“Yoga schafft Realität”

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Im alternativen New York der 80er Jahre kombinierten Sharon Gannon und David Life die Energie von Musik, Tanz und traditionellem Yoga zu einer Methode, die bis heute vor allem in urbanen Szene-Vierteln begeistert praktiziert wird. Ihr Jivamukti Yoga ist kraftvoll, kreativ, politisch – und absichtlich hip. “Yoga kann nicht angesagt genug sein”, sagen die ehemaligen Performance Künstler im YOGA JOURNAL -Interview anlässlich des Jivamukti Tribe Gatherings in München.

Interview: Christina Raftery  Foto: Gion

 

YOGA JOURNAL: Sharon und David, anlässlich eures Besuchs in Berlin, Hamburg und München haben euch viele Menschen erlebt, die nicht viel mit Yoga zu tun haben, aber definitiv schon von Jivamukti Yoga und seinen prominenten Schülern gehört haben. Wie nutzt ihr diese Popularität?

Sharon Gannon: Popularität treibt seltsame Blüten. Als wir im November in Kolumbien waren, wurden wir von der Presse als “Los Gurúes de Yoga y Sexo Tántrico de Sting” angekündigt. Da waren wir durchaus etwas verlegen….

David Life: Nicht nur die Menschen, die Yoga üben, sollten von Yoga wissen. Unsere Gesellschaft befindet sich an einem sozialen und ökologischen Wendepunkt, der uns vor bestimmte Aufgaben stellt. Yoga gibt unseren Vorschlägen für ein Leben in Harmonie mit dem Planeten Integrität. Seine Popularität nutzen wir, um sie zu verbreiten und ein Netzwerk von Interessierten aufzubauen.

 

YJ: Der Beginn einer Yoga-Praxis bedeutet oft einen Wendepunkt im Leben. Über körperliche Übungen finden wir Verbindung zu allem Lebenden, denken und handeln aus neuen Perspektiven. Wir denken wieder über “Spiritualität” nach, die wir im Westen vielleicht auch in einer christlichen Erziehung erlebt haben. Ist Yoga ein Ersatz für Religion?

David Life: Das Sehnsucht nach etwas Größerem ist in uns, ebenso das Bedürfnis, uns unter spirituellen, sozialen oder politischen Vorzeichen zu versammeln. Warum gehen die Menschen in die Kirche? Es ist mehr als das offensichtliche Ritual des Gebets. Wir suchen Gemeinschaft. Yoga bietet dies ebenfalls an, mit einem wichtigen Unterschied: Hier wird jede Form des Glaubens akzeptiert.

 

YJ: Vom Christentum zum Yoga: Welche Art von Übergang kann hier stattfinden?

Sharon Gannon: Yoga bedeutet Verbindung. Ich bin mit dem Katholizismus aufgewachsen. Eine große Rolle spielt hier die Furcht vor Gott, die im Leben auf Autoritätsfiguren projiziert wird. Als Kind lernt man die zehn Gebote auswendig, entwickelt ein Schuldgefühl und geht zur Beichte. Ich erinnere mich, wie ich mir vor der Beichte den Kopf zerbrochen habe, welche Sünden ich wohl begangen haben könnte und fragte meine Geschwister, ob ihnen etwas einfiele…

Als ich Patanjalis Yoga Sutren entdeckte, las ich erneut “Du sollst nicht töten, lügen, stehlen”. Die Yoga Philosophie macht die gleichen Vorschläge wie das Alte Testament. Patanjali formuliert jedoch optimistischer: Die Yoga Sutren beschreiben die positiven Wirkungen des Nicht-Verletzens. Das fand ich aufregend!

David Life: Dieser Ansatz gibt uns etwas, womit wir arbeiten können, anstatt in Schuldgefühlen zu verharren, die aus vergangenen Taten resultieren. Yoga betont die Gegenwart, die Realität: Was können wir JETZT tun? Wir können unsere Realität selbst schaffen. Dieses Versprechen gibt uns Yoga – aber nicht als Konzept, das wir glauben können oder nicht, sondern durch direkte Erfahrung. Du fühlst dein Leben JETZT, hier, direkt auf der Matte, in der Meditation.

Sharon Gannon: Ich habe das Gefühl, dass auch Religionen wie das Christentum einmal umfassender funktioniert haben. In der katholischen Messe knien wir, stehen wieder auf, beugen uns zur Erde, richten uns zum Himmel: Ein Sonnengebet!

 

YJ: Im Neuen Testament steht: “Liebe deinen Nächsten wie dich Selbst”. Gesprochen von jemandem, der mitten im Leben stand.

Sharon Gannon: Natürlich. Jesus war ein Yogi. Er sah sich als Eins mit Allem und hat es beispielshaft gelebt.

 

YJ: Über die Brücke des Yoga verändern wir den Blick auf unsere Erziehung, unsere Wurzeln, unsere Familien. Wir können mit vielem Frieden schließen.

