt Senilität vor und ist äußerst nützlich für die mentale Stabilität des Menschen. Milch beruhigt und ist von sattvischer Natur (Sattva bedeutet Reinheit). Sie ist gesund für alle Lebewesen. Auch bei Erkrankungen kann Milch laut ayurvedischer Überlieferung eingesetzt werden. Sie wird vor allem bei Fieber und Husten empfohlen, sowie bei Unterernährung, Erschöpfung, Vergiftungen, Koliken und Herzbeschwerden.
Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda hatte ich die Gelegenheit, einen Vortrag über Milch von Dr. Kalyan Chakravarthy zu hören und ihn persönlich zu befragen. Er stammt aus einer angesehenen indischen Familie von Vaidyas (Ayurveda-Ärzten) und ist seit einigen Jahren an der Maharishi Ayurveda-Privatklinik in Bad Ems tätig. Er nannte Milch „das Gesündeste, was man zu sich nehmen kann“. Er erklärte, dass Milch aus ayurvedischer Sicht für alle drei Doshas (Vata, Pitta und Kapha) förderlich ist, aber besonders ausgleichend auf Vata und Pitta wirkt.

Intoleranz gegen verarbeitete Milch
Die Frage stellt sich nun, warum heutzutage so viele Menschen ein solch wertvolles Nahrungsmittel nicht vertragen. Hierzu nennt Dr. Chakravarthy als einen wesentlichen Grund die Verdauungsschwäche, an der durch unsere moderne Lebens- und Ernährungsweise immer mehr Menschen leiden. Er ist der Meinung, es sei besser, die Verdauung zu stärken, als völlig auf Milch und Milchprodukte zu verzichten. Darüber hinaus hält er die Milch, die wir heute im Supermarkt kaufen, bei weitem nicht mehr für so wertvoll wie jene, die in den alten Texten gemeint ist. Warum dem so ist? Zum einen, weil die Kühe, anstatt sich von saftigen, gesunden Wiesenkräutern zu ernähren, Futtermittel mit allerlei künstlichen Zusätzen, wie z.B. Steroiden, verabreicht bekommen. Und zum anderen, weil die Milch verschiedener Kühe heutzutage einfach gemischt und industriell verarbeitet wird. Die Homogenisierung der Milch ist aus ayurvedischer Sicht kein Segen, da sie dadurch nur schwerer verdaut werden kann. Die Milch sollte so naturbelassen wie möglich sein, am besten von einer einzigen Kuh frisch vom Bauernhof. Die meisten Menschen können das heute nicht realisieren, darum wird dazu geraten, sich nicht homogenisierte Frischmilch in Bioqualität zu besorgen. Im Supermarkt ist Frischmilch, von den meisten Verbrauchern unbemerkt, fast völlig von der sogenannten ESL-Milch (ESL steht für extended shelf life = länger im Ladenregal haltbar) abgelöst worden, die besonders lange haltbar ist und die nicht ganz so hoch erhitzt wird wie H-Milch. Der Vitalstoffverlust ist jedoch ähnlich hoch. Im Bioladen kann man noch zwischen Frischmilch, ESL-Milch und H-Milch wählen. ESL-Milch wird nicht als solche deklariert, man kann sie nur an der längeren Haltbarkeit erkennen.

Die Kombination ist entscheidend
Ayurveda-Experten haben noch weitere Tipps zum Milchverzehr parat. Da Milch so nahrhaft ist, sollte man sie nie zu den Mahlzeiten trinken. Milch ist geeignet als Zwischenmahlzeit oder als Mahlzeitersatz. Auch was man mit der Milch kombiniert, spielt eine Rolle. Es wird empfohlen, Milch nie zusammen mit Salz, Fisch und Fleisch zu trinken. Außerdem sollte man sie nie kalt trinken, sondern immer zumindest anwärmen. Noch leichter verdaulich wird sie, wenn sie abgekocht wird und ganz besonders leicht, wenn man sie drei- bis viermal aufkochen lässt. Bei Unverträglichkeit gibt Dr. Chakravarthy den Rat, die Milch mit Wasser zu verdünnen. Man kann mit viel Wasser und wenig Milch anfangen und die Milchmenge langsam steigern. So gewöhnt sich das Verdauungssystem langsam wieder an die Milch. Auch wer nicht an Laktose-Intoleranz leidet, jedoch eine empfindliche Verdauung hat, sollte die Milch mit etwas Wasser verdünnen. Noch besser vertragen wird Milch, wenn man Gewürze zugibt. Diese können auch den Mangel an frischen Wiesenkräutern im Futter ein wenig ausgleichen. Am besten kocht man die Milch gleich mit den Gewürzen zusammen. Geeignet dafür sind beispielsweise Zimt, Ingwer, Kardamom, Gelbwurz (Kurkuma) und Muskat. Wenn man Milch getrunken hat, soll man erst dann wieder etwas essen, wenn sich ein echtes Hungergefühl einstellt.
Die falsche Kombination von Lebensmitteln, die moderne Art der Ernährung mit unregelmäßigen Essenszeiten und hastig eingenommenen Zwischenmahlzeiten tragen dazu bei, dass die Verdauung geschwächt wird und viele Menschen Schwierigkeiten haben, Milch und Milchprodukte zu verdauen. Aus ayurvedischer Sicht ist übrigens verarbeitete Milch (als Käse, Quark u.ä.) noch schwerer verdaulich. Die einzige Art und Weise, wie man Joghurt zu sich nehmen soll, ist Lassi, also Joghurt mit Wasser und püriertem Obst.

Rezept für ayurvedisch -zubereitete Milch
Im Ayurveda sieht man nicht nur den reinen Nährwert von Nahrungsmitteln, sondern darüber hinaus auch die „Intelligenz“, die Information, die dadurch in die Körperzellen gelangt und so den Körper aufbaut. Diese Information ist bei Milch besonders wertvoll, deshalb legen Ayurveda-Ärzte so großen Wert darauf, den Körper selbst bei Unverträglichkeitserscheinungen wieder nach und nach an Milch zu gewöhnen. Wir können von der Jahrtausende alten Erfahrung mit Ernährung und Gesunderhaltung des Körpers im Ayurveda profitieren und wieder lernen, auf unseren Körper zu achten und uns natürlich und gesund zu ernähren. Ach ja: Ich wollte Ihnen ja noch verraten, wie ich meine Milch zubereitet habe – hier also mein Rezept: 1/3 Wasser und 2/3 Milch mit je einer Prise Gelbwurz und Zimt und ½ Teelöffel gemahlenem Kardamom aufkochen. Wenn Sie mögen, geben Sie noch einen Schuss Rosenwasser hinzu (köstlich!). Nach Belieben mit Rohrohrzucker süßen oder auf Körpertemperatur abkühlen lassen und erst dann etwas Honig unterrühren. Honig sollte nämlich nie über 40 Grad C erhitzt werden. Das ist nicht nur schlecht für die wertvollen Inhaltsstoffe, sondern es entstehen beim starken Erhitzen sogar Giftstoffe. Genießen Sie Ihre Milch-Mahlzeit!

 

Dieser Artikel erschien in der Printausgabe YOGA JOURNAL  05/2011

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here