Yoga statt Ritalin? Interview mit Sibylle Schöppel

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Ein 10- bis 12-Stunden-Tag ist selbst für die Kleinsten in unserer Gesellschaft heute keine Seltenheit mehr. Kann man mit Yoga an Kitas und Schulen die Kids dabei unterstützen, Entspannung zu lernen? Das YOGA JOURNAL hat vier Experten zu dem Thema befragt. Nachdem wir schon mit dem Ehepaar Seemann und Leila Oostendorp gesprochen haben, erfahren Sie heute, was Sibylle Schöppel zu sagen hat.

Der Spaß steht im Vordergrund

YJ: Frau Schöppel, Sie sind Kinderyoga-Expertin und bilden auch Kinderyogalehrer aus. Was ist der große Unterschied zum Erwachsenenyoga?
Erwachsene entscheiden sich überwiegend selbst für Yoga, während Kinder meist in die Kurse geschickt werden; vor allem um Beweglichkeit und Konzentrationsfähigkeit, aber auch um ihre Lernfähigkeit zu verbessern. In der Arbeit mit Kindern bietet Yoga neue Entfaltungs- und Entwicklungschancen. Im Kind ist alles angelegt, was spielerisch durch Körper-, Konzentrations- und Atemtechniken gefördert werden kann. Die Zugangsweise, mit dem Körper, den Sinnen und der Fantasie zu lernen und Neues zu erfahren, hilft den Kindern, sich selbst und andere zu akzeptieren und wertzuschätzen. Sie bekommen fantasievolle Anregungen zu den Yogahaltungen, die alleine schon durch ihre Namen zur Nachahmung einladen. Durch die Übungen und deren kreative Namen wird das Bedürfnis der Kinder nach Bewegung und Spiel erfüllt. Sich selbst in Bewegung zu erfahren ist insbesondere für Kinder wichtig, was auf die spezifische Phase der Hirnentwicklung im Kindesalter zurückzuführen ist.
Was das eigene Üben betrifft, haben Kinder aus sich heraus eine hohe Motivation zum selbständigen Ausprobieren.

YJ: Ab welchem Alter können Kinder mit Yoga beginnen?
Man kann gar nicht früh genug damit beginnen, gelenkig zu werden und zu bleiben. Meiner Meinung nach sollte man Yoga in allen Altersstufen praktizieren. Denn eine Versteifung, die immer pathologisch ausartet, stört massiv den für unsere Gesundheit so bedeutsamen Fluss des Chi, der Lebensenergie unseres Körpers. Als Folge davon entstehen entsprechende Krankheitsbilder. Ich bin davon überzeugt, dass Yoga für Kinder sehr vorteilhaft ist, da gelenkige Kinder mehr Freude an Sport und Bewegung haben und somit insgesamt gesünder sind. Sportlichkeit in der Kindheit erhöht die Wahrscheinlichkeit, auch als Erwachsener mehr Wert auf gesunde Bewegung zu legen. Das würde als logische Konsequenz auch das Gesundheitssystem entlasten und die Gesundheit unserer Gesellschaft verbessern.

YJ: Ist es sinnvoll, Yoga für Kinder an Institutionen wie Krippen und Kindergärten anzubieten?
Auf jeden Fall, denn ein an die jeweilige Altersstufe angepasstes, spielerisch phantasievolles Yoga ist sehr vorteilhaft für die kindliche Entwicklung. Naturgemäß ist Spaß beim Kinderyoga die beste Motivation für die Kleinen. Das bringt den Zappelphilipp zur Ruhe, das Aggressionspotential sinkt. Auch die Aufmerksamkeit und die Konzentrationsfähigkeit werden durch professionelles Kinderyoga erfolgreich trainiert. Das bezeugen die positiven Rückmeldungen von Schul- und Kindergarten-Pädagogen. Sie berichten über ein sozialeres Verhalten und mehr Gemeinschaftssinn. Die Kinder sind aufmerksamer, konzentrierter und ausgeglichener. Bedauerlicherweise führen Budgetzwänge in Kindergärten und Schulen häufig zu Stunden- und Personalkürzungen, wodurch noch weniger Zeit für Bewegung und Kreativität bleibt. Langes Sitzen und zumeist ungesunde Ernährung verursachen bei den Kindern gravierende Defizite wie Übergewicht, Haltungsschäden, Konzentrationsmängel und sogar das Fehlen grundlegender körperlicher Fähigkeiten: Sie können nicht auf einem Bein hüpfen, rückwärts laufen, oder einen Ball fangen, was sich zweifellos auch auf die gesamte Leistungsfähigkeit auswirkt. Doch gerade bei Kindern würde ein Wechsel zwischen geistiger Wissensaufnahme und aktivierenden Bewegungselementen die Lernleistung massiv steigern.