Sharon Gannon: Wir werten nicht mehr so stark und kommen von der “Ich und die Anderen”-Trennung ab. Yoga reicht unermesslich weit und ermöglicht uns, mehr von der Welt in unsere eigene Realität zu integrieren, ohne auf die Erlösung im Jenseits zu warten. Ein unglaublich praktisches Konzept!

David Life: Yoga ist keine Religion, sondern anarchistisch. Es gibt keine Hierarchie, keinen “Yoga-Papst”. Viele offizielle Religionen sind nicht pro-Yoga. Warum? Weil die Kraft des Individuums gefördert wird. Yoga braucht kein abhängiges Gefolge. In unserem Unterricht versuchen wir, eine intelligente, reflektierte Atmosphäre zu schaffen. Informieren statt einlullen.

Sharon Gannon: Wenn sich Organisationen bedroht fühlen, ergreifen sie eine bestimmte Maßnahme: Sie drehen die Dinge um. Jesus sagte “Mein Vater und ich sind Eins.” Das ist Yoga, Samadhi. In seiner Sprache, dem Aramäischen, nutzte er den Namen “Alaha”. Das heißt “Alles, was ist, alles Manifestierte. Er sagte: “Ich bin eins, mit allem, was ist.” Allerdings steht in der Bibel an keiner Stelle, dass er als Einziger Anspruch auf diese Einheit hat. Weil seine Worte die Verhältnisse bedrohten, wurden seine Worte jedoch so interpretiert. Damit hat man ihn ins System zurückintegriert, aber unerreichbar entrückt.

 

YJ: Körperliche Übung und Bewusstsein – wie stehen sie im Yoga im Zusammenhang?

S: Das sind keine getrennten Einheiten. Der Körper ist ein Produkt unseres Karmas. “Karma” umfasst unsere Beziehungen zu anderen, die sich im Körper manifestieren. Durch die Yoga-Praxis heilen wir unsere Beziehungen. Wenn wir uns nicht um sie kümmern, verfolgen sie uns und wir sind völlig von ihnen und unserer vermeintlichen “Persönlichkeit” besessen. Aber wir sind viel mehr als das: Eine “Jiva Mukta” (befreite Seele) befindet sich in Einheit mit allem, was ist.

 

YJ: Muss man hierzu unbedingt Asanas üben?

David Life: Es gibt andere effektive Methoden, die einfacher sind als Yoga-Übungen und die Menschen im umfassendsten Sinn gesünder machen. Eine der wichtigsten ist eine vegetarische, besser vegane Ernährung. Dabei ist wichtig zu sehen, dass Yoga nicht von “Sünden” spricht, sondern von hilfreichem und weniger hilfreichem Verhalten. Damit ist weniger Verurteilung und Selbstgerechtigkeit möglich.

Sharon: Wir leben in einer skeptischen, zynischen, von Zweifeln geschüttelten Welt. Wenn wir diesen Haltungen verfallen, entfernen wir uns von unserer inneren Kraft, unsere eigene Realität zu gestalten. Es ist so normal, sich als Opfer zu fühlen und andere verantwortlich zu machen. Je mehr wir uns jedoch mit Yoga beschäftigen, desto unmöglicher wird uns diese Haltung. Dann wird es richtig spannend.

 

YJ: In München fand anlässlich eures Besuchs das erste “Jivamukti Tribe Gathering” statt, ein “Stammestreffen” mit Lehrern und Schülern. Welche Rolle spielt die Gemeinschaft im (Jivamukti) Yoga?

S: Wenn wir uns um uns selbst kümmern, schaffen wir Methoden, die Welt zu verändern. Eine Gemeinschaft, in der jeder auf seine individuelle Weise zum Wohle des Anderen arbeitet, ist das wichtigste Mittel, um die Krisen auf unserem Planeten zu lösen.

D: Dabei sollten wir nicht in die Falle der etablierten Religionen geraten und uns nicht “besser” als Andere fühlen: “Wir haben es kapiert, ihr nicht…” Yoga kann nicht missioniert werden, sondern findet uns, wenn wir motiviert sind.

 

YJ: Was ist dabei wichtiger – der Intellekt oder Gefühle? Müssen wir insgesamt liebevoller werden?

S: Liebe ist die Basis, aber nicht so, wie wir sie meistens verstehen. Wir lieben unsere Familie, Freunde und Haustiere. Was aber ist mit dem Unbekannten, dem Fremden? Anderen Wesen?

David: Liebe ist mehr als das Gegenteil von Hass, umfassender. Jivamukti Yoga erforscht Yoga auch als tantrische Übung. “Tan” bedeutet im Sanskrit “ausdehnen”, “tra”, es wirklich zu tun. Durch unsere Methode wollen wir allen Dingen ein Gesicht geben und eine Beziehung zu ihnen finden. Dann besteht die Welt aus lebenden, nicht ausbeutbaren Wesen. Wenn das Fleisch auf dem Teller ein Gesicht hat, wird es schwieriger, es zu essen.