YJ: Was sind Ihrer Meinung nach die klaren Vorteile von Yoga für Kinder?
Yoga arbeitet besonders intensiv mit Gegensätzen wie Anspannung und Entspannung, Aktivität und Passivität, Einatmen und Ausatmen. So eignen sich bestimmte Asanas speziell dafür, zur Ruhe zu kommen, sich zu entspannen, seine innere Kraft zu spüren und aufzutanken. Andere bildhaft benannte Haltungen wiederum helfen dabei, selbstbewusster nach außen zu gehen, sich zu präsentieren, kräftig und stabil wie ein „Berg“ zu stehen oder zielstrebig wie ein „Adler“ (Anm.d.Red.: Im Erwachsenenyoga der „Krieger“) zu werden. Zusammenfassend würde ich sagen, Yoga ist ein ganzheitlicher Weg, immer gesünder zu werden. Besonders bei Kindern kann man auch eine deutliche Verbesserung des sozialen Verhaltens und mehr Gemeinschaftssinn beobachten.

YJ: Gibt es auch Kinder, für die Yoga nicht geeignet ist?
Grundsätzlich ist Yoga für jedes Kind geeignet. Im Übrigen gilt natürlich der allgemeine Grundsatz, dass im Falle von Krankheiten zuvor ärztlicher Rat eingeholt werden sollte.

YJ: Eine kritische Frage: Wird Yoga an Institutionen zum Teil auch eingesetzt, um die Kinder wieder zum „Funktionieren“ zu bringen und sie fit zu machen für unser leistungsorientiertes System?
Computer und Maschinen sollen funktionieren, Kinder jedoch sollten in ihrer Entwicklung gefördert werden. Richtiges Yoga macht sie gesünder, glücklicher und erfolgreicher. Das wirkt sich sehr positiv auf ihre Gesamtentwicklung aus und leistet darüber hinaus auch einen wertvollen Beitrag für die Zukunft unserer Gesellschaft.

YJ: Kann Yoga wirklich dazu beitragen, die ständige Reizüberflutung, der Kinder und Jugendliche heute ausgesetzt sind, auszugleichen und ihr etwas Positives entgegenzusetzen?
Definitiv, ja. Yoga wirkt bei Kindern wie auch Erwachsenen entstressend, fördert innere Ruhe sowie Gelassenheit, und das wiederum hat einen sehr positiven Effekt auf unser gesamtes Wohlbefinden. Ich zeige Kindern und Jugendlichen eine Möglichkeit, wie sie ihr aufgestautes Aggressionspotenzial und andere unkontrollierte Emotionen sinnvoll kanalisieren können. Sie erleben unmittelbar, wie angenehm es ist, sich selbst zu spüren und durch die ausgeklügelte Übungsabfolge den gesamten Körper zu kräftigen und zu dehnen. Dadurch finden Kinder und Teenager zu innerem Frieden und mehr Selbstbewusstsein. Sie lernen das spezielle Bewegungsprogramm in bestimmten Lebenssituation gezielt einzusetzen, vor Prüfungen, zu Verbesserung des Schlafes, zur Steigerung der Fitness oder zur Entspannung nach längeren anstrengenden Arbeiten. Sinnvolle Verbesserungen an der eigenen Lebenseinstellung verhelfen beispielsweise Teenagern in dieser stark prägenden Orientierungs- und Selbstfindungsphase, den Weg zu charakterfesten und erfolgreichen Persönlichkeiten einzuschlagen.

YJ: Wie ist die Tendenz momentan: Haben Ausbildungsstätten von sich aus ein gesteigertes Interesse an Yoga für ihre Schüler oder muss man als Yogalehrer eher „Klinken putzen“ gehen, um den Betreuern und Lehrern die Vorteile schmackhaft zu machen?
Ich biete seit über 15 Jahren Yoga für Kinder aller Altersstufen an: Schnupperstunden, regelmäßige Einheiten, Schulprojekte für Kinder, Lehrer und Eltern und vieles mehr. Vor 15 Jahren musste ich in puncto Kinderyoga noch intensiv Aufklärungsarbeit leisten. Mittlerweile ist es in aller Munde und hat sich erfreulicherweise zu einem sinnvollen Trend entwickelt. Während meiner jahrelangen Praxis habe ich Methoden, Techniken und didaktische Materialen entwickelt, um bei den Kindern Spaß, Freude, Interesse und somit auch den Lernerfolg zu steigern. So sind beispielsweise ein buntes Yoga-Kartenset mit über 30 Positionen und ein neues Kinderyoga-Buch für die Praxis mit Yogageschichten, Reimen und Sprüchen entstanden. Mit solchen Mitteln lässt sich jede Yogastunde lustig, interessant und ansprechend gestalten. Die aus diesen Projekten resultierenden Erfolge begeistern wiederum die Pädagogen. So ist es nicht mühevoll, sondern sehr schön, in Schulen und Kindergärten zu arbeiten. Entsprechende Mundpropaganda nach begeisternden Projekten unterstützt nachfolgende Unternehmungen.

YJ: Wie sehen denn Vorbereitung und Umsetzung von Schulprojekten konkret aus?
Wenn ich mit meinem speziell ausgebildeten Team engagiert werde, kommen wir zuerst an die Schule, um das geplante Projekt mit Schulleitung und Lehrern auf deren Bedürfnisse abzustimmen. Je nach Fokus der jeweiligen Bildungseinrichtung werden verschiedene Themen und Ziele festgelegt. Sobald diese mit den Verantwortlichen abgestimmt sind, suchen wir gemeinsame Termine, und jede Klasse erhält 5- 8 Einheiten pro Semester. Zum Abschluss des Halbjahres organisieren wir auf Wunsch auch gerne ein Yogafest, einen Yoga-Stationenlauf oder eine Eltern-Kind-Yogaeinheit, wo die Kinder ihren Eltern ganz stolz zeigen, was sie gelernt haben.

YJ: Sie haben den ersten Kinderyoga-Kongress in Österreich initiiert und nahmen kürzlich als Referentin am Kinderyoga-Kongress von Yoga Vidya teil. Bringen solche Veranstaltungen das Thema voran?
Ja, zum einen sind Veranstaltungen wie der Kinderyoga-Kongress eine hervorragende Möglichkeit für alle, die sich für Kindergesundheit interessieren und einmal in das Thema hineinschnuppern wollen. Zum anderen können Fortgeschrittene bis hin zu Yogaprofis aus dem reichhaltigen Angebot in Vorträgen neue Ideen für ihre eigenen Kinderyogastunden mitnehmen und bereichernde Fortbildungsmöglichkeiten erkunden. Der Yoga Vidya Kongress ermöglicht es Yogalehrern Jahr für Jahr, sich unter Gleichgesinnten auszutauschen, neue Kontakte und Freundschaften zu knüpfen sowie potentielle Partner für künftige Kooperationen zu finden.

YJ: Gibt es auch Teilnehmer von staatlichen Institutionen oder Ministerien bei solchen Kongressen?
Ja, immer öfter. In Bad Meinberg sind, soweit ich weiß, vom Bürgermeister bis zum indischen Botschafter regelmäßig viele offizielle Vertreter dabei. Bei dem von mir initiierten Kinderyogakongress in Österreich hat uns zu meiner Freude der für Jugend und Familie verantwortliche Stadtrat mit seiner Anwesenheit beehrt und die Eröffnungsrede gehalten.


Sibylle Schöppel bietet Kinderyogalehrer-Ausbildungen und
-fortbildungen im deutschsprachigen Raum an. Sie ist Herausgeberin des Sammelwerks „Kinderyoga nach Sibylle Schöppel“ und entwickelt didaktisches Kinderyoga-Lernmaterial. www.kinderyogaexpertin.at 


Illustration: Melanie Beutel

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